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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 09.11.2025

KInder gewollt, ungewollt

Die Kinder von Bilbao
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Der Roman trägt wohl deutliche autobiografische Autorin: eine Tochter, die entdeckt, dass ihre Eltern nicht ihre leiblichen Eltern sind. Wer sind diese? Wer ist sie selbst? Wo kommt sie her?
Dabei sind ...

Der Roman trägt wohl deutliche autobiografische Autorin: eine Tochter, die entdeckt, dass ihre Eltern nicht ihre leiblichen Eltern sind. Wer sind diese? Wer ist sie selbst? Wo kommt sie her?
Dabei sind auch ihre Eltern einmal Kinder gewesen, die ihre Eltern weggegeben haben. Sie waren ungewollt, wollten aber selber Kinder, die sie nicht bekommen konnten. Tragischer Weise können sie – vielleicht auch aufgrund ihrer Erfahrungen in ihrer Kindheit – ihrer angenommenen Tochter keine wirklich guten Eltern sein. Man könnte von vererbten Leid oder Trauma sprechen, nur mit der Ironie des Schicksals ohne wirkliche Vererbung.
Mir ist das Buch fremd geblieben. Für mich wird sehr häufig die Darstellung von Ekeligem, Abstoßendem, Rohen zelebriert, ohne dass sich mir erschlösse, warum. So z. B. das Schlachten und Ausnehmen eines Tintenfisches gleich zu Beginn, während sich dabei ein Geburtsprozess in Gang setzt. Auch die Protagonistin bleibt mir fremd: Ich kann mir schon vorstellen, dass es eine Erschütterung ist, zu erfahren, dass man adoptiert wurde, besonders wenn man die Umstände der Adoption hier mitbedenkt. Ich kann mir auch vorstellen, dass es das eigenen Leben aus den Fugen reißt und das Verhältnis zu den Eltern infrage stellen kann. Allerdings ist das Leben der Protagonistin schon vorher aus den Fugen und ihr Verhältnis zu den Eltern sehr fragwürdig. Von daher kommt an Ende das Bekenntnis zu den Adoptiveltern als Eltern für mich sehr unvermittelt und wenig nachvollziehbar.
Das Thema von Adoption, insbesondere illegaler, und die Auswirkungen auf die Opfer finde ich sehr wichtig. Aber vor allem durch die Art der Darstellung ist mir kein Zugang zu dem Schicksal der Protagonistin gelungen, und ich habe das Buch nicht wirklich gern gelesen.

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Veröffentlicht am 09.11.2025

Ein Buch zum Innehalten

Wilder Honig
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Nach dem Tod ihres Mannes enthüllt er seiner Frau Hannah in Briefen, die er ihr hinterlassen hat, ein Geheimnis das ihr Leben im Nachhinein in den Grundfesten erschüttert. Dabei war ihr Leben wie das ihrer ...

