Profilbild von nessabo

nessabo

Lesejury Star
offline

nessabo ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit nessabo über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 17.08.2025

Eine intensive Autofiktion, für mich etwas schwächer als der Vorgänger

Junge Frau mit Katze
0

Ich habe „Lügen über meine Mutter“ GELIEBT! Entsprechend enorm waren meine Erwartungen an den inhaltlich anknüpfenden Nachfolger. Erfüllt werden konnten sie nicht ganz, doch es ist keinesfalls ein schlechter ...

Ich habe „Lügen über meine Mutter“ GELIEBT! Entsprechend enorm waren meine Erwartungen an den inhaltlich anknüpfenden Nachfolger. Erfüllt werden konnten sie nicht ganz, doch es ist keinesfalls ein schlechter Roman.

Meine Präferenz für den Vorgänger liegt einfach in meinem eigenen Leben begründet. Während mir die Geschichte über Elas Mutter, deren Körper und seiner Abwertung durch den Vater einfach so krass nah ging (und ich unglaublich viele Parallelen gesehen habe), konnte ich mich mit Elas eigener Körpergeschichte weniger identifizieren. Ich finde das aber durchaus spannend und behaupte einfach mal, dass aufgrund der vielschichtigen Betrachtung von Körpern in beiden Werken eines von beiden irgendwie allen Lesenden zusagen dürfte.

Und obwohl meine Identifikation mit der erwachsenen Ela nicht so groß war, konnte mich Dröschers Schreiben wieder für sich einnehmen. Ich kenne kaum Autor*innen, die so intensiv über Körper schreiben wie sie. Die Fokussierung auf einen chronisch kranken Körper finde ich nicht nur politisch relevant, sondern auch literarisch spannend. Medical Gaslighting und die daraus resultierende psychische Belastung können dank der klaren, eindrücklichen Sprache lesend erfahren werden. Ich musste inhaltlich immer mal wieder an eines meiner letztjährigen Highlights denken: „Gratulieren müsst ihr mir nicht“.

Neben dem Kampf der Protagonistin gegen ein medizinisches System, das ihre Symptome nicht ernst nimmt, thematisiert die Autorin wie gewohnt auch Klassismus. Das ständige Gefühl Elas, als erste Akademikerin ihrer Familie irgendwie immer fehl am Platz zu sein, wird ebenso eindrücklich beschrieben wie ihre fortschreitende Loslösung von der Mutter. Wir familiäre Prägung die Beziehung zu sich selbst und anderen prägt, ist für mich immer ein spannendes und auch persönliches Feld.

Vielleicht liegt es einfach nur daran, dass ich mich weniger in der Geschichte wiedergefunden habe, aber der neue Roman erschien mir trotz aller sprachlicher Klarheit auch ein wenig konfus, was seine Erzählstruktur angeht. Phasenweise hing ich an den Seiten, dann gab es aber auch immer wieder Momente innerer Verwirrung. Das Autofiktionale der Geschichte hat einen ganz besonderen Charme und ich mag die kurzen Zwischenkapitel, wenngleich mir auch an der Stelle ein wenig mehr Klarheit gut gefallen hätte. Das Fiktionale verschwimmt schon enorm mit dem Realen und das kann Dröscher definitiv meisterinnenhaft schreiben. Ich denke, es ist einfach nicht immer mein Fall bzw. schien es mir im Vorgänger besser umgesetzt zu sein.

Zentral sind zudem (japanische) Literatur sowie eigenes Schreiben - nicht unbedingt Themen, die mich sonderlich mitreißen. Und doch hat es mich total fasziniert, wie sich über die Protagonistin so langsam der Werdegang Dröschers herauskristallisierte. Ihre persönliche Liebe für und ihr tiefes Wissen zu Yōko Tawadas Schaffen ist greifbar und wird durch die kurzen Zitate weiter unterstrichen. Auch, wenn es mich selbst nicht so interessiert, erkenne ich diese Detailliebe und tiefe Verbundenheit als etwas sehr besonderes an. Ein nettes Element finde ich zudem die Wahl der Kapitelüberschriften, welche hinten kurz erklärt werden.

Daniela Dröscher bleibt für mich eine Autorin, die sich durch ein unvergleichlich hohes Maß an Authentizität und Tiefgründigkeit auszeichnet. Sie liebt Literatur und das Schreiben - in jeder Zeile ist das spürbar. Auch, wenn mir der Vorgänger noch einmal deutlich besser gefallen hat, ist „Junge Frau mit Katze“ ein ergreifendes und wichtiges Werk. Ich freue mich schon auf weitere Romane!

