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Veröffentlicht am 01.05.2025

Konnte mich mit seiner Form und den Figuren leider nicht ganz überzeugen

Haus aus Wind
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Ich habe mir von diesem queeren Sommerroman, der doch Einiges an Tiefe versprach, ziemlich viel erhofft. Daher war ich recht ernüchtert, als sich bis etwa zur Hälfte einfach kein richtiger Lesefluss einstellen ...

Ich habe mir von diesem queeren Sommerroman, der doch Einiges an Tiefe versprach, ziemlich viel erhofft. Daher war ich recht ernüchtert, als sich bis etwa zur Hälfte einfach kein richtiger Lesefluss einstellen wollte. Vielleicht passte das Buch gerade nicht zu meiner Stimmung, vielleicht lag es aber auch an Stil und Figuren.

Gleich zu Beginn ist mir persönlich der häufige Sprachwechsel von deutsch zu englisch negativ aufgefallen. Das ist ohne Frage authentisch, ich finde es aber auch nicht besonders zugänglich. Menschen, deren Englisch nicht so gut ist, werden hier echt zu kämpfen haben, weil schon wirklich auch inhaltlich viel in dieser Sprache passiert. Mein Englisch ist sehr gut und trotzdem hat es mich jedes Mal kurz rausgeworfen. Das wird zum zähen Leseerlebnis beigetragen haben.

Johannas Innenleben und ihre Vergangenheit kennenzulernen (besonders auch ihre absolut furchtbaren Eltern), fand ich aber gut gestaltet. Ich denke, mir war der Text auch inhaltlich etwas zu schwer für meine aktuelle Stimmung, aber das möchte ich dem Buch nicht ankreiden. Denn ganz grundsätzlich bin ich sehr offen für ernste Themen und dem nimmt sich die Autorin auf jeden Fall mit viel Feingefühl an. Sie beschreibt zum Beispiel, dass 6uelle Übergriffe auch im queeren Bereich vorkommen können und ebenso ernstgenommen werden sollten.

Was mich jedoch deutlich gestört hat, waren die Figuren selbst bzw. der Umgang zwischen ihnen. Mir waren sowohl Johanna, als auch Luz und Robyn einfach zu distanziert und verschlossen, gefühlt habe ich sie alle drei nicht wirklich - auch in Interaktion miteinander. Dabei bringen alle drei wirklich spannende Vorgeschichten und Herausforderungen mit, etwa Luz als fremdgeoutete lesbische Profisurferin, die daraufhin ihre Karriere beenden musste. Auch einige kleinere Nebenfiguren fand ich interessant konstruiert. Ich habe gemerkt, dass die Autorin extrem informiert und diskriminierungssensibel ist - das hat mir sehr gut gefallen.

Marlene und Emília hätte ich gern noch viel besser kennengelernt, weil sie mir ein wenig von der Fürsorge und Wärme gegeben haben, die mir vorher fast kontinuierlich gefehlt hat. Ich denke, das ist einfach der größte Knackpunkt für mich - ich suche in queeren Geschichten immer auch Sanftheit und davon gab es für mich persönlich zu wenig. Die Figuren schienen mir überwiegend Einzelkämpfer*innen zu sein.

In jedem Fall ist der Roman stilistisch innovativ, wenn auch nicht ganz mein Geschmack. Außerdem ist es eine Geschichte über inneres Heilen, ohne dabei sonderlich geradlinig oder auch nur annähernd romantisierend zu sein. Johannas Schmerz ist greifbar und wer das in Kombination mit einem besonderen Stil gern begleiten will, wird hier gut beraten sein. Ich runde für die grundlegende Idee und Tiefe des Buchs auf 3 Sterne auf, auch wenn die Lektüre für mich ziemlich lang zäh war.

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Veröffentlicht am 23.04.2025

Verständlicher Gedankenanstoß rund um einen gesellschaftlichen Wandel

Identitätskrise
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Mein Leseeindruck:

Ich mag Alice Hasters als Autorin für ihre klare, verständliche Art des Schreibens sowie das Vereinen von Eindringlichkeit und Unaufgeregtheit. Das erfüllt „Identitätskrise“ auf jeden ...

Mein Leseeindruck:

Ich mag Alice Hasters als Autorin für ihre klare, verständliche Art des Schreibens sowie das Vereinen von Eindringlichkeit und Unaufgeregtheit. Das erfüllt „Identitätskrise“ auf jeden Fall auch. Und doch tue ich mich etwas schwer mit meiner Rezension, weil ich den Punkt des Buches nicht so richtig greifen kann - aber vielleicht geht es genau darum.

Irritiert war ich bereits zu Beginn, als Hasters das 20. Jhd. als das tödlichste der Menschheitsgeschichte mit „Millionen Opfern rassistischer Gewalt“ bezeichnet. Für mich klingt es hier und auch später noch einmal so, als würde sie Antisemitismus in Rassismus eingliedern, was faktisch absolut inkorrekt ist. Antisemitismus liegt ein Glaube an übermächtige Juden_Jüdinnen zugrunde, welchen mensch entgegentreten muss - daher ist Antisemitismus auch so oft Anknüpfungspunkt für Verschwörungserzählungen. Andere Diskriminierungsformen wirken dagegen insofern, dass sie die marginalisierte Gruppe abwerten und deshalb auslöschen wollen. Das Ergebnis ist natürlich das gleiche, aber der Ausgangspunkt verschieden. Damit möchte ich selbstverständlich keins von beiden irgendwie kleiner reden, mir geht es lediglich um die sprachliche Abgrenzung, welcher der Autorin am Ende dann auch doch nachkommt. Somit weiß ich einfach nicht so recht, was ich davon halten soll.

Abgesehen davon findet sich in diesem Buch viel Grundlegendes und manch Persönliches. Die Autorin schreibt zwar verständlich, aber auch etwas sprunghaft. Bis zum Ende hin fiel es mir schwer, ein konkretes Fazit aus dem Buch mitzunehmen außer: Der Westen funktioniert so nicht (mehr). Das war mir vorher schon bewusst und doch fand ich die Herleitung über verschiedene Identitätskrisen und warum es deshalb so schwer ist, bei privilegierten Menschen Verständnis und Veränderung zu erwirken, interessant. „Identitätskrise“ würde ich als eingängiges Einstiegswerk einordnen, in dem Hasters die Fakten mit der nötigen Eindringlichkeit darbietet. Den kürzeren zweiten Teil fand ich in der Idee gut und er hat das Schwere aus dem ersten Teil durch bissige Ironie und verschiedene Erzähltöne angenehm aufgelockert. Einerseits fehlte mir auch hier ein wenig Struktur, andererseits weist die Autorin hier auch völlig berechtigt auf die Notwendigkeit von mehr Ambiguitätstoleranz hin, sodass ich diese Gedankensammlung in ihrer Form passend finde.

Ich empfehle es durchaus für alle, die sich grundlegend über strukturelle Zusammenhänge informieren wollen.


Was ich besonders interessant fand:

Aufschlussreich war für mich, noch einmal das fatale Wechselspiel von Kapitalismus und Demokratie aufgezeigt zu bekommen. Im Gegensatz zu Autokratien soll in einer Demokratie von der Gesellschaft selbst entschieden werden. Grundlage dafür ist natürlich eine entsprechende Freiheit und Identitätsklarheit. Und hier kommt Kapitalismus als „stabilisierende“ Komponente ins Spiel - er soll durch ein breites Angebot die absolute (Wahl-)Freiheit garantieren. Dass das so nicht funktioniert und mittelfristig zu mehr Unfreiheit führt, dürfte mittlerweile hoffentlich vielen Menschen bewusst sein.

„Wohlstand für alle“ mag eine nette Idee sein, die aber nicht mit einem kapitalistischen System (das immer auf Ausbeutung beruht) vereinbar ist und in der Vergangenheit auch noch nie funktioniert hat. Denn Selbstverwirklichung wird immer proklamiert, doch auch hier geht die Rechnung strukturell nicht auf, denn irgendwer muss ja auch die unbeliebten Jobs machen.

Gleichberechtigung bedroht in vielerlei Hinsicht westliche Identitäten - ob Weiße oder cis Männer, ob hetero oder nicht-behindert. Denn wenn tatsächliche Gleichberechtigung geschaffen würde, würden sich die bisherigen Identitäten, die stets in Abgrenzung und konstruierter Überlegenheit zu anderen existieren, in Luft auflösen und das ist mental herausfordernd.

Auch die westliche Selbsterzählung rund um Innovation und Fortschritt wankt, wenn der Fortschritt nicht zum Nutzen echter Menschen passiert (z. B. Arbeitszeitverkürzung durch Maschinenunterstützung). Wie kann sich der Westen diese Erzählung von Freiheit eigentlich noch selbst glauben, wenn Technologien Menschen eher noch unfreier machen und den Weg ebnen für autoritäre Kräfte?

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Veröffentlicht am 17.04.2025

Ein interessanter Aufhänger, aber mir zu wenig Tiefgang

Die Summe unserer Teile
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Ich finde Familienromane über mehrere Generationen hinweg und dann noch mit verschiedenen Erzählperspektiven richtig toll und habe mir deshalb auch von diesem viel erwartet. Ganz enttäuscht wurde ich nicht ...

Ich finde Familienromane über mehrere Generationen hinweg und dann noch mit verschiedenen Erzählperspektiven richtig toll und habe mir deshalb auch von diesem viel erwartet. Ganz enttäuscht wurde ich nicht und doch ist „Die Summe unserer Teile“ für mein Empfinden einfach ein wenig zu kurz für sein Vorhaben.

Wir begleiten drei Generationen von Frauen in der Wissenschaft und erfahren nach und nach, vor allem durch Lucy als jüngste Generation, mehr über die Geheimnisse sowie Herausforderungen aller Figuren. Festgefahrene Rollenverteilungen, Sexismus in der Wissenschaft, Weitergabe von Traumata an die eigenen Kinder - wirklich interessante Aspekte, die mir doch leider alle zu kurz kamen. Viel wurde angeschnitten, aber bevor es für mich emotional wirklich greifbar wurde, war die Szene schon wieder vorbei.

Die emotionale Distanziertheit wird durch die Wahl der dritten Person als Erzählperspektive noch einmal verstärkt, weshalb ich sie nicht optimal fand. Die Autorin schreibt auch allgemein eher bildhaft und atmosphärisch, Emotionen werden selten vorgegeben. Damit habe ich auch nicht grundsätzlich ein Problem, gern mache ich mir selbst ein Bild. Hier fehlte es mir für diesen Prozess jedoch oft an weiteren Informationen und Zusammenhang.

Für Daria als Lucys Mutter hatte ich am Ende am meisten Verständnis und auch die Enthüllungen rund um Lyudmilas Vergangenheit haben mich betroffen gemacht. Lucy nimmt jedoch am meisten Raum ein und gerade ihre Parts blieben mir bis zum Schluss größtenteils nicht greifbar. Fast wirkte es auf mich so, als ob sie gar nicht Teil der Handlung wäre, sondern vor allem Informationen beschaffen soll.

Das Ende bleibt offen und auf seine eigene Art unversöhnlich, was ich aber in Ordnung fand. Alles andere hätte ich als zu naiv kritisiert. Und so bleibe ich etwas zwiegespalten zurück. Der Roman hat für mich sein Potenzial nicht ausgeschöpft und war mir in der Charakterentwicklung zu oberflächlich. Hier hätte ich eindeutig noch mehr Seiten gebraucht. Trotzdem thematisiert die Handlung einige wichtige Aspekte, wie z. B. Mental Load, subtil und ohne viel an Interpretation vorzugeben. Ein Buch für Menschen, die nicht so gern dickere Romane lesen, Atmosphäre wichtig finden und sich am liebsten selbst eine Meinung bilden.

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Veröffentlicht am 17.04.2025

Typischer Leky-Roman, aber kein besonders starker

Erste Hilfe
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Ich habe von Mariana Leky bereits "Kummer aller Art" und "Was wir von hier aus sehen können" gelesen und fand beide auf jeden Fall stärker als "Erste Hilfe". Den Schreibstil finde ich sehr vergleichbar, ...

Ich habe von Mariana Leky bereits "Kummer aller Art" und "Was wir von hier aus sehen können" gelesen und fand beide auf jeden Fall stärker als "Erste Hilfe". Den Schreibstil finde ich sehr vergleichbar, wer also den etwas tapsigen, unverstellten Ton Lekys mag, wird dahingehend auch hier zufrieden sein. Ich bin jetzt kein absolut überzeugter Fan der Sprache, finde sie in der richtigen Stimmung aber durchaus auch lieb.

Vielleicht passte dieser Roman also gerade einfach nicht zu meiner Stimmung. Dazu kam aber auch, dass es mir hier auf Handlungs- und Personenebene zu lange zu banal, durcheinander und oberflächlich blieb. Deshalb habe ich nicht versucht, mich weiter durchzukämpfen und das Buch nach etwa einem Viertel abgebrochen.

Diese Rezension ist also kein Verriss und Fans der Autorin kommen hier wahrscheinlich auch eher auf ihre Kosten als ich. Unter den richtigen Umständen kann ich mir den Roman als kleine Alltagsflucht vorstellen, mich hat er aktuell nur einfach eher genervt, sodass ich halb-versöhnliche 2 Sterne vergebe.

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Veröffentlicht am 14.04.2025

Temporeicher Racheroman, der feministischer hätte sein können

Männer töten
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Der doppeldeutige Titel ist großartig gewählt und ich mochte auch die Grundidee. Schon vorweg möchte ich aber anmerken, dass hier das auf dem Klappentext versprochene Matriarchat meiner Meinung nach zu ...

Der doppeldeutige Titel ist großartig gewählt und ich mochte auch die Grundidee. Schon vorweg möchte ich aber anmerken, dass hier das auf dem Klappentext versprochene Matriarchat meiner Meinung nach zu kurz gedacht ist. Das ist sicherlich eine Definitionssache, aber für mich bedeutet ein solches System vorrangig Gleichberechtigung und Solidarität - nicht die Umkehrung des Patriarchats.

Wenn ich das mal beiseite lasse, haben mir Schreibstil und Tempo des Romans extrem gut gefallen. Ich habe ihn fast in einem Rutsch durchgelesen, weil er aufgrund der nüchternen Sprache mit kurzen Sätzen einfach auch leicht zu inhalieren ist. Nachteil einer solchen Sprache ist natürlich, dass es hier emotional weniger nahbar wird - auch, weil die dritte Person als Perspektive gewählt wurde. Oft stört mich das, aber hier irgendwie nicht. Vielleicht, weil es sowieso schon harter Stoff ist, der gleichzeitig durch die Männermorde ins Absurde gedreht wird. Zusätzliche Emotionen hätten mich an der Stelle wohl eher überfrachtet.

Die Figuren gehen mit den Geschichten im Ort, den eigenen Taten und den „verschwundenen“ Männern auf eine schwarzhumorige Art um, die mir gut gefallen hat. Das konnte die schweren Passagen rund um 6ualisierte und häusliche Gewalt doch hinreichend auflockern. Die Charaktere fand ich interessant, wenn auch nicht sonderlich vielschichtig, und überwiegend angenehm in ihrem Umgang untereinander. Die Autorin bringt zudem immer wieder die ernüchternde Realität rund um Femizide und Täterschutz zur Sprache, auch eine grundlegende Gesellschaftskritik in Bezug auf menschenfeindliche Ideologien blitzt am Rande auf.

Nicht gefallen hat mir die Romantisierung der Tierhaltung auf dem Land. Wenn Tiere ermordet und ausgebeutet werden, ist es moralisch reichlich egal, ob sie dann wenigstens viel Platz und frische Luft hatten. Auch der völlig normalisierte Alkoholkonsum nervt mich doch immer wieder auf’s Neue. Und schließlich fand ich das Ende ziemlich unbefriedigend. Leerstellen wurden auch schon vorher wiederholt gelassen, doch konnte ich sie da noch gut füllen. Vielleicht soll der Schluss den Kontrollverlust darstellen, aber gefallen hat er mir dennoch nicht.

Weil ich den Roman aber thematisch spannend und schriftstellerisch schlicht mitreißend fand, empfehle ich ihn gern. Er wagt den Versuch, grundlegend gewaltvolle Strukturen zu dekonstruieren und gibt dabei nur ansatzweise Emotionen vor. Mittels der Umkehrung kommt mensch nicht umhin zu fragen, wie Hunderte von (versuchten) Femiziden pro Jahr gesellschaftlich als Einzelfälle normalisiert werden können. Es lohnt sich sicherlich, ein kritisches Auge beim Lesen zu bewahren und das Gelesene logischerweise nicht als Utopie zu verstehen, aber abstrahiert steckt doch auch viel Gutes in diesem Buch.
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[TW: Vergew@ltigung, physische/patriarchale Gewalt, M0rd]

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