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Veröffentlicht am 05.04.2026

Katerstimmung

Die Dinner Party
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Für ihren Verlobten Andrew und seine Geschäftspartner soll Franca eine Dinnerparty veranstalten. Das heißt: Vor allem besteht ihre Aufgabe darin, das es Dinner für die Party zuzubereiten. Obwohl Andrew ...

Für ihren Verlobten Andrew und seine Geschäftspartner soll Franca eine Dinnerparty veranstalten. Das heißt: Vor allem besteht ihre Aufgabe darin, das es Dinner für die Party zuzubereiten. Obwohl Andrew mehr als reich genug ist, um Catering in Anspruch zu nehmen, soll sie den ganzen Abend in der Küche stehen, Hasenfleisch kochen und einen Kuchen backen. Weil das eben besser kommt, wenn Mann mit der eigenen Frau und ihren "Hausfrauenfähigkeiten" angeben kann. Auch wenn eben diese Frau eigentlich gar nicht so hausfraulich ist und zwischen Küche, Esszimmer und Weinflasche langsam den Verstand verliert.

"Die Dinnerparty" ist ein Buch, das mich auf mehreren Ebenen überrascht hat.

Angefangen beim Aufbau des Texts, der als eine Art Briefroman geschrieben ist, aus der Perspektive Francas, viele Monate nach den Geschehnissen auf der Dinnerparty. Es wird nicht nur die Geschichte dieses einen Abends erzählt. Nach und nach entfaltet sich Francas komplette Biographie. Man springt zwischen dem einen, alles ändernden Abend, Francas Studium, Francas Kindheit, die geprägt ist vom frühen Tod des Vaters, und dem Danach. Lange wird offen gelassen, was genau jetzt eigentlich während der Dinnerparty erzählt wird.

Außerdem habe ich nicht damit gerechnet, es hier mit einer unzuverlässigen Erzählerin zu tun zu bekommen. Es wird schnell klar, dass Francas Darstellungen nicht 100% der Realität entsprechen. Dabei wendet die Autorin ein paar literarische Kniffe und Fallstricke an, über die ich auch als erfahrene Leserin nichts ahnend gestolpert bin. Generell ist in diesem Buch wenig so wie es scheint.

Am meisten überrascht haben mich jedoch, die vielen schweren Themen, die in dieser Geschichte angesprochen werden. Trauer, Missbrauch, Vernachlässigung, Sucht und andere psychische Erkrankungen. Nebenbei geht es auch noch um gesellschaftliche Diskursen, z.B. die Repräsentation von Minderheiten in der Literatur, oder generelle Klassenunterschiede und die damit einhergehenden Chancenungleichheiten.

Das ist ganz schön viel auf einmal und hat mich beim Lesen sehr herausgefordert.
Generell ist "Die Dinnerparty" ein sehr komplexer, vielschichtiger, klug ausgearbeiteter Text. Es hat ein bisschen gedauert, bis ich ihn für mich einordenen konnte. Ich will nicht behaupten, dass die Geschichte ihre zahlreichen Themen nicht tragen kann. Im Gegenteil. In gewisser Weise hat es mich fasziniert, wie die Autorin das alles in ihren Text verwoben hat. Allerdings hat das auch dafür gesorgt, dass mich das Buch auf die ein oder andere Weise erschlagen hat. Im Laufe der Handlung tun sich ständig neue und immer tiefere Abgründe auf. Insbesondere die Stellen, die vom Tod von Francas Vater und von ihrem Alkoholismus erzählen, sind nicht leicht zu verdauen.
Und noch ein Glas. Und noch ein Glas. Und noch ein Glas.

Der Text beinhaltet einige schöne Stellen, insbesondere im Bezug auf die Gespräche zwischen Franca und ihrer Therapeutin, die mich zum Nachdenken angeregt haben. Er ist intelligent und handwerklich wirklich gut konzipiert. Es fällt mir jedoch schwer den Finger darauf zu legen, was nun die Kernaussage gewesen ist. Am Ende überwiegt für mich jedoch das Bauchgefühl, dass dieses Kaleidoskop aus Traumata (obwohl das Buch an sich gut ist) nicht vollends funktioniert.

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Veröffentlicht am 23.03.2026

Kuhwerdung

Melken
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Nach einer schmerzhaften Trennung, setzt sich Ellen ins Auto und verlässt die Stadt. Sie fährt zu dem Bauernhof, auf dem sie geboren und aufgewachsen ist, und der heute längst von einer anderen Familie ...

Nach einer schmerzhaften Trennung, setzt sich Ellen ins Auto und verlässt die Stadt. Sie fährt zu dem Bauernhof, auf dem sie geboren und aufgewachsen ist, und der heute längst von einer anderen Familie bewohnt wird. Die Familie ist verreist. So wird die Protagonistin zu irgendetwas zwischen ungebetenem Gast und Einbrecherin. Sie verbringt heimlich mehrere Tage in einem Leben, das früher einmal ihr eigenes war. Erinnerungen drängen an die Oberfläche. Ellen trifft auf ihren Kindheitsfreund Max und setzt sich mit Vergangenheit und Gegenwart auseinander.