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 16.08.2025

Ein literarisches bemerkenswertes Debüt, charakterlich anders als erwartet

Bestie
0

Joana June verfolge ich schon eine Weile auf Instagram und ihre Art war mir gleich total sympathisch, weswegen ich mich umso mehr auf ihr Debüt gefreut habe. Außerdem mag ich tiefgründige, vielschichtige ...

Joana June verfolge ich schon eine Weile auf Instagram und ihre Art war mir gleich total sympathisch, weswegen ich mich umso mehr auf ihr Debüt gefreut habe. Außerdem mag ich tiefgründige, vielschichtige Charakterportraits und Geschichten, die aus mehreren Perspektiven erzählt werden, richtig gern.

Der Roman lässt sich erstaunlich gut lesen. Erstaunlich deshalb, weil er literarisch auf einem ziemlich hohen Niveau ist und sprachlich experimentelle Anteile hat. Der Stil der Erzählung wechselt immer mal wieder kurzzeitig und eigentlich bin ich davon echt kein Fan, aber das Maß war hier sehr angemessen und wird Literaturbegeisterte sicher für sich einnehmen. Gleichzeitig weiß June aber auch, ihre Worte präzise zu wählen, sodass es kein elitäres Werk ist. Dennoch ist der theaterhafte Aufbau des Romans etwas, das sich von anderen Büchern abzuheben vermag.

Spannend wird es schon beim Titel: Ist damit die Bestie im Sinne von bester Freundin gemeint oder im Sinne eines Ungeheuers? Und von einer eindeutigen Beantwortung dieser Frage sieht die Autorin ganz klar ab, so viel sei schon einmal gesagt. Auch generell eignet sich dieses Werk besonders gut für ein gemeinsames Lesen oder ein wiederholtes. Denn June versteckt immer wieder erzählerische Kleinigkeiten im Text, die beim ersten Lesen vielleicht gar nicht auffallen.

Mein Haupt-Kritikpunkt betrifft die Beziehung der beiden. Meine Erwartungen waren da wahrscheinlich einfach andere. Ich habe mich vor allem auf eine Entwicklung der Beziehung zueinander gefreut und die Sezierung ebendieser. Das gab es für mich nur abgeschwächt. Die Freundinnenschaft fand ich nicht so richtig glaubwürdig geschrieben oder zumindest war ich wiederholt irritiert über die Selbstbezeichnung der beiden. Zwischen den Protagonistinnen findet relativ wenig und überwiegend oberflächliche Kommunikation statt.

Stattdessen geht es vielmehr tief rein in die Gedankenwelt beider Frauen. Anouk gefiel mir dabei recht gut, bei Lilly fand ich das wiederum ziemlich anstrengend. Obsessive Figuren, die zudem extrem um ihre eigenen Gedanken kreisen, sind für mich ein ambivalentes Feld - manchmal mag ich das total, oft ist es mir aber auch ein wenig zu viel. Zudem zeigt Lilly ein bestimmtes Verhalten, mit dem ich nicht sonderlich gut umgehen kann, sodass ich mich da emotional immer etwas distanzieren musste.

Am Ende kommt für mich einiges an Klärung und Tiefgang dazu, gleichzeitig ging es mir aber ein bisschen zu schnell. Dadurch kamen auch einige Nebenhandlungsstränge etwas zu kurz, die ich gern noch intensiver verfolgt hätte.

Der Roman ist ziemlich echt, analysiert intensiv die Leben zweier junger Frauen, die Belastungen einer Content Creatorin und thematisiert zumindest ansatzweise parasoziale Beziehungen. Dabei schafft es June, zugleich rau und sanft zu schreiben, balanciert harte Realität und Poesie elegant aus. Feministische Themen lässt sie immer wieder kurz in die Geschichte einfließen, ich würde den Roman aber nicht grundlegend als explizit feministisch bezeichnen.

Für mich war es zwar nicht das gewünschte Highlight, aber „Bestie“ bleibt ein bemerkenswertes Debüt!

  • Einzelne Kategorien
  • Handlung
  • Erzählstil
  • Charaktere
  • Cover
  • Themen
Veröffentlicht am 10.08.2025

Ein Werk in gewohntem Stil, aber schwächer als seine Vorgänger

Say You’ll Remember Me
0

Ich bin leidenschaftlicher Fan von Jimenez’ Romanen, weil ich ihren Humor und die starke Verhaftung im alltäglichen Leben schätze. Auch hier habe ich beides erfüllt gesehen und doch fand ich diesen Roman ...

