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Veröffentlicht am 23.09.2020

Die Stimmen der Opfer

Und auf einmal diese Stille
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Die Anschläge des 11. September wird wohl kaum einer vergessen können, der damals schon im "erinnerungsfähigen" Alter war. Dass sich dieses Ereignis vor wenigen Tagen bereits zum 19. Mal gejährt hat, hat ...

Die Anschläge des 11. September wird wohl kaum einer vergessen können, der damals schon im "erinnerungsfähigen" Alter war. Dass sich dieses Ereignis vor wenigen Tagen bereits zum 19. Mal gejährt hat, hat mich allerdings doch etwas erstaunt und mich darüber nachdenken lassen, wie dieses Erleben auch mich beeinflusst hat.

Für mich bedeutet dieser Tag ein schreckliches Geschehen, das ich aus der Ferne beobachtet habe, das für mein Leben aber keine direkten Auswirkungen hatte. Ich konnte die Ereignisse im Kopf nicht emotional einordnen, die Opfer waren gesichtslos. Zudem haben sich in den letzten Jahren zu viele Anschläge ereignet, die auf ebenso grausame Art und Weise unschuldige Menschenleben gekostet haben.

Aber wie war es für die vielen direkt Betroffenen? Die in den Türmen Eingeschlossenen; die Angehörigen, die an diesem Tag oft nicht nur einen wichtigen Menschen verloren haben; die Hunderte an Ersthelfern, Hilfskräften, Feuerwehrmännern und Polizisten und nicht zuletzt die Passagiere der Flugzeuge, die sehenden Auges in den Tod flogen, ohne sich wehren zu können.

"Herb Ouida (World Trade Centers Association, Nordturm, 77. Stock und Vater von Todd Ouida, Cantor Fitzgerald, Nordturm, 105. Stock): Wie jeden Morgen verließen mein Sohn Todd und ich gemeinsam das Haus, um zur Arbeit zu fahren, denn Todd arbeitete im World Trade Center bei Cantor Fitzgerald. Als wir Hoboken erreichten, sagte ich zu Todd: "Warum kommst du nicht mit mir und nimmst die Fähre? Es ist so ein schöner Tag." Er antwortete: "Nein Dad, es ist mir zu kalt draußen." Ich sagte zu ihm: "Hab einen schönen Tag, mein Bester." Das waren meine letzten Worte an ihn."

Dieses Buch gibt genau diesen Menschen eine Stimme, lässt den Leser an ihren Emotionen und Erlebnissen teilhaben; diesen Tag auch für mich zu einem realen Ereignis werden. Die Zitate sind in chronologischer Reihenfolge aufgeführt, die Kapitel teilen den Tag in die einzelnen Ereignisse, verbinden die Einzelschicksale miteinander. Ohne auszuschmücken oder zu beschönigen wird man mit den nackten Tatsachen konfrontiert und so mitten ins Herz getroffen.

"Bruno Dellinger (Firmeninhaber, Quint Amasis North America, Nordturm, 47. Stock): Während ich nach unten ging, liefen sie nach oben in ihren Tod. Und ich lief nach unten, um zu leben. Das werde ich nie vergessen."

Und doch hat die Sache einen kleinen Wehrmutstropfen. Denn die Aussagen, die vor allem von den interviewten Politikern wie Condoleezza Rice oder auch Geroge W. Bush getroffen werden, zeigen, wie sehr sich die Weltanschauung der Amerikaner von der der restlichen Welt unterscheidet (und erklärt auch, wie ein Mann mit dem Wahlspruch "America first" Präsident werden kann).

" Condoleezza Rice: Mein erster Gedanke war, der Welt eine Botschaft zu übermitteln, dass die Regierungsspitze der Vereinigten Staaten nicht ausgeschaltet worden ist. Diese Bilder müssen erschreckend gewesen sein. Es muss so ausgesehen haben, als ob die Vereinigten Staaten von Amerika sich in Auflösung befänden. Die Herausforderung für mich bestand darin, einen kühlen Kopf zu bewahren und sicherzustellen, dass die Leute auf der ganzen Welt nicht in Panik gerieten."

An manchen Stellen hatte man das Gefühl, die Sätze stammten direkt aus einem Drehbuch für ein amerikanisches Kriegsepos, es war einfach etwas übertrieben und hat mich eher mit den Augen rollen lassen als emotional mitgerissen zu werden.