Nach dem Tod ihres Mannes enthüllt er seiner Frau Hannah in Briefen, die er ihr hinterlassen hat, ein Geheimnis das ihr Leben im Nachhinein in den Grundfesten erschüttert. Dabei war ihr Leben wie das ihrer Schwester Sadie und auch das von Megan, die alle drei im alten Obstgarten der Familie, wo Hannah noch immer lebt, aufeinander treffen, alles andere als einfach. Das Jahr, in dem der Leser die drei begleitet, bringt in ihrem Leben viel in Bewegung. Und die Bienen und die Äpfelbäume tragen ihren Teil dazu bei, dass sich das Beziehungsgefüge der drei neu ausrichten kann, indem es sich an der Natur und ihrem steten Wandel orientiert.
Die Naturbeschreibungen in diesem Roman sind großartig und sehr intensiv. Man wäre als Leser selbst gern in diesem alten Garten. Bei der Betrachtung der Verlaufes der Natur innerhalb eines Jahres enthüllt sich dem Leser zum einen die Härte allen Lebens, das durch Werden und Vergehen gekennzeichnet ist. Zugleich bietet es ihm eine Reichhaltigkeit und Fülle, die kein menschengemachtes Leben je ersetzen könnte. In den Betrachtungen findet sich eine Tiefe und eine Ruhe, die nicht nur die Figuren des Buches zum Innehalten und Bedenken des eigenen Lebens veranlasst. Das Wunder, das sich täglich vor unseren Augen um uns herum in der Natur vollzieht, im Großen wie den Jahreszeiten wie im Kleinen, z. B. in einem Bienenstock oder im Wachsen eines Apfelbaumes macht die Autorin für uns erlebbar und erfahrbar, die wir im Alltag des Geschehens den Bezug zur Natur häufig vernachlässigen oder gar ganz verdrängt haben. Die Figuren des Romans nutzen die Herausforderungen, aber auch das Angebot der Natur, des Zurückgeworfenseins auf das Elementare und auf sich, um ihren Lebensweg zu überdenken. Und dass es dazu nie zu spät ist, zeigt sich daran, dass die Protagonistinnen ganz unterschiedlichen Alters sind und ganz unterschiedliche Lebensentwürfe haben.
Für mich ein besonders intensives Leseerlebnis waren die Briefe von John an seine Frau Hannah: Sie thematisieren neben der individuellen Lebensthematik sehr viele allgemeine Themen, wie die Unzulänglichkeit von Sprache, die Frage von Schuld und Vergeben, die Vergeblichkeit, etwas Geschehenes oder Gesagtes im Nachhinein ändern zu können. Und sie verraten sehr viel Interessantes und Wissenswertes über die Bienen, die oftmals Spiegel sind für das menschliche Leben, denn auch in ihrem Leben geht es um Sprache, um die Erwartungshaltung anderer an das Leben, um Vergeblich- und Vergänglichkeit und um das Überleben.
Ein sehr bedächtig geschriebenes Buch über die Frage, wie man leben will und kann, wobei der Rhythmus der Natur einen sehr gelungenen Rahmen dafür gibt, innezuhalten und nachzudenken.

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Veröffentlicht am 16.10.2025

Was kann und was darf Kunst?

Die Ausweichschule
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Kaleb Erdmann, einst Schüler des Gutenberg Gymnasium in Erfurt und gerade in der 5. Klasse, als der Amoklauf des ehemaligen Schülers Robert Steinhäuser ganz Erfurt erschütterte, schreibt in diesem Roman ...

Kaleb Erdmann, einst Schüler des Gutenberg Gymnasium in Erfurt und gerade in der 5. Klasse, als der Amoklauf des ehemaligen Schülers Robert Steinhäuser ganz Erfurt erschütterte, schreibt in diesem Roman über sich selbst, wie er versucht, einen Roman über den Amoklauf in Erfurt zu schreiben. Dabei geht es weniger um den Amoklauf selber, als um den Romanautoren und sein Ringen mit seinen Erinnerungen und der Fragen, wie und ob er sie überhaupt in Kunst fassen kann und darf. Welche Aufgabe hat Kunst? Was kann Kunst leisten? Was darf Kunst, was nicht? Darf sie „in fremden Töpfen rühren“ und alte Wunden wieder aufreißen oder soll sie sogar Geschehenes vor dem Vergessen bewahren? Kann sie bei der Bewältigung helfen und wenn ja, wie?
Sehr differenziert und ohne jeglichen Betroffenheitskult schreibt der junge Autor über einen jungen Autor, seinen Schreib- und Verwerfungsprozess. Er hat keine fertigen Antworten, dafür stellt er aber umso klügere Fragen. Er misstraut sich und seiner Erinnerung, worauf er aber voll vertrauen darf, ist seine Sensibilität im Umgang mit den schrecklichen Ereignissen, seine schonungslose Ehrlichkeit auch in Bezug auf sich selbst und seine Bereitschaft, auf fertige Antworten und auch einen fertigen Roman über das Thema zu verzichten. In Auseinandersetzung mit anderen Versuchen zu diesem und Themen ähnlicher Art führt er dabei ein spannendes Zwigespräch mit der Kunst. Dabei schreibt er in einem sehr angenehmen Schreibstil, der den Leser gut durch den schwierigen Stoff trägt und ihm diesen teils etwas hilflos wirkenden jungen Mann sehr sympathisch werden lässt. Ein wenig irritierend ist die Vorliebe des Ich-Erzählers dafür alles, was er isst, auch genauestens zum Gegenstand seines Schreibens zu machen. Genauso wirken die oft unangenehmen Eindrücke und Bilder, z. B. von einer Kunstinszenierung mit rohen Fleisch oder die Szene, in der sich der Erzähler in der Klokabine eines ICE umziehen muss, weil er seine Unterkunft auf seinen Recherchereisen fluchtartig verlassen hat. Auch seine Attitiüde, während der Übernachtung in fremden Zimmern in eine Wasserflasche zu urinieren, ist nicht gerade das Appetitlichste. Aber diese Details werden immer entweder im Roman selbst reflektiert oder gehören irgendwie zum Gesamtbild.
Auf jeden Fall ein spannend zu lesenden, nachdenklich stimmendes Buch weniger über das Thema Amoklauf als über das Thema des adäquaten Umgangs mit einem Ereignis, auf das keiner vorbereitet war, insbesondere in der künstlerischen Darstellung. Lohnenswert zu lesen.