Ich bin leidenschaftlicher Fan von Jimenez’ Romanen, weil ich ihren Humor und die starke Verhaftung im alltäglichen Leben schätze. Auch hier habe ich beides erfüllt gesehen und doch fand ich diesen Roman deutlich schwächer als die vorherigen.

Die beiden Protas sind wieder einmal vielschichtig und respektvoll miteinander. Und doch hat an der Stelle für mich dieses Mal einfach nicht alles gepasst. Einerseits finde ich es immer ausdrücklich gut, dass die männlichen Protagonisten der Autorin vulnerable Seiten haben - das trifft auch auf Xavier zu. Aber im Vergleich zu Samantha rutscht er mir viel zu stark in dieses „Ich muss mich aufopfern und alles für sie tun“-Gehabe ab, das mir ziemlich auf die Nerven geht. Genau diese Seite an ihm wird mir auch einmal zu oft betont. Er rettet Samantha vielleicht nicht im herkömmlichen Sinne, aber in Jimenez’ früheren Werken waren mir die beiden Hauptfiguren deutlich mehr auf Augenhöhe unterwegs.

Dass sich das Drama der Geschichte nicht aus den sonst so üblichen Missverständnissen und Kommunikationsschwächen speist, sondern aus der herausfordernden Lebensrealität, finde ich wieder gut gewählt. Ich muss aber auch hier sagen, dass es mir zwischen den beiden zu glatt lief und es streckenweise fast etwas zäh war. Gleichzeitig finde ich die Repräsentation von Demenzkranken und deren familiärer Pflege ganz toll. Auch interessant gezeichnete Nebenfiguren sind nach wie vor eine klare Stärke der Autorin.

Wie gewohnt und gehofft, ist der Humor der Geschichte toll geschrieben und trifft einfach meinen Geschmack. Er ist subtil, alltagsbezogen und in einem guten Maß eingebunden. Spice nimmt kaum Raum ein, aber auch das bin ich von Jimenez gewohnt. Dahingehend bin ich also auch gar nicht enttäuscht.

Schon nach den ersten paar Seiten war ich zudem begeistert von dem Tierarzt-Trope. Sanftheit gegenüber Tieren ist mein absoluter soft spot und darüber hinaus fand ich die Einblicke in den Job toll. ABER: Mir wird es nie in den Kopf gehen, wie Menschen einerseits so klar den Wert des Haustierlebens erkennen und sich dann zu jeder Mahlzeit ein totes Tier einverleiben können. Tiere zu essen ist ja leider, leider absoluter Standard in unserer Gesellschaft und damit eben auch in Büchern. Aber bei diesem Thema erwarte ich einfach ein ganz anderes Level an Sensibilität und Konsistenz. Das hat mich schon herb enttäuscht.

Super streng bewerte ich dennoch nicht, weil die Autorin ihrem Stil hier treu geblieben ist und Fernbeziehungen als Trope glaube einfach nicht mein persönlicher Fall sind. Die ernsten Themen finde ich wieder lobenswert eingebunden, sodass ich den Roman für Fans der Autorin in jedem Fall empfehle. Wer sie noch nicht kennt, sollte vielleicht eher zu einem früheren Werk greifen.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 10.08.2025

Für Fans von Mariana Leky, mir aber leider zu langweilig

Happiness Forever
0

Ich liebe das Cover und auch der Klappentext hat mir gut gefallen. Zu Beginn fand ich diese leichte Obsession mit der Therapeutin sowie das Therapiesetting generell auch interessant. Doch im weiteren Verlauf ...

Ich liebe das Cover und auch der Klappentext hat mir gut gefallen. Zu Beginn fand ich diese leichte Obsession mit der Therapeutin sowie das Therapiesetting generell auch interessant. Doch im weiteren Verlauf musste ich trotz der wirklich liebenswerten Figuren feststellen, dass es mir einfach zu langweilig war.

Was ich dem Roman positiv anrechne, sind die Figuren. Sie erinnern mich recht stark an die von Mariana Leky - irgendwie besonders, vielleicht ein wenig naiv, aber so herzensgut und freundlich, dass es mich wirklich berührt. So schön ich diese Nettigkeit bei Figuren aber auch finde, bin ich kein riesiger Fan davon, weil es mir oft nicht tief genug geht. Von Sylvie erfahren wir im Laufe der Therapie zumindest einige Hintergründe, aber ihre Figur blieb mir dennoch recht blass. Dass die Therapeutin in ihrer professionellen Rolle auch den Lesenden gegenüber distanziert bleibt, finde ich authentisch geschrieben. Chloe wiederum ist eine ganz tolle, unterstützende Freundin für Sylvie, aber über sie erfahren wir mehr oder weniger nichts.

