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Veröffentlicht am 20.07.2021

Die Zuflucht des Gefängnisses

Raum
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„Ich glaube, in der Welt verteilt sich die Zeit ganz dünn überall hin, über die ganzen Straßen und die Häuser und die Spielplätze und die Geschäfte, deshalb gibt es an jedem Ort nur einen kleinen Klecks ...

„Ich glaube, in der Welt verteilt sich die Zeit ganz dünn überall hin, über die ganzen Straßen und die Häuser und die Spielplätze und die Geschäfte, deshalb gibt es an jedem Ort nur einen kleinen Klecks davon, und alle müssen schnell weiter zum nächsten.“

Inhalt

Jack ist 5 Jahre alt geworden, als seine Mutter ihm klar macht, dass die Welt, die er bis dato kennt, gar nicht die richtige ist, sondern nur ein Gefängnis. Ein Bunker, in dem „Old Nick“ ihr Versorger und Peiniger gleichermaßen, sie eingesperrt hält und ihnen damit das Recht auf Freiheit und ein selbstbestimmtes Leben nimmt. Jacks Mutter ist dort schon viele Jahre, nachdem sie mit 19 entführt wurde und an diesen dunklen, traurigen Ort gebracht wurde. Jack mag es gar nicht glauben, dass es außerhalb von „RAUM“ noch etwas anderes geben soll und warum seine Mutter dort unbedingt hinwill und sich nicht länger mit dem gemeinsamen Alltag begnügen möchte. Jack wird zur Schlüsselfigur in einer sorgsam geplanten Flucht aus der Entführungshölle, nur bleibt er auch ein Risikofaktor, denn er kennt überhaupt nichts anderes als seine Mutter, die karge Einrichtung in RAUM und „Old Nick“, doch wenn es ihm nicht gelingt, den Plan nach den genauen Vorgaben einzuhalten, steht ihr Leben auf dem Spiel.

Meinung

Zunächst verfügt dieses Buch natürlich über eine absolut fesselnde Ausgangssituation, die nicht nur den Alltag eines Missbrauchsopfers abzubilden versucht, sondern auch die Schäden, die lebenslange Isolationshaft, ohne Kenntnisse einer normalen Welt nach sich zieht. Umso beängstigender wird das Szenario, weil die irische Autorin Emma Donoghue die Erzählperspektive in die Hände eines Kindes legt, dessen Welt nicht nur winzig klein ist, sondern auch kreuzgefährlich und lebensbedrohlich, sobald eine falsche Entscheidung getroffen wird. Doch gerade diese Sicht auf die Dinge, hat mir zunächst einige Probleme bereitet, denn Jack erzählt mit seinen Worten von einem Alltag, der sich dem Leser erst nach und nach erschließt und oftmals die Schrecken umschreibt, die andernfalls ganz ungefiltert ankommen würden. So versteckt sich der Junge zum Beispiel im Schrank, wenn „Old Nick“ mal wieder Bett quietscht und zählt die Quietscher, bis ein seltsames Stöhnen die Geräuschkulisse unterbricht.

Im ersten Drittel des Buches bin ich gar nicht so richtig damit warmgeworden, doch nachdem es dem Jungen und seiner Mutter tatsächlich gelungen ist, aus „RAUM“ zu fliehen, beginnt für mich der Teil, der einen regelrechten Lesesog verursacht hat, denn plötzlich steht man genauso wie Jack mitten in einer Welt, die so anders und gefährlich ist, dass man sich sehr gut vorstellen kann, warum sich das Kind zunächst in die Sicherheit und Zuflucht seiner bekannten Umgebung zurücksehnt. Gerade der psychologische Aspekt hat mich sehr inspiriert, denn was ist, wenn es nicht nur die vor Angst gepeinigte Mutter gibt, sondern plötzlich andere Kinder, Menschen, Verwandte, Ärzte und eine Welt, die unermesslich groß ist und doch so wenig Anteil nimmt am Leben des Einzelnen.

In nur wenigen Tagen wird Jack mit all dem konfrontiert und versucht, wenigstens ein paar gute Dinge zu finden, die es ihm möglich machen das „draußen“ ebenso zu mögen, wie das „drinnen“, selbst wenn es voller Entbehrungen und Belastungen war.

