Rezension zu „Das seltsame Haus“ von Uketsu
HEN NA IE - Das seltsame HausRezension zu „Das seltsame Haus“ von Uketsu, übersetzt von Heike Patzschke und erschienen im Bastei Lübbe Verlag.
Mini-Trigger-Warnung: In diesem Buch geht es unter anderem um grausame Morde und abgetrennte ...
Rezension zu „Das seltsame Haus“ von Uketsu, übersetzt von Heike Patzschke und erschienen im Bastei Lübbe Verlag.
Mini-Trigger-Warnung: In diesem Buch geht es unter anderem um grausame Morde und abgetrennte Gliedmaßen (Leser:innen sollten mit verstörenden Bildern und Szenen rechnen).
Inhalt (spoilerfrei): Der Erzähler, ein Autor für die japanische Website "Omokoro" wird von einem Freund angefragt, sich Grundrisse eines Hauses anzusehen, das dieser erwerben möchte. Auf den ersten Blick wirkt das Haus unproblematisch, doch irgendwas ist an der Architektur fragwürdig. Gemeinsam mit seinem Architektenfreund Kurihara beginnt der Erzähler, eine unheimliche Spur zu verfolgen.
Erzählstil und Struktur: Der Stil wirkt zunächst ungewöhnlich: Es ist eine Ich-Perspektive, aber zugleich klingt das Ganze wie eine Reportage oder ein Interview. Die wörtliche Rede ist häufig knapp, mit repetitiven Reaktionen in Form von Ausrufen wie „Was?!“ oder ähnlichen. Dies erinnert weniger an ein literarisches Erzählen als an eine dokumentarische Aufzeichnung. Die Handlung schreitet sehr schnell voran (man hat manchmal den Eindruck eines Zeitraffers: Eben noch wird das Haus eines Freundes beschrieben, auf der nächsten Seite springt das Geschehen in die Vergangenheit („damals“) oder in ganz neue Zusammenhänge). In Japan scheint mit dem Buch ein Trend aufzugreifen: Die Verbindung von Kriminal- bzw. Mysteryelementen mit visuellen Skizzen (kenne ich bereits aus "Die Bibliothek meines Großvaters" von Masateru Konishi). So lädt Uketsu seine Leser:innen dazu ein, selbst Detektiv:in zu spielen, anhand von Grundrissen den versteckten Raum hinter der Fassade zu entdecken. Die Struktur wechselt im letzten Viertel zu einer dichten Informationsfülle (viele ähnlich klingende, neue Namen, Abkürzungen und Ahnentafeln) was die Lesbarkeit deutlich erschwert.
Figuren (der Autor): Die Hauptfigur ist der Ich-Erzähler, der zugleich als fiktiver Autor auftritt. Der reale Autor Uketsu bleibt anonym: Bekannt ist, dass er öffentlich kaum auftritt, stattdessen mit Ganzkörperanzug und Maske operiert, sein Pseudonym gewählt hat und über YouTube-Videos bekannt wurde, bevor er Bücher veröffentlicht hat. Die Figur Kurihara, ein Architekt, übernimmt gegen Ende eine reflexive Rolle im Nachwort: Er spricht über Uketsu, seine Arbeitsweise, über die Authentizität der Ereignisse. Durch diesen Meta-Wechsel (eine Figur spricht über den Autor) wird das erzählte „Berichthafte“ nochmals bestätigt und die Grenze zwischen Fiktion und fiktionaler „Realität“ verschwimmt. Die Verwendung von Kürzeln wie „X“ oder „XY“ bei Namen von Städten, Präfekturen oder Personen trägt zwar bestimmt zur Lesefreundlichkeit bei (zumindest für die europäische Leser:innenschaft), aber gleichzeitig wirkt so alles ein bisschen austauschbar und distanziert, es entsteht das Gefühl, eher einem Bericht mit irrelevanten Rahmendaten als einer emotionalen Geschichte zu folgen. Außerdem steht es für mich in einem krassen Bruch dazu, dass man im letzten Drittel plötzlich mit einer Fülle an Namen, Ritualen, Familienzusammenhängen und Stammbäumen konfrontiert, die kaum zu durchschauen sind. Diese Diskrepanz zwischen überdeutlicher Einfachheit (besonders am Anfang) und späterer Überforderung ist fast schon irritierend und macht das Buch meines Erachtens erzählerisch schwer greifbar.