"Melken" ist ein sehr schmaler, dichter, überraschend politischer Roman, der das hyperrealistische Portrait eines milchwirtschaftlichen Betriebs zeichnet. Schon in der Vergangenheit wirkt der Hof wie aus der Zeit gefallen. Und die Zeit ist es auch, die abläuft. Schnell wird klargestellt, diese Form zu leben, ist nicht rentabel.

Die Autorin legt in ihrem Buch einen großen Fokus auf die literarische Aufarbeitung von Missständen in der Landwirtschaft und insbesondere im Bezug auf die Nutztierhaltung von Kühen. Dass das Buch in Schweden spielt, merkt man dabei kaum. Man kann sich das 1 zu 1 in einem deutschen Kontext vorstellen. Thematisch ist der Text ganz weit weg von irgendwelchen Bullerbü-Fantasien. Die Autorin romantisiert nicht, poetisiert aber die hässlichen Seiten des Landlebens. Sie richtet das Scheinwerferlicht auf Blattläuse und Kuhfladen. Sie drückt eklige Dinge so aus, dass es halbwegs schön klingt. Sie lässt ihre Protagonistin ganz nah heranrücken an die Existenz einer Kuh, lässt sie stellenweise trotz der Schamhaftigkeit, die eben diese hässlichen, dreckigen Seiten der Landwirtschaft mit sich bringen, beinahe Eins werden mit der Kuh und der verknüpften Erinnerung an eine scheinbar unbeschwerte Kindheit.

Auf Handlungsebene spielt sich recht wenig ab: Ellen geht zum See, schläft im Kinderbett, klaut Babygläschen aus dem fremden Kühlschrank. Es wird viel verhandelt, ohne dass wirklich etwas passiert. So bleibt am Ende auch recht wenig übrig. Ich habe das Buch gerne gelesen, auch wenn mir irgendeine Art von Resolution fehlt.

"Melken" ist oberflächlich ein Bericht über wenige Tage in der Schwebe. Darüber was folgt, wenn es zu einem großen Bruch im Leben kommt. Und im weiteren Sinne ist das Buch eine Auseinandersetzung mit der Realität eines ganzen Wirtschaftszweigs, der vollständig auf Profit ausgerichtet ist, und für einige wenige Existenz und Heimat bedeutet.

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Veröffentlicht am 01.03.2026

Wellenreiten

Grüne Welle
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Eine namenlose Frau reitet in einem alten Golf auf einer grünen Welle in die Nacht hinein. Bei der ersten roten Ampel will sie umkehren, ganz bestimmt. Aber die rote Ampel kommt nicht.
Das ist die Prämisse ...

Eine namenlose Frau reitet in einem alten Golf auf einer grünen Welle in die Nacht hinein. Bei der ersten roten Ampel will sie umkehren, ganz bestimmt. Aber die rote Ampel kommt nicht.
Das ist die Prämisse von Esther Schüttpelz' zweitem Roman. Eine Autofahrt ins Ungewisse. Kein gewöhnlicher Roadtrip, sondern ein dichter, auktorialer Monolog über eine Flucht, weibliche Lebensrealität und Kunst.

Beim Lesen habe ich oft gedacht: "Was ist das für eine tolle Geschichte?" Die Autorin hat einen sehr experimentellen und irgendwie neuartigen Ansatz gewählt. Phasenweise hat mir das wirklich gut gefallen. Der Text hat sowohl auf der Handlungs- als auch auf der Metaebene großartige Momente.

Zwischenzeitlich hat er mich aber auch immer wieder verloren. Ich habe das Gefühl, dass gerade wegen dieser dichten und distanzierten Perspektive Potenzial auf der Strecke geblieben ist. Dass die Geschichte, wäre sie an manchen Stellen klassischer erzählt worden, an Kraft gewonnen hätte. Gerade zum Ende hin hat sich dieser Eindruck verhärtet. Es sind so viele Fragen offen geblieben. Ich mag offene Enden grundsätzlich, aber dieses hat sich fast schon lose angefühlt, so schnell kam es. Trotz der distanzierten Erzählweise, in der Figuren keine Namen haben (brauchen sie auch nicht), wurde einiges an Charakterbildung betrieben. Vielleicht war diese schlussendlich noch zu wenig, oder nicht präzise genug gesetzt, um die Sache wirklich rund zu machen.

Meine eigene Kritik ärgert mich, weil mir die Geschichte in ihrer ganzen Handlungsstruktur, sowie auch die Stimmungsfarbe des Texts wirklich extrem gut gefällt.
Ein kurzer, prägnanter Roman kann unglaublich kraftvoll sein. Auch wenn oder gerade weil ich dieses Buch wirklich mag, hätte ich mir gewünscht, dass es seine Welle noch etwas länger reitet. (3,75 Sterne)

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Veröffentlicht am 16.02.2026

Kala Missing

Kala
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2003: Ein unvergesslicher Sommer findet sein jähes Ende als die fünfzehnjährige mutterlose Kala plötzlich verschwindet. Sie ist nicht nur Teil einer eng verwobenen Clique aus sechs Teenagern, sie ist das ...

