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Veröffentlicht am 07.10.2020

Zauberhaftes Weihnachtsmärchen

Das Winterkarussell
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„Der einzige Mensch auf dieser Welt, zu dem sie gehören könnte, wollte sie nicht haben.“ (S. 77/78) Antonia ist 15, als ihre Mutter bei einem Unfall stirbt. Da sie keine Angehörigen mehr hat, wird sie ...

„Der einzige Mensch auf dieser Welt, zu dem sie gehören könnte, wollte sie nicht haben.“ (S. 77/78) Antonia ist 15, als ihre Mutter bei einem Unfall stirbt. Da sie keine Angehörigen mehr hat, wird sie in einer WG des Jugendamtes untergebracht. Ihre beste Freundin versteht sie nicht mehr, ihr Leben fühlt sich plötzlich fremd an. Als sie erfährt, dass man ihren Großvater Otto ausfindig gemacht hat, schöpft sie neue Hoffnung. Sie hat zwar noch nie von ihm gehört, aber: „Er wäre jemand, zu dem ich gehören könnte. … Er wäre so etwas wie Familie.“ (S. 50)
Doch auch Otto wusste bis zu diesem Zeitpunkt nicht, dass er eine Tochter und eine Enkelin hatte. Er ist ein einsamer alter Mann in einem winzigen Dorf, ein echter Griesgram. Was soll er mir einem Teenager?! Ihn interessiert nur seine Scheune mit dem historischen Karussell, dass sein Großvater hatte bauen lassen und mit dem sie bis zum Krieg als fahrende Familie auf den Jahrmärkten unterwegs waren. „Hier kam er zur Ruhe. An diesem Ort, der für ihn mit so vielen Erinnerungen verbunden war.“ (S. 35) Als Antonia es entdeckt, ist sie davon ganz verzaubert ...

„Das Winterkarussell“ von Anna Liebig (dem Pseudonym von Nicole Steyer) ist eine zauberhafte, fast schon altmodische Weihnachtsgeschichte mit viel Herz und Gefühl. Mir finde es toll, dass sie den Roman 1990 spielen lässt, zu einer Zeit, als es noch keine Handys und Internet gab und das Leben noch deutlich ruhiger verlief.

Antonia hofft, dass sie und Otto eine Familie werden können, doch er ist ein wirklich schwieriger Charakter. Bis zum 2. Weltkrieg ist er mit seinem Vater und seinem Bruder mit dem Karussell von Markt zu Markt getingelt, sie waren Fahrende ohne feste Heimat. Er hat den Krieg als einziger von ihnen überlebt, versteckt seitdem sich in einem Dorf und das Karussell in einer Scheune. Das ist für ihn kein lebloses Ding, sondern „sein altes Mädchen“ – eine Erinnerung an die gute alte Zeit, als er noch eine Familie und Hoffnung hatte. Durch Antonia bricht jetzt alles wieder auf, „Die Erinnerung brachte den Schmerz zurück. Das, wovor er sich so sehr gefürchtet, wovor er sich all die Jahre versteckt hatte.“ (S. 241)

Mir hat gut gefallen, wie die vorsichtige Annäherung von Antonia und Otto beschrieben wird, wie dieses Mädchen es schafft, die raue Schale ihres Großvaters aufzubrechen.
Noch besser fand ich allerdings Ottos Erlebnisse 1938 auf dem Frankfurter Weihnachtsmarkt, als er zum ersten Mal in seinem Leben richtig verliebt war und sich sogar vorstellen konnte, sein Leben deswegen grundlegend zu ändern. Ich habe mit ihm und seiner Angebeteten mitgefiebert, ihre Geschichte ging mir sehr zu Herzen.
Als besonderes Gimmick habe ich dabei den Leierkastenmann mit dem Esel empfunden, den die Fans von Nicole Steyer bereits aus dem Roman „Für immer Weihnachten“ kennen, der unter ihrem Pseudonym „Linda Winterberg“ erschienen ist.

Eine wunderbar warmherzige und heimelig Geschichte die zu Herzen geht und die Sehnsucht nach Weihnachten und der guten alten Zeit weckt. Man bekommt sofort Lust auf den Besuch eines verschneiten Weihnachtsmarktes inkl. Karussellfahrt und heißem Apfelwein.

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Veröffentlicht am 05.10.2020

Wie gut kennt man seine Heimat?

Lieblingsplätze rund um Dresden
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Da ich in Dresden geboren und aufgewachsen bin und wir in unsere Kindheit fast jedes Wochenende wandern waren, dachte ich, dass ich jede Ecke und jedes Plätzchen in Sachsen kenne. Doch „Rund um Dresden“ ...

