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Veröffentlicht am 27.04.2026

Text, der glitzert

Unter Wasser
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Normalerweise ist Trauer eher selten ein Kernthema, zu dem ich bei Büchern greife. Zugegeben: Auf "Unter Wasser" von Tara Menon bin ich in erster Linie über das wunderschöne deutsche Cover aufmerksam ...


Normalerweise ist Trauer eher selten ein Kernthema, zu dem ich bei Büchern greife. Zugegeben: Auf "Unter Wasser" von Tara Menon bin ich in erster Linie über das wunderschöne deutsche Cover aufmerksam geworden - und über die begeisterten englischsprachigen Rezensionen. Was für ein Glück!

Unter der Tsunami-Katastrophe an Weihnachten 2004 bricht Marissas paradiesische Jugend in Thailand zusammen und seither ist nichts mehr wie es war. Obwohl sie überlebt, ist sie nie mehr ganz unter den Wellen dieses Ereignisses hervorgetaucht. Zu sehr überschattet der Verlust ihrer besten Freundin Arielle und die damit einhergehenden Schuldgefühle ihr Leben. Als junge Erwachsene findet sie in der Großstadt New York keinen Halt. Doch auch dort kann die Natur zur Bedrohung werden.

Tara Menons Roman hat mich begeistert! Nicht nur mit den feinfühligen Beschreibungen über Freundschaft und Verlust, sondern auch mit der Art und Weise wie die Natur, insbesondere Thailands, zu einem wesentlichen Charakter im Text gemacht wird. Beim Lesen kann man im wahrsten Sinne erfahren, wie diese Welt riecht, schmeckt und sich anfühlt. Untermalt mit spannenden meeresbiologischen und geographischen Fakten, wird in wunderschöner Sprache von einem Paradies erzählt, dass schützenswerte Heimat und bedrohlicher Feind zugleich sein kann.
"Unter Wasser" ist ein Text, der mit einer unerwarteten Sinnlichkeit daherkommt. Ich habe jeden einzelnen Satz gerne gelesen. Ich habe wirklich mitgefühlt und selten einen Roman gelesen, der sich mit einer realen Katastrophe so frei von Klischee oder Sensation auseinandersetzt.
Dieses Buch ist eine ganz eigene Art von Sommerroman. Sicher handelt es sich im Allgemeinen um eine Geschichte, die ein trauriges Thema angeht, und daher nicht um eine leichte Lektüre. Aber diese so ästhetische und farbenprächtige Darstellung von Thailand und seinen Naturschätzen, versetzt mich trotzdem in eine Art Urlaubsstimmung. Vielleicht auch, weil trotz allem, das Schöne überwiegt.

"Unter Wasser ist keine Geschichte" über das Überleben einer Naturkatastophe, sondern über das Weiterleben. Eine Liebeserklärung an Freundinnenschaften und an das Meer. Ein von innen und außen glitzernder Roman!

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Veröffentlicht am 27.04.2026

Wachwerden

Schlaf
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Triggerwarnung: Missbrauch

Als heranwachsendes Mädchen wird Margaret von ihrem Bruder im Schlaf angefasst und von den Nachbarsjungen sexualisiert. Die eigene Mutter kann oder will nicht hinsehen. Als ...

Triggerwarnung: Missbrauch

Als heranwachsendes Mädchen wird Margaret von ihrem Bruder im Schlaf angefasst und von den Nachbarsjungen sexualisiert. Die eigene Mutter kann oder will nicht hinsehen. Als erwachsene Frau und mittlerweile selbst Mutter zweier Töchter kämpft sie mit den Folgen ihrer Traumata.

In "Schlaf" von Honor Jones geht es um die zentrale Frage, wie Familie, Mutterschaft und Partnerschaft gelingen können, wenn das eigene Fundament früh im Leben so stark erschüttert worden ist. Die Geschichte fokussiert dabei vor allem auch die Beziehung zwischen Margaret und ihrer immer wieder narzisstisch auftretenden Mutter Elizabeth.
Zu Beginn erzählt der Roman aus Margarets Kindheit. Dieser eine schreckliche Sommer kurz vor Beginn der Pubertät, als sie sich im eigenen Zuhause nicht mehr sicher fühlt. Dabei wird das typisch spießig-konservative Vorstadtmilieu einer oberen Mittelklasseschicht dargestellt, in dem nach außen hin die Fassade einer Bilderbuch Familie aufrecht erhalten wird, während sich im Inneren immer tiefere Abgründe auftun.
Die Autorin nutzt einen sehr detailreichen, teils ausschweifenden, aber gleichzeitig auch eher distanzierten Stil.
Später wechselt die Perspektive dann zu Margarets Erwachsenenleben als frisch geschiedene, alleinerziehende Frau mit zwei kleinen Töchtern, die versucht sich durch ihr kompliziertes Familiengefüge zu navigieren. Hier rückt man im Laufe der Seiten immer näher an die Protagonistin heran. Auch für ihre Mutter Elizabeth konnte ich mir nun in gewissen Momenten ein bisschen Sympathie abringen. Man merkt, die Autorin versucht eine Mehrdimensionalität ihrer Figuren herzustellen und von Klischees abzurücken, - auch wenn ihr das nicht vollständig gelingt. Dazu bleibt das Buch dann doch zu sehr an der Oberfläche. und macht es sich vor allem mit dem Ende zu einfach. Offene Enden sind gut, hier entwickelt sich zu wenig und es bleiben gleichzeitig zu viele Fragen unbeantwortet.

Insgesamt habe ich das Buch gerne gelesen. Es ist mir leicht gefallen dran zu bleiben. Auch wenn die Erzählung keinen hohen Spannungsbogen hat, hat sie doch einen gewissen Drive.

Ich habe mich beim Lesen lange gefragt, warum der Titel "Schlaf" für diesen Roman gewählt wurde. Mittlerweile habe ich es verstanden. Ich hätte mir jedoch gewünscht, die Protagonistin ein tatsächlich beim "Wachwerden" begleiten zu dürfen. Diese Entwicklung hat mir gefehlt.
Vor dem Hintergrund der komplizierten und dunklen Kernthemen, um die es geht, hätte das Buch an der ein oder anderen Stelle ein bisschen mehr Tiefgang benötigt, um wirklich eine herausragende Geschichte zu sein.

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Veröffentlicht am 20.04.2026

Feuer und Flamme

Solange ein Streichholz brennt
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Dass ich ein Buch über eine RTL-Moderatorin (sorry, ich meine natürlich RTI) und einen Obdachlosen zu meinen Lieblingsbüchern in 2026 zählen würde, war definitiv nicht auf meiner Bingo-Karte für dieses ...

Dass ich ein Buch über eine RTL-Moderatorin (sorry, ich meine natürlich RTI) und einen Obdachlosen zu meinen Lieblingsbüchern in 2026 zählen würde, war definitiv nicht auf meiner Bingo-Karte für dieses Jahr.
Genauso wenig hätte ich mir vorstellen können, wie man es schriftstellerisch hinkriegt eine Liebesgeschichte zwischen eben diesen beiden zu erzählen und dabei die Lebensrealität von Menschen auf der Straße nicht völlig zu romantisieren oder in triefenden Kitsch abzugleiten.
Das soll heißen: Ein bisschen kitschig kommt die Geschichte von Bohm, der seit fünf Jahren als Obdachloser in Köln unterwegs ist, seinem zugelaufenen Hund Fox und der Reporterin Alina natürlich schon, aber nie so, dass es unangenehm wird. Der Autor schreibt sie so, dass man sich einerseits denkt „ach wie schön“ und andererseits „ach wie schrecklich“ und dazwischen nicht mehr aufhören kann zu lesen, so spannend ist das.

Und auch wenn die Stadt Köln, die Fernsehbranche oder das Obdachlosenmilieu jeweils so gar nicht zu meinen bevorzugten Lesekulissen gehören, hat mir das Buch ästhetisch sehr gut gefallen. Der Autor hat wirklich ein großes Talent dafür Szenen vor dem inneren Auge entstehen zu lassen, die erlebbar und fühlbar sind, und dabei Bilder zu zeichnen, die mich als Leserin abgeholt haben.