Fazit

Ich vergebe gute 4 Lesesterne für eine krasse, beängstigende Story, die gerade auf Grund der Erzählperspektive so verstörend wirkt. Und obwohl das Buch keine sensationellen Überraschungen bereithält und trotz der bedrückenden Lage glaubwürdig erscheint, kann man sich der Geschichte bald nicht mehr entziehen und fiebert dem weiteren Geschehen entgegen. Möglicherweise hätte mich das ganze auch auf der Ebene eines Thrillers angesprochen, dann aber aus Sicht der Mutter, die mir hier doch etwas zu blass geblieben ist, was aber nicht an ihrer Persönlichkeit liegt, sondern schlicht und einfach an der Fokussierung des Kindes auf die Umstände.

Auf jeden Fall möchte ich mir hier jetzt die Verfilmung anschauen, denn möglicherweise füllen sich dort die Lücken, die der Text trotz seiner thematischen Dichte hatte. Ich empfehle diese Lektüre gerne weiter, sie vermittelt einen komplett anderen Blick auf die Schrecken einer Entführung und einer langen, ungewollten Haft in den Fängen des Bösen.

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
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Veröffentlicht am 09.07.2021

Alles auf Start

Der Brand
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„Der Verlust trifft sie tief. Bald gibt es niemanden mehr, der ihnen vorausgeht. Peters Eltern leben beide nicht mehr, Edith ist seit 11 Jahren tot und nun Viktor. Nach Ruth werden sie die Nächsten sein; ...

„Der Verlust trifft sie tief. Bald gibt es niemanden mehr, der ihnen vorausgeht. Peters Eltern leben beide nicht mehr, Edith ist seit 11 Jahren tot und nun Viktor. Nach Ruth werden sie die Nächsten sein; es ist sinnlos, darüber zu klagen. Einmal werden sie alle bezwungen sein.“

Inhalt

Die langjährige Ehe von Rahel und Peter durchläuft wieder einmal eine schwierige Phase und der Sommerurlaub, soll die Kluft zwischen ihnen überbrücken. Doch als kurz vor der Abreise der Vermieter ihrer Urlaubsunterkunft anruft und ihnen mitteilt, dass ihr Domizil leider einem Brand zum Opfer gefallen ist, hängt alles in der Schwebe. Stattdessen verbringen sie die nächsten 3 Wochen in der Uckermark und hüten den Hof von Ruth und Viktor, nachdem dieser einen Schlaganfall erlitten hat und seine Frau ihn zur Kur begleiten möchte. Dort bekommen sie auch Besuch von ihren beiden erwachsenen Kindern und verbringen dennoch viele Stunden des Tages allein, ohne Worte füreinander und auf der Suche nach Berührungspunkten, die nach so vielen kleinen Verletzungen untereinander, die Bruchstellen kitten könnten. Sicher, sie haben jahrelang aneinander festgehalten, sind durch viele gute und schlechte Zeiten gegangen, doch nun ist die Hälfte des eigenen Lebens um und man fragt sich ernsthaft, ob es das wert gewesen ist oder nicht. So wie bisher möchte Rahel nicht weitermachen aber ein Leben ohne Peter ist für sie ebenfalls unvorstellbar …

Meinung

Obwohl ich von der Autorin schon ein anderes Buch im Regal stehen habe, war dies mein erster Kontakt mit der 1975 in Neu-Kaliß geborenen Schriftstellerin, die mittlerweile in meiner Heimatstadt Leipzig lebt. Eine Geschichte, so authentisch und tiefgründig, wie das Leben selbst, obwohl hier nichts weiter passiert als das Porträt einer ganz normalen, in die Jahre gekommenen Ehe wiederzugeben und dieses in allen Facetten darzustellen. Beziehungen wie die zwischen Peter und Rahel kenne ich aus dem Bekanntenkreis zur Genüge, manch eine Ehe übersteht auch diese Zeit, wenn die Kinder groß sind und man neue Pflichten als Großeltern übernimmt und manche Ehe tut das eben nicht. Diese Erzählung lebt von einer scharfen Beobachtungsgabe und ehrlicher, wenn auch schmerzhafter Konfrontation mit den Gefühlen, die nicht mehr das sind, was sie einst waren und dennoch nichts von ihrer Präsenz eingebüßt haben.