Da ich in Dresden geboren und aufgewachsen bin und wir in unsere Kindheit fast jedes Wochenende wandern waren, dachte ich, dass ich jede Ecke und jedes Plätzchen in Sachsen kenne. Doch „Rund um Dresden“ von Jan Hübler und Kirsten Balbig hat mich eines Besseren belehrt. Ausgehend vom Rathausturm im Zentrum der Stadt, stellen die beiden Autoren bekannte und unbekannte Ausflugsziele der weiteren Umgebung Dresdens vor. Diese sind in die Regionen Norden, Osten, Süden und Westen unterteilt, dadurch kann man besser erkennen, welche Ziele näher beieinander liegen und deren Besuch evtl. verknüpfen.
Sie empfehlen z.B. die Senftenberger Seenplatte, natürlich das Elbsandtein- und Erzgebirge, zeigen Schlösser und Burgen, hohe Türme und tiefe Brunnen, schlagen Touren zu Fuß oder mit dem Rad vor, ausgewählte Lädchen und Restaurants, Orte zum Zurückziehen oder um in der Menge zu baden – es sollte für jeden Geschmack etwas dabei sein.
Ich denke, gerade jetzt in der Corona-Zeit und den bevorstehenden Herbstferien ist man für jedes bisher unbekannte Ausflugziel dankbar und findet in „Lieblingsplätze rund um Dresden“ genügend Ideen, um seine Heimat (neu) zu entdecken. Aber auch Urlauber die mehr als nur die üblichen Sehenswürdigkeiten besichtigen wollen, werden in diesem Buch fündig.
Mir sind allerdings auch ein paar kleine Mankos aufgefallen. Die Wanderungen werden zwar beschrieben, aber eine Tourenkarte oder zumindest die Wanderzeichen sind leider nicht erwähnt. Vielleicht könnte man das in der nächsten Auflage ergänzen. Zudem sind einige der Ziele doch ziemlich weit von Dresden entfernt und damit nicht unbedingt für einen Tagesauflug geeignet. Und ich hätte mir bei einigen Ausflugszielen ein paar aussagekräftige Fotos gewünscht, die den Ort besser charakterisieren.

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Veröffentlicht am 04.10.2020

Wer hier nicht lacht, hat keinen Humor!

Waidmannsruh
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„Der war und blieb ein gemeines, rücksichtsloses, gefühlloses Riesenarschloch. Der würde sich nie ändern.“ (S. 10) denken die anderen Jäger über Aufsichtsjäger Sepp Flattacher, aber dafür herrscht Sepps ...

„Der war und blieb ein gemeines, rücksichtsloses, gefühlloses Riesenarschloch. Der würde sich nie ändern.“ (S. 10) denken die anderen Jäger über Aufsichtsjäger Sepp Flattacher, aber dafür herrscht Sepps Revier auch Zucht und Ordnung! Zumindest, bis es unter zwei Jägern Streit um den Abschuss eines Einserhirsches geht, dem Prunkstück der Jagdsaison. Stundenlang hat Vinzenz Hinteregger in eisiger Kälte auf dem Hochsitz ausgeharrt, doch dann ist ihm Walther Liebetegger einfach dazwischen gegrätscht. Bei der jährlichen Hegeschau rächt sich Vinzenz öffentlich, der Streit eskaliert, auch dank ordentlich Alkohol, und letztendlich muss sogar die Polizei eingreifen. Kurz darauf ist einer der Kontrahenten tot und der andere dringend tatverdächtig. Für die Polizei ist klar, dass ers der andere Streithammel gewesen sein muss, doch Sepp sieht das anders, dabei hat er diesmal eigentlich gar keine Lust zu ermitteln. Doch ausgerechnet sein Nachbar Belten, die Nervensäge, hat Blut geleckt und langweilt sich: „Was haben wir denn Besseres zu tun? Sollen wir auf unsere alten Tage am warmen Ofen sitzen, Däumchen drehen und aufs Sterben warten?“ (S. 177)

