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Veröffentlicht am 02.09.2019

Wenn Liebe zur Obsession wird - Mischung aus Horrormärchen und Psychothriller, das nüchtern geschildert ist und schockiert

Harz
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Liv ist sechs Jahre alt und lebt abgeschieden mit ihren Eltern Jens und Maria Haarder auf einem Anwesen auf einer dänischen Insel. Die Familie hat kaum Kontakt zur Außenwelt, nachdem Jens den Schreinereibetrieb ...

Liv ist sechs Jahre alt und lebt abgeschieden mit ihren Eltern Jens und Maria Haarder auf einem Anwesen auf einer dänischen Insel. Die Familie hat kaum Kontakt zur Außenwelt, nachdem Jens den Schreinereibetrieb seines Vaters aufgegeben hat. Die Mutter Maria liegt übergewichtig und bewegungsunfähig im Bett.
Liv hat ein sehr enges Verhältnis zu ihrem Vater, mit dem sie auf die Jagd geht, und von dem sie gelernt hat, in fremde Häuser einzudringen und Dinge des täglichen Bedarfs zu entwenden Sie kennt kein Unrechtsbewusstsein, das Töten von Tieren gehört für das Mädchen zu seinem Alltag.

Als sich die Briefe häufen, dass Liv zur Schule gehen soll, beschließt Jens kurzerhand, seine Tochter für tot zu erklären und versteckt sie in einem Container auf dem Anwesen. Liv lebt in der Einsamkeit, darf kaum noch hinaus in den Wald, um nicht entdeckt zu werden.

"Harz" ist ein eindringlich geschildertes Drama über einen Mann, bei dem Liebe zu einer Obsession wird. Aus Angst, seine Tochter zu verlieren, sperrt er sie ein.
Der Roman ist nüchtern und ruhig und überwiegend aus der Perspektive der kleinen Liv geschildert, für die dieses Leben normal ist, da sie kein anderes kennt. Nur bei den nächtlichen Diebeszügen erkennt sie, dass es Häuser gibt, die nicht voller Staub, Müll und Ungeziefer sind.
Sie liebt ihren Vater und würde nie auf die Idee kommen, ihr Schicksal in Frage zu stellen.

Die Situation der Familie ist entsetzlich und es ist kaum vorstellbar, wie es soweit kommen konnte, dass der schon als Kind etwas wunderliche Jens seine Familie in eine derartige Situation bringen konnte. Ohne Kontakt zu anderen Menschen fristen sie ein Leben in Armut, umgeben von Unrat und in Harz präparierte Tierleichen.

Die Atmosphäre des Romans ist wirklich gruselig, es ist eine Mischung aus Horrormärchen und Psychothriller. Fassungslos macht, wie sich Jens entwickelt und sein Handeln immer abstrusere Formen annimmt.
Die nüchterne Art der Schilderung hat mir dabei sehr gut gefallen, da sie unterstreicht, dass dieses Leben für Liv normal ist und sie ihren Vater bedingungslos liebt. Jens wirkt auf den Leser auch keinesfalls unsympathisch, sondern einfach krank, wohingegen Maria lethargisch und passiv erscheint und ihr Leben aufgegeben hat und es nicht schafft, für ihre Tochter stark zu sein.

Wie sich Jens in seiner Obsession steigert, jeglichen Bezug zur Realität verliert und irrational handelt, lässt den Roman nicht aus der Hand legen und fesselte mich bereits von Anbeginn. Zusätzliche Spannung wir im letzten Drittel erzeugt, als Hilfe von Außen in Aussicht kommt. "Harz" ist ein Familiendrama, das schockiert und den Leser perplex zurücklässt.

Veröffentlicht am 31.08.2019

Eine Frau auf einem Dach und knapp 48 Stunden, die das Leben von zehn weiteren Charakteren verändern

Der Sprung
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Einen Tag und eine Nacht hält eine junge Frau einen Ort in der Nähe von Freiburg in Atem. Sie steht in Gärtnerkleidung auf einem Dach und droht, herunterzuspringen. Als die Polizei eintrifft, reagiert ...

Einen Tag und eine Nacht hält eine junge Frau einen Ort in der Nähe von Freiburg in Atem. Sie steht in Gärtnerkleidung auf einem Dach und droht, herunterzuspringen. Als die Polizei eintrifft, reagiert sie wütend und wirft mit Dachziegeln um sich.
Währenddessen versammelt sich eine Reihe von Schaulustigen vor dem Haus, darunter Anwohner und Passanten, aber auch der Freund der Frau und die Schwester. Finn ist in Manu verliebt, kennt sie aber noch nicht lange und weiß nicht, wie er reagieren oder helfen soll. Auch ihre Schwester Astrid ist überfordert, fürchtet sie doch die negative Publicity im Hinblick auf ihre Bürgermeisterkandidatur.
Andere, die Manu persönlich nicht kennen, sind von dem unerwarteten Spektakel beeinträchtigt. Die Polizei hindert Maren daran, ihre Wohnung zu betreten, Polizist Felix ist hilflos und grübelt über seine Vergangenheit, die Schülerin und Mobbingopfer Winnie kann sich endlich gegen ihre Peiniger zur Wehr setzen und das Ehepaar Theres und Werner, Eigentümer eines kleinen Lebensmittelgeschäfts, machen den Umsatz ihres Lebens.


Aus der Perspektive von zehn Menschen werden die knapp 48 Stunden geschildert. Es sind nur kurze Momentaufnahmen der Leben der einzelnen, aber dennoch erhält man durch die pointierte Erzählung einen ausreichenden Einblick und Verständnis für die Sorgen und Probleme der Protagonisten. Zu Beginn erscheint keiner wirklich glücklich, aber durch die Frau auf dem Dach wird eine Kette von Ereignissen aufgelöst, die in jedem Leben etwas bewirkt. Die Menschen werden aus ihrer alltäglichen Routine gerissen und reagieren ganz unterschiedlich darauf. Die einen werden unsicher und verlieren ihren Halt, während die anderen Veränderungen vornehmen und am Ende befreit wirken.
Aufgrund der Vielzahl der Protagonisten ist keine tiefgründige Charakterstudie möglich, was aber nicht bedeutet, dass der Roman oberflächlich ist. Jeder Charakter hat eine eigene Persönlichkeit und Rolle, da sich der Roman nicht wirklich um Manu und ihre Motive dreht.
Auch wenn ich aufgrund der Ausgangssituation eine ganz andere Erwartung an den Roman hatte und vom Verlauf der Handlung überrascht wurde, konnte mich der Roman und die einzelnen Schicksale durchgängig unterhalten.
Letztlich ist beeindruckend zu lesen, wie ein Vorfall einer zunächst fremden Person, eine Veränderung der Leben von nahezu Unbeteiligten bewirken kann.

Veröffentlicht am 30.08.2019

Familiengeschichte auf zwei Zeitebenen mit einer berührenden Suche nach den Wurzeln und einer etwas mysteriösen Liebesgeschichte

Der Letzte von uns
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Im Februar 1945 bringt Luisa während der Bombardierung Dresdens einen Sohn zur Welt. Da sie davon ausgeht, dass ihr Ehemann Johann im Krieg gefallen ist, bittet sie, bevor sie stirbt, ihn Werner Zilch ...

Im Februar 1945 bringt Luisa während der Bombardierung Dresdens einen Sohn zur Welt. Da sie davon ausgeht, dass ihr Ehemann Johann im Krieg gefallen ist, bittet sie, bevor sie stirbt, ihn Werner Zilch zu nennen, denn er sei der letzte Nachkomme der Familie Zilch.
Der Junge kommt in die Obhut ihrer Freundin und Schwägerin Martha, die nach der Kapitulation Deutschlands mit ihm in die Vereinigten Staaten von Amerika migrieren kann. Wern(er) wird erfolgreicher Miteigentümer einer jungen Baufirma in Manhattan und verliebt sich dort in Rebecca, eine rebellische junge Künstlerin, von der er noch nicht weiß, welche düstere Vergangenheit die beiden verbindet.

Der Roman handelt auf zwei Zeitebenen, erzählt die letzten Wochen des zweiten Weltkriegs und die Jahre nach Kriegsenden in Deutschland un den Vereinigen Staaten sowie in der Gegenwart die Jahre 1969 bis 1978.

Während die Vergangenheit, der Krieg und seine Folgen sehr eindringlich und schonungslos brutal geschildert werden, hat die Geschichte in der Gegenwart seine Längen. Wern verliebt sich Hals über Kopf in Rebecca, die mysteriös verschwindet, ihn aber nicht mehr loslässt. Rebecca bleibt lange etwas undurchschaubar bis klar wird, was sie quält. Erst dann wird zunehmend spannend erzählt, wie die beiden Familien von Rebecca und Wern zusammenhängen.

"Der letzte von uns" ist eine interessante Familiengeschichte auf zwei Zeitebenen, bei der Kriegsereignisse aufgearbeitet werden und bei der prominente Zeitzeugen wie Wernher von Braun, nach dem der Protagonist benannt ist, eine Rolle spielen.
Die Liebesgeschichte von Rebecca und Wern konnte mich im Gegensatz zu den Schicksalen ihrer Ahnen weniger berühren. Sehr emotional und nachvollziehbar bewegend ist dagegen Werns Suche nach seinen Wurzeln geschildert. Gut gefallen hat mir auch die anschauliche und lebendige Schilderung der zeitgeschichtlichen Umstände 1945 und die 1960er-/ 1970er-Jahre im boomenden Manhattan.

Veröffentlicht am 28.08.2019

Spannung entwickelte sich erst sehr spät und der Fall mehr durch glückliche Zufälle gelöst, als durch Ermittlungsarbeit

Das Verschwinden der Stephanie Mailer
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Am 30. Juli 1994 wurde der Bürgermeister der Stadt Orphea Joseph Gordon und seine Familie sowie eine vorbeigehende Passantin brutal ermordet. Zu dem Zeitpunkt waren die meisten Bewohner der Stadt beim ...

Am 30. Juli 1994 wurde der Bürgermeister der Stadt Orphea Joseph Gordon und seine Familie sowie eine vorbeigehende Passantin brutal ermordet. Zu dem Zeitpunkt waren die meisten Bewohner der Stadt beim Premierenabend des alljährlichen Theaterfestivals. Die zwei Jungen Polizisten Jesse Rosenberg und Derek Scott ermitteln in ihrem ersten Mordfall und können aufgrund verschiedenster Indizien einen Schuldigen festnehmen.
20 Jahre später wird die Journalistin Stephanie Mailer angeheuert, um für einen unbekannten Auftraggeber einen Kriminalroman über den Vierfachmord zu schreiben. Aufgrund ihrer Recherchen kommt sie zu dem Schluss, dass der wahre Täter damals nicht überführt werden konnte. Nachdem sie Jesse Rosenberg, der wenige Tage vor seinem Ruhestand steht, damit konfrontiert hat, verschwindet sie spurlos. Rosenberg und Scott rollen den Fall wieder auf und ermitteln zusammen mit Anna Kanner, die erst im September 2013 von New York zur Polizei nach Orphea gewechselt ist.

"Das Verschwinden der Stephanie Mailer" ist ein Kriminalroman, der auf mehreren Zeitebenen spielt und aus der Perspektive verschiedenster Protagonisten geschrieben ist. Beim Lesen ist volle Konzentration gefordert, um den Überblick über die handelnden Personen in der Gegenwart und der Vergangenheit zu behalten und die ergänzend eingeschobenen Rückblenden in den richtigen Kontext zu setzen. Die vielen Erzählstränge verwirren zwar einerseits, machen aber andererseits auch neugierig, wie diese letzten Endes zusammenhängen, um den Mörder zu enttarnen.
Über weite Strecken ist der Roman mäßig spannend erzählt, die Ermittlungen aus 1994 werden wiederholt, während 20 Jahre später annähernd die selben Ermittler ihre Tätersuche von damals überprüfen. Darüber hinaus werden weitere Personen aus New York und den Hamptons eingeführt, die ihre eigenen Geheimnisse haben und die sich allesamt zur Theateraufführung am 26. Juli 2014 als Schauspieler wiederfinden. Dieser Tag wird erwartungsvoll durch einen Countdown in den Mittelpunkt gerückt, aber erst danach wird es eigentlich wirklich spannend. Die aberwitzigen Szenen rund um das Theaterstück - inszeniert durch den ehemaligen Polizeichef - empfand ich befremdend und unglaubwürdig, wie sich die Laiendarsteller für ein bisschen versprochenen Ruhm erniedrigen oder lächerlich machen lassen.

Der Roman überrascht immer wieder durch Wendungen, die man so nicht erwartet hatte und die auch die Ermittler immer wieder auf Umwege führen, so dass die Tätersuche weiter in die Länge gezogen wird. Auch wenn man als Leser selbst durchgängig rätselt, wer der Mörder ist und wie er dingfest gemacht werden kann, wird die Geduld durch Nebenaspekte wie der Vergangenheit der Ermittler und so manches skurriles Verhalten der handelnden Akteure strapaziert.
Sehr spät, erst nach 500 Seiten, wurde der Roman für mich wirklich spannend. Hoch komplex wird im letzten Drittel ein raffiniertes Handlungsgeflecht konstruiert und stetig weitere in Frage kommende Täter ausgeschlossen.
Der Einfallsreichtum des Autors ist wirklich bemerkenswert, was zwar die Spannung erhöht, Motivlage und Tathergang aber auch etwas unrealistisch erscheinen lassen. Etwas enttäuschend empfand ich dabei, dass der Fall eher durch viele glückliche Umstände und Zufälle gelöst wird, als durch akribische Ermittlungen. Die Polizisten scheinen mehr von den Rahmenbedingungen getrieben, als durch ihren eigenen Intellekt den Täter von damals aufzudecken. Größtes Manko des Kriminalromans ist aber das lange Vorgeplänkel, bis man ihn dann aber tatsächlich nicht mehr aus der Hand legen kann.

Veröffentlicht am 27.08.2019

Warmherzige Geschichte, die den Leser anschaulich in die DDR versetzt und die positiven als auch kritischen Folgen der Wende betrachtet

Kastanienjahre
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2018 lebt Elise seit über 20 Jahren in Paris, wo sie Inhaberin einer kleinen Boutique ist und sich damit einen lang gehegten Traum wahr gemacht hatte. Aufgewachsen ist Elise in der DDR, in dem kleinen ...

2018 lebt Elise seit über 20 Jahren in Paris, wo sie Inhaberin einer kleinen Boutique ist und sich damit einen lang gehegten Traum wahr gemacht hatte. Aufgewachsen ist Elise in der DDR, in dem kleinen Ort Peleroich an der Ostsee, wo die Möglichkeiten als Modedesignerin zu arbeiten aufgrund von Ressourcenknappheit und mangelnder Berufsfreiheit stark eingeschränkt waren.
Als sie einen anonymen Brief erhält, der ihre Hoffnungen macht, etwas über das Verschwinden ihres Jugendfreundes Jakob und zum Tod ihres Vaters Karl zu erfahren, kehrt Elise in ihren Heimatort zurück.

Auf den ersten Blick fällt auf, wie liebevoll der Roman aufgemacht ist. Auf den ersten Seiten ist ein Ausschnitt von Peleroich eingezeichnet und eine Übersicht über die Bewohner des Ortes aufgelistet.
Der Roman handelt auf zwei Zeitebenen, wobei die Erzählung in der Vergangenheit von den 1960er-Jahren bis nach der Wende den größten Anteil ausmacht und die jungen, bewegten Jahre von Elise, ihrer Familie und Bekannten des Dorfes darstellt.

Der fiktive Ort Peleroich mit seinen Bewohnern wird dabei so anschaulich beschrieben, dass man ein Gefühl für die Epoche, einen Eindruck von den Einschränkungen in der DDR und eine klare Vorstellung von dem Dorf und den einzelnen Charakteren erhält.
Peleroich besteht aus wenigen Familien und Betrieben, die fast alle unter dem staatstreuen Bürgermeister Ludwig Lehmann leiden, der Peleroich zu einem sozialistischen Vorzeigeort machen möchte. Die Bewohner selbst haben jedoch andere Träume, möchten frei leben und sich kreativ entfalten oder haben schlicht die Knappheit an alltäglichen Gütern und Lebensmitteln satt.

Durch den flüssigen, einfühlsamen Schreibstil von Anja Baumheier kann man sich perfekt an den Ort Peleroich versetzen lassen und in die Vergangenheit eintauschen. Schon mit ihrem Debütroman "Kranichland" habe ich es genossen, als "Wessi" mehr über das alltägliche Leben in der DDR zu erfahren.
Die kleineren Zeitsprünge in der Geschichte sorgen für Spannung, da die Autorin damit auch immer wieder auf kurze Rückblenden zurückgreifen muss, damit der Leser ein komplettes Bild erhält. So spürt man im weiteren Verlauf immer eindringlicher wie der Druck auf die Protagonisten wächst, die in dem kleinen Ort, aber vor allem durch die Politik massiven Einschränkungen unterliegen. Deshalb ist es auch spannend zu erfahren, wie Vergangenheit und Gegenwart zusammengehören, was mit Jakob passiert ist und in welchem Zusammenhang sein Verschwinden mit dem Tod von Elises Vater steht.
Weiterhin kann man sich gut in die junge Elise hineinversetzen, die in Perleroich aufgewachsen ist und dort stets zwischen zwei Männern stand: dem bodenständigen Henning, auf den sie sich stets verlassen konnte und dem Freigeist Jakob, der für ein aufregenderes Leben stand.

Die Geschichte entwickelt vor dem historischen Hintergrund eine Sogwirkung, während einem die Bewohner von Perleroich ans Herz wachsen. Es ist eine warmherzige, ehrliche Geschichte, die den Leser wieder sehr anschaulich in die DDR und die Umstände der damaligen Zeit versetzt, aber auch kritisch betrachtet, dass die Wende neben allen offensichtlich positiven Aspekten für den Ort den Untergang bedeutete.