Erzählt wird der Roman von Rahel selbst, der Ehefrau, die so schwer damit zu kämpfen hat, dass ihr Peter plötzlich keine körperliche Nähe mehr möchte und die Gespräche von einst dem großen Schweigen gewichen sind. Gleichermaßen spürt der Leser aber auch das Ringen der beiden Ehepartner selbst, ob es ihnen nicht doch noch einmal möglich sein wird, einen gemeinsamen Nenner zu finden. Den Text und auch die Story würde ich als authentisch, ruhig und eher schlicht charakterisieren, sie ist lebensnah und ehrlich, beschönigt nichts und stellt auch keine Anklagen. Dennoch dreht es sich um psychische Verletzungen, um die Veränderungen innerhalb einer Paarbeziehung und die ganz normalen Sorgen von Eltern, deren erwachsene Kinder Entscheidungen treffen, die sie selbst nicht sonderlich gutheißen. Die leisen Zwischentöne dominieren das Buch und machen es zu einem einprägsamen Leseerlebnis.

Kritikpunkte finde ich auf den ersten Blick keine und dennoch konnte mich der Inhalt meist nur auf der Verstandesebene erreichen und weniger über die emotionale Seite. Ganz stark hat sich mir der Gedanke aufgedrängt, dass ich für die Beweggründe der Erzählerin einfach noch zu jung bin und das Leben, wie sie es wahrnimmt, stellenweise ganz anders sehe. Beim Lesen dominiert eine gewisse Melancholie, ein Einpegeln auf die Gegenwart, die man sich so nicht unbedingt wünscht, aber deren radikale Veränderung die Rahmenbedingungen nicht aushebeln würde. Diese Art der Anpassung, auf die ersten Alterserscheinungen, das Fügen in längst bekannte Gewissheiten und die Einkehr nach Innen, um dem Äußeren wieder mehr Reiz zu verleihen, sind alles Möglichkeiten, die ich derzeit nur schwer nachvollziehen kann. Und obwohl ich ein absoluter Verfechter von Langzeitbeziehungen bin, und sehr gut nachvollziehen kann, warum man an einer solchen Partnerschaft festhält, scheint mir die Ehe von Rahel und Peter vielmehr eine partnerschaftliche Verbindung zu sein, als tatsächlich noch Liebe.

Fazit

Ich vergebe 4,5 Lesesterne für diesen stillen, ehrlichen Bindungsroman, der einen sehr persönlichen Blickwinkel einer Mittfünfzigerin auf ihre Ehe wirft. Es finden sich zahlreiche Parallelen zu normalen, alltäglichen Beziehungen, die jeder kennt oder zu kennen glaubt. Der Leser erfährt nichts Neues, kann sich aber intensiv mit den Überlegungen der Protagonisten auseinandersetzen. Vielleicht sollte man selbst zur gleichen Altersgruppe gehören oder sogar schon jenseits dieses Jahrzehntes sein, um tatsächlich mitfühlen zu können, um die implizierten Gedanken auch wirklich nachvollziehen zu können. Mir fiel es hier tatsächlich schwer, mich mit der Protagonistin auf einer Ebene zu sehen, obwohl der Text wahrscheinlich genau darauf abzielt – ein Buch für Frauen, Mütter, Lebenserfahrene, mit einem ähnlichen Background und den entsprechenden Erfahrungswerten. Wenn man allerdings über diese Grundthematik nachdenkt, sich vielleicht sogar täglich mit ihr auseinandersetzt, dann könnte ich mir diesen Text als echtes Seelenbuch vorstellen, als eine literarische Vorlage für all das Ungesagte zwischen Partnern, welches dennoch Hoffnungen weckt und über schwierige Lebensphasen hinweghelfen kann. Also ein Lesetipp ist es allemal.

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
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Veröffentlicht am 05.07.2021

Wir waren, die wir waren

Schicksal
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„Was bedeutet schon der Verzicht auf ein bisschen Bequemlichkeit gegenüber dem Streben nach etwas, das größer ist als du selbst, größer als deine Bedürfnisse.“

Inhalt

Ihr kleinster gemeinsamer Nenner ...

