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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 18.02.2025

Tragisch, spannend, interessante Vaterfigur

Irrfahrt
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Donald hat sich eine Auszeit genommen und segelt für einige Zeit. Die letzten zwei Tage vor seiner Heimkehr möchte er gemeinsam mit seiner 7-jährigen Tochter Maria über die Nordsee – von Dänemark in die ...

Donald hat sich eine Auszeit genommen und segelt für einige Zeit. Die letzten zwei Tage vor seiner Heimkehr möchte er gemeinsam mit seiner 7-jährigen Tochter Maria über die Nordsee – von Dänemark in die Niederlande – segeln. Seine Frau Hagar ist zunächst wenig begeistert, gibt dann aber doch nach. Anfangs verläuft alles reibungslos, bis plötzlich ein Sturm aufzieht.

Neben einer spannenden und abenteuerlichen Seglerfahrt handelt es sich hier auch um eine psychologische Erzählung, in der die Rollen von Vätern, Müttern und des kindlichen Seins in den Fokus rücken. Dies gefiel mir ausgesprochen gut, da hier einige interessante und tiefgründige Beobachtungen und Gedanken vermittelt werden.

Donald ist ein Vater, der nie wirklich erwachsen geworden ist, sich aber stets bemüht, ein guter Vater zu sein. Er liebt seine Tochter sehr, verbreitet jedoch gleichzeitig immer wieder Unruhe. Die Figur Donald hat mich nachhaltig beschäftigt – sein Vorname könnte evtl. auf den Segler Donald Crowhurst und dessen tragische Gestalt verweisen.

Als Ich-Erzähler entpuppt sich Donald bald als unzuverlässiger Erzähler – ein Stilmittel, das ich grundsätzlich sehr schätze. An einigen Stellen gibt es Einschübe aus Hagars Perspektive, wodurch auch ihre Sichtweise berücksichtigt wird. Die Erzählung ist äußerst spannend und an manchen Stellen sehr bedrohlich; teilweise war es für meine (mütterlichen) Nerven etwas zu intensiv. Eine emotionale Achterbahnfahrt, die ich jedoch durchaus genoss.

Der kurze Roman ist dicht geschrieben, besticht durch eine hohe Spannungskurve und eine feine psychologische Beobachtungsgabe. Er ist tieftraurig, dramatisch und tragisch – allerdings auf einer Ebene, die überraschend anders ist, als man zunächst vermuten könnte.

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Veröffentlicht am 18.02.2025

Sehr berührend und bewegend

Russische Spezialitäten
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Die Familie der Hauptfigur eröffnet in Leipzig ein Geschäft für russische Spezialitäten. Die Eltern, in Russland aufgewachsen, lebten später eine Zeitlang in Kyjiw, wo dann ihr Sohn geboren wurde. Schließlich ...

Die Familie der Hauptfigur eröffnet in Leipzig ein Geschäft für russische Spezialitäten. Die Eltern, in Russland aufgewachsen, lebten später eine Zeitlang in Kyjiw, wo dann ihr Sohn geboren wurde. Schließlich wanderten sie nach Deutschland aus. Der erste Teil des Buches spielt in Leipzig, während der zweite Teil den Sohn zurück nach Kyjiw führt. Dort möchte er sich ein eigenes Bild von der Kriegssituation machen und alte Freunde wiedersehen. Der Buchtitel trägt dabei eine tiefere, mehrschichtige Bedeutung.

Dieser feinfühlige Roman erzählt zum einen eine bewegende Familiengeschichte und setzt sich eindrucksvoll mit den Themen Sprache, Identität, Identitätssuche und Zugehörigkeit auseinander. Besonders im Fokus steht der Konflikt zwischen dem Sohn und seiner Mutter, die sich – für ihn völlig unverständlich – auf die Seite Russlands stellt und der dortigen Propaganda Glauben schenkt. Auch die Beziehung zum Vater ist kompliziert, da dieser an Demenz erkrankt ist. Ein weiteres, sehr bewegendes Thema wird geschickt und aufrüttelnd in den Roman eingeflochten – mehr möchte ich dazu jedoch nicht verraten.

Zum anderen ist dieser Roman vor allem ein eindringlicher Anti-Kriegsroman. Er verdeutlicht die Absurdität des Krieges, die Zerstörung von Menschlichkeit und die tiefen Gräben, die er zwischen Familien und Freunden reißt. Zugleich erhält man viele aufschlussreiche Einblicke in die Ukraine und Russland und die enge, historische Verbundenheit zwischen den beiden Schwesterländern wird ersichtlich.

Die Handlung ist in die aktuelle deutsche Gegenwart eingebettet und thematisiert die wachsende Bedrohung durch den Aufstieg rechtsextremer Parteien. Es wird spürbar, wie fragil das Gefühl von Sicherheit dadurch wird.

Die Geschichte wird aus der Ich-Perspektive der Hauptfigur erzählt, wodurch man seine Gedanken und Gefühle unmittelbar miterlebt. Der Schreibstil ist flüssig und ansprechend, auch wenn ich anfangs etwas Eingewöhnungszeit brauchte. Die Figuren sind lebendig und zugänglich, und man begegnet im Verlauf der Handlung humorvollen, schrägen sowie liebenswerten Charakteren.