Symboliken und Themen: Thematisch fand ich den Hintergrund spannend. Sicher hat man schon einmal von der Ein-Kind-Politik in China gehört, aber von Mabiki hatte ich vorher noch nie etwas gelesen. Damit ist die Praxis der Kindstötung gemeint, die in Japan bis zur Meiji-Zeit in vormodernen japanischen Gesellschaftsschichten existierte, wenn Familien sich zu viele Kinder nicht leisten konnten. Der Begriff "Mabiki" bedeutet wörtlich „das Ausdünnen (von Setzlingen)“ und wurde in Ost-Japan bis ins 19. Jahrhundert als Euphemismus für Infanticide verwendet. Was für (ungeübte) europäische Leser:innen vielleicht ungewohnt wirkt, ist die stark mythologische Prägung. In Japan spielt der Glaube an Mythen, Geister und Legenden eine viel größere Rolle als bei uns. Im Shintō-Glauben gibt es unzählige Kami (Geister oder Gottheiten) die in Bäumen, Bergen, Flüssen oder sogar Alltagsgegenständen wohnen. Diese Durchlässigkeit zwischen Materiellem und Spirituellem ist tief in der japanischen Kultur verwurzelt. Während wir in Europa Mythen meist als vergangene Erzählungen betrachten, die man symbolisch oder literarisch liest, werden sie in Japan eher als etwas Lebendiges verstanden, als etwas, das sich im Alltag fortsetzt. Genau das spürt man hier: Das Okkulte und das Reale, das Glaubenssystem und die Architektur verschmelzen, bis man nicht mehr weiß, wo die Grenze liegt. In der japanischen Literatur begegnet man dieser mythologischen Thematik recht häufig (besonders eindringlich finde ich ist es in dem Buch "Der Laden in der Mondlichtgasse" von Hiyoko Kurisu).
Fazit: Man merkt dem Buch auf jeden Fall an, dass es etwas völlig anderes sein will als das, was man aus westlicher Erzähltradition kennt. Das ist mutig und in der ersten Hälfte erfrischend (wenn auch in seinen Andeutungen und Interpretationen maßlos übertrieben und völlig abstrus). Aber dann verliert es sich in seiner eigenen Konstruktion. Der Stil ist widersprüchlich: mal übererklärend, mal völlig überladen, und sprachlich so wechselhaft, dass man als Leserin kaum Halt findet. Besonders das letzte Drittel hat ich rausgerissen, wegen der vielen neuen Namen, den komplizierten Familienverhältnissen, die okkulte Wendung, die für mich zu abstrus wurde. Ich war kaum noch „drin“ und mein Lesefluss war gestört und ich hätte zu viel investieren müssen, um wieder einzusteigen. Dazu war ich am Ende dann auch nicht mehr bereit, weil mir die grundlegende Sympathie mit den Figuren fehlte. Das Ende hat für mich vieles legitimer gemacht, u.a. das Nachwort verdeutlichte, warum der Berichtston gewählt wurde. Und die Verbindung von realem Autor und fiktionaler Figur hat für mich die Grenze zwischen Fiktion und Wirklichkeit verflüssigt, wodurch das unbehagliche Gefühl beim Lesen noch verdeutlicht wurde. Es wirkte dann am Ende plötzlich immersiver, weil es durch diese Metaebene fast so scheint, als würde man einer echten Dokumentation folgen, deren Figuren am Ende lebendig werden und über den Autor sprechen, als wäre er nicht Autor, sondern Selbstfigur. Das hat mich irgendwie beeindruckt. Aber, ehrlich gesagt, finde ich das Mysterium um den Autor auch ein bisschen albern und wichtigtuerisch (er trägt eine weiße Maske und einen schwarzen Ganzkörperanzug, seine Identität bleibt ein Rätsel). Insgesamt würde ich dem Buch 2,5 Sterne geben: Es ist, innovativ und mutig, aber stilistisch und strukturell für mich nicht durchgängig überzeugend.