„Waidmannsruh“ ist bereits der 5. Band um den Aufsichtsjäger Sepp Flattacher und auch wenn man ihn theoretisch ohne Vorkenntnisse verstehen würde, empfehle ich unbedingt auch Teil 1 bis 4 – Euch würde sonst was entgehen. Autorin Alexandra Bleyer hat einen unvergleichlichen Humor, herrlich trocken und oft bitterböse – einfach genial. Außerdem sind mir die Protagonisten der Reihe inzwischen ans Herz gewachsen.
Sepp ist ein alter Grantler, der mit niemandem kann (und will), aber heimlich in Irmi, die Obfrau des Jagdvereins verliebt ist. Als ewiger Junggeselle hat er allerdings keine Ahnung, wie er sich ihr erklären soll. Ich leide schon eine ganz Weile mit ihm und hoffe, dass aus den Beiden was wird. Irmi kann nämlich hinter seine raue Schale sehen und mag ihn trotz allem ganz gern – und würde ihn sich garantiert zurechtstutzen. „Mit der Irmi konnte man schon Pferde stehlen. Und Verbrecher stellen.“ (S. 141)
Nachbar Belten, Sepps ehemaliger Intimfeind, hofft, dass aus ihnen doch noch echte Freunde werden. Außerdem findet er es spannend, im Leben anderer Leute rumzukramen und drängt Sepp regelrecht in die Ermittlungen. Dabei sind sie sich über ihre Methoden nicht immer einig und bekommen sich ordentlich in die Haare. „Entschuldigen Sie, aber Sie sind hier bei der Polizei und nicht bei einer Paartherapie.“ (S. 197) Nur bei einem sind sie sich einig, der Verdächtige ist zu doof und feige für einen Mord.

Auch auf der Polizeiinspektion herrscht dicke Luft. Postenkommandant Georg Treichel ist auf Diät, ständig hungrig und auf der Such nach Essen und dadurch noch cholerischer als sonst. Martins Kollegin Kerstin hat Liebeskummer und ruft sogar nachts bei ihm an – was seiner Freundin Betti natürlich nicht behagt. Außerdem macht ein sehr geschickter Dieb die Runde durch die umliegenden Hotels und ihnen das Leben schwer.
Da kommt ihnen der Unfall des Jägers – so sieht es nämlich lange aus – mehr als ungelegen. Aber die Ungereimtheiten und vor allem die Einmischungen von Sepp und Belten bringen dann doch einige sehr interessanten Fakten zu Tage.

Alexandra Bleyer hat sich wieder einmal selbst übertroffen. Der Krimi ist sehr lustig, trotzdem extrem spannend, wartet mit einem filmreifen Showdown und einem fiesen Cliffhanger auf, der dann zum Glück doch noch aufgeklärt wird. Es gibt wieder jede Menge Tatverdächtige und Motive und man kann herrlich miträtseln.

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Veröffentlicht am 01.10.2020

Jede Nacht ein neues Lied

White Christmas – Das Lied der weißen Weihnacht
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„Ich kennen niemanden, der so wenig Schlaf braucht und ständig dermaßen unter Strom steht wie du.“ (S. 14)
Weihnachten 1937. Irving Berlin ist einer der erfolgreichsten Jazz-Komponisten seiner Zeit. Es ...

„Ich kennen niemanden, der so wenig Schlaf braucht und ständig dermaßen unter Strom steht wie du.“ (S. 14)
Weihnachten 1937. Irving Berlin ist einer der erfolgreichsten Jazz-Komponisten seiner Zeit. Es erinnert kaum noch etwas an sein jüngeres Ich Izzy Baline, den Zeitungsjungen, singenden Kellner und Sohn russisch-jüdischer Einwanderer. Und obwohl er Jude ist, macht ihn Weihnachten immer besonders sentimental. Er verbindet mit diesem Tag eine seiner glücklichsten Erinnerungen, aber auch seinen größten Verlust. Bisher hat er das Fest immer im Kreis seiner Familie verbracht, doch dieses Jahr dreht er fern von ihnen in LA einen Film – seinen Film. „Alexander`s Ragtime Band“ basiert seinem Leben. Die Dreharbeiten laufen schon und neben bekannten Songs will Irving auch neue beisteuern. Also komponiert er jede Nacht neue Lieder und gerade weil in Hollywood Hochsommer ist, sehnt er sich nach weißen Weihnachten in New York …

Ich hatte bis zu diesem Buch noch nie von Irving Berlin gehört, obwohl ich viele seiner Lieder kenne, wie ich beim Lesen festgestellt habe. Die Autorin Michelle Marly lässt Irving in Rückblicken von seinem Aufstieg erzählen, zeigt seine Arbeitsweise und lässt spannende und amüsante Anekdoten über sein Leben einfließen. So hat er z.B. nie Notenlesen gelernt und sich ein spezielles Klavier anfertigen lassen, bei dem die weißen Tasten weggelassen wurden, weil er auch das Spielen nie richtig gelernt hat. Außerdem notiert er sich überall Ideen für seine Lieder – zur Not auch auf den Manschetten seiner Hemden. Das alles macht ihn sehr menschlich und extrem nahbar.