Alle Fasern meines Herzens möchten „Solange ein Streichholz brennt“ fünf Sterne geben. Ich habe mich letztlich für sehr schmerzhafte 4.75 Sterne (gibt es das?) entschieden. Der einzige Grund dafür ist, dass das Ende meinen eigenen sehr subjektiven Geschmack nicht so getroffen hat. Die ersten zwei Drittel waren furios. Die Geschichte wurde wahnsinnig gut aufgebaut. Zum Schluss hin ist es dann irgendwie ausgefranst bzw. abgeflacht, mir ging das alles zu schnell.

Nichtsdestotrotz ist „Solange ein Streichholz brennt“ ein wirklich großartiger Unterhaltungsroman und eine Liebesgeschichte, wie man sie nicht oft findet. (Obwohl ich schon zugeben muss, dass die ganze Inszenierung sehr nach typisch deutsch produziertem Drama fürs Herz klingt.)

Ich sehe schon eine Verfilmung mit Florian David Fitz kommen. Alternativ schlage ich Clueso vor, ich weiß aber nicht, ob der schauspielern kann?

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Veröffentlicht am 05.04.2026

Katerstimmung

Die Dinner Party
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Für ihren Verlobten Andrew und seine Geschäftspartner soll Franca eine Dinnerparty veranstalten. Das heißt: Vor allem besteht ihre Aufgabe darin, das Dinner für die Party zuzubereiten. Obwohl Andrew mehr ...

Für ihren Verlobten Andrew und seine Geschäftspartner soll Franca eine Dinnerparty veranstalten. Das heißt: Vor allem besteht ihre Aufgabe darin, das Dinner für die Party zuzubereiten. Obwohl Andrew mehr als reich genug ist, um Catering in Anspruch zu nehmen, soll sie den ganzen Abend in der Küche stehen, Hasenfleisch kochen und einen Kuchen backen. Weil das eben besser kommt, wenn Mann mit der eigenen Frau und ihren "Hausfrauenfähigkeiten" angeben kann. Auch wenn eben diese Frau eigentlich gar nicht so hausfraulich ist und zwischen Küche, Esszimmer und Weinflasche langsam den Verstand verliert.

"Die Dinnerparty" ist ein Buch, das mich auf mehreren Ebenen überrascht hat.

Angefangen beim Aufbau des Texts, der als eine Art Briefroman geschrieben ist, aus der Perspektive Francas, viele Monate nach den Geschehnissen auf der Dinnerparty. Es wird nicht nur die Geschichte dieses einen Abends erzählt. Nach und nach entfaltet sich Francas komplette Biographie. Man springt zwischen dem einen, alles verändernden Abend, Francas Studium, Francas Kindheit, die geprägt ist vom frühen Tod des Vaters, und dem Danach. Lange wird offen gelassen, was genau jetzt eigentlich während der Dinnerparty passiert ist.

Außerdem habe ich nicht damit gerechnet, es hier mit einer unzuverlässigen Erzählerin zu tun zu bekommen. Schnell wird klar, dass Francas Darstellungen nicht 100% der Realität entsprechen. Dabei baut die Autorin den ein oder anderen literarischen Fallstrick ein, über den ich auch als erfahrene Leserin nichts ahnend gestolpert bin. Generell ist in diesem Buch wenig so wie es scheint.

Am meisten überrascht haben mich jedoch, die vielen schweren Themen, die in dieser Geschichte angesprochen werden. Trauer, Missbrauch, Vernachlässigung, Sucht und andere psychische Erkrankungen. Nebenbei geht es auch noch um gesellschaftliche Diskurse, z.B. die Repräsentation von Minderheiten in der Literatur, oder generelle Klassenunterschiede und die damit einhergehenden Chancenungleichheiten.

Das ist ganz schön viel auf einmal und hat mich beim Lesen sehr herausgefordert.
Im Allgemeinen ist "Die Dinnerparty" ein komplexer, vielschichtiger, klug ausgearbeiteter Text. Es hat ein bisschen gedauert, bis ich ihn für mich einordenen konnte. Ich will nicht behaupten, dass die Geschichte ihre zahlreichen Themen nicht tragen kann. Im Gegenteil. In gewisser Weise hat es mich fasziniert, wie die Autorin all das in ihrem Text unterbringt. Allerdings hat diese Fülle an Pronlemen auch dafür gesorgt, dass mich das Buch auf die ein oder andere Weise erschlagen hat. Im Laufe der Handlung tun sich ständig neue und immer tiefere Abgründe auf. Insbesondere die Stellen, die vom Tod von Francas Vater und von ihrem Alkoholismus erzählen, sind nicht leicht zu verdauen.
Und noch ein Glas. Und noch ein Glas. Und noch ein Glas.

Der Text beinhaltet einige schöne Stellen, vor allem im Bezug auf die Gespräche zwischen Franca und ihrer Therapeutin, die mich zum Nachdenken angeregt haben. Er ist intelligent und handwerklich wirklich gut konzipiert. Es fällt mir schwer den Finger darauf zu legen, was nun die Kernaussage gewesen ist. Am Ende überwiegt für mich jedoch das Bauchgefühl, dass dieses Kaleidoskop aus Traumata (obwohl das Buch an sich gut ist) nicht vollends funktioniert.

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Veröffentlicht am 23.03.2026

Kuhwerdung

Melken
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Nach einer schmerzhaften Trennung, setzt sich Ellen ins Auto und verlässt die Stadt. Sie fährt zu dem Bauernhof, auf dem sie geboren und aufgewachsen ist, und der heute längst von einer anderen Familie ...

Nach einer schmerzhaften Trennung, setzt sich Ellen ins Auto und verlässt die Stadt. Sie fährt zu dem Bauernhof, auf dem sie geboren und aufgewachsen ist, und der heute längst von einer anderen Familie bewohnt wird. Die Familie ist verreist. So wird die Protagonistin zu irgendetwas zwischen ungebetenem Gast und Einbrecherin. Sie verbringt heimlich mehrere Tage in einem Leben, das früher einmal ihr eigenes war. Erinnerungen drängen an die Oberfläche. Ellen trifft auf ihren Kindheitsfreund Max und setzt sich mit Vergangenheit und Gegenwart auseinander.

"Melken" ist ein sehr schmaler, dichter, überraschend politischer Roman, der das hyperrealistische Portrait eines milchwirtschaftlichen Betriebs zeichnet. Schon in der Vergangenheit wirkt der Hof wie aus der Zeit gefallen. Und die Zeit ist es auch, die abläuft. Schnell wird klargestellt, diese Form zu leben, ist nicht rentabel.

Die Autorin legt in ihrem Buch einen großen Fokus auf die literarische Aufarbeitung von Missständen in der Landwirtschaft und insbesondere im Bezug auf die Nutztierhaltung von Kühen. Dass das Buch in Schweden spielt, merkt man dabei kaum. Man kann sich das 1 zu 1 in einem deutschen Kontext vorstellen. Thematisch ist der Text ganz weit weg von irgendwelchen Bullerbü-Fantasien. Die Autorin romantisiert nicht, poetisiert aber die hässlichen Seiten des Landlebens. Sie richtet das Scheinwerferlicht auf Blattläuse und Kuhfladen. Sie drückt eklige Dinge so aus, dass es halbwegs schön klingt. Sie lässt ihre Protagonistin ganz nah heranrücken an die Existenz einer Kuh, lässt sie stellenweise trotz der Schamhaftigkeit, die eben diese hässlichen, dreckigen Seiten der Landwirtschaft mit sich bringen, beinahe Eins werden mit der Kuh und der verknüpften Erinnerung an eine scheinbar unbeschwerte Kindheit.

Auf Handlungsebene spielt sich recht wenig ab: Ellen geht zum See, schläft im Kinderbett, klaut Babygläschen aus dem fremden Kühlschrank. Es wird viel verhandelt, ohne dass wirklich etwas passiert. So bleibt am Ende auch recht wenig übrig. Ich habe das Buch gerne gelesen, auch wenn mir irgendeine Art von Resolution fehlt.

"Melken" ist oberflächlich ein Bericht über wenige Tage in der Schwebe. Darüber was folgt, wenn es zu einem großen Bruch im Leben kommt. Und im weiteren Sinne ist das Buch eine Auseinandersetzung mit der Realität eines ganzen Wirtschaftszweigs, der vollständig auf Profit ausgerichtet ist, und für einige wenige Existenz und Heimat bedeutet.

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