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Veröffentlicht am 01.04.2026

Der Wolf bleibt heute zu Hause

Das Signal
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„Sollte das wirklich der Grund sein, wäre es klüger, ich würde damit aufhören, unsere Beziehung retten zu wollen, denn dann muss ich wohl befürchten, dass er nach einem Ausweg aus unserer Ehe sucht, der ...

„Sollte das wirklich der Grund sein, wäre es klüger, ich würde damit aufhören, unsere Beziehung retten zu wollen, denn dann muss ich wohl befürchten, dass er nach einem Ausweg aus unserer Ehe sucht, der nichts mit Scheidung zu tun hat.“

Inhalt

Viola hat nach einem tragischen Unfall im eingestürzten Weinkeller ihr linkes Bein verloren. Ihr Mann Adam engagiert sofort eine Pflegerin für sie und leitet sämtliche Formalitäten in die Wege. Doch die Beziehung hat schon länger Risse, so das Viola befürchtet, dass Adam möglicherweise mehr weiß, als er vorgibt. Leider kann sie sich nicht an das Unglück erinnern und wittert bald hinter jeder Äußerung eine Falle. Damit sie nicht untätig herumsitzen muss und vom Schicksal eingeholt wird, installiert sie ein kleines, feines Überwachungssystem. Mehrere Mini-Tracker, platziert an den richtigen Stellen, geben Ihr Auskunft über den Aufenthaltsort ihres Mannes, der Pflegekraft, ihrer Freundin, des Autos und ihrer Gehhilfen.

Viola findet bald Gefallen an ihrem neuen Hobby und deckt immer mehr traurige Wahrheiten und Zusammenhänge auf: ihr Mann scheint eine Affäre mit ihrer Freundin zu haben, die Pflegekraft soll sie in Schach halten und von irgendwelchen Schritten abhalten, die Adam zum Verhängnis werden könnten. Für ihren Unfall jedoch, muss es eine andere Erklärung geben. Als nach und nach die Erinnerung zurückkehrt, ahnt sie, dass es eine weitere Möglichkeit gäbe, wie sie Adam eine Falle stellen kann und gleichzeitig den zweiten Verdächtigen aus dem Weg räumt…

Meinung

Da ich sowohl die Bücher der Autorin gerne lese, als auch Thriller mit ungewöhnlichen Plots, stand dieser Spannungsroman hier weit oben auf meiner Wunschliste. Und ich wurde nicht enttäuscht. Anfangs hat mich das tiefe Misstrauen der Protagonistin gegenüber ihrem Mann etwas irritiert und auch die Tatsache, wie mühelos sie sich in ihr eigenes Schicksal hineinfindet, aber nach den ersten Seiten verflüchtigt sich dieser Eindruck und weicht einer spannenden Story über Verrat, Missgunst und Bösartigkeit.

Viola wird dabei von ihren Mitmenschen permanent unterschätzt, obwohl sie sich sehr gut in einer Welt, die sich gegen sie verschworen hat, zurechtfindet. Zielgerichtet verfolgt sie ihre eigenen Pläne und lässt sich von Rückschlägen nicht entmutigen. Die konsequente Erzählperspektive der Ich-Erzählerin macht es besonders interessant, weil man dadurch selbst nur ein eingeschränktes Sichtfeld hat. Außerdem hütet sie auch ein Geheimnis, welches die Motivlage des Anschlags auf sie sehr eindeutig werden lässt.

Fazit

Sehr gerne vergebe ich hier 5 Lesesterne für einen temporeichen, interessanten Thriller, der das Augenmerk nicht auf Mord legt, sondern auf Hinterhältigkeit, Rachsucht, Betrug und Manipulation. Abwechslungsreich und unterhaltsam gestalten sich die einzelnen Szenen und der Leser wird zum Miträtseln animiert. Die Protagonisten punkten alle nicht mit vorbildlichen Charakteren und jeder trägt eine dunkle Seite in sich, deshalb ist das Identifikationspotential eher gering, dafür bleibt der Unterhaltungsfaktor das bestechende Argument und lässt die Lesezeit wie im Flug vergehen.

