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Veröffentlicht am 23.03.2025

Noch 107 Stunden bis zum Aussterben der Menschheit

Der letzte Mord am Ende der Welt
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Vor neunzig Jahren hat eine Katastrophe die Erde weitgehend verwüstet. Es gab nur Wenige, die auf einer Mittelmeerinsel überlebt haben. Von drei Wissenschaftlern unterstützt, haben diese sich im Schutz ...

Vor neunzig Jahren hat eine Katastrophe die Erde weitgehend verwüstet. Es gab nur Wenige, die auf einer Mittelmeerinsel überlebt haben. Von drei Wissenschaftlern unterstützt, haben diese sich im Schutz einer undurchdringlichen Sicherheitsbarriere ein einfaches Leben aufgebaut. Über allem wacht schützend die KI Abi, die gleichzeitig als eine Art Erzählerin fungiert. Sie ist nur gegenüber der ältesten der Wissenschaftler, Niema Mandripilias, weisungsgebunden und kann mit den Insulanern gedanklich kommunizieren. Alles wirkt beinahe paradiesisch. Dieses Idyll weist nur geringe Makel auf, wie die Tatsache, dass die Inselbewohner stets mit Erreichen des 60. Lebensjahrs sterben, während die drei Ältesten die Hundert deutlich überschritten haben. Doch die Privilegien der Wissenschaftler hinterfragt keiner der Inselbewohner – außer Emory.

Dann wird die Älteste, Niema, tot aufgefunden, scheinbar ermordet. Ausgelöst durch den Todesfall schaltet sich das Sicherheitssystem ab, sodass nur noch wenige Tage bis zur Katastrophe bleiben. Laut Abi kann die Barriere gegen den drohenden giftigen Nebel nur durch das Entlarven des Täters reaktiviert werden. Querdenkerin und Krimifan Emory erhält den Auftrag, umgehend den Mörder zu finden. Während ihrer Ermittlungen fördert sie unglaubliche Fakten und unbequeme Wahrheiten ans Licht. Wird sie die Katastrophe verhindern können?

Als Sciencefiction-Apokalypse-Roman bezeichnet der Autor Stuart Turton
sein neues Buch „Der letzte Mord am Ende der Welt“. Ich würde noch Krimi hinzufügen, was den Genre-Mix komplettiert.

Stuart Turtons Setting, sein Weltenbau, ist sehr überzeugend. Er bevölkert seine kleine Insel mit glaubwürdigen Charakteren. Die leicht rebellische Emory, die häufig aneckt, weil sie alles hinterfragt, ist eine sympathische Hauptfigur, die hervorragend in die Rolle der Ermittlerin passt. Auch die weiteren Protagonisten überzeugen, wie Clara, die ihre Angst durch besonders mutiges Verhalten bekämpft, die komplizierte Niema, die schwer zu durchschauen ist, Emorys Vater Seth, der längst nicht so stur ist, wie gedacht oder Adril, der Ausgestoßene.

Die Geschichte spielt in der Zukunft. Vor dem ultimativen Gau verfügte die Menschheit über technische Errungenschaften, die unseren weit überlegen sind. Trotzdem war die Kluft zwischen Arm und Reich unverändert groß, Kriege und Umweltzerstörung an der Tagesordnung. Bis ein giftiger Nebel voll tödlicher Insekten die Erde unbewohnbar machte. Jetzt führen die Nachfahren der Überlebenden ein einfaches, arbeitsreiches Leben, das dem Wohl der Gemeinschaft gewidmet ist.

Turton schreibt flüssig und sehr bildhaft. Manche Szene löste mein Kopfkino aus. Überhaupt kann ich mir das Buch gut als Vorlage für eine Verfilmung vorstellen. Die Erzählung beginnt verhalten, allmählich baut sich Spannung auf, die nicht nur bis zum Ende anhält, sondern sich sogar kontinuierlich steigert. Zahlreiche Wendungen und Enthüllungen sorgen für anhaltendes Lesevergnügen, sodass ich das Buch nicht aus der Hand legen wollte.

„Der letzte Mord am Ende der Welt“ hat mich hervorragend unterhalten. Der Genre-Mix aus Krimi, Dystopie und Sciencefiction ist sehr gut gelungen. Themen wie Umweltzerstörung, KI, Umgang mit künstlichen Lebensformen oder skrupellose Wissenschaft, verarbeitet der Autor spannend und nachvollziehbar. Immer wieder dachte ich, dem Täter auf der Spur zu sein und wurde schließlich doch überrascht.

Am Autor fasziniert mich, dass bisher jedes seiner Bücher einem anderen Genre zuzurechnen ist und trotzdem oder gerade deswegen sehr gut unterhält. Als nächstes Buch hat Stuart Turton einen wilden Gegenwart-Thriller angekündigt. Ich bin gespannt.

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Veröffentlicht am 21.03.2025

Mord in den Alpen oder wie man lernt, Alpakas zu lieben

Mord mit Talblick
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Larissa und Martin Imhoff planen, eine Familie zu gründen. Dazu wünschen sie sich eine Wohnung im Grünen. Und tatsächlich gelingt es ihnen eine Immobilie zu kaufen, die sie sich nur mit einer liebreizenden, ...

Larissa und Martin Imhoff planen, eine Familie zu gründen. Dazu wünschen sie sich eine Wohnung im Grünen. Und tatsächlich gelingt es ihnen eine Immobilie zu kaufen, die sie sich nur mit einer liebreizenden, alten Dame, so der Makler, teilen müssen. Leider begehen die beiden den folgenschweren Fehler, ihre Nachbarin nicht vor dem Kauf kennenzulernen. Karolina Strobl ist keine nette ältere Frau, nein sie ist Satan persönlich - in Leopardenleggins. Fortan macht sie den jungen Leuten das Leben zur Hölle und sabotiert jeden Versuch, die dringend sanierungsbedürftige Immobilie zu renovieren. Nach zwei Jahren Kampf startet das Paar eine Räumungsklage gegen die renitente Nervensäge. Um Energie für den Kampf vor Gericht zu tanken, reisen die Imhoffs in die Schweizer Berge. Doch auch diese Unternehmung gerät zum Horrortrip, denn Frau Strobl verfolgt die Beiden bis an ihr Urlaubsziel.

„Mord mit Talblick“ von Simon Wasner entpuppt sich als schwarzhumoriger Alpenkrimi. Für mich war es das erste Buch des Autors.

Wozu wäre man fähig in der Situation von Larissa und Martin? Durch einen Immobilienkauf hoch verschuldet, mit einer renitenten Hausmitbesitzerin gestraft, die morgens um vier den Rasenmäher anwirft und die vierteljährliche Eigentümerversammlung regelmäßig eskalieren lässt? Aus dieser Konstellation entwickelt sich ein Drama, das in Mord und Totschlag endet. Aber nicht im Karlsruher Magnolienweg, sondern in Graubünden in den Schweizer Alpen.

Dazu hat der Autor das passende Personal gestaltet, das die abstruse Geschichte überzeugend in Szene setzt. Die Protagonisten, das sind der harmoniesüchtige Versicherungskaufmann Martin, ein vorsichtiger Typ, der stets korrekt gekleidet, durchs Leben schleicht. Seine taffe Frau, die Bio- und Sportlehrerin Larissa, ist temperamentvoll, fit, abenteuerlustig und hat dem Hausdrachen mehr entgegenzusetzen. Womit wir bei Frau Strobl wären, die vermutlich Satan aus der Hölle vertreiben könnte, mit ihren wüsten Drohungen und nervtötenden Aktionen. Weitere skurrile Gestalten, z. B. Kuno, Rentner aus Sachsen, der stets mit der Urne seiner Frau Gertrud unterwegs ist, die Gastgeberin Yvonne, „die irgendwo zwischen fünfunddreißig und mehrfach operiert changierte“ oder der Schriftsteller Daniel Burgstaller, der angeblich mit dem Roman »Bittere irische Herzen auf der kleinen Caféhausterrasse am Ende des Regenbogens« Erfolg hatte. Sie alle treffen in einem Schweizer Chalet, eigentlich einer heruntergekommenen Jagdhütte, aufeinander.

Simon Wasner schreibt flüssig und bildhaft, sodass sich der Leser zwei mit einem menschlichen Kopf Fußball spielende Alpakas durchaus vorstellen kann. Er versteht es glänzend, Spannung aufzubauen und zu halten. Seine Charaktere überzeugen in der aberwitzigen Geschichte und der Fall wird letztendlich aufgeklärt.

Mein Fazit

Hier muss der Leser zum Krimi passen. Wer keinen Sinn für schwarzen Humor, skurrile Situationen oder unkonventionelle Protagonisten hat und stringente Logik schätzt, wird mit „Mord mit Talblick“ nur bedingt glücklich. Wer dagegen Geschmack an abstrusen Konstellationen findet und schräge Typen ohne Vorbehalte akzeptieren kann, wird bei diesem Krimi mit einem Lesegenuss der besonderen Art belohnt.

Ich habe mich bei der Lektüre köstlich amüsiert und freue mich auf ein Wiedersehen mit der Hackebeil schwingenden Vreni und dem Menschen therapierenden Alpaka Richie. Der Cliffhanger am Ende lässt mich auf eine Fortsetzung hoffen.

Von mir gibt es die volle Punktzahl und eine Leseempfehlung an alle Freunde schwarzhumoriger Krimis.

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Veröffentlicht am 18.03.2025

Love Story und mehr auf irisch

Irish Kisses – Mein Weg zu dir
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Der 17.03., St. Patricks Day, wird von den Iren heißgeliebt und enthusiastisch gefeiert. Carly McCormick teilt diese Liebe ihrer Landsleute nicht. Für sie hat sich der irische Nationalfeiertag in den letzten ...

Der 17.03., St. Patricks Day, wird von den Iren heißgeliebt und enthusiastisch gefeiert. Carly McCormick teilt diese Liebe ihrer Landsleute nicht. Für sie hat sich der irische Nationalfeiertag in den letzten Jahren zu einem wahren Alptraum entwickelt. Also flieht sie stets rechtzeitig in einen möglichst weit entfernten Urlaubsort. Dieses Jahr will sie in den Etosha-Nationalpark nach Namibia reisen. Leider macht der Reiseveranstalter kurz vor Reisebeginn Pleite. Was also tun? Carly sieht sich nicht in der Lage, St. Patricks Day in Dublin zu verbringen. Auf die Schnelle scheint die einzige Fluchtmöglichkeit eine Radrundreise entlang der irischen Westküste zu sein. Mit gemischten Gefühlen steigt Carly in den Bus nach Galway …

Auf der Suche nach einem Wohlfühlroman fiel mir das Cover von „Irish Kisses. Mein Weg zu Dir“ von Josie Donovan auf. Trotz des für meinen Geschmack etwas sehr romantischen Titels hat mich die Aussicht auf Irish Feeling überzeugt. Es war das erste Buch der Autorin für mich.
Wir lernen zunächst die kleine, aber diverse Reisegruppe kennen. Fünf Touristen, das sind neben Carly, die coole Rechtsanwältin Wanda, der sympathische Rentner Fred, die liebenswürdige Großmutter Dottie und der schroffe Archäologe Horan. Reiseleiter Sam und die Fahrerin des Begleitfahrzeuges, Aminata, vervollständigen die bunte Truppe. Drei der Teilnehmer haben den Radtrip geschenkt bekommen, aus guten Gründen, wie sich noch herausstellen wird.

Die Charaktere sind glaubwürdig und passen hervorragend in die Geschichte, die sich flüssig liest und bei mir des Öfteren Kopfkino auslöste. Dann radelte ich neben Carly, versuchte mit Wanda mitzuhalten und spürte meine Sitzfläche wie die untrainierte Dottie. Auf dieser Reise erlebt die kleine Gruppe einige Krisen und überwindet manche Schwierigkeit. Das schweißt sie zusammen und allmählich lernen wir die Schicksale der einzelnen kennen. Dabei kommen Themen zur Sprache, die der romantische Titel nicht erwarten lässt. Da wurde ich angenehm überrascht.

Mein Fazit

Ich habe einen Wohlfühlroman gesucht und mit „Irish Kisses. Mein Weg zu Dir“ auch gefunden. Carly war mir von Beginn an sympathisch, aber auch die anderen Reiseteilnehmer habe ich im Lauf der Lektüre ins Herz geschlossen, selbst die adrenalinsüchtige Wanda und den muffigen Horan. Wie so oft entpuppen sich die Menschen, wenn man sie näher kennenlernt, als anders als zunächst eingeschätzt. Diese Einsicht vermittelt die Autorin auf unterhaltsame und spannende Weise. Die Beschreibung der herrlichen irischen Landschaft und des dazugehörigen Lebensgefühls runden den Roman zu einem gelungenen Lesevergnügen ab. Mein einziger, kleiner Kritikpunkt: Ich hätte gern noch etwas ausführlicher über das Leben der Teilnehmer nach Abschluss der Radtour gelesen.

Ich vergebe eine Leseempfehlung an alle, die einen Wohlfühlroman mit Irish Feeling schätzen.

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Veröffentlicht am 13.03.2025

Ein doppelter Bluff

Der zweite Verdächtige
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In der Männerkneipe "Königssohn" findet ein Kellner beim morgendlichen Saubermachen einen Toten. Die alarmierte Kripo kann die Todesursache des jungen Mannes Lukas Wegener, Spitzname Erzengel, nicht feststellen. ...

In der Männerkneipe "Königssohn" findet ein Kellner beim morgendlichen Saubermachen einen Toten. Die alarmierte Kripo kann die Todesursache des jungen Mannes Lukas Wegener, Spitzname Erzengel, nicht feststellen. Nach der Obduktion ist sich Rechtsmediziner Dr. Jarmer sicher, dass das Opfer an einer Überdosis Liquid Ecstasy gestorben ist. Handelt es sich um Suizid, Unfall oder Mord?

Hauptkommissar Berger nimmt mit Jan Staiger den jungen Mann fest, der mit dem „Erzengel“ zusammen im „Königssohn“ war und einen kurzen Streit mit ihm hatte. Rechtsanwalt Rocco Eberhardt erreicht aufgrund der schwachen Beweislage, dass sein Mandant bis zum Prozessbeginn auf freien Fuß gesetzt wird. Vier Monate später stirbt der nächste junge Mann in einer Schwulenkneipe an Liquid Ecstasy. Angeblich war auch er ein Bekannter von Jan Staiger, was dieser entschieden bestreitet. Sein Anwalt wird Opfer eines Shitstorms, den scheinbar ein Schmierblatt ausgelöst hat. In Wirklichkeit steckt ein geheimnisvoller Unbekannter namens Fuzz hinter der Kampagne. Er scheint besessen von seinem Plan, Jan Staiger hinter Gitter zu bringen. Und er schreckt vor nichts zurück, um dieses Ziel zu erreichen.

„Der zweite Verdächtige“ ist der fünfte Band der Justiz-Krimi-Reihe »Eberhardt & Jarmer ermitteln« vom Autorenduo Florian Schwiecker und Michael Tsokos. Das Buch kann ohne Vorkenntnis der Serie gelesen werden.

Nach den Todesfällen beobachten wir Staranwalt Eberhardt bei der Arbeit und lernen dabei die Abläufe in unserem Justizsystem kennen. Wie mir bestätigt wurde, ist die Darstellung zutreffend. Eine Säule unseres Rechtssystems, die Unschuldsvermutung, kommt in diesem Fall bedenklich ins Wanken. Einmal mehr wird gezeigt, wie leicht sich die Öffentlichkeit durch Presse und Soziale Medien manipulieren lässt. Staiger wird als Serienkiller gebrandmarkt, obwohl
er, das nur nebenbei, dieses Kriterium auch im Fall seiner Täterschaft nicht erfüllt. Von Serienmord spricht die Fachliteratur, u.a. das FBI, wenn ein Täter mit zeitlichen Abständen mindestens drei Menschen ermordet. Auf jeden Fall wird der Beschuldigte vorverurteilt und sein Anwalt gleich mit. Unter diesen erschwerten Bedingungen kommen den Ermittlungen von Privatdetektiv Tobi wesentliche Bedeutung zu. So gibt er Hinweise, die Rechtsmediziner Dr. Jarmer und seinen Kollegen von der Toxikologie zu neuen Erkenntnissen führen. Dabei erhalten wir spannende Einblicke in deren Arbeit.

Die Protagonisten haben mich überzeugt, auch der für mich schwierige Hauptkommissar Berger. Ob er, Rocco, Tobi oder Dr. Jarmer, sie alle sind glaubwürdige Charaktere, die sogar über etwas Privatleben verfügen.

Das Autorenduo präsentiert seinen undurchsichtigen Fall gekonnt in einer von Beginn an stimmigen Atmosphäre und schreibt in einem klaren, lockeren Stil, der den Lesefluss unterstützt. Die Fachkenntnis und Recherchearbeit der Autoren heben diesen Krimi aus der Masse hervor.

Mein Fazit

„Was, wenn Staiger ihn die ganze Zeit verarscht hatte und gar nicht das Opfer war, dem man zu Unrecht etwas vorwarf?“(S. 114) Dieser Gedanke beschäftigt Anwalt Rocco Eberhardt lange Zeit und daraus gewinnt die Geschichte einen Teil ihrer Spannung. Die Antwort auf diese Frage erfolgt erst fast am Ende.

Fast von Beginn an hatte ich das Problem, dass mir der Ermittler unsympathisch war und ich ihm nicht traute. Schon wie die erste Verhaftung zelebriert wurde, stieß mir sauer auf. Gleichzeitig war da das Gefühl, etwas zu übersehen. Damit lag ich richtig! Mehr möchte ich nicht verraten, nur dass ich bestens unterhalten wurde und diesen spannenden Justizkrimi genossen habe.
Nachdenklich macht mich die Vorstellung, wie ein Unschuldiger in die Mühlen unseres Rechtssystems gerät. Leider spielen dabei immer noch gesellschaftliche Vorurteile, hier Homophobie, eine große Rolle.

Von mir gibt es die volle Punktzahlung nebst Leseempfehlung. Ich werde mir umgehend die vier ersten Bände besorgen.

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Veröffentlicht am 12.03.2025

Schnee hat viele Gesichter

Snø - Ohne jeden Zeugen: Ein Fall für Snø
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Lydia Winther, genannt Snø, kommt frisch von der Polizeischule in die Abteilung Sondereinsätze nach Oslo. Bei ihrem ersten Fall begegnet sie der Abiturientin Sonja, die glaubt, im leerstehenden Nachbarhaus ...

Lydia Winther, genannt Snø, kommt frisch von der Polizeischule in die Abteilung Sondereinsätze nach Oslo. Bei ihrem ersten Fall begegnet sie der Abiturientin Sonja, die glaubt, im leerstehenden Nachbarhaus Eindringlinge gesehen zu haben. Kommissarin Marit, ihre Vorgesetzte, stuft diese Anzeige als Fehlalarm ein. Snøs Bauchgefühl sagt etwas anderes und kurze Zeit später verschwindet Sonja. Neben einem Cold Case, der sich mit einer vermissten Ingenieurin befasst, wird Snø hauptsächlich mit dem Schreiben von Berichten beschäftigt. Sonja bleibt verschwunden, was niemanden zu interessieren scheint, sodass Snø heimlich mit Nachforschungen beginnt. Wenig später bekommt sie den Vermisstenfall der Erdölgeologin Janni Ebeltoft zugeteilt. Nach dem Fund von Leichenteilen in der Städtischen Verbrennungsanlage wird Snø von der Mordkommission zur Ermittlung hinzugezogen. Die Tote ist tatsächlich Janni Ebeltoft und die junge Polizistin darf an einem Mordfall mitarbeiten, was sie sich schon lange gewünscht hat.

»Snø – Ohne jeden Zeugen« ist der Auftaktband zur neuen Reihe der norwegischen Autorin Unni Lindell um die Polizistin Snø. Ein zweiter Band ist in Norwegen bereits erschienen.

Snø ist ein spannender Charakter. Als Kind stand sie stets im Schatten ihres strahlenden Bruders Lars. Weil es sein Traum war, Polizist zu werden, hat sie diesen Beruf gewählt. Lars ist seit sechs Jahren tot, ertrunken in einem Swimmingpool in Japan. Um so erschrockener ist Snø als sie plötzlich Freundschaftsanfragen und Mails ihres Bruders erhält. Neben den üblichen Startschwierigkeiten im neuen Job und ihren Sorgen um Sonja belasten sie jetzt auch noch diese privaten Probleme. Snø ist intelligent, eigenbrötlerisch, dickköpfig und neigt zu Alleingängen. Dank einer Synästhesie ist ihre Wahrnehmung und ihre Art, Informationen zu verknüpfen, häufig unorthodox.

Die anderen Charaktere blieben noch etwas blass, was beim Auftaktband zu einer Serie um eine Hauptfigur nicht ungewöhnlich ist. Lediglich ihr Teamkollege bei der Mordkommission, Hans Arnold Ytrefjord, genannt Har, bekommt mehr Tiefe. Er ist ein fähiger Polizist, freundlich, loyal und gutaussehend. Snø gegenüber benimmt er sich wie ein Freund und ignoriert ihre Avancen.

Der Fall Ebeltoft schlägt Wellen. Wird Snø anfänglich noch für ihre Analysen getadelt, stellt sich bald heraus, dass sie auf der richtigen Spur ist. Diese führt zu Norwegens Schlüsselbranche, der Ölindustrie. Die Grundlage des Wohlstands im Land bildet Norwegens Ölreichtum, der seit den 1970er Jahren ausgebeutet wurde und dem Staat das drittgrößte Bruttoinlandsprodukt pro Kopf weltweit beschert. Dementsprechend taktisch klug muss die Polizei agieren.

Ein sogenanntes Netzwerk verübt zahlreiche Morde, getarnt als Unfälle oder spurloses Verschwinden der Betroffenen, um Unternehmen dieser Branche zu schützen. Lange bleibt es ein Rätsel, wer die führenden Drahtzieher dieses Verbrechersyndikats sind. Lindell versteht es hervorragend, die Spannung aufzubauen und zu halten. In einem atemberaubenden Show-Down werden sowohl die Mordserie als auch Sonjas Verschwinden lückenlos aufgeklärt.

Mein Fazit

Unni Lindells neue Heldin hat viel Potenzial, mit all ihren Fähigkeiten und abgründigen Geheimnissen. Der Fall ist spannend und unterhaltsam. Bis zuletzt bleibt offen, wer die Schlüsselpositionen im „Netzwerk“ innehat. Den Plot fand ich sehr gelungen, ebenso die gute Recherche der Autorin, die Hinweise z B auf die Fälle Kampusch und Fritzl belegen. Noch eine kleine Warnung: Die Beschreibung der Opferbeseitigung ist nichts für schwache Nerven. Dazu hier nur ein Stichwort: Die Seifenmacherin von Correggio, Leonarda Cianciulli.
Sollte der Fortsetzungsband ins Deutsche übersetzt werden, wovon ich ausgehe, werde ich ihn lesen.

Einen kleinen Abzug gibt es für den etwas langatmigen Beginn und noch ausbaufähige Charaktere. Meine Wertung: 4, 5 Sterne und eine Leseempfehlung für alle Krimileser mit guten Nerven.

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