„Was bedeutet schon der Verzicht auf ein bisschen Bequemlichkeit gegenüber dem Streben nach etwas, das größer ist als du selbst, größer als deine Bedürfnisse.“

Inhalt

Ihr kleinster gemeinsamer Nenner ist ein Verstorbener Mann, der bei beiden Frauen zu Lebzeiten Spuren hinterlassen hat. Für Rachel war er ein Verbündeter im Kampf gegen die Obrigkeit und ihr erster Ehemann, auch wenn die Verbindung nur ein Jahr hielt. Für Atara war er der Vater, den sie zwar liebte, aber nie richtig durchschaute. Die Tochter setzt nun alles daran, jene alte Frau kennenzulernen, die ihren Vater in jungen Jahren liebte, doch mit dem es keine Zukunft gab. Noch während des ersten Treffens ist sie sich unsicher, was genau sie eigentlich wissen möchte, doch eine seltsame Nähe zwischen den beiden stellt sich dennoch ein. Rachel ist sogar bereit sie nochmals zu empfangen, um ihr mehr zu erzählen, doch Atara trifft dabei eine folgenschwere Entscheidung, die ihr im Nachhinein unverständlich erscheint. Warum nur schenkt sie der Vergangenheit so viel Aufmerksamkeit, während ihr gegenwärtiges Glück restlos zerbricht?

Meinung

Dies war mein erster Roman der Autorin, die bereits zahlreiche Bücher veröffentlicht hat und sich in der zeitgenössischen Belletristik einen Namen erarbeitet hat. Auch der Klappentext hat mich angesprochen, denn eine schicksalhafte Begegnung, die alles in Frage stellt und zahlreiche familiäre Verstrickungen empfinde ich als eine gute Basis für ein Buch über Schuld, Liebe und das Leben selbst. Doch so intensiv wie der Klappentext ist die folgende Geschichte eher nicht, was an allerlei Dingen liegt, die mich im Einzelnen gar nicht so gestört haben, in ihrer Gesamtheit jedoch das Lesevergnügen irgendwie trübten.

Bereits im ersten Drittel des Buches hat mich in erster Linie der zwischenmenschliche Kontext angesprochen, denn die Gefühlsebene der Protagonisten wird lebendig, sie formt aus bloßen Namen echte Charaktere, lässt das Leben authentisch erscheinen und macht Erinnerungen sichtbar, die Spuren hinterlassen haben. Die zahlreichen Sprünge zwischen der Gegenwart und der Vergangenheit haben mich zwar etwas irritiert aber nicht weiter gestört, da der Text von zwei vollkommen verschiedenen Erzählerinnen wiedergegeben wird und diese haben auch einen ganz anderen Hintergrund und damit individuelle Schwerpunkte. Was mir aber zunehmend Bauchschmerzen bereitet hat, war die mäandernde Erzählweise, die einfach nicht auf den Punkt kommt. Mal geht es um zerbrochene Freundschaften, die durch politische Verfolgungen ausgelöst wurden, mal um die Mutterschaft, die anklagend hinterfragt wird und bei der es nicht um die Kinder geht (die noch dazu längst erwachsen sind), sondern um die Mütter und ihre angeblichen Verfehlungen. Alles blieb so seltsam blass und unbestimmt, dass es mir schwerfiel eine gewisse Aussagekraft zu extrahieren.

Im zweiten Teil des Buches verstärkt sich leider dieser Eindruck, mittlerweile geht es eher um den Verlust geliebter Personen und die damit reuevoll einhergehende Selbstzerstörung, die ständig um die Frage kreist: „Warum habe ich mich so entschieden? Hätte ich das Schicksal nicht aufhalten können? Wenn ich mich doch nur anders entschieden hätte, dann wäre alles anders gekommen? Dabei versinkt gerade die jüngere Protagonistin Atara immer mehr in dieser Spirale der Selbstanklage und fällt in eine ausgewachsene Depression, die leider mit der ursprünglich aufgenommenen Handlung nur noch wenig Berührungspunkte aufweist.

Eine Abwärtsspirale setzt ein, die mich als Leser immer mehr auf Distanz bleiben lässt, denn wie müßig und überflüssig sind doch diese Fragen und selbst Antworten würden den Verlust nicht mildern – das ist zu wenig Stoff für ein Buch, welches mit dem Kampf einer Idealistin begonnen hat, die in der Untergrundmiliz gegen die Engländer und für einen israelischen Staat kämpfte. Gerade die fehlenden Berührungspunkte der zwei Frauen, die beide kein leichtes Schicksal hatten, waren mir zu dürftig und ihre Persönlichkeiten über die Länge des Buches doch sehr anstrengend.

Positiv bewerten möchte ich hingegen den Schreibstil, der nicht nur sehr treffende Attribute findet und tiefgreifende Gedankengänge impliziert, sondern sprachlich anspruchsvoll und stellenweise sehr literarisch wirkt. Ebenso treffsicher ist auch die Reflexion der Gedankenwelt gelungen, die mich zumindest in ihrer Ausführung überzeugen konnte, dass diese beiden Pluspunkte allein noch nicht die mäßig interessante Handlung wettmachen, steht auf der Gegenseite und lässt mich zu einer eher mittelmäßigen Bewertung tendieren.

Fazit

Ich vergebe 3 Lesesterne für einen zeitgenössischen Roman, der durch zwei Menschenleben führt und deutlich macht, wie dünn die Verkettung mancher Bindung sein kann, wie willkürlich das Schicksal zuschlägt und welch elementare Spuren es dennoch hinterlässt. Außerdem habe ich mir eine andere Art der Lektüre vorgestellt mit deutlichen Handlungsschwerpunkten und einer größeren Fokussierung.

Dem Text fehlt es an Durchschlagskraft, an Stärke und Bedeutung, dafür bietet er das Psychogramm der menschlichen Anklage gegen sich selbst und fehlerhafte Entscheidungen in Verbindung mit etwas anstrengenden Protagonisten – das muss man hier aushalten können, andernfalls sinkt die Leselust mit jeder weiteren Seite. Der Autorin werde ich aber noch eine zweite Chance geben, hier liegt meine Kritik in erster Linie bei der Handlung, die mich viel zu wenig angesprochen hat, da muss noch ein weiteres Buch mehr Klärung bringen.

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Veröffentlicht am 16.06.2021

Subjektive Unmöglichkeiten

Echo des Schweigens
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„Sie haben getan, was ein guter Verteidiger tut: Sie haben geredet, wo es zu reden galt. Und sie haben geschwiegen, wenn Schweigen das einzig Richtige war. Ein guter Verteidiger weiß, dass es nicht seine ...

„Sie haben getan, was ein guter Verteidiger tut: Sie haben geredet, wo es zu reden galt. Und sie haben geschwiegen, wenn Schweigen das einzig Richtige war. Ein guter Verteidiger weiß, dass es nicht seine Aufgabe ist, Lücken der Anklage zu füllen.“

Inhalt

Hannes Jansen bekommt mit seinem derzeitigen Fall die Möglichkeit zugespielt, sich endlich als würdiger Nachfolger in seiner Kanzlei zu erweisen und damit in die Fußstapfen seines Chefs zu treten, der mit dem Gedanken liebäugelt sich allmählich von der vordersten Anwaltsfront zurückzuziehen, um seinen Ruhestand zu genießen. Umso wichtiger scheint ihm dieser Mordprozess, bei dem ein Polizist, ein Familienvater, ein angesehener Bürger angeklagt wurde, dass er einen bereits inhaftierten Afrikaner in seiner Zelle verbrannt haben soll. Ursprünglich wurde der Beschuldigte schon einmal freigesprochen, weil die Indizien nicht reichten, ihn den Mord zweifelsfrei nachzuweisen. Doch nun existiert ein neues Gutachten, bei dem die Pathologin Sophie Tauber eindeutig nachgewiesen hat, dass die Verbrennungen des Opfers nur durch Fremdeinwirkung und einen Brandbeschleuniger zustande gekommen sein können. Mit Erschrecken stellt Hannes fest, dass es sich bei seiner Kontrahentin vor Gericht um seine neue Bekanntschaft handelt, mit der er eigentlich eine Beziehung beginnen wollte, doch nun stehen sie auf gegnerischen Seiten und zwischen ihnen offenbaren sich ganz verschiedene Ansichten bezüglich Gerechtigkeit, Schuld und Moral. Schlagartig kühlt die erste Leidenschaft wieder ab, aber so ganz können sie nicht voneinander lassen, zumal sich immer mehr Schnittstellen zwischen Sophies Vergangenheit und der von Hannes ergeben …

Meinung

Nachdem ich vor kurzem mit absoluter Begeisterung „Die Wahrheit der Dinge“ gelesen habe, wollte ich unbedingt den vorherigen Roman des als Anwalt agierenden Schriftstellers Markus Thiele kennenlernen und bin mit entsprechend hoher Erwartungshaltung an die Lektüre herangetreten. Und zugegeben, sowohl der Schreibstil als auch der Plot an sich, bieten genau das richtige Maß an Unterhaltung, Spannung und tiefgreifenden Gedankengängen, die ich bei guter Belletristik zu schätzen weiß.