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Veröffentlicht am 13.10.2025

Die schönste Zeitverschwendung der Welt

Es könnte so einfach sein
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Während der Literaturkritiker und Nachbar der Bestseller-Autorin Vera Albach ihre Romane mit dem Stempel „Zeitverschwendung“ brandmarkt, ist die Lektüre von „Es könnte so einfach sein“ die schönste Zeitverschwendung ...

Während der Literaturkritiker und Nachbar der Bestseller-Autorin Vera Albach ihre Romane mit dem Stempel „Zeitverschwendung“ brandmarkt, ist die Lektüre von „Es könnte so einfach sein“ die schönste Zeitverschwendung der Welt sowie die Lektüre all der Bücher, die ihre Leser unterhalten, berühren, sie mit Figuren zusammenführen, die sie gerne in ihr Leben lassen, die ihnen für ein paar Stunden die Möglichkeit bieten, in ein anderes Leben zu schlüpfen. Das alles kann man von „Es könnte so einfach sein“ behaupten. Es ist ein warmherzig, aber bisweilen auch mit beißendem Witz geschriebenes Buch über eine Frau, die man für ihr Leben bewundern, aber nicht immer beneiden kann. Vera Albach beginnt als Sekretärin in einem Verlag unter anderem für Groschenromane. Als sie für den Autor einer Doktor-Reihe einspringen muss, ist dies der erste Schritt auf ihrem Weg zu einer erfolgreichen Autorin oder korrekterweise zu einem erfolgreichen Autor. Denn in der jungen BRD der 60er und 70er Jahre kann eine Frau keine Karriere machen, weder in der Politik noch in der sonstigen Berufswelt und eben auch nicht als Autorin. Also ist sie oder wird vielmehr gezwungen unter männlichem Pseudonym zu veröffentlichen. Für ihre Karriere opfert sie viel, z. B. eigene Kinder. Dafür hat sie einen wundervollen Mann, der ihr den Rücken freihält und akzeptiert, dass sie diejenige ist, die in der Beziehung den Erfolg verbucht und das Geld verdient. Als Ersatzkinder dienen ihr die Töchter ihrer Geschwister, junge Frauen, die in einer Zeit, in der die Möglichkeit besteht, dass eine Frau Bundeskanzlerin werden kann, ihren Mann bzw. ihr Frau zu stehen versuchen.
Mit großartigem Humor, aber auch mit dem nötigen Ernst und mit melancholisch-nachdenklichen Zwischentönen zeichnet der Roman von Anne Handorf ein lebendiges Bild der Mentalitätsgeschichte der jungen Bundesrepublik, die Rückständigkeit der von Männern dominierten Welt, die sich diese nach dem Krieg von den Frauen wieder zurückerobert haben und sie mit eisernem Griff und einer Menge Vorurteile zu verteidigen versuchen. Dabei ist das Buch keineswegs ein feministisches Manifest. Mit leisen und nachdenklichen Worten thematisiert es die Frage nach der Rollenverteilung zwischen Mann und Frau, nach dem Recht der Frau auf Selbstverwirklichung, zu dem auch der Wunsch oder eben Nicht-Wunsch nach Kindern gehört. Vera Albach zeigt uns eine Frau, die ihr ganzes Leben versucht hat, ihren Weg zu gehen, auch wenn er oft im Schatten von Männern lag, nur bezeichnender Weise nicht im Schatten ihres eigenen Mannes. Leo ist ein ganz wundervoller Charakter, bei dem sich nicht nur die Tochter ihrer Nichte fragt, wo man wohl so einen herbekommt. Mit viel Verständnis und noch mehr Fortschrittlichkeit steht er seinen Mann, indem er den starken Mann hinter einer starken Frau darstellt, mit den liebenswerten Schwächen, die er hat.
Der Roman ist ein Buch, in dem man sich gleich zu Hause fühlt. Das Leben mit Vera und Leo Albach lädt den Leser zum Verweilen, Mitfiebern, Mitlachen, Mittrauern und Mitfeiern ein. Für alle Münsteraner bietet es darüber hinaus viel charmantes Lokalkolorit, allerdings mit wesentlich mehr Humor und Witz, als den Münsterländern gewöhnlich zugeschrieben wird.