Veröffentlicht am 13.02.2026

Die Nacht bleibt wach

Der letzte Sommer der Tauben
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"Nein, Tauben sind wohl keine Bedrohung - sind weder atheistisch noch religiös. Westlich sind sie auch nicht."

Inhalt

Es ist noch nicht lange her, da haben die Mudschahedin die Willkürherrschaft übernommen ...

"Nein, Tauben sind wohl keine Bedrohung - sind weder atheistisch noch religiös. Westlich sind sie auch nicht."

Inhalt

Es ist noch nicht lange her, da haben die Mudschahedin die Willkürherrschaft übernommen und das Kalifat ausgerufen. Doch sehr schnell und direkt wird ihre Herrschaft manifestiert, indem rigorose, oft tödliche und sofortige Strafen verhenkt werden, bzw. auf offener Straße Demütigungen stattfinden. Es ist unmissverständlich: Wer sich nicht an die Vorgaben der Herrschenden hält, wird bestraft und bezahlt sein Ungehorsam mit dem Leben. Noah´s Familie ist gläubig aber auf eine ganz entspannte Art, man bemüht sich um ein gutes Miteinander und sorgt sich um die Seinen. Die nun regierende Strenge erlegt seiner Familie viele Bürden auf. Trotz der Tatsache, dass sich seine Angehörigen weitestgehend an die neuen Gesetze halten, erkennt Noah, dass jedwedes Andersdenken gefährlich sein kann. Als sein geliebter Onkel Ali, mit dem ihm die gemeinsame Taubenzucht verbindet, in einer Nacht und Nebelaktion fliehen muss, ahnt der Jugendliche das es kaum möglich sein wird, sich unter dem Radar der Regierenden zu verstecken.

Meinung

Dies ist bereits das dritte Buch des in Bagdad geborenen Abbas Khider, welches ich gelesen habe. Seine Romane thematisieren meist bewegende Familiengeschichten vor der Kulisse eines totalitären Staates. Auch hier findet er mühelos vom Kleinen ins Große: von praktizierenden Taubenzüchtern, die eine gemeinsame Passion verbindet, bleibt letztlich nur eine traurige Hobbygemeinschaft, die um ihre Mitglieder fürchtet und jeglicher Illussion beraubt wird. Es wird eindrücklich vermittelt, wie gezielte Verfolgung, Bestrafung und Unterdrückung aussieht und was sich dadurch in den Menschen verschiebt, je nachdem, wie alt, gesund und motiviert sie sind. Die Versprechen, die dem Einzelnen gegeben werden sind nur so lange gültig, wie dieser sich als nützlich erweist - jede Abweichung wird eliminiert.

Der Text selbst ist in kleine Passagen unterteilt, die Momentaufnahmen darstellen und durch den Filter des Jugendlichen an den Leser weitergereicht werden. Düstere Wolken türmen sich immer mehr auf und als selbst die Taubenzucht reglementiert und teilweise untersagt wird, erkennt auch der Junge, das Angst und Schrecken zum probaten Mittel gegen die Freiheit geworden sind. Die Geschichte birgt auf ca. 200 Seiten viele Weisheiten, sie regt zum Nachdenken an und beweist, das kleine Verschiebungen genügen, um ein ganzes Volk zu spalten.

Fazit

Ich vergebe gute 4 Lesesterne für diesen augenöffnenden, schlichten Roman, der mit wenig Worten vermag, sehr viel auszudrücken. Der Schreibstil war mir stellenweise etwas zu sachlich, was sicherlich auch an der gewählten Erzählperspektive lag, denn Noah ist ein gut erzogener, bisher meist angepasster stiller Teenager, der sich in erster Linie durch seine Freunde und Tauben verstanden fühlt. Die Reaktionen innerhalb seiner Familie und die bösartigen Entwicklungen, die immer mehr für Entzweiung sorgen, nimmt er wahr, doch lässt auch vieles unkommentiert bzw. schreckt er vor seinen Beobachtungen zurück. Am nächsten habe ich mich seinem Onkel Ali gefühlt, demjenigen, der schon viel gesehen und erlebt hat und sehr genau weiß, wann es an der Zeit ist, Vorkehrungen für ein anderes Leben zu treffen. Es hat mir ausgesprochen gut gefallen, dass die Inhalte hier metaphorisch vermittelt werden - die Tauben sind die Sinnbilder für die Hoffnung der Menschen und sie akzeptieren ihr Leben in Gefangenschaft genau so stoisch, wie es der Mensch können müsste, um unter diesen Bedingungen irgendwie existieren zu können. Doch sobald sich der Käfig öffnet, wissen die Tiere ganz genau, wohin sie müssen und wie sich Leichtigkeit und Zusammenhalt anfühlt.


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Veröffentlicht am 07.02.2026

Das Lied meines Herzens

Kleopatra
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" So ist das mit den Geschichten, du musst immer auch die Geschichte des Erzählers kennen."

Inhalt

Als ihr Vater stirbt, rückt die junge Kleopatra in der Geburtenreihenfolge auf seinen Platz. Fortan ...

" So ist das mit den Geschichten, du musst immer auch die Geschichte des Erzählers kennen."

Inhalt

Als ihr Vater stirbt, rückt die junge Kleopatra in der Geburtenreihenfolge auf seinen Platz. Fortan soll sie als Pharaonin die Geschicke ihres Heimatlandes Ägypten leiten und lenken. Sie selbst nimmt die Herausforderung an, fühlt sich mit Land und Leuten eng verbunden und möchte, das Ägypten stark, autark und voller Wohlstand bleibt. Doch die Ränkespiele ihrer jüngeren Geschwister, die mit ihren Gegnern unseelige Verbindungen schließen, zwingt sie dazu, sich Verbündete aus Rom zu holen. Sie wendet sich an Julius Caesar, der ebenfalls ein Weltreich führt und ihr als Freund des verstorbenen Vaters seine Unterstützung zusichert. Doch die beiden verbindet bald mehr als nur politisches Interesse. Der römische Kaiser verfällt der deutlich jüngeren Kleopatra schnell und sie planen gemeinsam weiter zu regieren. Doch auch Caesars Gegner schmieden unheilvolle Pläne und die Geschichte nimmt ihren Lauf ...

Meinung

Hier war meine Neugier von Anfang an geweckt, denn obwohl ich schon einige Sachbücher über Kleopatra gelesen habe , wurde hier bereits klar kommuniziert, das es sich nicht um ein weiteres historisches Werk handelt, sondern um einen fiktiven Roman, in dem Kleopatra selbst ihre Geschichte erzählt. Die Idee fand ich sehr reizvoll und wollte mich gern mit den Gedanken der jungen Königin auseinandersetzen, auch wenn die Wahrheit hier natürlich keine sein wird, sondern lediglich der Phantasie der Autorin Saara El-Arifi entsprungen ist.

Ganz im Gegenteil, ich wollte mich auf die Spuren der Ägypterin begeben und habe mir erhofft, ihrem Denken und Handeln näher zu kommen. Prinzipiell hat mich dabei auch nicht die Fokussierung auf die Männer in Kleopatras Leben gestört auf wildes Begehren und Seelenverwandschaft. Trotzdem bin ich vom Gesamtpaket etwas enttäuscht.

Die Hauptprotagonistin bleibt mir hier leider viel zu blass, ich hatte das Gefühl keine echten Emotionen und Gedanken wahrzunehmen, sondern solche, die stets bemüht sind das Bild der Pharaonin aus der Historie mit dem als Frau in Einklang zu bringen. Geschwisterbeziehungen, Männerliebschaften und Mutterliebe sind zentrale Punkte im Handlungsverlauf, bleiben aber viel zu unbestimmt. Kleopatra sieht sich hier selbst in ihrer Rolle als historische Figur und versucht im Nachhinein ihre eigenen Gedanken zu den verfälschten, bruchstückhaften oder beschämenden Kommentaren der Schreiber darzulegen. Das ganze wirkt wie eine Rechtfertigung, für all die Dinge in ihrem Leben, die sie mit Schuld besudelt haben aber auch mit Glanz und Glorie. Lange Zeit hat es für mich keinen Sinn gemacht, warum sie als eine Art auktoriale Erzählerin auftritt, obwohl ich doch auf den inneren Monolog gehofft habe. Erst im Epilog erschließt sich der Zusammenhang, der mich allerdings noch wesentlich stärker mit den Augen hat Rollen lassen. Diese Wendung erklärt zwar einiges, verdirbt aber die Story nachhaltig und lässt mich hier nur zu einer mittelmäßigen Bewertung kommen.

Fazit

Für diesen fiktionalen Roman über das Leben und Wirken der sagenumwobenen Pharaonin vergebe ich 3 Lesesterne. Die Idee dieser Erzählung hätte äußerst vielversprechend sein können und eventuelle historische Faux-Pas hätte ich verziehen, doch die fehlende Nähe zur Erzählerin, ihr ständiges Kalkül sich selbst gegenüber und die Oberflächlichkeit mit der sie ihre Gedanken beschreibt, haben mich als Leser im Stich gelassen. Tatsächlich hatte ich nach dieser Lektüre eher das Gefühl eine schwächere Person kennengelernt zu haben, als das Bild jener Frau, die ich bisher vor meinem inneren Auge hatte, auch wenn dieses lediglich aus dritter oder vierten Hand stammen mag. Die schillernde, besondere Frau, die mit Kalkül ein Weltreich regiert, wirkt hier eher schwach, einsam und abhängig von anderen, obwohl sie ja genau dies weder war noch sein wollte. Es gibt bestimmt viele Leser, die an dieser Geschichte mehr Gefallen finden, sie ist kurzweilig, bildlich beschrieben und entwirft einen stimmigen Hintergrund. Vielleicht liest sich der Text mit weniger Kenntnissen und anderen Erwartungen richtig gut, für mich war es leider nicht das Richtige.

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Veröffentlicht am 01.12.2025

Mama ist tot und Papa ein Mörder

Da, wo ich dich sehen kann
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"Trauer hat die unangenehme Eigenschaft, einen einzukapseln und irgendwie abzuspalten von allen anderen. Es ist ein zutiefst persönliches Gefühl, das eine Art unsichtbareMembran um einen zieht."

Inhalt

Maja ...

"Trauer hat die unangenehme Eigenschaft, einen einzukapseln und irgendwie abzuspalten von allen anderen. Es ist ein zutiefst persönliches Gefühl, das eine Art unsichtbareMembran um einen zieht."

Inhalt

Maja findet ihre leblose Mutter im Wohnzimmer und verständigt den Notarzt. Als die Sanitäter kommen, offenbart sich Ihnen ein Familiendrama - der Vater hat die Mutter stranguliert, die 9-jährige Tochter steht fassungslos daneben und sucht all die Schuld bei sich, denn eigentlich hatte sie Papa viel lieber als Mama und die beiden haben immer so laut gestritten, ganz gewiss wegen ihr. Nun ist Mama tot und Papa ein Mörder. Die kleine Welt des Kindes zerbricht von jetzt auf gleich. Zunächst kommt Maja zu den mütterlichen Großeltern, auch wenn die viele Kilometer weit weg wohnen, nach dem richterlichen Beschluss jedoch zu den Großeltern väterlicherseits. Das Kind fängt an, sich selbst zu verletzen, wegzulaufen und sich in ernste Schwierigkeiten zu bringen. Nur Mamas beste Freundin Liv, die selbst maßlos trauert, schenkt Maja ein bisschen Geborgenheit und erklärt ihr nicht nur das Universum, sondern auch, warum sie keine Schuld an den Entwicklungen trägt und ihre Mama sie ganz gewiss lieb hatte ...

Meinung

Von der Autorin habe ich bereits zahlreiche Bücher gelesen, die ich alle gern mochte, deshalb war ihr neuester Roman förmlich "Pflichtlektüre" für mich. Außerdem ist die Thematik des Femizids eine ganz besondere, die deutlich macht, wie schlimm das Leben mancher Frau unter der Hand eines gewaltätigen Mannes ist. Und dabei kann man die zahlreichen Familiendramen, die fast täglich durch die Medien flimmern, als Außenstehender vielleicht ausblenden, oder die Opfer bemitleiden, warum sie es nicht geschafft haben, sich von den Fesseln der Partnerschaft zu befreien, doch so einfach ist es nicht.

Im vergangenen Jahr hat in meinem Bekanntenkreis ein ähnliches Verbrechen stattgefunden. Opfer und Mörder waren zwar erst Anfang 20, aber die zurückgewiesene Liebe des einen, hat den anderen vorsätzlich zur Tat verleitet - letztlich sind zwei junge Menschen dem Mord bzw. Selbstmord zum Opfer gefallen und keiner der Hinterbliebenen hätte diese Entwicklung kommen sehen, geschweige denn verhindern können - die Ohnmacht der Trauernden ist auch in diesem Roman die grundlegende Komponente.

Gerade die Perspektivenvielfalt verleiht dem Text eine immense Tiefe, jede Zeile ist harter Tobak und ich musste ganz oft die Tränen wegblinzeln . Die psychologische Betreuung der Hinterbliebenen scheint mir enorm wichtig und wird auch hier angesprochen und gelebt, auch wenn man sieht, wie schwer der Zugang zu den Menschen herzustellen ist, die sich immer selbst in der Verantwortung für das große Unglück sehen.

Fazit

Ich vergebe 5 Lesesterne für dieses bemerkenswerte Buch, welches sehr nahbar und ehrlich die Schrecken in scheinbar "ganz normalen" Familien heraufbeschwört. Fraglich bleibt, ob irgendwer hätte die Tat verhindern können, doch letztlich kann man keine Antwort auf diese Frage finden. Es hat mich froh gestimmt, dass trotz der traurigen Grundstimmung und des vorherrschenden Schmerzes so viel Zusammenhalt zwischen den Menschen existiert, dass zumindest in diesem Fall ein Kind einen sicheren Zufluchtsort findet und sich irgendwann mit den unbeschreiblichen Taten angstfrei auseinandersetzen kann. Der Text ist zudem abwechslungsreich gestaltet, beinhaltet Kinderzeichnungen, psychologische Gespräche, Gerichtsurteile und Gutachten - viele Personen wirken mit, wenn es heißt, wieder einen Alltag zu bewerkstelligen, obwohl die Trauer das dominante Gefühl aller zu sein scheint und geliebte Menschen unwiderruflich ihren Status verlieren oder das Leben selbst.

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Veröffentlicht am 16.10.2025

Willst du Beute sein oder zum Jäger werden?

Asa
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" Manchmal wiederholt sich die Geschichte, als wäre die Zeit unzufrieden damit, wie schlecht sie einst behandelt wurde. Als wollte sie eine Erneuerung, als wäre ein Ausgleich möglich. Dem ist aber nicht ...

" Manchmal wiederholt sich die Geschichte, als wäre die Zeit unzufrieden damit, wie schlecht sie einst behandelt wurde. Als wollte sie eine Erneuerung, als wäre ein Ausgleich möglich. Dem ist aber nicht so. Es gibt keinen Ausgleich, so wenig, wie es Gerechtigkeit gibt. Es gibt nur den Versuch, die Zeit und ihre Launen zu verstehen."

Inhalt

Asa Kolbert hat ihren Mann ermordet, sie saß dafür 6 Jahre im Gefängnis, ihr Mann hat Schuld auf sich geladen, so unwiderruflich, dass es Asa ein Bedürfnis war, ihm seiner gerechten Strafe zuzuführen. Und nun ist sie zurück in einem Leben, welches von Anfang an unter dunklen Geheimnissen und tödlichen Psychospielen stand. Sie stammt aus einer Familie, in der das Wissen um die Schwächen der Menschen hoch gehalten wird: nur die Starken können überleben, nur die Jäger haben eine Chance. Asa´s Vorfahren haben ein perfides Spiel etabliert und eine tödliche Gemeinschaft gegründet, aus der Asa um jeden Preis entkommen wollte. Und nun hat sie erstmals in ihrem Leben die Chance, jene zur Strecke zu bringen, die sie einst nur als einfache Beute sahen und denen sie als Teenager nur mühsam und unter Qualen entkommen konnte. Doch Asa wurde ausgebildet, sie kennt die Gesetze des Stärkeren und sinnt auf Rache, die Vernichtung bringt und die Lebensflamme ihrer Peiniger auslöscht ...

Meinung

Die war mein erster Thriller aus der Feder des aus Kroatien stammenden Autors, der bereits mit dem Friedrich-Glauser-Preis geehrt wurde. Die Leseprobe konnte mich fesseln, und hat sofort eine dramatische Stimmung und düstere Gedanken aufkeimen lassen. Und tatsächlich ist es der ungewöhnliche Erzählstil, der diesem Buch die ganz besondere Note verleiht. Hier tritt der ermordete Ehemann als Erzähler auf, seine Stimme förmlich aus dem Jenseits beschreibt für den Leser die breite Palette der grausigen Voraussetzungen, die hier zur vordergründigen Story gehören. Jedoch steht vielmehr die dunkle Familiengeschichte und die historischen Entwicklungen einer Sippe und ihrer Dorfgemeinschaft im Fokus. Das Buch konzentriert sich in weiten Teilen an dem Damals, an den Ursachen und Gegebenheiten, die Asa zu der Person gemacht haben, die sie nun ist - eine ausgebildete, skrupellose Mörderin auf dem persönlichen Rachefeldzug.

Die knapp 700 Seiten schmücken zwar oft auch kleine Handlungsstränge und Nebenschauplätze aus, entwickeln aber einen starken Lesesog und viel Verständnis für die Täterin. Zu viele skrupellose Mörder sind ihr begegnet und waren ihre Ausbilder, zu perfide ihr ganzes Leben, als das es auch nur möglich gewesen wäre, einen harmlosen Verlauf herbeizuwünschen. Der geneigte Leser trifft hier zahlreiche Psychopathen, gestörte Menschen, die ihrerseits dafür sorgen, dass sie nicht alleine bleiben, die morden ohne spezielle Hintergedanken und wenn dann nur aus dem Grund, die vermeintlich Schwächeren zu dezimieren, oder ihre eigenen Rechte durchzusetzen.

Fazit

Ich vergebe gute 4 Lesesterne für ein wirklich ungemein spezielles Buch, welches nicht den Mainstream bedient und dennoch viel Grauen erzeugt. Wer es liebt, in alte Geschichten einzutauchen, Familiengeheimnisse aufzudecken und das Böse aus nächster Nähe erleben möchte, der findet in diesem Thriller einen würdigen Verbündeten. Seltsam emotionslos und mit ausreichend Distanz taucht man direkt ins Grauen hinein und muss sich immer wieder innerlich schütteln, ob der obskuren Gedankengänge der Täter und ihrer Helfer. Hier geht es weder um Verständnis, noch um Mitleid - alle handelnden Personen glauben an eine bittere Theorie, die es ihnen unmöglich macht, anders zu handeln und keiner traut dem anderen über den Weg, jeder Jäger könnte zur Beute werden und jede Beute zum Jäger, wer sich falsch entscheidet bezahlt mit dem Leben und empfindet dies als absolute Gerechtigkeit ...