Gerade der Beruf des Strafverteidigers, mit seinen vielfältigen Aufgaben und der ständigen Belastung damit leben zu müssen, möglicherweise einen Mörder zu decken, bzw. dessen Strafmaß ausschlaggebend zu minimieren, wurde hier bestens und glaubwürdig umgesetzt. Insbesondere die Gesprächsanteile zwischen dem Seniorchef der Kanzlei und dem Hauptprotagonisten machen dabei deutlich, wie schmal der Grat zwischen moralischer Vertretbarkeit, tatsächlicher Schuld und gängigen Moralvorstellungen ist. Und dieser Zwiespalt scheint in der Berufsgruppe keine Ausnahme zu sein, sondern sich mit jedem Fall, mit jeder Gerichtsverhandlung zu verfestigen und klare Grenzen zwischen dem persönlichen Empfinden und den tatsächlichen Möglichkeiten der Verteidigung aufzuzeigen. Eine Vermischung zwischen Gesetz und Moral darf nicht erfolgen, wenn man als Strafverteidiger einen guten Job ausüben möchte.

Der Autor entwirft in diesem Roman zwei verschiedene Handlungsstränge, die zwar miteinander in Verbindung stehen, deren klare Zusammenhänge aber erst relativ spät im Text offenbart werden. Neben der gegenwärtigen Gerichtssituation und der Anbahnung einer Liebesbeziehung zwischen Anwalt und Pathologin, reist der Leser in die Vergangenheit und begleitet Sophies Mutter und Großmutter auf deren Lebensreise durch das nationalsozialistische Deutschland.

Mir persönlich hat dieser Schachzug von Markus Thiele nicht so gut gefallen, denn obwohl er das Unterhaltungsniveau des Buches aufwertet, geraten die beiden Handlungsstränge miteinander in Konflikt, insbesondere deswegen, weil sie sich stets abwechseln. Und wenn der Leser gedanklich bei der Judenverfolgung verweilt, schwenkt die Story wieder in den Gerichtsprozess, der damit in keiner direkten Verbindung steht, bzw. umgekehrt. Bei Thrillern mag ich diesen Wechsel zwischen dem Gestern und Heute immer ausgesprochen gern, hier hat mir dieses Spannungselement eher missfallen. Andererseits handelt es sich hier um Kritik auf hohem Niveau, denn über den Aufbau der Story kann man eigentlich nicht meckern und das Lesevergnügen bleibt trotz dieser Unterbrechungen gleichbleibend gut erhalten.

Fazit

Zu 5 Sternen reicht es diesmal nicht ganz aber es werden vier gute Punkte und eine Leseempfehlung meinerseits. Nach wie vor kann ich der Mischung zwischen Fiktion und Realität in der Verhandlungsführung und im Gerichtssaal viel abgewinnen. Im Nachwort richtet sich der Autor dann klar aus und beschreibt, die zu Grunde liegenden wahren Fälle, die er als Ideensammlung für den vorliegenden Roman genutzt hat.

Und darin liegt für mich auch der besondere Reiz der Bücher – weit über die Tatsachen hinaus entsteht eine berührende Geschichte, die sich mit wichtigen menschlichen Grundsatzfragen beschäftigt und den Leser mitnimmt auf die Gedankenreise zwischen Gut und Böse und diversen Schattierungen dazwischen. All die Dinge, die den Berufszweig der Juristerei so trocken erscheinen lassen, werden hier ausgeblendet und stattdessen so komprimiert dargestellt, dass man auch als Laie einen geschärften Blick fürs Detail bekommt. Markus Thiele steht auf meiner Watch-List, sehr gern verfolge ich seine weiteren Ausführungen der zeitgenössischen Gerichtsbarkeit und ihrer Stolpersteine.

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Veröffentlicht am 08.06.2021

Unerlaubt, illegal, unmoralisch

Die rote Frau
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„Die Reichen und Mächtigen haben es sich schon immer richten können. Das war bereits in der Monarchie so und wird in der Republik auch nicht anders werden. Von wegen schöne neue Welt.“

Inhalt

Trotz der ...

