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Veröffentlicht am 07.02.2025

Wie sollen Worte die Schönheit dieser Geschichte beschreiben?

Für Polina
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Ich verstehe wirklich nicht, was hier während der Lektüre mit mir passiert ist. Zu Beginn war ich kurz skeptisch, ob das sanfte Beobachten und die Ruhe der Erzählstimme mich würden mitreißen können. Und ...

Ich verstehe wirklich nicht, was hier während der Lektüre mit mir passiert ist. Zu Beginn war ich kurz skeptisch, ob das sanfte Beobachten und die Ruhe der Erzählstimme mich würden mitreißen können. Und ich bin ganz ehrlich: Selten wurde ich so überrascht.

Denn Takis Würger muss zaubern können, anders kann ich es mir nicht erklären, dass sich knapp 300 Seiten angefühlt haben wie 30. Dabei war ich nicht in einem fast ungesunden Leserausch, wie ihn manche Fantasy bei mir hervorruft, sondern fühlte mich innerlich ganz ruhig, während ich die Figuren einfach nicht loslassen wollte.

Neben einem mir unbegreiflichen Talent für eine Sprache, die bannt ohne aufzuregen, hat Würger ein ebenso großes Feingefühl für seine Figuren. Alle, ausnahmslos alle Charaktere sind von ihm auf irgendeine Art mit Liebe gezeichnet. Nicht immer wirkt es im ersten Moment so, doch spätestens in Beziehung zu anderen zeigt sich ihre Sanftheit und Tiefe. Diese Wärme ist es schließlich, die der oft alltäglichen Handlung eine unglaubliche Fülle verleiht.

„Für Polina“ dreht sich um Zuneigung, menschlichen Zusammenhalt trotz aller Unterschiede und um Liebe in jeglicher Form. Außerdem geht es natürlich um die Bedeutung von Musik, die in den Hörenden selbst ihre tatsächliche und individuelle Wirkung entfaltet. Und das Geniale dabei ist, dass der Autor selbst genau das mit seinen Worten erwirkt. Denn trotz aller Klarheit steckt in der gewählten Sprache auch sehr viel Subtiles, das von den Lesenden selbst gefunden und interpretiert werden darf.

Ich bleibe im Unvermögen zurück, meine Begeisterung für dieses Buch in adäquate Worte zu packen. Es hat mich vollständig überzeugt und in eine warme Umarmung gehüllt. Auf zwei rassistische Bezeichnungen hätte ich im Text noch verzichten können, doch das ändert nichts daran, dass dieser leise und doch ausdrucksvolle Roman ein Highlight dieses Jahres ist.

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Veröffentlicht am 07.02.2025

Ein weiterer, äußerst lesenswerter #MeToo-Roman

Service
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Wer „Prima facie“ mochte, wird hier eine würdige Alternative finden, denn wenig überraschend ist es völlig egal, in welcher Branche oder in welchem Land sich ein 6ueller Übergriff ereignet - das Victim ...

Wer „Prima facie“ mochte, wird hier eine würdige Alternative finden, denn wenig überraschend ist es völlig egal, in welcher Branche oder in welchem Land sich ein 6ueller Übergriff ereignet - das Victim Blaming und die juristischen Hürden sind überall gleich.

Während „Prima facie“ aber einen starken Fokus auf das Rechtssystem und den Wandel der Protagonistin von Verteidigerin zu Betroffener legte, setzt „Service“ die Komplexität der Tat anders um. So gibt es hier drei Erzählstimmen, die den zu Beginn nur zaghaft angedeuteten Vorfall vielschichtig betrachten.

Ich mag verschiedene Perspektiven sehr, weil sie, wenn gut geschrieben, ein komplexes Gesamtbild schaffen können. Das ist Sarah Gilmartin eindeutig geglückt! Kellnerin Hannah, die sehr jung im gehobenen Restaurant T anfängt, schildert zunächst eindrücklich die Atmosphäre in der Gastronomie. Wer dort schon einmal gearbeitet hat, wird das Geschriebe wohl körperlich fühlen, so authentisch ist es.

Daniel, der Beschuldigte, ist ein arrogantes Ekel und ich habe mich einfach kontinuierlich aufgeregt. Andere schreiben davon, dass sie sogar fast auf seine Sicht hereingefallen sind, das war bei mir gar nicht der Fall. Auch, wenn der Charakter eines Menschen nicht zwangsläufig auf sein Verhalten schließen lässt, war für mich hier von Anfang an alles klar. Seine Sicht, so gut sie auch in die Handlung passt, ist der Grund, warum ich einen halben Stern weniger vergebe als für „Prima facie“ - es hat mich einfach zu sehr aufgewühlt, ihn wiederholt in meinem Kopf zu haben.

Julie, seine Ehefrau, ist eine faszinierende Figur, die erst im Laufe der Geschichte Vergangenes neu einordnet und damit die für mich spannendste Entwicklung durchläuft. Sie ist die Figur, die zwischen den beiden anderen steht und deren Urteil wiederholt schwankt.