2003: Ein unvergesslicher Sommer findet sein jähes Ende als die fünfzehnjährige mutterlose Kala plötzlich verschwindet. Sie ist nicht nur Teil einer eng verwobenen Clique aus sechs Teenagern, sie ist das Zentrum, um das alle kreisen.
Gegenwart: Es ist wieder Sommer an der irischen Westküste und drei der ehemaligen Freunde treffen sich wieder. Helen, eine Journalistin, die nur wiederwillig zurückkehrt. Joe, ein erfolgreicher Musiker, auf der Flucht vor sich selbst. Und Mush, der niemals weggegangen ist, und die Narben von damals nicht nur im Herzen trägt.

Colin Walsh erzählt aus diesen drei sehr unterschiedlichen Perspektiven die Ereignisse von damals nach, während sich in der Gegenwart die Ereignisse erneut zuspitzen, Knochen werden gefunden und Helen - in ihrer Rolle als Journalistin - ist nicht die einzige, die nun beginnt Fragen zu stellen.

Kala ist ein schweres Buch. Schwer mit Nostalgie und Reue und dem Gefühl für immer in der Vergangenheit gefangen zu sein. Aber auch schwer im Bezug auf seine Themen, die zuerst eine subtile und später eine sehr plakative Art von Grauen in mir ausgelöst haben.

Die größte Stärke des Romans sind die drei sehr individuellen Erzählperspektiven, die die Geschichte authentisch machen. Der Autor entscheidet sich jeweils für einer sehr eigenwillige Sprache. Man weiß zu jedem Zeitpunkt sofort, ob hier Helen, Joe oder Mush erzählt. Im irischen Original ist dieses Stilmittel sehr deutlich, ich habe es als großen Bonus empfunden, dass die deutsche Übersetzung es geschafft hat, daran festzuhalten.

Aus dem Zusammenspiel zwischen diesen Perspektiven entsteht ein plastisches, mehrdimensionales Bild der irischen Kleinstadt Kinlough mit ihren eingefahrenen Strukturen, ihrem hohen Tellerrand, über den man nur schwer klettern kann, und ihren gewaltvollen Hierarchien.
Mosaikartig setzt der Autor aus den Ereignissen vor und nach Kalas Verschwinden ein immer klareres Bild zusammen. Kala selbst bleibt dabei ein flüchtiger Mittelpunkt, um den sich die Geschichte und die Freunde drehen, den man aber auch als Leser nie vollständig zu fassen bekommt.

Letztlich entsteht ein "Herzschlagfinale", wie man es nicht so oft liest. Ich meine das wortwörtlich: Ich hatte selten im letzten Drittel eines Spannungsromans ein so schweres, klammes Herz, wie in diesem.
"Kala" ist wirklich keine leichte Kost, aber doch ein furioses Mehr-Gänge-Menü.

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Veröffentlicht am 12.08.2025

FURYE on fire

Furye
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Sommerromane - Bücher über diesen einen Sommer - gibt es viele. Jedes Jahr immer wieder neue. Dieses hier ist anders als die anderen.
In ihrem Debütroman erzählt die Autorin vom Leben einer Protagonistin, ...

Sommerromane - Bücher über diesen einen Sommer - gibt es viele. Jedes Jahr immer wieder neue. Dieses hier ist anders als die anderen.
In ihrem Debütroman erzählt die Autorin vom Leben einer Protagonistin, die wir Alec nennen. Heute ist sie eine erfolgreiche Businessfrau, damals (während ihres einen, umumkehrbaren Sommers) war die eine Teenagerin und Teil einer Mädchenclique, die sich angelehnt an drei Rachegöttinnen benannte und identifizierte.
Der Text wechselt zwischen einer Gegenwarts- und einer Vergangenheitsperspektive. Das Ganze ist in sehr lyrischer Sprache verfasst, stellenweise liest es sich wie ein Gedicht. Ins Auge springt außerdem, dass zwischen verschiedenen Schriftarten gewechselt wird. Das hat mir als übergeordnetes Stilmittel sehr gut gefallen, weil es unterstreicht, wie sehr sich die Protagonistin verändert hat.
Das Buch fragt danach, inwiefern wir uns wirklich verändern und die Vergangenheit hinter uns lassen können? Außerdem geht es um die großen Themen im Leben junger Frauen: Freundschaft, Schwesternschaft, Erwachsenwerden, Frauwerden, Familie, und nicht zuletzt auch Romantik.
Das Buch hat bei mir einen Nerv getroffen, weil es eine sehr aufgewogene, nie in ein "Zuviel" abdriftende Balance gehalten hat zwischen all den Themen die ich gerne lese. Dabei glänzt es mit seiner außergewöhnlichen Sprach- und Bildästhetik.
Thematisch trifft der Roman einen gewissen Zeitgeist. In ähnlichen Spannungsfeldern bewegen sich aktuell viele (vor allem junge) Autor*innen. Die Umsetzung hat mich hier absolut überzeugt. Eine große Sommerempfehlung!

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