„Die Reichen und Mächtigen haben es sich schon immer richten können. Das war bereits in der Monarchie so und wird in der Republik auch nicht anders werden. Von wegen schöne neue Welt.“

Inhalt

Trotz der Tatsache das es Rayonsinspektor August Emmerich nun in die Abteilung „Leib und Leben“ geschafft hat und eigentlich mit Mordfällen betraut werden müsste, hält man ihn an der kurzen Leine, denn seine zielgerichtete, ungewöhnliche Vorgehensweise ist so manchem Kollegen ein Dorn im Auge. Aus diesem Grund sieht er sich eher mit Lappalien konfrontiert, die er abarbeiten muss, um seinen erkämpften Posten zu erhalten.

Andererseits ermittelt die gesamte Abteilung an einem heiklen Mordfall, bei dem ein Gönner der Armen kaltblütig ermordet wurde. Als nun vorzeitig ein armer Obdachloser als Täter dingfest gemacht wurde, den Emmerich aus der Armenunterkunft persönlich kennt, gibt es für den Inspektor nur einen Weg: der Verurteilte ist unschuldig. Allerdings werden die Hebel, die zu dessen Freilassung notwendig wären, einfach nicht bedient. Ungeachtet der Etikette und des Dienstweges, macht sich Emmerich zusammen mit seinem Kollegen Winter auf die Suche nach dem wahren Mörder und sticht damit direkt in ein Nest aus Korruption und dunklen Machenschaften, bei dem die Reichen und Mächtigen der jungen Republik ihre Schäfchen schnell ins Trockene bringen möchten …

Meinung

Dies ist der zweite Band aus der Reihe um Inspektor August Emmerich, der es im Wien des Jahres 1920 abermals mit einem heimtückischen Verbrechen zu tun bekommt. Nachdem ist bereits nach der Lektüre des ersten Bandes absolut begeistert war, wollte ich nun unbedingt die Fortsetzung lesen und abermals freut sich mein Leserherz, ob der spannenden, unterhaltsamen Krimilektüre, die den Zeitgeist gekonnt einfängt und einen sympathischen, wenn auch äußerst sperrigen Hauptprotagonisten auf die Verbrecherwelt loslässt. Für mich ist klar, diese Reihe lese ich ambitioniert weiter, die Folgebände sind schon bestellt.

Tatsächlich gibt es zwei wesentliche Punkte, die mich hier überzeugen: zum einen ist es die Einbettung der Handlung in ein von Hunger, Armut und Korruption geprägtes Großstadtleben, welches ein stimmiges, wenn auch trauriges Hintergrundszenario bietet. Angefangen bei den Kriegsversehrten, hin zu Glücksspiel und Prostitution, über die katastrophalen Wohn- und Lebensumstände der einfachen Bevölkerung bis hin zu den Sympathisanten der Monarchie, die den verlorenen Krieg als eine Schmach empfinden und schon jetzt zu den Wegbereitern der kommenden Jahrzehnte werden. Dieser historische Aspekt ist absolut gelungen und zieht sich wie der rote Faden durch die eigentliche Kriminalhandlung.

Der zweite ausschlaggebende Punkt ist das Ermittlerduo Emmerich/Winter, die so gar nicht zu den anderen Aktenträgern passen und trotz ihrer vielen Unterschiede ein vortreffliches Team abgeben: während der junge Ferdinand, etwas naiv und sehr unbeleckt daherkommt, aber das Herz am rechten Fleck hat, agiert der ältere Emmerich absolut nach seinem Bauchgefühl und folgt seiner oftmals halsbrecherischen, dem Gesetz nur unzureichend verpflichteten Lebenseinstellung. Doch genau diese Zusammenarbeit scheint es zu brauchen, um die wirklich kniffligen Fälle zu lösen. Und so gelingt es den beiden, sich trotz aller Widerstände einen Namen zu machen, denn wer Erfolge vorweisen kann, rückt in der Hierarchie des Polizeiapparates nach oben.

Fazit

Auch Band 2 der Reihe ist mir wieder die volle Punktzahl wert und ich lese gleich weiter mit „Der dunkle Bote“. Vielleicht erfährt man nun noch etwas mehr vom aus dem Ruder gelaufenen Privatleben des Inspektors, der seine Geliebte an ihren zurückgekehrten Mann verloren hat und darunter ebenso leidet, wie unter der Tatsache, dass die Gerechtigkeit nicht siegen könnte. Von mir gibt es eine Leseempfehlung für alle, die einen spannenden Mix aus Krimi, Gesellschaftsstudie und Unterhaltungsliteratur mögen.

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