Fazit: Ein hochaktueller und tiefgründiger Roman, der Hintergründe beleuchtet, aufrüttelt und zum Nachdenken anregt. Dabei ist er zugleich humorvoll, berührend und sensibel erzählt. Ein absolutes Lesehighlight mit einer klaren Empfehlung!

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Veröffentlicht am 08.02.2025

Wir sind nur so krank wie unsere Geheimnisse

Leuchtfeuer
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Ich hörte das Hörbuch – gesprochen von Julian Horeyseck – und fand, dass er angenehm langsam, sehr nuanciert, vielfältig und eindringlich spricht. Seine Sprechmelodie wirkte allerdings mitunter etwas anstrengend, ...

Ich hörte das Hörbuch – gesprochen von Julian Horeyseck – und fand, dass er angenehm langsam, sehr nuanciert, vielfältig und eindringlich spricht. Seine Sprechmelodie wirkte allerdings mitunter etwas anstrengend, da ein gewisser Pathos mitschwang, der mir nicht immer passend erschien. Insgesamt hörte ich aber sehr gern zu.

Im Mittelpunkt stehen zwei unglückliche Familien, die in der gleichen Strasse leben.

Die Geschwister Theo und Sarah verursachen als Jugendliche einen Autounfall mit schwerwiegenden Folgen; auch ihr Vater, ein Arzt, trägt Mitschuld. Innerhalb der Familie wird nie über das Geschehene gesprochen. Klar und eindringlich werden die Lebenswege aufgezeigt, in denen insbesondere Sarah und Theo an der Schuld sowie dem damit verbundenen Geheimnis bzw. Tabuthema ein Stück weit zerbrechen und in ihrer persönlichen Entwicklung stark behindert werden. So trinkt Sarah, während sich Theo auf keinerlei Beziehungen einlassen kann.

Die zweite Geschichte dreht sich um einen Jungen, der sich im Autismus-Spektrum befindet und von seinem Vater nicht so unterstützt und geliebt wird, wie er es benötigt.

Thematisch stehen Familiendynamiken, Verlusterlebnisse und Schuld im Fokus. Psychologisch fein beobachtet werden die Figuren gut beleuchtet, und ich konnte mich sehr gut hineinversetzen bzw. über sie nachdenken.

Es gibt verschiedene Perspektivwechsel sowie Zeitsprünge, die immer wieder auch mit Vorwegnahmen ergänzt werden. Der Aufbau hat mich jedoch nicht in Gänze überzeugt und fand die Geschichte nicht ganz rund erzählt. Anfangs wusste ich nicht so recht, wohin die Reise geht. Ebenso gegen Ende, wo die Corona Thematik miteinfloss und damit ein weiteres Thema einbrachte, was nicht unbedingt hätte sein müssen, zerfaserte die Geschichte etwas. Inhaltlich stolperte ich zudem über die spirituellen Einflüsse, die es eigentlich auch nicht nötig gehabt hätten. Allerdings liess ich mich darauf ein und denke, dass es doch ein wichtiger Trost in solch schwierigen Verlustmomenten sein kann.

Insgesamt ist das Hörbuch spannend und fesselnd. An einigen Stellen wurde ich tief berührt. Es lädt zum Nachdenken ein und macht deutlich, wie wichtig es ist, miteinander über Probleme zu sprechen und welch destruktive Kraft Geheimnisse und Tabus besitzen. Nicht zuletzt bietet es Trost in verschiedenen Lebenslagen und gibt Mut in entsprechenden Situiationen anders zu handeln, als die Protagonist*innen.
3,5

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Veröffentlicht am 02.02.2025

Hat uns nicht in Gänze überzeugt

Josch der Frosch: Abenteuer im Regenwald
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Dieses Kinderbuch verbindet ein spannendes Abenteuer mit Einblicken in den tropischen Regenwald und dem Thema Zusammenhalt.

Josch, der Rotaugenlaubfrosch, und Daggi, die Stabschrecke, leben gemeinsam ...

Dieses Kinderbuch verbindet ein spannendes Abenteuer mit Einblicken in den tropischen Regenwald und dem Thema Zusammenhalt.

Josch, der Rotaugenlaubfrosch, und Daggi, die Stabschrecke, leben gemeinsam in einem Terrarium in der Biosphäre Potsdam. Eines Tages erscheint ein Pelikan, der sie um Hilfe bittet, da ein riesiges Tier den (indonesischen) Regenwald bedroht. Sie fliegen nun gemeinsam in den Regenwald und treffen auf verschiedene Tiere wie einen Komodowaran, einen Orang-Utan, einen Wasserbüffel und viele andere. Schnell wird klar, dass es sich bei der Bedrohung um Waldarbeiter mit Baggern handelt, die die Bäume fällen. Als es zu einer Konfrontation kommt, bricht auch noch ein Feuer aus...