„White Christmas – das Lied der weißen Weihnacht“ ist die wahre und berührende Geschichte der großen Liebe zwischen Irving und seiner Frau Ellin Mackay, die beinahe an ihrer Familie und den Religionsunterschieden gescheitert wäre. Ellin stammt von irischen, blaublütigen Katholiken ab, die sich in Amerika ein Imperium aufgebaut haben. Ihr Vater und ihre Großmutter wollen sie um jeden Preis mit einem passenden Mann und nicht mit einem mittellosen jüdischen Musiker verheiraten. „Du bist eine Mackay. Das ist etwas ganz anderes, als wenn du Miller oder Smith heißen würdest.“ (S. 175) Dabei ist Irving alles andere als arm.
Ellin erzählt diese dramatischen Geschehnisse aus ihrer Sicht. Ich habe bewundert, wie sie gegen die Widerstände ihrer Familie an ihm festgehalten und für ihre Liebe gekämpft hat, dass sie sich von nichts und niemandem haben trennen lassen. Ich hatte oft das Gefühl, dass sie die Stärkere der beiden ist, obwohl er 15 Jahre älter und schon ein gestandener Mann war. Mir war nicht bewusst, dass die Standesdünkel und Repressalien wegen der unterschiedlichen Religionen damals so stark waren und Ellin immer wieder auf die Gefahr der gesellschaftlichen Ausgrenzung ihrer Kinder wegen der „Mischehe“ hingewiesen wurde.

Michele Marly hat es geschafft, mich jetzt schon in Weihnachtstimmung zu versetzen. Das Buch handelt von der ewigen Sehnsucht nach weißen und damit friedlichen Weihnachten im Kreis der Familie. Es ist aber auch eine zeitlose, sentimentale, an keiner Stelle kitschige Liebesgeschichte.
Ich habe das Lesen zelebriert und mir die Irvings Lieder beim Lesen angehört, am Ende war ich richtig wehmütig.

5 Sterne und meine Leseempfehlung für dieses Herzensbuch.

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Veröffentlicht am 29.09.2020

Ein tolles Coffee Table Book

Wien by NENI
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Als bekennender Kochbuch-Fan habe ich mich sehr gefreut, dass ich „Wien. Food. People. Stories“ im Rahmen einer Buchverlosung gewonnen habe. Ich war leider erst einmal in Wien und das ist auch schon wieder ...

Als bekennender Kochbuch-Fan habe ich mich sehr gefreut, dass ich „Wien. Food. People. Stories“ im Rahmen einer Buchverlosung gewonnen habe. Ich war leider erst einmal in Wien und das ist auch schon wieder fast 30 Jahre her, aber noch immer erinnere ich mich gern an diese tolle Stadt zurück.

Wie es der Titel schon sagt, gewährt die Köchin und Autorin Haya Molcho in diesem Buch nicht nur einen Einblick in ihre Küche, sondern auch einen sehr persönlichen in ihr Leben. Sie erzählt von ihrer Familie und wie alles begann, zeigt ihre kulinarischen Lieblingsadressen in Wien und Umgebung, stellt befreundete Köche, Wirte, Café-Betreiber und Bio-Landwirte vor – auch diese sind oft Einwanderer, genau wie Haya, und bereichern die Wiener Küche mit ihren Ideen.

Doch natürlich geht es hauptsächlich um Rezepte, unterteilt in die Kategorien Gemüse, Fisch, Fleisch und Süßes, ergänzt durch Grundrezepte. Die Gerichte, von denen wir inzwischen einige probiert haben, sind etwas Besonderes. Haya kombiniert Traditionelles und Modernes, zeigt neben typisch österreichischen auch viele israelische Köstlichkeiten. Die Verknüpfung von Geschichte(n) und Rezepten hat mir sehr gut gefallen und die Fotos haben mich beeindruckt.
Ich möchte aber darauf hinweisen, dass aufgrund der zum Teil recht umfangreichen und exotischen Zutaten nicht alle fürs tägliche Kochen geeignet sind.

„Wien. Food. People. Stories.“ ist ein tolles Buch nicht nur für Köche, ein Weihnachtsgeschenk für Wien-Liebhaber und ein echtes Coffee Table Book, das man sich immer wieder gern anschaut.

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