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Veröffentlicht am 27.01.2026

Kein klassisches Highlight, aber eine Wucht von Buch

Die Riesinnen
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Ich mag Generationsromane, die sich über eine längere Zeit erstrecken, wirklich gern. Deshalb hatte ich auch große Lust auf „Die Riesinnen“ und wurde nicht enttäuscht. Obwohl sehr intensiv mit einer poetischen ...

Ich mag Generationsromane, die sich über eine längere Zeit erstrecken, wirklich gern. Deshalb hatte ich auch große Lust auf „Die Riesinnen“ und wurde nicht enttäuscht. Obwohl sehr intensiv mit einer poetischen Sprache geworben wird und ich mit einer solchen selten viel anfangen kann, hatte ich nahezu durchgängig eine tolle Lesezeit mit diesem atmosphärischen Roman.

Wir dürfen drei Generationen der Riessberger-Frauen begleiten, die im dörflichen Setting des Romans über lange Zeit wie Aussätzige behandelt werden. Was alle drei Protagonistinnen jedoch vor allem eint, ist ihre Stärke. Diese ist dabei ganz unterschiedlich zu verstehen. Mal liegt sie darin, dass Liese in den 60er-Jahren nach dem Tod ihres Mannes dessen Metzgerei übernimmt und sich in einer frauenfeindlichen Arbeitswelt behaupten muss. Oder darin, dass Cora eisern ihren Weg geht, ohne eine Abkehr davon als Niederlage zu empfinden. Und schlussendlich zeigt sie sich darin, dass Eva beginnt, das Schweigen zu brechen und alte Umstände nicht einfach als gegeben hinzunehmen.

Auffällig ist die Sprache und Erzählstruktur der Geschichte. Stilistisch und sprachlich wählt die Autorin nämlich stets einen nahtlosen Übergang zur nächsten zentralen Hauptfigur und damit Generation. Erzählerisch finde ich das wirklich großartig und innovativ gemacht, denn es erfordert ein aufmerksames Lesen, um den Wechsel bewusst wahrzunehmen. Was zuvor noch poetisch und naturnah war, ist dann z. B. auf einmal direkter und irgendwie wütender - weil die nächste Generation die Geschichte weitererzählt.

Die Figuren werden vielschichtig beschrieben, zum Teil auch noch im Nachhinein durch die Perspektive der späteren Protagonistin. Das ist klug gemacht, sehr detailliert und gleichzeitig feinsinnig - erfordert aber auch hier wieder aufmerksames Lesen. Ich bin Fan davon, wenn Figuren über eine weite Strecke der Geschichte hinweg immer feiner gezeichnet werden. Es erfordert aber definitiv auch die richtige Stimmung und Konzentration auf die Handlung.

Die Sprache unterstreicht stets den Inhalt, die Atmosphäre ist wechselnd und wirklich unglaublich greifbar geschrieben. Und auch, wenn es sprachlich schon stellenweise sehr poetisch wird, verfestigt das in diesen Momenten einfach noch einmal die Verbundenheit mit der Natur und konkret dem Wald. Es bleibt mein least favourite Sprachstil, aber trotzdem fand ich es hier treffend umgesetzt und außerdem nicht zu ausschweifend, sodass ich immer wieder gut in die Geschichte zurückgefunden habe. Somit war es für mich äußerst positiv, dass sich die sehr deutliche Bewerbung der Poesie nicht in dieser Intensität bestätigt hat.

Der Fokus liegt sehr deutlich auf den Protagonistinnen und deren Beziehung zueinander. Nebenfiguren finden kaum statt, was eine akzeptable Entscheidung der Autorin ist, auch wenn ich mir zu einigen Nebencharakteren doch mehr Informationen gewünscht hätte. Hier bleibt die Autorin, sicherlich bewusst, oft sehr vage. Leerstellen und Schweigen spielen eben eine große Rolle in der Geschichte, aber ich fand es fast immer gut gelöst, weil Häffner an den relevanten, also die Familie betreffenden, Stellen zwischen den Zeilen detailliert genug ist, um alles verständlich zu machen - wenn aufmerksam gelesen wird. Außerdem ist sie wirklich Herrin der zahlreichen Erzählstränge und kann viele von ihnen am Ende geschickt miteinander verflechten.