Und wenn es sich so extrem um eine Figur dreht, die im Laufe der Handlung nur wenig an Tiefe gewinnt sowie für mein Empfinden kaum Entwicklung durchläuft, bin ich leider irgendwann gelangweilt. Ich habe die Lektüre bis zum Ende durchgezogen, aber es war wirklich ein kleiner Kampf. Therapieerfahrung hab ich selbst viel und vielleicht ist das auch ein Teil des Problems. Obwohl mich manche Referenzen schon auch zum Schmunzeln gebracht haben, ist mir diese festhängende und den Umständen scheinbar ausgelieferte Protagonistin einfach zu anstrengend. Das meine ich nicht abwertend, denn Sylvies Vergangenheit macht mich auch betroffen. Aber es ist literarisch in dieser Intensität eben nicht mein Fall.

Mir fällt es daher auch schwer, zu definieren, wer hier eine bessere Zielgruppe ist. Vielleicht Menschen, die sich gern intensiv in die kreisenden Gedanken einer Figur einarbeiten und langsame Handlungen mit freundlichen Figuren mögen. Dass mit dem Schlagwort LGBTQIA+ geworben wird, finde ich nicht passend, weil es als Teil von Sylvies Identität eigentlich keine Rolle spielt - auch da waren meine Erwartungen abweichend.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 07.08.2025

Ein äußerst würdiger zweiter Roman der Autorin

Before we were innocent
0

Ella Berman hat bereits in ihrem Debüt gezeigt, dass sie ein Händchen hat für die subtile Wirkweise von Macht und Abhängigkeit. Auch in ihrem neuen Roman untermalt sie auf ein Neues, dass sie meisterinnenhaft ...

Ella Berman hat bereits in ihrem Debüt gezeigt, dass sie ein Händchen hat für die subtile Wirkweise von Macht und Abhängigkeit. Auch in ihrem neuen Roman untermalt sie auf ein Neues, dass sie meisterinnenhaft unklar machen kann, wer Opfer und wer Täter*in ist. Hier geht es zwar weniger um Machtmissbrauch und doch sehe ich gewisse Parallelen zwischen den beiden Büchern.

Die Freundinnenschaft der drei ist gleichermaßen greifbar wie mir fremd. Sie sind irgendwie alle auf verschiedene Weise wohlhabend und enorm privilegiert. Und doch sind sie ebenso unsicher und eben Teenagerinnen/junge Erwachsene wie ich auch mal eine war.

Wiederholt flicht die Autorin thrillerhafte Elemente ein, die immer wieder die Spannung heben, ohne dass wir hier einen Thriller vor uns hätten. Als sensible Person ist mir dieses Maß immer genau recht, denn spannende Geschichten mag ich schon und eine solche haben wir hier in jedem Fall. Was genau passiert ist und wer für Vergangenes bzw. Aktuelles tatsächlich Schuld trägt, wird in einem guten Tempo enthüllt. Streckenweise fand ich die Handlung etwas zäh, aber insgesamt war ich überwiegend wie gebannt.

Der Roman hatte für mich auf jeden Fall auch deutlich weniger Längen als ihr Debüt, wodurch er noch einmal eine merkliche Steigerung zu ihrem Erstling ist. Die Autorin zeichnet auch hier wieder keine moralisch eindeutigen Figuren und das finde ich gut. Denn unser Mitgefühl sollte optimalerweise nicht vom Lebensstil der Betroffenen abhängig sein, sondern situationsbezogen gelten. So verdienen auch reiche, unsympathische Menschen unsere Solidarität, wenn ihnen Gewalt widerfährt.

Wie schon in ihrem Debüt thematisiert Berman die Rolle der Presse und legt nochmal eine deutliche Schippe drauf. Die Verzerrung und Obsession seitens der Medien ist klar zu verurteilen und ich finde es wichtig, sich das immer wieder bewusst zu machen. Wir sind wohl alle nicht gefeit vor den großen Storylines und umso stärker sollten wir uns daran erinnern, dass echte und vielschichtige Menschen dahinter stecken.

Ein gelungenes zweites Werk der Autorin, die ich auf jeden Fall weiter verfolgen werde.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere