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Veröffentlicht am 23.11.2018

Modernes Märchen - Geschichte, die Hoffnung schenkt, Mut macht und den Leser trotz der eher leisen Töne bis zum Schluss mitnimmt

Juli verteilt das Glück und findet die Liebe
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Nach dem Tod von Mutter und Großmutter, die Juli beide in der kleinen Wohnung gepflegt hat, ist sie ganz alleine. Sie ist Besitzerin des Blumenladens im selben Haus, einen Beruf hat sie jedoch nie erlernt. ...

Nach dem Tod von Mutter und Großmutter, die Juli beide in der kleinen Wohnung gepflegt hat, ist sie ganz alleine. Sie ist Besitzerin des Blumenladens im selben Haus, einen Beruf hat sie jedoch nie erlernt. Sie lebt zurückgezogen in ihrer eigenen kleinen, altmodischen Welt und blüht nur auf, wenn sie im Blumenladen aushilft oder die Blumengestecke und Pflanzen ausliefert. Dort begegnet sie verschiedenen Menschen, denen eine gewisse Traurigkeit innewohnt. Juli möchte ihnen wieder ein Lächeln ins Gesicht zaubern und hat damit eine neue Aufgabe für sich gefunden.

Durch ihre Missionen nimmt sie aktiver am Leben teil und freundet sich dadurch mit dem Pärchen an, das den Blumenladen gepachtet hat. Oskar ist Stammkunde des Geschäfts und als er wieder einmal einen Strauß Rosen für seine demente Mutter abholt, trifft er auf Juli. Bei einer weiteren Begegnung ist die verwirrte Mutter dabei, die Juli kurzer Hand zu sich nach Hause einlädt. So lernen sich Oskar und Juli näher kennen und feiern sogar schon gemeinsam mit Marie und Max Silvester.
Juli hat zum ersten Mal in ihrem Leben einen kleinen Freundeskreis, aber trotz all der Fortschritte, die sie macht, bleiben ihre Ängste und Phobien, deren Ursache sich dem Leser nicht gleich erschließt.

"Juli verteilt das Glück und findet die Liebe" beschreibt den Inhalt des Buches sehr treffend. Juli ist eine etwas wunderliche Person, die in ihrer eigenen kleinen Welt zu leben scheint, in die sie niemanden hineinlässt. Sie hat Angst, wenn es an der Tür klingelt und Angst, wenn sie an dem großen Schrank Flur vorbeigehen muss. Sie hat aber auch ein Gespür für die Ängste und Sorgen andere Menschen, denen sie sich ungefragt annimmt. Sie hilft ihnen durch kleine Gesten, glücklicher zu werden und begegnet dabei selbst der Liebe, die ihr bisher verwehrt geblieben war.

Der warmherzige Roman liest sich wie ein modernes Märchen und passt für mich - nicht nur durch die Handlung im Winter - ideal zur Weihnachtszeit. Als Leser verfolgt man wie Juli anderen, häufig traumatisierten oder verbitterten Menschen zu Versöhnung oder Lebensfreude verhilft und hofft dabei, dass die etwas altbacken wirkende, aber sehr sympathische Protagonistin sich selbst ihren Ängsten stellt und ihr persönliches Glück findet.
Es ist eine Geschichte, die Hoffnung schenkt, Mut macht und den Leser trotz der eher leisen Töne bis zum Schluss mitnimmt, um zu erfahren, was sich hinter Julis Ängsten und ihrer skurrilen Art verbirgt.

Veröffentlicht am 21.11.2018

Roman über Trauerbewältigung, aus dem Trauernde neuen Mut und Hoffnung schöpfen können

Herzenswege
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Als sich der Todestag von Susannas einziger Tochter Marie zum ersten Mal jährt, ist sie immer noch in tiefer Trauer und macht sich selbst Vorwürfe, dass sie nicht genug unternommen hat, um ihre Tochter ...

Als sich der Todestag von Susannas einziger Tochter Marie zum ersten Mal jährt, ist sie immer noch in tiefer Trauer und macht sich selbst Vorwürfe, dass sie nicht genug unternommen hat, um ihre Tochter zu retten. Sie ist an Krebs gestorben, der erst sehr spät erkannt worden war.

Marie war eine neugierige junge Frau, die im Gegensatz zu ihrer Mutter gern und viel gereist ist. Nun beschließt Susanna, die letzte Tour ihrer Tochter, von der sie alle Postkarten aufgehoben hat, nachzureisen, um auf den Spuren ihrer Tochter zu wandeln. Sie möchte nachempfinden, warum sie auf der Europareise bestimmte Ort aufgesucht hat und damit auch mehr über ihre Tochter erfahren. Ihr Mann Martin, von dem sie sich zunehmend entfremdet hat, zeigt wenig Verständnis und lässt Susanna allein ziehen.

Von Berlin geht es nach Italien an die Amalfiküste, über die Bretagne nach Somerset und Irland bis nach Spanien und wieder zurück nach Berlin.

"Herzenswege" beschreibt die Reiseroute die die 58-jährige Susanna auswählt, um durch die Begehung der Reiseziele und der Begegnung mit den Menschen vor Ort, mehr über Marie, deren Tod sie noch lange nicht verwunden hat, in Erfahrung zu bringen. Man begleitet Susanna auf den fünf Stationen ihrer Reise, wo sie in den selben Unterkünften wie ihre Tochter übernachtet und die selben Sehenswürdigkeiten aufsucht. Zufällig und/ oder bewusst trifft sie auf Menschen, die Marie auf ihrer Reise kennengelernt hatte und die alle von dem "ganz besonderen Mädchen" schwärmen.

Der Roman liest sich wie eine Pilgerreise, da Susanna etwas spirituell angehaucht ist und viele heilige, religiöse und mysteriöse Orte aufsucht. Die Reiseroute kann man als Leser durch die im Buch abgebildeten Landkarten, aber auch durch die sehr detaillierte Beschreibung der Orte und Landschaften anschaulich miterleben.
Susannas Gefühle kann man darüber hinaus gut nachempfinden. Ihre Trauer über den tragischen Verlust ist allgegenwärtig und auch ihre Schuldgefühle, ihre Vorwürfe, als Mutter versagt zu haben, indem sie nicht beharrlicher auf Arztbesuch insistiert hatte, sind nachvollziehbar dargestellt.
Auch wenn Susanna auf der Reise das Gefühl hatte, Marie zu begegnen und ihr näher zu kommen, blieb mir Marie völlig fremd. Ich konnte nicht mehr über sie erfahren, als dass sie offensichtlich gern gereist ist und eine Freundin in Italien hatte. Darüber hinaus blieben nur leere Worthülsen, die sie übertrieben als Lichtgestalt darstellten. Auch empfand ich Susannas Aufenthalte, die zumeist nicht mehr als eine Nacht an einem Ort waren, zu abgehetzt, um sich mit Marie und ihren gewählten Reisezielen auseinanderzusetzen.
So empfand ich den Roman als etwas oberflächlich und hatte mir auch etwas exotischere Reiseziele in Bezug auf die "furchtlos reisende" Marie vorgestellt, die für Susanna eine größere Herausforderung gewesen wären, als Westeuropa.

"Herzenswege" ist eine Mischung aus Reiseführer und Trauerbegleitung, mit dem Menschen, die nahe Angehörige verloren haben neuen Mut und Hoffnung schöpfen, so wie Susanna auf der Reise trotz ihrer Trauer auch viele glückliche Momente erlebte und ihrer Tochter (durch eingebildete Zeichen) näher und darüber hinaus auch zu Erkenntnissen über sich selbst gekommen ist, um ihrem Leben eine neue Richtung zu geben. Susanna lernt, den Tod zu akzeptieren, ohne dass ihr Leben vorbei sein muss und loszulassen, denn jedem Ende wohnt ein neuer Anfang inne.

Veröffentlicht am 19.11.2018

Geschichte über Freundschaft, Selbstfindung, die erste Liebe, aber auch über Enttäuschungen und Trauer an einem atemberaubenden Ort in der französischsprachigen Schweiz

Winter meines Herzens
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Die 19-jährige Hadley beschließt, für ein Jahr in die Schweiz zu gehen, um dort Amerikanische Literatur zu studieren. Im Wohnheim lernt sie die Dänin Kristina kennen und freundet sich mit ihr an. Sie verbringen ...

Die 19-jährige Hadley beschließt, für ein Jahr in die Schweiz zu gehen, um dort Amerikanische Literatur zu studieren. Im Wohnheim lernt sie die Dänin Kristina kennen und freundet sich mit ihr an. Sie verbringen ihre Freizeit vor Beginn des Semesters miteinander, schwimmen im See, ziehen gemeinsam um die Häuser. Hadley verliebt sich geradezu in die Stadt, in der alles möglich erscheint.
An Hadleys Geburtstag sind sie mit Freunden verabredet, doch Kristina sagt kurzfristig ab. Hadley ist bitter enttäuscht, so dass es am Telefon zum Streit kommt. Es ist das letzte Gespräch, dass die beiden führen werden. Im Schneetreiben in Genf hat Kristina einen Unfall, den sie nicht überlebt. In tiefer Trauer, ihre erste und einzige beste Freundin verloren zu haben, beginnt Hadley zu recherchieren, was sich an dem Abend ereignet hat.

Der Roman beginnt als eine Geschichte über das Erwachsenwerden. Die etwas unbedarfte Hadley, die bisher ein unspektakuläres Leben bei ihren Eltern führte, wagt sich für ein Auslandsstudium nach Lausanne, wo sie durch die lebhafte Kristina aktiver am Leben teilnimmt, Stadt und weitere Studenten kennenlernt. Nach dem Unfalltod ihrer besten Freundin ist Hadley zunächst schockiert, möchte dann aber Kristinas Geliebten ausfindig machen und erfährt dadurch auch mehr über die Nacht, in der Kristina starb. Emotional aufgewühlt, ergeben sich verwirrende Einzelheiten zum Unfall. Gleichzeitig verliebt sie sich in ihren Dozenten, den Literaturprofessor Joel Wilson, der ihr in ihrer Trauer zu Seite steht, selbst aber undurchschaubar und melancholisch wirkt. Dabei stellt sich dem Leser die Frage, ob seine Stimmungsschwankungen dem Druck geschuldet sind, dem er sich durch die verbotene Beziehung - une aventure - mit einer Studentin aussetzt, oder ob noch etwas anderes dahinter steckt.

Die Autorin beschreibt die bezaubernde Umgebung von Lausanne sehr anschaulich zu den verschiedenen Jahreszeiten und fängt auch die Gefühlswelt einer jungen Frau, die sich zum ersten Mal alleine ins Ausland begibt - von der Freude über die Unabhängigkeit, über das Entdecken von Neuem, bis zu der erdrückenden Niedergeschlagenheit - wunderbar ein. Lausanne wird für Hadley der Ort, an dem sie nie glücklicher, aber auch nie trauriger in ihrem Leben war.

Es ist eine ruhige Geschichte über Freundschaft, Selbstfindung, die erste Liebe, aber auch über Enttäuschungen und Trauer an einem atemberaubenden Ort in der französischsprachigen Schweiz.

Veröffentlicht am 17.11.2018

Roman über einen Neuanfang und die Suche nach dem persönlichen Glück - lebendig geschrieben, ohne zu vorhersehbar zu sein

Einmal Liebe zum Mitnehmen
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Lily ist knapp 30 Jahre alt und talentierte Chefköchin in einem Münchener Sternehotel mit Ambitionen auf den ersten Stern für das Restaurant. Sie ist aber auch die Geliebte des Chefs und als dieser sich ...

Lily ist knapp 30 Jahre alt und talentierte Chefköchin in einem Münchener Sternehotel mit Ambitionen auf den ersten Stern für das Restaurant. Sie ist aber auch die Geliebte des Chefs und als dieser sich entscheidet, zu seiner Ehefrau zurückzukehren, verliert Lily ihre Anstellung - angeblich mangels sozialer Kompetenzen in der Mitarbeiterführung. Ihre Mutter war von ihrer Berufswahl ohnehin enttäuscht und hält sie als Köchin ohne Aussicht auf einen Ehemann für eine Versagerin. Lily flieht deshalb zu ihrem Vater nach Irland, wo sie sich mit ihrer Abfindung einen Foodtruck kauft. Das Geschäft in Dublin läuft gut an, doch dann passiert Lily ein Fauxpas, der ihre Existenz gefährdet. Dank der Hilfe von Collum, einem erfolgreichen Geschäftsführer aus der näheren Umgebung, kann sie sich vor dem finanziellen Ruin retten. Collum erwartet keine Gegenleistung, außer von ihr mit ihren kulinarischen Köstlichkeiten versorgt zu werden und so freunden die beiden sich an. Sie verbringen immer mehr freie Zeit miteinander, bis Lily sich in Collum verliebt. Gezeichnet von gescheiterten Beziehungen zeigt sich Collum allerdings zurückhaltend und möchte Lily als Freundin nicht verlieren.

„Einmal Liebe zum Mitnehmen“ ist ein Roman über einen Neuanfang und die Suche nach dem persönlichen Glück. Lily ist nach einer gescheiterten Liebesbeziehung zu einem verheirateten Mann, dem Jobverlust und dem fehlenden Rückhalt in der Familie stark verunsichert, lässt sich allerdings nicht unterkriegen und macht sich in Dublin selbstständig. Sie hat immer wider mit Selbstzweifeln zu kämpfen, aber in Collum findet sie einen Freund, der ohne Hintergedankten für sie da ist und ihr Unterstützung bietet. Erst als Lily selbst mehr als nur Freundschaft möchte, wird es kompliziert.

Der Roman ist lebendig und unterhaltsam geschrieben und es macht Freude zu verfolgen, wie Lily in Irland zu neuem Selbstbewusstsein findet und sich persönlich weiterentwickelt. Sie ist eine sympathische und authentische Protagonistin und auch den souveränen Collum, der trotz seines Erfolgs keine Allüren hat, schließt man ins Herz. Es ist keine typische Liebesgeschichte, da Gefühle erst im letzten Drittel des Buches in den Vordergrund rücken. Durch das Aufgreifen des Trends von Streetfood und einer jungen Frau, die sich nicht einschüchtern lässt und für ihren Erfolg hart arbeitet, ist die Geschichte modern und als leichte Unterhaltungslektüre weder platt noch in Gänze vorhersehbar.

Veröffentlicht am 16.11.2018

Autobiographischer Roman, Roadtrip und eine Familientragödie aus der Sicht eines 13-Jährigen

So, und jetzt kommst du
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Arno ist 13 Jahre alt, als sein Vater Jürgen mit der Familie als über Kopf von Rheinland-Pfalz nach Frankreich flüchtet. Jürgen Frank ist ein Hochstapler und stolz darauf. Er verspricht seiner Frau und ...

Arno ist 13 Jahre alt, als sein Vater Jürgen mit der Familie als über Kopf von Rheinland-Pfalz nach Frankreich flüchtet. Jürgen Frank ist ein Hochstapler und stolz darauf. Er verspricht seiner Frau und seinen drei Kindern ein sonniges Leben an der Côte d'Azur in Reichtum.
Als sich die Familie gerade eingewöhnt hat, die Kinder Französisch gelernt haben, auf eine internationale Schulen gehen und sich nur fragen, was ihr Vater eigentlich arbeitet und wann das Geld aus ist, das großzügig ausgegeben wird, steht erneut die Polizei vor der Tür. Wieder packen sie nur die nötigsten Sachen und ziehen weiter nach Portugal, wo der Vater sie auf wundersame Weise in einem Hotel einquartieren kann.
Es ist ein Leben auf der Flucht vor amtlichen Briefen, staatlichen Behörden, vor Interpol und der Realität, wobei Vater und Mutter stets den Anschein erwecken, dass dieses Leben völlig normal ist. Arno macht sich dennoch Gedanken, beginnt mit zunehmendem Alter die Aussagen seines Vaters zu hinterfragen, während die jüngeren Geschwister verstört mit Essensresten und Hundefutter experimentieren oder sich weigern, die aufgeblasenen Schwimmflügel abzulegen.

"So, und jetzt kommst du!" ist die Floskel, mit der der Vater Arno gegenüber seine Erzählungen beendet und der Titel dieses autobiographischen Romans, mit dem der Journalist Arno Frank seine Kindheit auf der Flucht erzählt.
Der Roman ist aus der naiven Sicht eines Kindes geschrieben, das den kriminellen Machenschaften seines Vaters und der Verantwortungslosigkeit beider Elternteile hilflos ausgesetzt ist. In kurzen Kapiteln werden die einzelnen Stationen der zweijährigen Odyssee durch Südwesteuropa episodenartig erzählt. Die Eltern leben in einer Traumwelt und gaukeln den Kindern Normalität vor. Die schlagfertigen Sprüche und raffinierten Ideen, mit der sich der Vater immer wieder durchmogeln kann, sind amüsant zu lesen, letztlich überwiegt aber die Tragikomik. Als Leser verfolgt man den aberwitzigen Roadtrip den Kindern gegenüber mitleidig und fragt sich, wie lange das Weglaufen noch gut gehen kann, bis die Falle letztlich zuschnappen wird.

Da es sich um einen autobiographischen Roman handelt, ist diese Familientragödie, diese Kindheit auf der Flucht, bei der sich die Situation je länger die Familie unterwegs ist, weiter verschärfte, besonders beklemmend zu lesen. Man hofft, dass der Vater noch zur Vernunft kommt und sich den Behörden stellt, bevor die Polizei ihn ausfindig machen kann, um die Familie brutal zu trennen und ihm die verwahrlosten Kindern zu entziehen. Erstaunlich ist dabei, wie passiv sich Mutter Jutta verhält und wie abhängig sie von ihrem Mann ist, dem Irrsinn kein Ende setzt, sondern sehenden Auges der Katastrophe entgegen geht.