Für mich wichtig war auch das Nachwort des Autors, rückte es doch den Inhalt des Buches in den richtigen Kontext. Hat man aufgrund des Klappentextes und der Werbung, die für dieses Buch gemacht wird, noch das Gefühl, ein einzigartiges, allumfassendes Dokument Zeitgeschichte in der Hand zu halten, so wird nun klar, dass es vor allem nicht das erste seiner Art ist. Vielmehr ist es ein konzentrierter Extrakt, zusammengeführt aus verschiedenen Oral Histories und Archiven, aus 1000 Seiten Zeitzeugenberichten wurden zum Schluss die wichtigsten oder aussagekräftigsten 500 Seiten herausgefiltert. Das macht das Buch nicht weniger wichtig oder umfassend, sollte aber trotzdem auch Erwähnung finden. Zudem steht zwar nur ein Autor auf dem Titelblatt, der Inhalt ist aber eher die Zusammenarbeit gefühlt hunderter Autoren; Garrett M. Graff hat einfach die richtig Idee gehabt, die richtigen Fragen gestellt.

Alles in allem wird es aber ein Buch sein, dass mich noch lange Zeit beschäftigen wird. Die Opfer, die diese Anschläge gefordert haben, werden nicht vergessen und ihre Stimmen hallen in meinem Kopf nach.

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 23.09.2020

Das Ende der Welt

Kalmann
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...zumindest fühlt es sich so an, wenn man in Raufarhöfn lebt. Am nördlichsten Zipfel von Island gelegen, liegt dieses Dorf und stirbt dank Fischfangquote und dem Wegzug der jungen Leute den langsamen ...

...zumindest fühlt es sich so an, wenn man in Raufarhöfn lebt. Am nördlichsten Zipfel von Island gelegen, liegt dieses Dorf und stirbt dank Fischfangquote und dem Wegzug der jungen Leute den langsamen Tod, ein Schicksal, dass es sich mit vielen anderen abgelegenen Dörfern teilt. Doch dieses Dorf hat zumindest Kalmann, den geistig eingeschränkten Haifänger, der dank Cowboyhut, Sheriffstern und Coltholster gerne als Dorfsheriff durch die Gegend streift. Für Raufarhöfn und seine Einwohner ändert sich alles, als er nach einem seiner Streifzüge von einer Blutlache berichtet.

"Kalmann" ist ein karger Krimi mit Lokalkolorit, der perfekt die eisige und auch emotionale Kälte der isländischen Weite wiederspiegelt. Die Menschen sind dort genauso wie ihre Umgebung, als hätte das raue Klima auch sie abgeschliffen und vor allem abgehärtet. Da sticht der junge Kalmann, der sein Herz auf der Zunge trägt, den Menschen mit überrumpelnder Offenheit begegnet und seine Wut oft körperlich zum Ausdruck bringt, enorm hervor.

Und doch zeigt Joachim B. Schmidt in seinem Buch, wie Inklusion geht. Auch wenn sich die Geschichte offenkundig zu allererst um einen Kriminalfall dreht, schneidet sie doch auf subtile Weise auch andere wichtige Themen an und führt einen unter anderem auch in die gesellschaftspolitischen Problemzonen eines weiten, rar besiedelten Landes nahe des Polarkreises ein.

Fazit: Auch wenn dieses Buch mein romantisiertes Bild von Island zerstört hat, weckt es doch die Reiselust in mir und ändert mein Weltbild in mehr als einer Weise.

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 23.09.2020

Enttäuschend fehlgeleitete Aussagekraft

Super reich
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Zunächst einmal muss ich sagen, dass ich mit überragend hohen Erwartungen an dieses Buch herangegangen bin. Allein mit diesem winterlich verschneiten Cover hat es den Weihnachtsliebhaber in mir angesprochen, ...

Zunächst einmal muss ich sagen, dass ich mit überragend hohen Erwartungen an dieses Buch herangegangen bin. Allein mit diesem winterlich verschneiten Cover hat es den Weihnachtsliebhaber in mir angesprochen, ich habe mich auf eine heimelige Geschichte mit Happy End gefreut.

Und so fängt das ganze ja auch an: Der junge Rupert wächst in einer Familie mit unzähligen Geschwistern auf, die Mutter ist maßlos überlastet, der Vater arbeitslos. Selten bringt die Familie am Abend genug Essen auf den Tisch, um alle satt zu bekommen. Und nun im Winter frieren alle, denn natürlich reicht das Geld nicht für warme Kleidung oder Schuhe. Dann platzt Rupert durch einen Unfall in die Weihnachtsfeier der superreichen Familie Rivers und erhält einen EInblick in eine völlig andere Welt.

Bis hierhin gelesen hätte ich das Buch in den Himmel gelobt, die Atmosphäre stimmte ud auch die moralische Kernaussage dieses ersten Teils (was ich bei einem Kinderbuch immer ganz wichtig finde) kam klar formuliert rüber.

Ab da driftet das Buch aber in eine vollkommen skurrile Richtung, wird unstrukturiert, verliert den roten Faden und vor allem den Fokus "was möchte ich meinem jungen Leser vermitteln" aus den Augen.

Die Figuren fand ich eigentlich gut skizziert, nicht zu glatt, mit Ecken und Kanten. Ihr Verhalten hingegen (besonders das der Reichen) ist dermaßen unmoralisch und bleibt aber gleichzeitig auch konsequenzlos, dass ich mich des Öfteren gefragt habe, was man den Lesern hier eigentlich vermitteln möchte. "Pass bloß auf, dass du auf der richtigen Seite der Stadt landest, damit du dir alles erlauben kannst was du willst"? "Und wenn du damit andere verletzt, frage nicht sie, wie du das wieder gutmachen kannst, sondern verfolge einfach weiter deine eigenen Interessen und lass den anderen einfach daran teilhaben; das wird ihm dann schon gefallen"? Ich habe ein großes Problem damit, dass diese fragwürdigen Handlungen oft unkommentiert stehen gelassen wurden, ohne darauf hinzuweisen, dass man es eben nicht so machen sollte.

Das größte Problem, dass ich allerdings mit diesem Buch hatte, ist die toxische Beziehung von Ruperts Eltern und vor allem die Rolle, die Ruperts Mutter in der Familie einnimmt. Gerade in unseren heutigen Zeiten, in denen Emanzipation und Gleichberechtigung groß geschrieben wird, finde ich es dermaßen falsch, die Mutter als ein naives Dummchen darzustellen, dass auf den Quatsch eines Vollversagers von Vater reinfällt, sich von ihm ein Dutzend Kinder machen lässt und nichts dagegen unternimmt, dass der faule Sack den ganzen Tag vor dem Fernseher hängt und sie die ganze Arbeit und Verantwortung am Hals hat. Auch der Umgang mit den Kindern ist über die Maßen lieblos und auch verantwortungslos. Auch das Rollenbild der Familie Rivers ist ähnlich rückständig strukturiert: in diesem Fall geht der Mann arbeiten, die Frau bleibt als hübsches Anhängsel zuhause. In die Familie eingeheiratete Frauen werden übrigens nicht als vollwertiges Familienmitglied akzeptiert und nach dem frühzeitigen Tod des Mannes ausgesondert.
Gerade an dieser Stelle hätte eine korrekte Einordnung in richtig und falsch Sinn gemacht. Aber auch das wird wieder vollkommen kommentar- und folgenlos hingestellt, sodass sich der Leser bzw dessen Eltern dann mit der Aufklärung beschäftigen dürfen.

Insgesamt sticht in diesem ganzen Buch das Konzept des Verlages klar hervor. Der Verlag Freies Geistesleben hat sich die Regeln der Waldorfpädagogik groß auf die Fahnen geschrieben. Deren Grundsätze Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit kommen in diesem Buch offensichtlich so zum Tragen, dass jeder die Freiheit besitzt, das Buch für sich so zu interpretieren wie er es möchte. Die Verantwortlichkeit gegenüber seiner Um- und Mitwelt, von der in der Waldorfpädagogik die Rede ist, vermisse ich in dieser Geschichte dagegen völlig.

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 23.09.2020

Etwas zu oberflächlich

Die Tanzenden
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"Die Tanzenden"- der Titel klingt nach einem locker-leichten Buch und auch das bunte Cover täuscht darüber hinweg, dass Victoria Mas hier ein dunkles Kapitel Pariser Geschichte anschneidet.