„Die Riesinnen“ ist ein dichtes Werk, das aufgrund seiner vielen Details viel Fokus erfordert. Ich habe den Roman eher langsam gelesen und das war gut so, denn er ist gleichermaßen gewaltig wie subtil und ruhig. Manche Abschnitte waren sprachlich nicht so meins, insgesamt fand ich die Vereinigung von Form und Inhalt aber einfach richtig hochwertig. Einen großen Pluspunkt bekommt das Werk von mir - und das ist ein kleiner Spoiler - weil die Frauen sich bewusst gegen feste Beziehungen mit Männern entscheiden und ihnen fehlt NICHTS. Ich liebe das und will so etwas wirklich noch viel öfter lesen.

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Veröffentlicht am 24.01.2026

Viele wichtige Aussagen, die anderen Menschen bestimmt auch helfen können

Women Living Deliciously
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Ich bin für die Bewertung des Buches wirklich hin- und hergerissen. In erster Linie muss ich nämlich sagen, dass es mir einfach deutlich zu langatmig und repetitiv war. Über weite Strecken habe ich mich ...

Ich bin für die Bewertung des Buches wirklich hin- und hergerissen. In erster Linie muss ich nämlich sagen, dass es mir einfach deutlich zu langatmig und repetitiv war. Über weite Strecken habe ich mich ehrlicherweise etwas hindurchgequält, wollte es aber auch gerne lesen. Die Autorin schreibt im Kern jedoch über wirklich gute Sachen, die eine Psychotherapeutin genau so auch gesagt hätte.

Der politische Einblick bleibt hier eher kurz, aber das liegt vielleicht an ihrem früheren Werk, das ich nicht gelesen habe, welches aber durchaus tiefgründiger klingt. Für meinen Geschmack hätte es noch konkreter gesellschaftskritisch sein dürfen und auch generell wären mir mehr spezifische Beispiele lieb gewesen. An manchen Stellen wird die Autorin auch persönlich, was den Lesefluss für mich positiv beeinflusst.

Die grundlegenden Aussagen dazu, dass wir nur ein Leben und einen Körper haben, der mehr verdient hat als die Abwertung aufgrund gesellschaftlicher Normen, sind treffend. Und ich finde es auch gut, wie Given es hier geschafft hat, spirituelle Gedanken fundiert und ohne Anspruch an Perfektion zu vermitteln. Ich kann mit Spiritualität nämlich nichts anfangen, aber die Fokussierung auf uns und unseren Körper wirkt sich eben ganz konkret auf unser Leben und auch auf die Beziehungen zu anderen aus. Respektlosigkeit und Abwertung können wir besser von uns weisen, wenn wir uns selbst respektieren und körperliche Reaktionen ernst nehmen. Den Impuls, unsere dauerhaft laufenden Gedanken bewusst wahrzunehmen und sich so von ihnen abgrenzen zu können, fand ich wirklich hilfreich. Und auch die schlicht sehr wahre Aussage, dass nur wir selbst unser Leben leben und in die Hand nehmen können, hätte eine Therapeutin nicht anders formuliert.

Für meine Bewertung muss ich also einbeziehen, dass ich im Zuge vieler Jahre Psychotherapie mit eigentlich allen Dingen im Buch schon konfrontiert gewesen bin. Somit war es nicht wirklich etwas Neues, aber ich kann so auch einschätzen, dass es wirklich valide Ratschläge sind, die nicht in eine komische Selbstoptimierungs-Ego-Schwurbel-Schiene abdriften. Das rechne ich dem Buch wirklich positiv an, denn es gibt ganz viele andere Selbsthilfebücher auf dem Markt, die meiner Meinung nach eher Schaden anrichten.

Dem gegenüber steht aber dennoch, dass mir die klare Struktur im Buch fehlte und ich den Eindruck hatte, dass die Autorin wieder und wieder die gleichen fünf Grundgedanken ausformuliert. Auch die oft blumige Ausdrucksweise mit vielen sprachlichen Bildern trifft einfach nicht meinen Geschmack. Während ich die Gestaltung des Buches mit ihren knalligen Farben und rotzigen Zeichnungen wirklich gut fand, hätte ich es wohl locker auf ein Drittel des Umfangs gekürzt.

Ich halte es abschließend für eines der besseren Selbsthilfewerke und Menschen, die keinen Zugang zu Psychotherapie haben und/oder sich nicht in einer akuten Krise befinden, kann es bestimmt nachhaltig helfen. Für mich war es leider eine wirklich zähe Lektüre, die ich nur wegen der guten Basis wohlwollend bewerte.

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Veröffentlicht am 24.01.2026

Intensiv, immersiv und teilweise verwirrend

Kinderspiel
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Ich habe eine Weile gebraucht, um mich auf Kilroys Schreiben einzulassen. Denn sie wählt hier einen inneren Dialog, den die Protagonistin Soldier mit ihrem Sohn Sailor führt. Streckenweise war mir das ...

Ich habe eine Weile gebraucht, um mich auf Kilroys Schreiben einzulassen. Denn sie wählt hier einen inneren Dialog, den die Protagonistin Soldier mit ihrem Sohn Sailor führt. Streckenweise war mir das auch zu monoton und langatmig, aber insgesamt ist es wirklich ein außerordentlich starkes Werk, das sich in seiner Ungeschöntheit deutlich abzuheben vermag.

Ich bin sehr glücklich kinderfrei, interessiere mich aber für die Lebensrealität von Eltern bzw. konkret Müttern. Es ist in einer progressiven Gesellschaft meiner Meinung nach auch unerlässlich, sich mit anderen Lebensrealitäten zu konfrontieren, um Vorurteilen sowie strukturellen Diskriminierungen entgegenwirken zu können. Kilroys Roman ist wirklich in weiten Teilen eine Tour de Force und ich wurde regelrecht eingesaugt.

Die Autorin schreibt so prägnant und detailliert, dass ich seitenweise richtig angespannt war, trifft aber dennoch einen ruhigen Ton. Aufgeregt habe ich mich dennoch, vor allem über den Mann der Protagonistin, und das ist sicherlich beabsichtigt. Das Stereotype daran kann natürlich kritisiert werden, aber ich sehe den Punkt nicht wirklich. Dass Care Arbeit „Frauenarbeit“ ist und Väter für jegliches Engagement bewundert werden, ist doch ein gesellschaftlicher Fakt. Dass es Ausnahmen gibt, bestätigt dennoch die Regel und deshalb braucht es diese literarischen Figuren auch, um strukturelle Kritik zu üben. Er hat mich wirklich zur Weißglut gebracht und ich habe vielmehr nicht verstanden, wie Soldier das trotz aller Wut überhaupt akzeptieren kann.

Neben Wut geht es generell viel um Emotionen und vor allem um ihre Vermischung. In und zwischen den Zeilen ist wirklich unglaublich viel greifbar: die emotionale Ambivalenz dem Kind gegenüber, die Erschöpfung, die schiere Verzweiflung, die Ratlosigkeit, das Gefühl fehlender Kompetenz, die Isolation und neben all dem die übermenschliche Liebe. Auch das Fehlen von Worten, um die eigenen Gedanken und Gefühle zu beschreiben, bildet die Autorin geschickt ab.

Ich bin extrem positiv überrascht, wie schnell sich das Buch lesen ließ, obwohl ich mit jeder Zeile glücklicher war über meine gewählte Kinderlosigkeit. Aber Kilroy macht mit ihrem dichten Schreiben auch Nicht-Eltern klar, wo Ungerechtigkeiten liegen und findet irgendwie verständliche Worte für eine eigentlich unbeschreibliche Lebensphase. Mir waren die poetischen, metaphernreichen Abschnitte dennoch etwas zu viel - davon bin ich einfach kein Fan. Ebenso lässt die Autorin manche Dinge bewusst im Unklaren, sodass ich am Ende nicht mehr sicher bin, was nun eigentlich wirklich so stattgefunden hat und was nicht. Das ist natürlich genau der Punkt, um sich in diese Ausnahmesituation hineinversetzen zu können, aber ich mag unsichere Leerstellen nicht so gern. Dennoch bleibt es ein wirklich eindrückliches Werk und die experimentelleren Abschnitte werden auf jeden Fall durch die vielen fesselnden aufgewogen.

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Veröffentlicht am 17.01.2026

Breit gefächerte Beiträge für einen guten Einstieg ins Thema

Unlearn Patriarchy
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Essaysammlungen sind immer eine Sache für sich und naturgemäß sprechen eine:n manche Texte mehr an als andere. Ich fand die Zusammenstellung hier aber wirklich gut gelungen, wenngleich mir der Zusammenhang ...

Essaysammlungen sind immer eine Sache für sich und naturgemäß sprechen eine:n manche Texte mehr an als andere. Ich fand die Zusammenstellung hier aber wirklich gut gelungen, wenngleich mir der Zusammenhang zum Titel nicht immer ganz deutlich erschien. Vielleicht liegt das aber auch nur an meiner Aufmerksamkeit und die Zusammenhänge erschließen sich beim erneuten Lesen.

Ich kenne einige Autor:innen bereits aus ihren eigenen Werken, sodass nicht besonders viele neue Impulse für mich in den Texten steckten. Das liegt sicherlich auch an meiner bereits recht tiefgehenden Beschäftigung mit vielen der thematisierten Aspekte. Für Menschen, die sich diesbezüglich aber noch eher am Anfang befinden und dennoch vielschichtig eintauchen wollen, empfehle ich das Werk in jedem Fall.

Die Vielfältigkeit der Texte hinterlässt mich mit einem guten Gefühl für das große Ganze und damit auch mit ein wenig Hoffnung - dazu haben die Schreibenden mit dem ein oder anderen konkreten Handlungsimpuls auch ganz klar beigetragen. Die meisten Beiträge fand ich zudem wirklich zugänglich geschrieben, nur wenige waren mir etwas zu zäh und kompliziert. Rundum eine gute gewählte Zusammenstellung an Personen und damit auch Themen, die mein Wissen angenehm aufgefrischt und an manchen Stellen sogar erweitert hat.

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Veröffentlicht am 08.01.2026

Der Titel ist hier wirklich Programm…

Die Schrecklichen
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Eigentlich hat mich der Klappentext trotz des negativen Titels positiv gestimmt. Denn Bücher mit politischer Botschaft mag ich gern und dass sogar Tierrechte mitgedacht werden im menschlichen Befreiungskampf, ...

Eigentlich hat mich der Klappentext trotz des negativen Titels positiv gestimmt. Denn Bücher mit politischer Botschaft mag ich gern und dass sogar Tierrechte mitgedacht werden im menschlichen Befreiungskampf, hat mich erst recht überzeugt.

Und ich runde auch wohlwollend auf für das explizit Politische dieser Geschichte. Denn gerade weil die Aussagen sicherlich vielen Menschen aufstoßen werden, bewerte ich diesen Grenzgang positiv - Bücher sind schließlich auch dafür da, unseren Horizont aufzubrechen, so schmerzhaft das manchmal ist.

Aber darüber hinaus kann ich leider nicht viel Positives nennen. Gorgo ist wirklich durch und durch misanthrop. Das alleine wäre sicherlich weniger ein Problem, wenn sie charakterlich eine Entwicklung durchmachen würde oder zumindest zu ihren Freund:innen eine Beziehung aufbauen könnte. Doch abgesehen von ein paar wirklich lieben, solidarischen Momenten konnte ich da nicht viel spüren.

Den Schmerz der Protagonistin, die in ihrem politisch so aufgeklärten Freund:innenkreis immer wieder ihren Veganismus verteidigen muss, kann ich sehr gut nachvollziehen. Und auch die rotzige Widerständigkeit der Protagonistinnen inkl. wirklich inspirierender Protestaktionen hat mich gepackt. Aber die Geschichte hängt einfach so sehr an der Protagonistin Gorgo und die hat mich ehrlicherweise vor allem deprimiert.

Auch sprachlich war der Text nicht mein Fall. Pia Klemp arbeitet mit extrem vielen Metaphern, Bildern und Assoziationen. Das alleine gefällt mir üblicherweise schon nicht so sehr, aber die schiere Masse und Aneinanderreihung dieser Stilmittel war mir noch einmal deutlich zu viel.

Der Roman hätte meiner Meinung nach richtig viel Potenzial gehabt, wenn female rage und solidarische Verbundenheit besser in Balance gewesen wären. Auf die hier vorliegende Art war er für mich aber vielmehr eine Enttäuschung.

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