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Veröffentlicht am 27.01.2025

Jeder geht, aber von jedem muss etwas bleiben

Keilsberg
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Dieser Satz, den eine fremde Frau auf einem Friedhof zu ihm sagt, bleibt Paul im Gedächtnis. Dabei hat er gerade ganz andere Sorgen. Seine Freundin Julie hat ihn vor Monaten ohne Vorwarnung verlassen und ...

Dieser Satz, den eine fremde Frau auf einem Friedhof zu ihm sagt, bleibt Paul im Gedächtnis. Dabei hat er gerade ganz andere Sorgen. Seine Freundin Julie hat ihn vor Monaten ohne Vorwarnung verlassen und ist seither spurlos verschwunden. Auch Michael, ihr Bruder und sein Chef, hat angeblich nichts von seiner Schwester gehört. Paul lässt sich gehen, seine Gedanken kreisen ausschließlich um die verlorene Geliebte, er bringt für nichts mehr Interesse auf. In dieser Situation stößt er bei einem Spaziergang zufällig auf einen englischen Soldatenfriedhof und lernt das ältere Ehepaar Ochs kennen. Diese Begegnung wird weitreichende Folgen für Paul haben ...

„Keilsberg“ ist das Romandebüt von Sebastian Mense. Eine wichtige Rolle in diesem Buch spielt seine Heimatstadt Kassel, bzw. der nahegelegene, wenig bekannte Soldatenfriedhof. Dort sind britische und russische Opfer des Kriegsgefangenenlagers Keilsberg aus dem 1. Weltkrieg bestattet.

Einer dieser Gefangenen war der englische Soldat Thomas Barley. Durch Lieselotte Ochs gerät der Briefwechsel zwischen Tom und seiner Mutter in Pauls Hände. Sie bittet ihn als studierten Anglisten, um die Übersetzung ins Deutsche. Toms Briefe gewähren verstörende Einblicke in das Lagerleben der Kriegsgefangenen. Seine Mutter Madelaine wiederum berichtet über die Lage im England des Jahres 1915. Paul beginnt über Thomas Barley zu recherchieren. Warum passen die Briefe inhaltlich oft nicht richtig zusammen? Was geschah mit Thomas Barley?

Sebastian Mense schreibt flüssig und bildhaft. Seine Charaktere wirken glaubwürdig und haben Tiefe. Die einfühlsame Beschreibung der Situation der Gefangenen, der Schrecken und Entbehrungen, die sie erdulden mussten, berührt. Die Lage der Bevölkerung in Deutschland und England, ihre Gefühle, Ängste wie Hoffnungen, sind anschaulich beschrieben. Man spürt die gründliche Recherche des Autors. Der laufende Wechsel der Perspektiven und der zwei Zeitebenen sorgt für anhaltende Spannung.

Besonders interessant fand ich die Entwicklung Pauls. Zunächst verharrt er im Selbstmitleid und seine Gedanken kreisen ausschließlich um Julie. Doch allmählich findet er in sein Leben zurück. Er schafft es, endlich loszulassen, sein Schicksal wieder selbst in die Hände zu nehmen und eine überfällige Entscheidung zu treffen. Als er endlich ein Lebenszeichen seiner Ex-Freundin sieht, kappt er mühelos die letzte Verbindung zu ihr. Zeitgleich mit seinem „Cold Case“ löst er auch seine eigenen Probleme.

Vielleicht treffen wir Paul ja wieder? Mich hat der Roman sehr gut unterhalten und ich habe Neues über den 1. Weltkrieg erfahren, obwohl ich schon einiges zu diesem Thema gelesen habe. Vielleicht recherchiert Paul auch künftig zu (anderen) historischen Themen? Ein Wiedersehen würde mich freuen, obwohl ich das nach den ersten Kapiteln nicht gedacht hätte.

Ich vergebe die volle Punktzahl und eine Leseempfehlung an alle historisch Interessierten. Aber nicht nur an diese.

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Veröffentlicht am 20.01.2025

Siegen um jeden Preis?

The Favourites
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Layne Fargo erzählt uns die mitreißende Geschichte eines jungen Eistanz- und Liebespaares, vom steinigen Aufstieg in höchste Höhen, die Sportler erreichen können, bis hin zum ernüchternden tiefen Fall ...

Layne Fargo erzählt uns die mitreißende Geschichte eines jungen Eistanz- und Liebespaares, vom steinigen Aufstieg in höchste Höhen, die Sportler erreichen können, bis hin zum ernüchternden tiefen Fall und dem folgenden kräftezehrenden Comeback. Werden Kat und Heath den ersehnten Olympiasieg doch noch schaffen?

Das glamouröse, vorwiegend in Gold gehaltene Cover zieht die Blicke auf sich. Nur die Frau des Eistanzpaares ist zu sehen. Vom männlichen Part sieht man hauptsächlich die Hand, die ihre Taille umfängt und stützt. Damit wird die Botschaft des Buches bereits übermittelt. Obwohl wir scheinbar die Geschichte eines Eistanzpaares vor uns haben, geht es tatsächlich im Wesentlichen um sie, Katharina Shaw.

Schon als Vierjährige entdeckt sie ihre Leidenschaft für den Eistanz. Als sie Heath kennenlernt, der aus ähnlich bescheidenen Verhältnissen wie sie selbst stammt und bei Pflegeeltern aufwächst, sieht sie eine Möglichkeit, ihren Traum zu realisieren. Sie überredet Heath, statt Eishockey Eistanz zu betreiben. Obwohl sie kein Geld haben, finden die beiden eine Trainerin. Als Heath zu anderen Pflegeeltern soll, überredet Kat ihren Vater, die Vormundschaft für ihn zu übernehmen. So können sie weiter trainieren. Dann kommt der nächste Schlag, Katharinas Vater stirbt. Da sie noch zu jung ist, um ihr Erbe anzutreten, muss sie bei ihrem Bruder leben, der Alkohol- und Drogenprobleme hat. Er hasst Heath und macht Kat das Leben zur Hölle. Trotzdem trainieren die beiden unbeirrbar weiter und schaffen es tatsächlich, zu den nationalen Meisterschaften zu kommen. Ihre Karriere nimmt an Fahrt auf und Kats Idol, die Doppelolympiasiegerin im Eistanz, Sheila Lin wird auf sie aufmerksam. Nach vielen Aufs und Abs erreichen sie ihr großes Ziel, die Olympiateilnahme in Sotschi …

Die Geschichte zieht den Leser schnell in ihren Bann. Layne Fargo schreibt flott und bildhaft. Ihre Charaktere wirken in Haupt- und Nebenrollen weitgehend lebendig und glaubwürdig. Selten wurde die Welt des Hochleistungssports in der Spitzengruppe in ihrer Dramatik, Härte und mit ihren Skandalen, so packend beschrieben. Der ständig vorhandene Druck unter dem die Sportler stehen, die umfassende Beobachtung und Verfolgung durch Presse und Paparazzi und die allgegenwärtigen Intrigen. Ständige Forderungen von Trainern, Verbänden, Fans und Sponsoren an die Athleten. Es wundert nicht, dass sich immer wieder Dramen in dieser Blase abspielen. Dazu kommt noch, dass Kat und Heath seit ihrer Jugend eine sogenannte „Amour Fou“ verbindet. Ihre Leidenschaft verschafft ihnen für ihren sportlichen Werdegang Vor-, aber auch Nachteile.

Der Roman ist aus der Perspektive von Kat geschrieben. Der Wechsel zwischen Interviews/Kommentaren diverser Eistanzgrößen und erzählenden Abschnitten erweist sich als kluger Coup und schafft zusätzliche Spannung. Es hat mich nicht überrascht, dass die Autorin vor ihrer Schriftstellerkarriere u.a. als Dramaturgin tätig war. Die Kommentare zwischen den Kapiteln lassen die Erzählung noch authentischer wirken.

Mein Fazit

„The Favourites“ liest sich spannend und hat mich gut unterhalten. Die Einblicke in die Welt des Spitzensports sind faszinierend und verstörend zugleich. Man spürt die gute Recherche der Autorin, die uns hinter die Fassade des Glamours blicken lässt und die Schmerzen und Emotionen beschreibt, die im Rampenlicht einfach weggelächelt werden. Gegen Ende nimmt der Roman nochmals richtig an Fahrt auf und lässt Intrigen und Manipulationen eskalieren ...

Am meisten imponiert hat mir die Entwicklung Kats von der zielorientierten Eiskönigin zu einer einfühlsamen Frau, die ihren Weg im Leben und in ihrer Partnerschaft letztendlich gefunden hat.

Manchen Passagen am Anfang und im Mittelteil hätten ein paar Seiten weniger gutgetan, der eine oder andere Nebencharakter könnte etwas mehr Tiefe haben, speziell die Konkurrenten neben den Lins. Aber wer sich für Leistungsport und Leidenschaft interessiert, kommt an diesem Buch nicht vorbei.

„Der Roman, über den 2025 alle reden werden“, mit diesem Satz wird der Roman vorab gehypt. Ob das zutreffen wird? Ich bin gespannt, wie die Leserschaft entscheiden wird.

Von mir bekommen „The Favourites“ 4,5 von 5 Sternen.

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  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 13.01.2025

Gelsenkirchener Verwirrspiel

Eric Holler: Gelsenkiller!
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Warum in Gelsenkirchen? Innerhalb von drei Wochen verschwinden drei junge Frauen spurlos aus der „Schalke“-Hochburg. Weder werden Lösegeldforderungen gestellt noch, glücklicherweise, Leichen gefunden. ...

Warum in Gelsenkirchen? Innerhalb von drei Wochen verschwinden drei junge Frauen spurlos aus der „Schalke“-Hochburg. Weder werden Lösegeldforderungen gestellt noch, glücklicherweise, Leichen gefunden. Die Faktenlage ist ebenso dünn wie die Personaldecke, weshalb sich Hauptkommissar Manfred Werthofen gezwungen sieht, den örtlichen Privatdetektiv Eric Holler um Mithilfe zu bitten. Kaum hat er dafür die Genehmigung seines Chefs Bruno Paschke, mischt sich auch schon das BKA ein und verlangt, dass Werthofen quasi nur „auf Sparflamme“ ermittelt. Warum?

„Eric Holler: Gelsenkiller“ ist der dritte Band der 1. Staffel der Reihe Gelsenkrimi von Roman Just. Für mich war es das erste Buch des Autors und ich habe mich mühelos zurechtgefunden.

Wie der Leser rätselt auch Eric Holler, was die Einmischung des BKA bedeutet. Um eine Antwort auf seine Fragen zu bekommen, zapft er seinen Kontakt beim CIA ein, dem er einst selbst angehörte. Der Kommissar wiederum wundert sich, wie gleichgültig dem zuständigen BKA-Mann das Schicksal der jungen Frauen zu sein scheint. Auch Bruno Paschke schöpft Verdacht, dass nicht alles mit rechten Dingen zugeht und lässt Werthofen mehr Spielraum als vom BKA gewünscht. Hollers Informant fördert spannende unerwartete Fakten zutage, die Holler zu auf den ersten Blick fantastischen Schlüssen veranlassen.

Was zunächst wie ein gewohnter Krimi beginnt, entpuppt sich bald als etwas viel Komplizierteres. Nichts ist so, wie es auf den ersten Blick aussieht. Der Autor legt ein rasantes Tempo vor und baut rasch einen Spannungsbogen auf, der bis zum Ende hält. Sein nüchterner, direkter Sprachstil passt ebenso zum Konzept dieses Krimis wie die kurzen Kapitel. Von den Charakteren gewinnen nur Eric Holler und Manfred Werthofen an Tiefe. Während der nüchterne Privatdetektiv ein Mann mit zahlreichen Geheimnissen ist, scheint der Kommissar ein aufrechter, geradliniger Mann mit einer anstrengenden Frau zu sein. Die anderen Protagonisten bleiben flach.

Mein Fazit

Die Geschichte entwickelt sich rasant und zieht den Leser rasch in ihren Bann. Am Anfang fällt es nicht nur dem Kommissar schwer, Hollers Interpretationen der Faktenlage zu folgen. Die Kombinationsgabe und das Bauchgefühl des Detektivs beeindrucken wiederholt. Glücklicherweise ist Werthofen offen und intelligent genug, das Unfassbare zu denken. Gemeinsam können die beiden Männer eine Katastrophe verhindern.

Andeutungen zu Hollers Vergangenheit lassen vermuten, dass da noch lose Fäden vorhanden sind. Sein Freund beim CIA scheint ihm dazu eine bestürzende Nachricht übermittelt zu haben. Es bleibt also spannend bei Eric Holler und seinen Geheimnissen. Der abgeschlossene Fall lässt erahnen, dass sich eine Freundschaft zwischen den so unterschiedlichen Charakteren Holler und Werthofen entwickelt. Wir werden sehen.

Die Geschichte ist spannend und unterhaltsam, ohne Frage. Leider bleiben die Protagonisten neben den beiden Hauptfiguren sehr blass. Auch der Zufall spielt an entscheidender Stelle eine für meinen Geschmack zu große Rolle.

Ich vergebe gute vier von fünf Sternen. Die Reihe hat aus meiner Sicht großes Potenzial.

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Veröffentlicht am 13.01.2025

Der Mörder ist immer der Gärtner?

Blut und Blümchen - Mord hat immer Saison
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Christian Humberg entführt uns in "Blut und Blümchen - Mord hat immer Saison" in die spezielle Welt der Schrebergärtner, einen Mikrokosmos voller kauziger Charaktere, unerwarteter Ereignisse und skurriler ...

Christian Humberg entführt uns in "Blut und Blümchen - Mord hat immer Saison" in die spezielle Welt der Schrebergärtner, einen Mikrokosmos voller kauziger Charaktere, unerwarteter Ereignisse und skurriler Situationskomik. Der ungewöhnliche Schauplatz hat sofort mein Interesse an diesem Cosy Crime geweckt.

Das Cover passt hervorragend zu einem Gartenkrimi. Ein schmuckes Holzhäuschen vor malerischer Kulisse, im Hintergrund ein Badesee. Utensilien wie Schlauch und Gießkanne, inmitten von gepflegten Beeten, verweisen auf einen Schrebergarten.

Die junge Nele Blum plant einen Neubeginn im verschlafenen Dorf Schönrath im Bergischen Land. Mit der örtlichen Kleingartenanlage „Hortensia“ verbindet sie schöne Erinnerungen. Während ihrer Kindheit und Jugend haben ihre Großeltern „Stiefmütterchens Rast“, das kleine Vereinslokal geführt. Doch seit deren Tod vor zwei Jahren ist die Gaststätte verwaist. Das will Nele jetzt ändern. Bei der Besichtigung der Räumlichkeiten finden die „Hortensia“-Präsidentin Uschi Gabinsky, Nele und das Gärtner-Urgestein Karl Paschulke eine Leiche im Obergeschoss des Lokals. Wer ist der Tote?

Nele ist eine sympathische junge Frau, die sich mit der Wiedereröffnung von „Stiefmütterchens Rast“ einen Traum erfüllt. Auch die übrigen Charaktere wirken stimmig. Ob Uschi, die tüchtige Präsidentin, die langjährigen Hobbygärtner Bohnen-Karl, Kartoffel-Paul und Tehzett, die darin wetteifern, das schmackhafteste Gemüse zu züchten oder Erik Gertner, der gutaussehende, aber überforderte Polizist. Der locker-leichte Schreibstil überzeugt und auch der Humor kommt nicht zu kurz. Die Spannung ist, wie in Cosy Crime üblich, gut auszuhalten, aber durchaus vorhanden.

Mein Fazit

Der launige Gartenkrimi ist sehr leicht zu lesen und ermöglicht kurzweilige Pausen vom Alltag.

Die Atmosphäre in der Kleingartenanlage und im beschaulichen Dorf fand ich sehr gut eingefangen. Der harte Kern der Vereinsmitglieder wirkt sympathisch und glaubwürdig. Da ich in meiner Kindheit öfters in einer Kleingartenanlage zu Besuch war, habe ich so manches gleich wieder erkannt. Allerdings haben mich Nele und Eric als Ermittlerteam noch nicht überzeugt. Natürlich hat die junge Wirtin ein großes Interesse daran, den Fall schnell aufzuklären und ihr Lokal zu eröffnen. Es erscheint mir aber unglaubwürdig, dass ein bodenständiger Polizist einer ihm fast Unbekannten das Verhör von Verdächtigen weitgehend überlässt. Hier hat der Krimi noch Entwicklungspotenzial. Die Aufklärung des Falls erfolgte für mich etwas abrupt, was der Kürze des Cosy Crime geschuldet ist. Ein paar Seiten mehr hätten der Geschichte gutgetan und mehr Raum für Erklärungen und Verwicklungen geboten. Naturgemäß bleiben beim Auftaktband einer Buchreihe zunächst Fragen offen, wie bspw. Neles Beweggründe für einen radikalen Neubeginn. Dies wird sich im Verlauf der Reihe sicher ändern.

Insgesamt hat mir die Geschichte aber gut gefallen. Speziell der Schauplatz „Hortensia“ und die schrulligen Kleingärtner mit den lustigen Namen waren mir sofort sympathisch. Auf die weiteren Fälle bin ich schon gespannt. Ich vergebe gute 4 von 5 Sternen und eine Leseempfehlung für alle Fans von kurzweiligem Cosy Crime.

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  • Erzählstil
  • Charaktere
  • Cover
  • Spannung
Veröffentlicht am 07.01.2025

Ein Muss für jede Leseratte mit Fantasie

Das Buch der verbotenen Träume
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Dawn Walker lebt seit drei Jahren in tiefer Trauer. Damals verunglückte ihr geliebter Partner Henry tödlich. Seit diesem traumatischen Erlebnis hat sie keine Seite mehr gelesen, obwohl sie im Winter in ...

Dawn Walker lebt seit drei Jahren in tiefer Trauer. Damals verunglückte ihr geliebter Partner Henry tödlich. Seit diesem traumatischen Erlebnis hat sie keine Seite mehr gelesen, obwohl sie im Winter in der örtlichen Bücherei arbeitet. Eines Tages beobachtet Dawn, wie ihr Lieblingsnutzer der Bibliothek, Flicken-Joseph, ein geheimnisvolles lilafarbenes Buch auf der Straße verliert. Sie nimmt es mit, um es ihm zurückzugeben. Dawn glaubt, Joseph habe es absichtlich verloren, damit sie es findet und ihre Blockade überwindet. Sie beginnt tatsächlich in dem geheimnisvollen Fund zu lesen und löst damit eine Kette unvorhersehbarer Ereignisse aus, die nicht nur ihre Welt bis in die Grundmauern erschüttern.

„Das Buch der verbotenen Träume“ ist der fünfte Band der Bücherwelt-Reihe von Mary E. Garner. Ich finde, er kann auch von Neueinsteigern gut gelesen werden. Allerdings erhöht die Kenntnis der Vorbände den Lesegenuss. Warum? Das erkläre ich noch.

Zunächst erlebt Dawn durch ihre wieder gewonnene Lesefreude einige ungewöhnliche Situationen. Sie träumt so realistisch von Henry, dass sie ihn zu berühren glaubt. Dann wird ihr beinahe das lila Buch von einer mysteriösen jungen Frau gestohlen und Flicken-Joseph sucht verzweifelt, was er verloren hat. Doch da kann sich Dawn schon nicht mehr von der lila Schrift trennen. Ihr bizarrstes Erlebnis ist das Zusammentreffen mit Bambi, der Figur des Autors Felix Salten in dessen Buchwelt. Kurz danach kommt ein attraktiver Fremder in die Keswicker Bücherei und überbringt Dawn die Einladung einer literarischen Vereinigung in London. Dort in Mrs. Gateway's Fine Books befindet sich das einzig bekannte Portal zur Bücherwelt. Dawn erfährt, dass sie als eine Walker, die Fähigkeit hat, dorthin zu reisen. Und es gelingt. Im Gegensatz zu ihren Vorgängerinnen ist Dawn von ihrer neu entdeckten Fähigkeit nicht nur angetan. Zu sehr haben sie die Jahre der Trauer gezeichnet. Sie will sich nicht auf Neues einlassen, sondern in ihrem Kummer verharren. Erst ein Hilferuf ihrer Schwiegermutter und Freundin Elisabeth ändert ihre Meinung. Sie nimmt ihr Talent an und damit beginnt das neue Abenteuer ...

Mary E. Garner gelingt es mühelos, ihre Leser von Beginn an zu fesseln. Mit ihrem authentischen, präzisen Schreibstil, der manchmal fast poetisch anmutet, baut sie auf wenigen Seiten einen Spannungsbogen auf, der bis zum Ende des Buches hält. Überraschende Wendungen und Verwicklungen halten den Lesespaß hoch, ebenso das Zusammentreffen mit bekannten und neuen Charakteren, ob Mensch oder Buchfigur. Auch dieses Mal droht der Bücherwelt Gefahr, aber auch wir Menschen, die in der sogenannten Zwillingswelt leben, sind bedroht.

Mrs. Gateway's Fine Books in London zu betreten, fühlt sich für mich stets wie eine Heimkehr an. Mary E. Garner hat mit der Bücherwelt-Reihe ein ganz eigenes, magisches Universum geschaffen. Träumt nicht jeder begeisterte Leser insgeheim davon, seinen Lieblingen in der Bücherwelt zu begegnen? Die Autorin macht das möglich und webt damit einen fantasievollen Zauber, dem eine passionierte Leseratte kaum widerstehen kann. Im „Buch der verbotenen Träume“ lernen wir neue Charaktere kennen wie Dawn, Jo March aus Little Women oder den Zauberer Merlin. Die Kenner der Reihe begegnen liebgewonnenen bekannten Protagonisten wieder wie Gwen, Rufus, M oder Haushund. Erneut macht eine große Bedrohung eine riskante Mission des Bundes erforderlich. Doch dieses Mal ist die Gefahr größer als jemals zuvor.

Für mich ist das „Buch der verbotenen Träume“ das bisher beste der Reihe. Niemals zuvor war die Bücherwelt gefährlicher und düsterer. Wir lernen gruselige, gemeine Bösewichte näher kennen, gleichzeitig sind die Verteidiger entschlossener und mutiger als zu erwarten war. Einige Charaktere erleben erstaunliche Entwicklungen, sowohl Menschen wie Buchfiguren, und wachsen über sich hinaus. Gleichzeitig erleben wir deutlich mehr Emotionen als in den früheren Bänden. Erneut bricht die Autorin eine Lanze für Toleranz, Diversität, Loyalität und Zusammenhalt, Eigenschaften, die auch angesichts größter Gefahren zum Sieg verhelfen können. Das Buch endet mir einem atemberaubenden Showdown und lässt keine Wünsche oder Fragen offen.

Ich freue mich schon sehr auf den nächsten Band der Reihe und bin zuversichtlich, dass dieser erscheinen wird. Schließlich wurde die Geschichte der Grabber noch nicht erzählt.

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