Katerstimmung
Die Dinner PartyFür ihren Verlobten Andrew und seine Geschäftspartner soll Franca eine Dinnerparty veranstalten. Das heißt: Vor allem besteht ihre Aufgabe darin, das es Dinner für die Party zuzubereiten. Obwohl Andrew ...
Für ihren Verlobten Andrew und seine Geschäftspartner soll Franca eine Dinnerparty veranstalten. Das heißt: Vor allem besteht ihre Aufgabe darin, das es Dinner für die Party zuzubereiten. Obwohl Andrew mehr als reich genug ist, um Catering in Anspruch zu nehmen, soll sie den ganzen Abend in der Küche stehen, Hasenfleisch kochen und einen Kuchen backen. Weil das eben besser kommt, wenn Mann mit der eigenen Frau und ihren "Hausfrauenfähigkeiten" angeben kann. Auch wenn eben diese Frau eigentlich gar nicht so hausfraulich ist und zwischen Küche, Esszimmer und Weinflasche langsam den Verstand verliert.
"Die Dinnerparty" ist ein Buch, das mich auf mehreren Ebenen überrascht hat.
Angefangen beim Aufbau des Texts, der als eine Art Briefroman geschrieben ist, aus der Perspektive Francas, viele Monate nach den Geschehnissen auf der Dinnerparty. Es wird nicht nur die Geschichte dieses einen Abends erzählt. Nach und nach entfaltet sich Francas komplette Biographie. Man springt zwischen dem einen, alles ändernden Abend, Francas Studium, Francas Kindheit, die geprägt ist vom frühen Tod des Vaters, und dem Danach. Lange wird offen gelassen, was genau jetzt eigentlich während der Dinnerparty erzählt wird.
Außerdem habe ich nicht damit gerechnet, es hier mit einer unzuverlässigen Erzählerin zu tun zu bekommen. Es wird schnell klar, dass Francas Darstellungen nicht 100% der Realität entsprechen. Dabei wendet die Autorin ein paar literarische Kniffe und Fallstricke an, über die ich auch als erfahrene Leserin nichts ahnend gestolpert bin. Generell ist in diesem Buch wenig so wie es scheint.
Am meisten überrascht haben mich jedoch, die vielen schweren Themen, die in dieser Geschichte angesprochen werden. Trauer, Missbrauch, Vernachlässigung, Sucht und andere psychische Erkrankungen. Nebenbei geht es auch noch um gesellschaftliche Diskursen, z.B. die Repräsentation von Minderheiten in der Literatur, oder generelle Klassenunterschiede und die damit einhergehenden Chancenungleichheiten.
Das ist ganz schön viel auf einmal und hat mich beim Lesen sehr herausgefordert.
Generell ist "Die Dinnerparty" ein sehr komplexer, vielschichtiger, klug ausgearbeiteter Text. Es hat ein bisschen gedauert, bis ich ihn für mich einordenen konnte. Ich will nicht behaupten, dass die Geschichte ihre zahlreichen Themen nicht tragen kann. Im Gegenteil. In gewisser Weise hat es mich fasziniert, wie die Autorin das alles in ihren Text verwoben hat. Allerdings hat das auch dafür gesorgt, dass mich das Buch auf die ein oder andere Weise erschlagen hat. Im Laufe der Handlung tun sich ständig neue und immer tiefere Abgründe auf. Insbesondere die Stellen, die vom Tod von Francas Vater und von ihrem Alkoholismus erzählen, sind nicht leicht zu verdauen.
Und noch ein Glas. Und noch ein Glas. Und noch ein Glas.
Der Text beinhaltet einige schöne Stellen, insbesondere im Bezug auf die Gespräche zwischen Franca und ihrer Therapeutin, die mich zum Nachdenken angeregt haben. Er ist intelligent und handwerklich wirklich gut konzipiert. Es fällt mir jedoch schwer den Finger darauf zu legen, was nun die Kernaussage gewesen ist. Am Ende überwiegt für mich jedoch das Bauchgefühl, dass dieses Kaleidoskop aus Traumata (obwohl das Buch an sich gut ist) nicht vollends funktioniert.