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Veröffentlicht am 12.10.2025

Cecilia Ahern trifft Hallmark Channel

Das Jahr voller Bücher und Wunder
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Der Anlass ist ein trauriger: Tillys Mann ist vor einem halben Jahr gestorben, als ein Anruf des Buchhändlers Alfie Lane sie in ängstliches Erstaunen versetzt. Ihr Mann hat ihr ein „Jahr voller
Bücher“ ...

Der Anlass ist ein trauriger: Tillys Mann ist vor einem halben Jahr gestorben, als ein Anruf des Buchhändlers Alfie Lane sie in ängstliches Erstaunen versetzt. Ihr Mann hat ihr ein „Jahr voller
Bücher“ hinterlassen, die sie aus ihrer Trauer reißen und ihr dabei helfen sollen, das zu finden, was ihr Leben ausmacht. Dabei helfen der Lesemaus Tilly aber nicht nur die verschiedensten Bücher über Wildcampen, Kreativität, Romane, die in Paris oder der Toskana spielen, sondern auch der zurückhaltende Buchhändler Alfie, der nicht nur mit den Verlusten in seiner Vergangenheit zu kämpfen hat, sondern auch um die Zukunft seiner Buchhandlung.
Ein wenig erinnert sie schon, die Botschaften aus dem Jenseits, hier die Briefe von Tillys Ehemann, die in den Büchern liegen, die er ihr zugedacht hat, an „P.S. – Ich liebe Dich“. Und von der Stimmung fühlt man sich gerade zum Ende hin versetzt in einen Hallmark Weihnachtsfilm. Auch aus den vielen anderen Büchern, die an unterschiedlichsten Stellen des Romans genannt werden oder in der Romanhandlung eine Rolle spielen, fließt viel Inspiration in die stimmungsvollen zwölf Monate, die der Leser an der Seite von Tilly verbringt.
Wer Bücher und Buchhandlungen liebt, wird auch diese Geschichte lieben, denn es ist eine zaubervolle Idee, dieses Jahr voller Bücher. Was die Autorin auf jeden Fall beherrscht, ist das Entwickeln liebenswürdiger, vielseitiger Charaktere und das Inszenieren verschiedener Stimmungen. Das Buch liest sich leicht und flüssig und ist, auch wenn es viele Tränen und melancholische Momente gibt, doch immer von einem heiter-optimistischen Grundton getragen. Es ist inspririerend im Hinblick auf die vielen genannten Titel und macht auf jeden Fall Lust aufs Lesen und Stöbern in Buchhandlung und darauf, sich von den Büchern vielleicht auch einmal dazu anregen zu lassen, dem eigenen Leben etwas mehr Abenteuerlust und Farbenfreude angedeihen zu lassen. Auch wenn es manchmal ein gewissen Hang zum Kitsch und zur Sentimentalität verspürt, bietet das Buch doch für ein paar Stunden Lesefreude und Herzenswärme in verschiedenem, je für sich stimmungsvollen Ambiente. Der Roman bedient gekonnt die Hebel, die Leser:Innen für Augenblicke die Welt um sich herum vergessen lassen und gute Laune machen. Ein Erfolgsrezept, wie es die Cecilia Aherns oder Hallmarks dieser Welt bereits zu vor für sich und die Leser:Innen ihrer Bücher bzw. Zuschauerinnen ihrer Filme zu nutzen wussten.

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