Denn im Paris ...

"Die Tanzenden"- der Titel klingt nach einem locker-leichten Buch und auch das bunte Cover täuscht darüber hinweg, dass Victoria Mas hier ein dunkles Kapitel Pariser Geschichte anschneidet.

Denn im Paris Ende des 19. Jahrhunderts fürchtet sich jede Frau vor dem großen Gebäude im 13. Arrondisement, das die Unliebsamen, die unangepassten Frauen verschluckt und nur selten wieder ausspuckt. In der Salpêtrière werden die Hysterikerinnen, Epileptikerinnen und alle, die dafür gehalten werden, vor männlichem Publikum von männlichen Ärzten "behandelt" (allein die Vorstellung der damaligen Praktiken treibt mir die Gänsehaut den Rücken hoch) und sind ihrer Wilkür vollkommen ausgeliefert.

Dieses Schicksal haben auch Eugénie und Louise ereilt, täglich betreut von einer Schar schnatternder Krankenschwestern unter Anleitung der altgedienten Oberschwester Genevieve, die sich geistig von ihrem Alltag abgeschottet hat.

Allein die teilweise sehr detailierte Schilderung des Klinikalltags und des Umgangs der Götter in weiß mit den Frauen konnte mich emotional berühren. Die untergeordnete Rolle der Frau wird immer wieder aufgegriffen und mit sprachlicher Gewandheit dargelegt. Leider hat man des Öfteren das Gefühl, bekannte Phrasen zu lesen, die dargestellten Bilder schon zu oft gesehen zu haben; es wirkt oft etwas abgedroschen und zu plakativ.

Und auch die verschiedenen Frauenbilder, die die Geschichte beleben sollen, bleiben etwas zu blass. Auf die Ausarbeitung der Charaktere hätte man viel mehr Sorgfalt verwenden sollen, ihnen mehr Zeit und Platz einräumen.

Das Buch ist kurz, liest sich dank des flotten Schreibstils auch zügig, aber es fehlt etwas die Seele, der Tiefgang um aus einer guten Wochenendlektüre ein bewegendes, gutes, wichtiges Buch zu machen.

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 22.09.2020

Erwartet großartig

Das Lied des Wolfes
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Seitdem ich Anthony Ryans Draconis Memoria-Reihe gelesen habe, bin ich ein großer Fan seiner Bücher und vor allem seines epochalen Schreibstils.

Allein deswegen wollte ich dem Auftakt seiner neuen Trilogie, ...

Seitdem ich Anthony Ryans Draconis Memoria-Reihe gelesen habe, bin ich ein großer Fan seiner Bücher und vor allem seines epochalen Schreibstils.

Allein deswegen wollte ich dem Auftakt seiner neuen Trilogie, die auf seinem Erstlingswerk, der Rabenschatten-Trilogie, basiert, unbedingt eine Chance geben. Und auch obwohl mir dieses Vorwissen gefehlt hat, war es großartiges Popcornkino für die Vorstellungskraft.

Vaelin al Sorna, der Held der Vorgänger-Bücher, ist von seinem ruhigen Alltag als Turmwächter der Nordlande etwas gelangweilt. Umso schneller folgt er einer Nachricht übers Meer, derzufolge sich eine dunkle Macht erhebt und seine ehemalige große Liebe bedroht.

Dem sehr detailreichen Schreibstil des Autors hat man es zu verdanken, dass man der Geschichte auch als Neuling sehr gut folgen kann. Ohne den Leser zu langeweilen reist man durch interessante Landschaften zu mittelalterlich anmutenden Kulturen, begleitet von interessanten Figuren, deren Charakterschwächen sie überaus menschlich wirken lassen. Besonders der große Held der Geschichte hat es mir angetan, wirkt er doch in keiner Weise übermenschlich, trotz seiner vielen Erfolge und Siege im Kampf.

Und auch die fantastischen Elemente, auch wenn sie weniger greifbar wirken, haben mich fasziniert.

Besonders gelungen fand ich aber das Aufeinandertreffen der verschiedenen Kulturen, haben sie mich doch sehr auf die Unterschiede zwischen Europäischem Westen und Fernem Osten erinnert.

Fazit:
Insgesamt sehr gelungen und auch für Quereinsteiger eine sehr lesenswerte High Fantasy.

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere