Nicht einfach
Die KrähenBaruna lebt zusammen mit ihrer älteren Schwester und ihren Eltern in einem Haus direkt an einem Park. Hier in den hohen Bäumen vor ihrem Fenster baut eine Krähe gerade ein Nest. Baruna beobachtet die Krähe ...
Baruna lebt zusammen mit ihrer älteren Schwester und ihren Eltern in einem Haus direkt an einem Park. Hier in den hohen Bäumen vor ihrem Fenster baut eine Krähe gerade ein Nest. Baruna beobachtet die Krähe von ihrem Fenster aus und zeichnet sie sogar, denn ihr größter Wunsch ist es Malerin zu werden und auch die Krähe beobachtet ihrerseits das Mädchen, das andere, ältere Mädchen, den Vater, die Mutter und hört das Schreien, das Streiten, das Weinen.
In ihrem Buch hat die Autorin einen eher ungewöhnlichen Ansatz gewählt, in dem sie die Krähe im Baum vorm Fenster quasi als neutralen Beobachter ins Spiel bringt. Jedem Kapitel des Buches sind eine schöne Zeichnung und ein paar Worte zu dem Vogel voran gestellt. Die Krähe ist ein bisschen der rote Faden, der sich durch das Buch zieht, eine Art verbindendes Element und letztlich auch eine Metapher für die Wünsche und Sehnsüchte der kleinen Baruna.
Die Geschichte wird abwechseln aus der Sicht von Baruna selbst erzählt und abwechseln aus der ihrer Mutter. Baruna erzählt von ihrem Alltag in der Schule, von der Verliebtheit in den neuen Lehrer, vom verhalten ihrer Schwester ihr gegenüber, von ihrer Gefühlswelt und natürlich von den Ereignissen in der Familie. Man erfährt, wie sie Athmosphäre im Haus erlebt, wie sie sich selbst und ihre Körperlichkeit wahrnimmt und welche Wünsche und Träume sie hat. Ihre Mutter erzählt ebenfalls vom Familienalltag, davon wie schwierig Baruna ist und wie einfacher und verständiger doch die ältere Tochter, durch ihre Augen erfährt der Leser viel über die Dynamik zwischen den Eheleuten und über das Verhältnis der Eltern zu ihren Töchtern.
An dieser Stelle ist wohl eine Triggerwarnung angebracht, denn die Geschichte Barunas ist eine, die geprägt ist durch Unverständnis und Gewalt, Gewalt in physischer, psychischer und leider auch sexueller Form. Gewalt, ausgeübt von beiden Elternteilen, wobei wohl am perfidesten ist, dass sie Mutter hier nicht selbst handgreiflich gegen ihre Tochter wird, sondern den Vater instrumentalisiert und ihn quasi dazu treibt. Der Leser ist eigentlich von der ersten Seite an bei der sensiblen, unverstandenen Baruna und man fragt sich nicht nur einmal, wie Eltern so sein können. Die Autorin gibt durch die Sichtweise der Mutter natürlich hierzu eine Erklärung, man wird Zeuge davon, wie die Mutter die Situation für sich empfindet, wie sie Dinge vor sich rechtfertigt, wie sie Angst, Wut, Überforderung und Eheprobleme auf das Kind projiziert und Baruna so zum Prellbock macht. Das Kind tut einem unendlich leid, ist sie doch den Erwachsenen, die sie eigentlich behüten und lieben sollten ungeschützt ausgeliefert, ihren Eltern.
Verständnis findet Baruna nur ausserhalb der Familie, durch den neuen Lehrer, der sie ermutigt, der sie ernst nimmt, der ihr Talent erkennt und fördert. Mit der Schule bringt die Autorin eine weitere Instanz in die Geschichte, denn natürlich bleibt die Gewalt, der Baruna zu Hause ausgesetzt ist nicht unbemerkt. Und hier kommt dann ein heikler Punkt zur Sprache, die Lehrerinnen sprechen das Kind natürlich auf das häusliche Geschehen an, setzten die Kleine dabei aber sehr unter Druck, verunsichern sie und geben sich recht schnell mit ihrer Aussage zufrieden, dass sie sich all das nur ausgedacht hätte. In gewisser Weise hat man als Leser hier das Gefühl, die Lehrerinnen suggerieren dem Kind die Antwort, die für Alle mit den wenigsten Schwierigkeiten verbunden ist, will doch niemand fälschlicherweise den Vorwurf der Kindesmisshandlung in den Raum stellen.
Die Autorin regt mit diesem Szenario natürlich auch ganz bewusst zum Nachdenken an. Was würde man selbst in einer solchen Situation tun. Natürlich steht das Wohl eines Kindes immer an erster Stelle, aber steht eine Anschuldigung erstmal im Raum, ist es schwierig für alle Beteiligten, sollte sich diese als unbegründet erweisen.
"Die Krähen" ist ein sehr emotionaler Roman, der aber trotzdem mit einer gewissen Distanz erzählt wir. Als Leser ist man, genau wie die Krähe, nur Beobachter, man wünscht sich zwar, dass die Nöte der kleinen Baruna endlich gesehen werden, das sie Hilfe bekommt, man hat von seinem Posten vor dem Fenster aber keine Möglichkeit einzugreifen. Man wird Zeuge des Unaussprechlichen, ohne etwas dagegen tun zu können und muss die Geschichte in ihrer letzten traurigen Konsequenz hinnehmen.
Mich hat das wunderschön gestaltete Buch sehr berührt. Es ist nur schwer zu ertragen, beschreibt aber eine Thematik, die auf jeden Fall Aufmerksamkeit bekommen muss, denn nur so kann sich etwas ändern.