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Veröffentlicht am 18.01.2020

Zurückgeworfen auf die pure Existenz

Die Wand
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„Ich bin noch lange nicht in Sicherheit. Sie können jeden Tag zurückkommen und mich holen. Es werden Fremde sein, die eine Fremde finden werden. Wir werden einander nichts mehr zu sagen haben. Es wäre ...

„Ich bin noch lange nicht in Sicherheit. Sie können jeden Tag zurückkommen und mich holen. Es werden Fremde sein, die eine Fremde finden werden. Wir werden einander nichts mehr zu sagen haben. Es wäre besser für mich, sie kämen nie.“

Inhalt

Die namenlose Ich-Erzählerin wollte ursprünglich mit ihrer Kusine und deren Mann einen Ausflug in die Berge machen, wo ihre Bekannten eine gemütliche Jagdhütte haben. Doch nach einem Abstecher ins nahe gelegene Dorf, kehren die beiden nicht zurück. Am nächsten Tag beschließt die Frau sich auf die Suche nach ihnen zu machen, stößt aber auf eine durchsichtige Wand, die keine Öffnung und anscheinend auch kein Ende besitzt. Fortan sitzt sie in der Jagdhütte fest, mutterseelenallein und vollkommen auf sich gestellt. Und während sie zunächst noch auf Rettung hofft, lesen wir hier ihren Tatsachenbericht, den sie in den vergangenen zwei Jahren verfasst hat, solange, wie sie noch Papier zur Verfügung hatte …

Meinung

Aufmerksam bin ich auf dieses Buch geworden, nachdem ich zahlreiche positive Lesermeinungen darüber zur Kenntnis genommen habe und da es sich nicht ausschließlich um eine düstere Dystopie zu handeln schien (die lese ich eher ungern), wollte ich diesen Bericht gerne selbst entdecken.

Nach der Lektüre bin ich immer noch etwas zwiegespalten, denn Marlen Haushofer schafft einerseits einen dynamischen, beängstigenden Ausnahmeroman, den man unbedingt gelesen haben sollte, präsentiert andererseits aber eine minimalistische Handlung mit zahlreichen Wiederholungen und für mich schwer nachvollziehbaren Entwicklungen. Leider muss ich sagen, dass ich die meisten Probleme mit der Hauptprotagonistin und ihren Denkweisen hatte, die ich wirklich nur mit viel Geduld ertragen konnte. Denn anders als ursprünglich von mir erwartet, arrangiert sie sich ausgesprochen gut mit ihrem auferlegten Schicksal und findet an ihrem auf die Grundbedürfnisse reduzierten Leben nach gewisser Zeit sogar Gefallen. Mit Bedacht und Ruhe richtet sie sich in ihrem neuen „Zuhause“ ein und stellt ihren Alltag fortan auf die Bedürfnisse der ihr anvertrauten Tiere ein. Ein Hund, eine trächtige Kuh und eine zugelaufene Katze sind ihre einzigen Begleiter in der ansonsten still gewordenen Bergwelt und letztlich auch eine wichtige Nahrungsgrundlage, die es zu pflegen gilt.

Nachdenken möchte sie eigentlich ungern und lässt sich nur hin und wieder, manchmal mitten in der Nacht oder in der spärlichen Zeit mit Müßiggang dazu hinreißen, über ihre Vergangenheit zu grübeln bzw. sich ihre Zukunft auszumalen. Und genau in diesen wenigen Momenten gelingt es der Autorin ganz existenzielle Fragen über den Sinn des Lebens, die Beschränkungen des normalen Alltags und die menschlichen Verfehlungen zu stellen – und immer dann, fand ich die Gedankengänge einfach nur grandios und habe viel über den Text und das Gelesene nachgedacht. Ich glaube, wer sich mit dem Gedankengang, irgendwo ganz allein gestrandet zu sein auseinandersetzt, bleibt fasziniert an den Aufzeichnungen hängen, schon allein weil sich in jeder kleinen Szene das unausweichliche Schicksal des Menschen und seines Daseins offenbart – zurückgeworfen auf die pure Existenz, verliert fast alles, was im normalen Alltag wichtig erscheint an Bedeutung.

Fazit

Ich vergebe gute 4 Lesesterne für diesen äußerst einprägsamen, stillen wie intensiven Roman über ein Leben jenseits der Zivilisation. Definitiv eine Lektüre, die Spuren hinterlässt und sich bestens für Gedankenspiele und Diskussionsrunden eignet. Zum Lieblingsbuch reicht es bei mir leider nicht, dafür fehlte es mir an greifbaren Entwicklungen und einer Parallele zwischen dem Text und dem Leben selbst. Auch die Hintergründe, warum diese Mauer existiert, welchen Zweck sie erfüllt und wieso alles so gekommen ist, lässt die Autorin im Dunkeln – man kann sich diverse Möglichkeiten überlegen, aber geklärt wird keine davon. Außerdem haben mich die depressive Gesamtsituation und die düsteren Prognosen nicht so ganz erreicht, gerade weil es mir nicht gelungen ist, der Frau in der Wildnis emotional näher zu kommen. Trotzdem hat mich dieses kleine Büchlein mit all seinen Denkmustern bewegt, wie es manch 500 Seiten Roman nicht schafft, deshalb kann ich eine klare Leseempfehlung aussprechen.

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 14.01.2020

Viel ist geschehen, noch Schlimmeres wird kommen

1794
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„So ist das Leben. Alles, was hilft, hat gleichzeitig einen Haken, und jeder Weg, der einfach erscheint, ist voller Tücken. Das Leben ist der reinste Irrgarten.“

Inhalt

Jean Michael Cardell ...

„So ist das Leben. Alles, was hilft, hat gleichzeitig einen Haken, und jeder Weg, der einfach erscheint, ist voller Tücken. Das Leben ist der reinste Irrgarten.“

Inhalt

Jean Michael Cardell wird erneut in einen Fall hineingezogen, der wenig Aussicht auf Erfolg verheißt. Eine junge Frau wurde in der Hochzeitsnacht brutal ermordet, die offizielle Verlautbarung geht jedoch von einem Angriff einer Wolfsherde aus, die allerdings jahrzehntelang nicht mehr in den schwedischen Wäldern gesichtet wurden. Der junge Bräutigam, ist mittlerweile ins Irrenhaus eingeliefert, weil er sich selbst die Schuld am Tod seiner Geliebten gibt, obwohl er sich an nichts mehr erinnern kann. Cardell, der Häscher mit dem Holzarm begibt sich in seinem zweiten Fall gemeinsam mit Emil Winge, dem jüngeren Bruder seines verstorbenen Kumpans auf Spurensuche in die dunklen, verruchten Gassen der Stadt. Bald hat das Duo eine mögliche Verbindung zwischen dem mutmaßlichen Täter und seinem gesetzlichen Vormund aufgedeckt, die den Fall in einem ganz anderen Licht erscheinen lässt, doch ihnen sind die Hände gebunden. Denn wenn die Bösen Unterstützung von ganz oben haben und sich bei ihnen das Geld häuft, was anderen zum Leben fehlt, werden die Rufe nach Vergeltung und Gerechtigkeit immer stiller und verstummen bald ganz …

Meinung

Der schwedische Bestsellerautor Niklas Natt och Dag hat bereits für seinen Debütroman „1793“ den Schwedischen Krimpreis erhalten und setzt seine Reihe um das Ermittlerduo Cardell-Winge nun fort. Da ich den ersten Band nicht gelesen habe, fehlen mir einige Zusammenhänge, was sich jedoch im Verlauf der Geschichte nicht dramatisch äußert, denn selbst ohne Vorkenntnisse kann man viele Dinge erschließen, zumal es sich bei der Familie Winge um Geschwister handelt und Band 1 mit dem älteren Bruder besetzt ist, während Band 2 den Jüngeren mit ins Boot holt.


Für mich ist „1794“ in erster Linie ein abwechslungsreicher Unterhaltungsroman, der sich sowohl an die historischen Hintergründe hält als auch kriminalistische Aspekte aufgreift. Für einen „echten“ Krimi fehlte es mir jedoch an Spannungselementen, insbesondere, was das Verbrechen anbelangt und für einen reinen Historienschmöker fehlt dann doch der Realitätsbezug – deshalb macht dieser Genremix zwar durchaus Spaß, spielt aber nicht in meiner persönlichen Höchstliga mit. Herausragend sind die Eindrücke und Szenarien, die der Autor bis ins kleinste Detail entwirft – gerade die Umgebung mit all dem Leid, Dreck und Verruchtsein der damaligen Zeit, entfaltet sich wie ein bunter Teppich vor dem Leser und drängt ihm viele unschöne aber eindringliche Bilder auf. Während des Lesens ist mir klar geworden, dass mich hier eine Verfilmung sicherlich noch mehr ansprechen würde als die literarische Vorlage, allein weil dort die Eindrücke viel kompakter und noch erschreckender wirken könnten.


Inhaltlich agiert der Autor auf verschiedenen Zeitebenen und wechselt auch die Erzählperspektiven – beides jedoch sehr gekonnt, so dass man immer genau weiß, was zu welchem Zeitpunkt geschah. Der Leser kann wunderbar eintauchen in die damalige Zeit, in die Gewalttaten, die ärmlichen Lebensumstände, die vergebliche Liebesmüh einen korrupten Staat zu Fall zu bringen und die bittere Realität der einfachen Bevölkerung. Aus den genannten Gründen erschließt sich für mich auch das unterhaltsame Leseerlebnis, während der Kern der Geschichte letztlich sehr bedeutungslos erscheint und auch nicht lange in Erinnerung bleiben wird.

Fazit

Ich vergebe gute 4 Lesesterne für diesen Fortsetzungsroman, der ein interessanter Genremix aus Historienspektakel und Kriminalfall ist und mich auf seinen gut 500 Seiten in eine andere Zeit entführt hat. Generell kann ich noch nicht sagen, ob ich diese Reihe fortsetzen werde (sofern es einen dritten Band geben sollte), weil mich die Erzählung in ihrer Gesamtheit eher weniger anspricht. Wie so oft bei „dicken“ Büchern habe ich das Gefühl, man hätte den Text auch gezielter zum Ausdruck bringen können und alles Wichtige identisch und komprimiert auf weniger Papier ausdrücken können – für einen Unterhaltungsroman, bei dem man einfach mal die Zuschauerperspektive einnehmen möchte, ist diese Geschichte allerdings bestens geeignet und sehr ansprechend verfasst.

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 19.12.2019

Schlag auf Schlag auf Schlag

Blauschmuck
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„Ich bin in meinem Zuhause, das kein Zuhause mehr ist, das immer meine Rettung in letzter Not war und mich in letzter Not nun nicht rettet.“

Inhalt

Filiz, aufgewachsen in einem kurdischen Dorf verliebt ...

„Ich bin in meinem Zuhause, das kein Zuhause mehr ist, das immer meine Rettung in letzter Not war und mich in letzter Not nun nicht rettet.“

Inhalt

Filiz, aufgewachsen in einem kurdischen Dorf verliebt sich mit 12 Jahren in einen nur wenig älteren Jungen aus der Nachbarschaft. Die Eltern wollen der Verbindung nicht zustimmen, da brennt das junge Mädchen mit dem Geliebten einfach durch und bricht mit ihrem Elternhaus. Ihre Schwiegermutter kommt für die Vermählung der beiden auf und lässt sie bei sich wohnen. Doch schnell muss Filiz erkennen, dass ihr Mann ganz unter der Schirmherrschaft seiner Mutter steht und für die ist Filiz nur eine Dienstbotin, die sie nach Lust und Laune herumschubsen kann. Daran ändert auch die erste Schwangerschaft nichts – sie ist nichts wert, ihr Leben abhängig von der Gunst der anderen. Yunus ihr Geliebter bringt ihr längst kein Gefühl mehr entgegen, maximal beim erzwungenen Geschlechtsverkehr, oder wenn er sie mal wieder grün und blau schlägt. Als es ihm gelingt in Österreich eine Wohnung zu bekommen holt er Filiz nach und diese hofft immer noch auf ein anderes, selbstbestimmteres Leben. Doch Yunus ändert sich nicht, seine Gewalteskapaden werden immer schlimmer und die junge Frau fürchtet um ihr Leben und wenig später auch um das ihrer mittlerweile 3 Kinder. Auch in der Fremde wird sie nie Zuhause sein, solange Yunus an ihrer Seite ist – doch ihre Kraft, sich den Misshandlungen des Mannes zu widersetzen schwindet immer mehr …

Meinung

Die österreichische Autorin Katharina Winkler widmet sich in ihrem Debütroman der Thematik Misshandlung und Gewalt innerhalb der Ehe. Dabei nimmt sie eine wahre Begebenheit als Ausgangssituation, um zu zeigen wie bitter und nachhaltig die Spirale aus Machtmissbrauch, Abhängigkeit und Ausweglosigkeit sein kann, wenn man als Frau nicht nur in eine von Männern dominierte Welt hineingeboren wurde, sondern von klein auf daran gewöhnt ist, dass Frauen von Männern geschlagen werden und dies als normalen Zustand empfindet.

Der sogenannte „Blauschmuck“ bezeichnet die Färbung der Haut an den verschiedensten Körperstellen der Frau in allen nur erdenklichen Nuancen, wenn sie wieder einmal Opfer häuslicher Gewalt geworden ist. Und fast jede Frau in dem kurdischen Heimatdorf der Protagonistin trägt mehr oder weniger „Blauschmuck“ und spricht doch nicht darüber, denn was allen passiert wird zwar geduldet, bleibt aber dennoch Privatsache.

Der Handlungsverlauf dieser Geschichte ist äußerst deprimierend, weil sich die Spirale aus Missachtung und Gewalt immer mehr steigert und nicht nur die Illusionen einer jungen Braut zerstört, sondern letztlich die ganze Familie im Griff hat: Kinder die sich fürchten, weil sie geprügelt werden, eine Mutter die weder Schutzschild sein kann noch die Kraft aufbringt, der Entwicklung etwas entgegenzusetzen. Besonders eindringlich wird die Abstumpfung der Betroffenen geschildert, die einst voller Überzeugung genau diesen Mann geheiratet hat, um mit ihm ihr Glück zu finden und dann feststellen muss, dass Selbstschutz das einzige ist, was ihr geblieben ist. Und obwohl mir persönlich das Gedankengut der Frau, gewachsen auf ihren Erfahrungen sehr fremd ist, schafft es die Autorin den fremden nationalen Hintergrund so zu integrieren, dass ich glaube, Filiz zu verstehen, ohne es tatsächlich nachempfinden zu können.

Ein weiterer Pluspunkt ist die Art von generalistischer Erzählung, die nicht nur den Einzelfall dramatisch wirken lässt, sondern gezielt eine Vielzahl ähnlicher Fälle im Hinterkopf entstehen lässt, von denen man weiß, dass sie fast genauso ablaufen und nur die Namen und die Beteiligten andere sind.

Fazit

Ganz klar ein Roman, der 5 Sterne verdient, weil er in ansprechender literarischer Umsetzung eine bittere, grenzwertige Erzählung schildert, die stellvertretend für viele Familien steht und die trotz ihrer Unglaublichkeit immer noch auf der Tagesordnung steht, sofern ein gewisser kultureller Rahmen gegeben ist.

Im besten Sinne ist dieses Buch emotional, obwohl es niemals so tief geht, dass man es nicht ertragen kann es ist brisant und zeitlos, abstoßend und fordernd zugleich und es bleibt lange in Erinnerung, weil man als Leser sehr viele Aspekte aufgreifen kann, über die es sich nachzudenken lohnt.

Auch die Definition von Liebe muss überdacht werden, nicht nur die zwischen Mann und Frau, sondern auch die zwischen Eltern und Kindern. Und nicht zu verachten der Aspekt der Abhängigkeit, die manchmal unumstößlich, aber nur dann gefährlich ist, wenn der vermeintlich „Stärkere“ seine Position ausnutzt, um sein Gegenüber zu unterdrücken. Ein absolut lesenswerter, zeitloser Roman über wahrgewordene Albträume, ständige Ängste und den Verlust eines sicheren Zuhauses.

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Veröffentlicht am 09.12.2019

Mein Bild ohne dich

Tage des Verlassenwerdens
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„Was für ein kompliziertes, schaumiges Gemisch ein Paar doch ist. Eine Beziehung mag sich abnutzen und enden, um dennoch auf unsichtbare Weise weiterzuwirken, sie stirbt nicht, sie will einfach nicht sterben.“

Inhalt

Die ...

„Was für ein kompliziertes, schaumiges Gemisch ein Paar doch ist. Eine Beziehung mag sich abnutzen und enden, um dennoch auf unsichtbare Weise weiterzuwirken, sie stirbt nicht, sie will einfach nicht sterben.“

Inhalt

Die achtunddreißigjährige Turinerin Olga gerät in eine ganz klassische Trennungssituation, die für sie dennoch unheimlich plötzlich kommt. Ihr Mann hat eine andere, viel jüngere Frau und lässt sie mit den gemeinsamen Kindern und dem Hund sitzen. Eigentlich glaubte sie, eine glückliche Ehe zu führen und kann es nicht fassen, das Mario, ihr Geliebter nichts mehr von ihr wissen will. Ehrlich und schonungslos setzt sie sich mit der bitteren Wahrheit auseinander und versucht nebenbei ihren Alltag zu meistern. Doch schon bald muss sie feststellen, dass sie restlos überfordert ist, dass ihr ganzes Dasein auf die Existenz ihres Mannes gerichtet war und sein Part nun nicht mehr besetzt ist. Immer mehr verstrickt sie sich in Gedankenspielen und verliert die Realität zunehmend aus dem Auge. Der Umstand, dass ihr Mann, einen derartigen Vertrauensbruch begehen konnte, treibt sie an den Rand des Wahnsinns und sie versucht wie eine Ertrinkende den Fluten zu entkommen …

Meinung

Da ich bereits etliche Bücher der unter Pseudonym schreibenden Autorin Elena Ferrante gelesen habe, war ich mir durchaus bewusst, dass ich hier einen Roman mit einer eigenwilligen, interessanten, wenn auch nicht liebenswürdigen Protagonistin zu lesen bekommen würde. Allerdings war mir die hier vorliegende Charakterisierung dermaßen überspitzt und hochdramatisch umgesetzt, dass ich mich zunehmend über die Entwicklung der Erzählung geärgert habe.

Prinzipiell finde ich die intensive Auseinandersetzung mit der Trennungsthematik aus Sicht einer nichtsahnenden Frau sehr reizvoll, kann man doch ihr aufgezwungenes Leiden nachempfinden, ihr Unverständnis und größtenteils auch noch die Wut. Selbst Rachegedanken lassen sich implizieren und auch die Tatsache, dass diese Schmach von außen, zugefügt vom untreuen Gatten, das Selbstbild ins Wanken bringt.

Aber leider schmiedet die Autorin einen anderen, viel differenzierten Plot, der von obszöner Sprache und derben Gesten unterstrichen wird. Denn Olga leidet nicht nur, sie versinkt regelrecht in einem Sumpf am Rande des Wahnsinns, den sie mit Hysterie durchlebt und vollkommen hilflos sich selbst gegenüber erscheinen lässt. Diese Überspitzung der Ausgangssituation hat mich maßlos geärgert, denn einmal abgesehen davon, dass mir die emotionale Trauer gefehlt hat, weil Olga diese nicht zulässt oder im Kern erstickt, begibt sie sich auf einen Weg, auf dem ihr das Selbstbild wichtiger ist, als ihre Verantwortungsposition gegenüber den Kindern.

Gerade ihre Rolle als Mutter, ist für mich absolut abschreckend und überhaupt nicht mehr nachvollziehbar geschildert. Hinzu kommt ihr liebloser Versuch, alles beim Alten zu belassen und sich auf den Alltag zu konzentrieren, obwohl sie spürt, dass sie das allein nicht schaffen kann.

Fazit

Obwohl der Schreibstil intensiv und ansprechend wirkt, einmal abgesehen von derben sprachlichen Worten, konnte mich dieser Roman inhaltlich nicht überzeugen, deshalb vergebe ich hier wirklich nur 2 Lesesterne.

Viel zu lange verharrt er bei einer Frau, die das Bild von sich neu erschaffen muss und ihre bisherige Lebensweise elementar umstülpt, um wieder zu sich selbst zu finden. Dadurch, dass sie ihr direktes Umfeld so sträflich mit hineinzieht und es dennoch außen vorlässt, entsteht ein erschreckendes Porträt, bei dem ich mich tatsächlich emotional auf der Seite des Ehebrechers gesehen habe, denn wer so mit seinen Liebsten umgeht, verdient sie nicht wirklich.

Als Mutter finde ich ihre Handlungen einfach nur verantwortungslos – wenn sie sich den Strapazen nicht gewachsen sieht, müsste sie doch Hilfe holen. Gerade die Beziehung zwischen ihr und den Kindern wirkt mehr wie ein ungesundes Abhängigkeitsverhältnis, als eine Bindung aus Wärme und Zuneigung. Mir war das Gesamtkonzept zu hysterisch, zu skurril und viel zu unrealistisch, da hilft dann leider auch nicht die interessante Hintergrundgeschichte über die Verarbeitung eines persönlichen Verlusts.

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Veröffentlicht am 09.12.2019

Die Wahrheit ist die Lüge, an die du glaubst

Das Erbe
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„Es fiel mir leichter, davon zu träumen, dass ein Leben als Familie wieder vorstellbar wäre, als das Risiko einzugehen, diesen Traum aufgeben zu müssen.“

Inhalt

Für Wolf ist der Begriff Familie etwas ...

„Es fiel mir leichter, davon zu träumen, dass ein Leben als Familie wieder vorstellbar wäre, als das Risiko einzugehen, diesen Traum aufgeben zu müssen.“

Inhalt

Für Wolf ist der Begriff Familie etwas sehr Unbestimmtes, denn seine Mutter hat ihm nicht nur eine Krankheit angedichtet, sie hat sich, nachdem sein Stiefvater die Lüge aufgedeckt hat, sogar das Leben genommen. Nun wächst Wolf bei seinem Großvater auf, während sein Halbbruder gemeinsam mit dem Stiefvater das Land verlässt. Diese frühzeitige Prägung begleitet den Heranwachsenden wie ein dunkler Schatten und er merkt, dass er zu normalen sozialen Bindungen nur begrenzt fähig ist, denn Menschen machen ihm Angst. Nur bei seiner Freundin Lina findet er Unterstützung und etwas später auch die große Liebe. Vollkommen unerwartet tritt wenig später der verschollene jüngere Bruder Freddy in sein Leben und erzählt von seiner ebenso schwierigen und gewaltbehafteten Kindheit in der Fremde. Für Wolf ist klar, diesmal will er es besser machen und für seinen Blutsverwanden da sein. Aber Freddy bleibt undurchschaubar, er verschwindet und taucht wieder auf, gerade so wie es ihm beliebt. Er lebt an der Grenze zur Kriminalität und lässt sich nicht in die Karten schauen. Letztlich freut sich Wolf, dass Freddy wieder seiner Wege geht. Doch als er nach Jahren erneut auftaucht und ominöse Todesanzeigen verschickt, fühlt sich Wolf mit seiner Familie bedroht und auch die Ehe scheint dem bedrohlichen Außenstehenden nicht gewachsen zu sein …

Meinung

Allein die Kurzbeschreibung des Verlages, und die Andeutung der Handlung erschienen mir äußerst reizvoll, gerade wenn es einmal nicht um das finanzielle Erbe einer Familie geht, sondern das mentale, so bin ich direkt dabei. Da es sich bei dem Autor oder der Autorin R.R. Sul um ein Pseudonym handelt, kann man nur spekulieren, warum er oder sie unentdeckt bleiben möchte - mir ist es eigentlich einerlei, Hauptsache der Inhalt stimmt. Und ganz so sah es aus, nachdem ich die ersten Seiten gelesen hatte.

Wolf, der Hauptprotagonist verfügt über eine ausgesprochen eingängige Erzählstimme, die ihn sofort irgendwie sympathisch macht, obwohl sich bald herausstellt, dass seine Psyche mehrfach angeknackst ist. Alles was er rückwirkend beleuchtet, und wie im Vorwort angedeutet, seinem Enkelsohn hinterlassen möchte, ist ein authentischer Abriss über sein Leben, mit vielen dunklen Flecken auf der Familiengeschichte und zahlreichen persönlichen Verfehlungen. Absolut treffsicher ist das Verhältnis zwischen familiärer Verantwortung und Distanz beschrieben. Die ständige Stimme im Hinterkopf, die ihn müßigt, nochmals Kontakt zu suchen, sich nicht einfach abwimmeln zu lassen und letztlich doch eine Entscheidung gegen einen Menschen und für eine Sache zu treffen – all das lässt sich wunderbar nachvollziehen und intensiv erörtern.

Dennoch entwickelt sich der Text für mich zu einer Art Gedankenexperiment, dem es im Verlauf immer mehr an Glaubwürdigkeit und Realitätsnähe fehlt. Spätestens als die Schuldfrage in Verbindung mit unterschwelliger Manipulation immer mehr in den Vordergrund rückt, habe ich mich innerlich von dem Text abgewandt, obwohl er immer noch eine äußerst mitreißende Erzählung darstellt. Das größte Manko dieses Buches ist das Fehlen einer konkreten Aussage, und sein es auch nur ein greifbarer Höhepunkt. Weder die Personenkonstellation noch der Lauf der Zeit bringen ein Ergebnis hervor, alle Schilderungen sind lediglich Episoden auf einem langen Weg, dessen Ende weder der Tod noch das Leben sind. Mit viel Phantasie kann man sich auch den langsamen Verfall eines Mannes vorstellen, den das Leben gebeutelt hat und der immer nur nach Schuldigen sucht, selbst aber nicht in der Lage ist, klare Grenzen zu ziehen. Ein Mann, der zum Spielball anderer wird, sich dessen durchaus bewusst ist und trotzdem nicht aus seiner Haut kann. Leider bleiben auch diese Gedanken stecken, weil es mir nicht möglich war, folgerichtige Schlüsse zu ziehen.

Fazit

Für diesen unterhaltsamen, sehr spannenden Roman über Abhängigkeiten und Randexistenzen, Familienbande und das schwere Erbe einer belasteten Kindheit vergebe ich gute 4 Lesesterne. Wenn es dem Leser gelingt, über die Glaubwürdigkeit und den Wahrheitsgehalt hinwegzusehen, dann kann er auch mit dem offenen Ende umgehen, wenn nicht, dann folgt spätestens dort die Enttäuschung. Schreibtechnisch und inhaltlich ist die Thematik unverbraucht und bringt nicht nur Unterhaltung, sondern setzt auch das Gedankenkarussell in Bewegung. Gerade die existenziellen Fragen, die immer wieder auftauchen, animieren zum Grübeln. Sehr oft habe ich mich gefragt, wie ich in der entsprechenden Situation reagiert hätte und was genau den Protagonisten eigentlich so zusetzt – wirklich schlau geworden bin ich aber bis zum Ende nicht.

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