Die Geschichte ist humorvoll und abenteuerlich gestaltet. Sie wechselt zwischen Fließtext und Sprechblasen, wodurch sie abwechslungsreich bleibt. Die großflächigen, farbenfrohen Illustrationen sind sehr eindrücklich und zeigen auch weniger bekannte Tiere. Nicht immer waren mir die Bilder sympathisch, so fand ich die Menschen nicht ganz gelungen und man musste das Buch auch immer abwechselnd nah und fern halten, da die Größenverhältnisse auf den Seiten unterschiedlich waren.

Am Ende des Buches gibt es eine informative Seite, die kurz auf den tropischen Regenwald, die Abholzung und Schutzmöglichkeiten eingeht. Besonders gelungen ist die Vorstellung des Komodowarans, wobei ich es schön gefunden hätte, wenn auch die anderen Tiere näher beschrieben worden wären.

Für meine fast siebenjährigen Kinder war die Geschichte etwas zu kurz und wirkte an einigen Stellen zu oberflächlich und wenig überzeugend, was irritierte und Fragen aufwarf. Ich denke, das Buch eignet sich gut für Kinder im Alter von 3 bis 5 Jahren, um erste Eindrücke vom Regenwald und seinen tierischen Bewohnern zu gewinnen. Die Informationsseite am Ende richtet sich jedoch eher an ältere Kinder oder Erwachsene.

Das Buch hat einen klaren Bezug zur Biosphäre Potsdam, was mir besonders gefallen hat, da meine Kinder die Biosphäre sehr schätzen. Allerdings war für mich nicht ganz ersichtlich, wie stark der Fokus auf einem werblichen Charakter lag.

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Veröffentlicht am 02.02.2025

Sehr lesenswert!

Halbe Leben
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In diesem Roman werden zwei berufstätige Mütter betrachtet. Sie haben Ähnlichkeiten in ihren Lebensumständen, aber auch erhebliche Unterschiede, welche vor allem in ihrer sozialen und kulturellen Herkunft ...

In diesem Roman werden zwei berufstätige Mütter betrachtet. Sie haben Ähnlichkeiten in ihren Lebensumständen, aber auch erhebliche Unterschiede, welche vor allem in ihrer sozialen und kulturellen Herkunft liegen.

Klara lebt mit ihrem Mann Jakob, ihrer 10jährigen Tochter sowie ihrer dementen Mutter in einem eigenen Haus in Österreich. Sie arbeitet als Architektin. Zur Pflege ihrer Mutter engagiert sie Paulina. Die alleinerziehende Paulina lebt in der Slowakei, mit ihren zwei Söhnen. Sie ist Krankenschwester. Zwei Wochen wird sie sich fortan um Klaras Mutter kümmern und zwei Wochen zu Hause sein. In ihrer Abwesenheit wird sich ihre Ex-Schwiegermutter um die Kinder kümmern. Paulina eigene Mutter ist schon verstorben. Sie selbst hat sie gepflegt und ist dabei sehr an ihre Grenzen gekommen. Paulina benötigt das Geld, um mit ihren Kindern in eine größere und schönere Wohnung zu ziehen.

Klara und Paulina tragen die Hauptverantwortung für die Familie. Die Väter sind eher abwesend oder/ und nicht erwachsen geworden. Beide zerreißen sich zwischen Arbeit und Familie, wenngleich auch aus einer unterschiedlichen Motivation heraus. Beide wollen allem gerecht werden und geraten in Erschöpfungszustände. Beide haben Schwierigkeiten in der Beziehung zu ihren Kindern. Beide benötigen die Großmütter, um ihre Abwesenheiten in der Beziehung zu ihren Kindern abzufedern. Doch das funktioniert nur bedingt und Paulina gerät immer mehr unter Druck...

Dieser fein und psychologisch gezeichnete Roman liest sich spannend und fesselnd. Da das Unglück gleich vorweg genommen wird, wird die Stimmung immer bedrückender, trauriger und steigert sich bis zur Katastrophe.

Ich konnte mit beiden Frauen gut mitfühlen. Beide Frauen sind facettenreich dargestellt, wirkten in ihren Handlungen und Überlegungen überzeugend und in gewissem Maße nachvollziehbar. In den Alltagssituationen konnte ich mich gut wiederfinden. Ich fand es zudem sehr bereichernd, zu sehen, wie beide Frauen mit ihren Herausforderungen und Konflikten umgegangen sind, welche Entscheidungen sie getroffen und welche Prioritäten sie gesetzt haben. Dies regte mich an, auch mein eigenes Leben zu überdenken und Dinge anders zu gewichten.

Der Roman stellt eindringlich und nachdenkenswert wichtige (zeitgenössische) Themen dar: Funktionalität von Familiensystemen, Mehrfachbelastung von Müttern, Rolle der Väter, Beziehung zu den Kindern sowie die Pflegesituation der eigenen Eltern. Es geht zudem um ökonomische Not und soziale Ungleichheit, um Selbstverwirklichung und nicht zuletzt um Schuld und Verantwortung.

Fazit: Ein fesselnder, psychologisch spannender, emotional bewegender und zum Nachdenken anregender Roman. Sehr lesenswert!

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