Ein großes Plus des Romans ist die Solidarität unter den Kellnerinnen und die war für mich auch das, was das Buch zum Schluss durchaus empowernd machte, ohne angesichts der bitteren Realität naiv zu sein. Eine Geschichte, die schmerzvoll und zum Schreien, aber eine klare Empfehlung ist!
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TW: Vergew@ltigung, 6uelle Übergriffe, Substanzmissbrauch

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Veröffentlicht am 07.02.2025

Fragmentarisches Porträt einer ganz persönlichen Mutterschaft

Die bärtige Frau
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Obwohl ich selbst kinderfrei und zufrieden damit bin, lese ich gern Romane über Mutter-/Elternschaft. Da ich außerdem die Arbeit der Autorin schätze, wollte ich nach den ersten beiden nun auch ihren dritten ...

Obwohl ich selbst kinderfrei und zufrieden damit bin, lese ich gern Romane über Mutter-/Elternschaft. Da ich außerdem die Arbeit der Autorin schätze, wollte ich nach den ersten beiden nun auch ihren dritten Roman lesen. Und auch, wenn ich mit ihm nicht ganz warm geworden bin, empfehle ich ihn!

Denn wenn Bettina Wilpert eines kann, dann ist es das Abbilden komplexer Realitäten. Wir begleiten Alex auf zwei sich abwechselnden Zeitebenen: Einerseits in der Gegenwart beim viertägigen Besuch bei ihrer Mutter, wofür sie zum ersten Mal ihre einjährige Tochter allein beim Vater lässt, und andererseits in den Rückblenden auf die Zeit vor bzw. kurz nach der Geburt.

Der Erzählstil ist dieses Mal in erlebter und nicht indirekter Rede verfasst, was mir das Lesen etwas leichter machte. Gleichzeitig forderte mich dann aber der fragmentarische Stil, in welchem sich Alex ihre Gedanken zu einer Fülle an Themen macht. Es geht um die grundlegende Frage, ob der eigene Kinderwunsch wirklich von innen kommt oder vielmehr eine Folge gesellschaftlicher Erwartungen ist (eine Frage, die sich wohl nie abschließend wird aufklären lassen). Es geht um Abhängigkeiten von Partner und Kind, um die Schwierigkeiten gleicher Aufgabenteilung zwischen den Elternteilen, sich verändernde Freund*innenschaften, Geschlechtsidentität und das Lösen von einer christlichen Sozialisierung. Und es geht ganz zentral immer wieder um Körper.

Ich finde es wirklich bemerkenswert, wie gut Wilpert komplexe Zusammenhänge abzubilden vermag, ohne je in ein vereinfachtes Denken abzugleiten. Mehrfach hatte ich schon beim Lesen ein „Ja, aber ..“ im Kopf, nur um direkt im nächsten Satz genau das thematisiert zu sehen, was sich in meinen Überlegungen herumtrieb. Ich mag es unglaublich gern, gefordert zu werden und meine eigenen Überzeugungen zu hinterfragen. Dafür ist der Roman wirklich perfekt geeignet.

Da es kaum eine äußere Handlung gibt, fiel es mir recht schwer, in einen guten Lesefluss zu kommen. Gleichzeitig fand ich es aber auch interessant, Alex’ Gedanken zu folgen. Besonders gefiel mir außerdem die schonungslose und hochpersönliche Schilderung einer Geburt. Insgesamt war mir der Roman trotzdem ein wenig überladen, sodass ich oft Lesepausen brauchte.

Ein persönliches Werk, das auch keinen Anspruch erhebt auf Generalisierung und ein Buch für alle, die Komplexität aushalten können und sich nicht vor einer fragmentarischen Erzählweise scheuen. Abschließend möchte ich noch ein Lob für die tolle Covergestaltung aussprechen, die von einem besonderen Detail geprägt ist! ✨

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TW: Geburt, Fehlgeburt, essgestörtes Verhalten, illegaler Substanzkonsum

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Veröffentlicht am 07.02.2025

Ein lesenswertes, dichtes Werk voller Interpretationsraum

Nichts, was uns passiert
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Das Debüt von Bettina Wilpert ist ein wirklich sehr gelungenes. Aufgrund des besonderen Schreibstils (indirekte Rede aus Sicht einer namenlosen Person) ist es schon in seiner Form eher herausfordernd, ...

Das Debüt von Bettina Wilpert ist ein wirklich sehr gelungenes. Aufgrund des besonderen Schreibstils (indirekte Rede aus Sicht einer namenlosen Person) ist es schon in seiner Form eher herausfordernd, weshalb ich auch nicht ganz die volle Sternenzahl vergebe. Dabei möchte ich aber betonen, dass der Erzählstil nicht schlecht ist, ich mochte ihn nach einer Weile sogar ganz gern. Er fordert besonders zu Beginn aber schon ein wenig Konzentration und Flexibilität.

Inhaltlich bin ich dagegen vollends begeistert! Wilpert nimmt sich hier einem Thema an, über das es nie genug Bücher geben kann. Vergew@ltigungen sind leider so verbreitet wie die Betroffenen gesellschaftlich stigmatisiert werden. Da sie oft im persönlichen Umfeld der Betroffenen und in einem Umfeld ohne Zeuginnen stattfinden, liegt die Beweislast üblicherweise beim Opfer. Gleichzeitig wird die Gesellschaft nicht müde, eben diesem in irgendeiner Form eine eigene Schuld zu unterstellen. Mich macht diese fehlende Solidarität so unglaublich wütend, weshalb dieses Buch, das ganz genau in diese Kerbe haut, inhaltlich so fordernd wie gut ist.

Absolut herausragend finde ich die Fähigkeit Wilperts, verschiedene Stimmen zu Wort kommen zu lassen und sich damit auf dem extrem schmalen Grat einer eigenen Positionierung zu bewegen. Ich durfte die Autorin auf einer Lesung des Buches kennenlernen und weiß spätestens seitdem, wie sie sich persönlich positioniert. Doch das ist streng getrennt von der Erzählstimme. Fast, aber nur fast, hatte ich Mitgefühl mit Jonas. Und ganz genau darum geht es auch - ich kann sogar für bestimmte Konsequenzen seines Handelns Mitgefühl empfinden und trotzdem sehr klar Position beziehen. Gleichzeitig darf ich Anna phasenweise unsympathisch finden und ihre Betroffenheit trotzdem nicht infrage stellen.

Diese Arbeit überlässt die Autorin auf geniale Art komplett ihren Leser
innen. Solange es die schier unbegreifliche Masse an 6ualisierter Gewalt gibt, werde ich immer bedingungslos Betroffenen glauben. Und wer die Verfilmung noch nicht kennt: Die ist ebenso gut umgesetzt wie ihre Vorlage.

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Veröffentlicht am 07.02.2025

In seiner Banalität irgendwie ein faszinierend-anstrengendes Buch

Xerox
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Zum Hörbuch: Ein wirklich großartiges Hörbuch mit einer Sprecherin, die den trockenen Humor und die grundlegende Banalität des Inhalts perfekt umzusetzen vermag. Ich denke, als Hörbuch funktioniert dieser ...

Zum Hörbuch: Ein wirklich großartiges Hörbuch mit einer Sprecherin, die den trockenen Humor und die grundlegende Banalität des Inhalts perfekt umzusetzen vermag. Ich denke, als Hörbuch funktioniert dieser Roman auch wirklich noch besser, weil mensch sich dann im Dahinplätschern der Geschichte verlieren kann und weniger dazu neigt, Verständnisfragen zu stellen - denn darum geht es auch gar nicht. Das Hörbuch reißt meine Wertung wirklich noch einmal etwas nach oben.

Zum Buch selbst: „Xerox“ ist ein so skurriler Roman, dass meine Meinung zu ihm nicht leicht zu greifen ist. Es fiel mir eher schwer, in die Geschichte einzusteigen und bis zum Schluss konnte ich keine Beziehung zur namenlosen Protagonistin aufbauen. Ich denke, genau darum geht es aber auch und mit entsprechend gesetzten Erwartungen wäre mir das alles etwas leichter gefallen.

Fien Veldman hat einen so banalen, eigenartigen Roman geschrieben, dass es eigentlich schon wieder gut ist. Sie schafft es durch Stilmittel wie das völlige Auslassen von Figurennamen, die Unbedeutsamkeit und Austauschbarkeit der arbeitenden Menschen darzustellen. Der trockene Humor, welcher mir sehr gefallen hat, unterstreicht das zusätzlich.

Und doch war es für mich nicht unbedingt ein Match. Ich habe zu lange kämpfen müssen, um mich auf das Buch einzustellen und war oft verwirrt von den Rückblenden, der dargestellten Mensch-Drucker-Beziehung und später auch von der Drucker-Erzählperspektive. Als Mensch, der viel um Verständnis bemüht ist, geriet ich mit „Xerox“ stark an meine Grenzen. In der zweiten Hälfte hat es grundsätzlich besser geklappt, aber das Buch wird mir dadurch nicht sonderlich in Erinnerung bleiben.

Ich halte es für wirklich wichtig, dass mensch mit entsprechenden Vorstellungen in die Lektüre geht. Am besten ist es, die Geschichte einfach nur hinzunehmen, sie um sich herumfließen zu lassen und nichts zu hinterfragen. In dem Fall kann es eine kurzweilige Lektüre sein, die jedoch gleichzeitig gesellschaftskritische Fragen rund um Hustle Culture und Sinnhaftigkeit im Kapitalismus aufwirft. Menschen, die keine Beziehungsebene zu den Figuren brauchen und vielleicht sogar selbst einen öden Bürojob haben, werden hier sicher mehr Freude haben als ich.

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