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Veröffentlicht am 10.05.2019

Spannende Geschichte mit ethischem Konflikt

Nemesis
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C.J. Townsend – dem ein oder anderen Thrillerfan schon aus der Cupidoreihe – bekannt, ist endlich wieder in Miami und auch zurück im Gericht. Als eine Leiche mit einem Branding gefunden wird, weiß sie ...

C.J. Townsend – dem ein oder anderen Thrillerfan schon aus der Cupidoreihe – bekannt, ist endlich wieder in Miami und auch zurück im Gericht. Als eine Leiche mit einem Branding gefunden wird, weiß sie sofort, dass die Handschrift des Snuff-Clubs ist, der vor einiger Zeit die Polizei auf Trab hielt. Mitglieder zahlen horrende Beiträge um im Live-Stream einen stundenlang andauernden Mord zu sehen und ihn gleichzeitig zu beeinflussen. CJ hat genug Informationen, kennt die Namen der Teilnehmer, die High Society Amerikas, und entdeckt in Eigenregie immer mehr Details. Doch was tun, wenn die Beweise nicht auf legalem Wege erlangt wurden? Auf einmal steht sie vor der Entscheidung: Muss ich selbst handeln, damit noch weitere Morde verhindert werden?
Und mit genau dieser Frage spielt Jilliane Hoffman deutlich. Ist es vertretbar eigene Ermittlungen anzustellen? Selbst einen Mord zu begehen? Alles nur, damit andere – unschuldige – Menschen gerettet werden können? Während in Florida immer weiter junge Frauen verschwinden, hat CJ eine Liste mit den Teilnehmern vor sich. Doch sich darauf berufen kann sie – noch – nicht. Daher schickt Hoffman unsere Protagonistin auf einen Rachefeldzug mit eigenen Ermittlungen, Erpressungen und Straftaten.
Eine wirklich spannend geschrieben Jagd gegen die Zeit, deren Seiten einfach nur so verfliegen. Auch ein wunderbares Widersehen mit alten Bekannten aus den vorherigen Reihen. Doch trotzdem frage ich mich, gerade wenn ich die vielen positiven Bewertungen sehe, ob ich die Einzige bin, die ein Problem mit den Taten von CJ hat? Ja, es waren Mörder. Ja, es waren widerwärtige Menschen. Aber gerade als Staatsanwältin erwarte ich von CJ mehr als einen eiskalten Rachefeldzug, gerade wenn Hoffman ihr im gleichen Atemzug die Adoptionskarte in die Hände spielt.
Es ist – auf Spannungs- und Handlungsebene – sicher ein gut geschriebenes Buch, mit einer verdammt interessanten Storyline und auch ein wahrliches Feuerwerk als Abschluss für die Cupidoreihe. Doch am Ende, da hinterlässt es mir persönlich einen schlechten Beigeschmack. Denn: Das ist es. Das Ende. Von CJ. Vom Lesen. Für uns. Für mich war CJ immer eine Person, die sich nicht hat unterkriegen lassen und trotzdem richtig gehandelt hat. Die ihren Job eiskalt ausgeführt hat, eine vorbildliche – auch teils schwierige – Beziehung geführt hat. Und dann kommt Nemesis. Auf einmal ist CJ skrupellos, begeht nicht nur Einzelfälle, sondern wird fast zu der Person, die sie sonst immer jagt. Denn: Auch, wenn sie es aus einem guten Grund tut, so ist es für mich am Ende immer noch falsch. Gerade weil Hofmanns Figur über die Mittel, die Verbindungen und Beziehungen verfügt, um Personen und Ermittler einschalten zu können. Letztendlich verbleibt CJ nun als Racheengel in den Köpfen, und Nemesis bietet nicht den Abschluss, den man s

Veröffentlicht am 26.04.2019

Oberflächlichkeit trifft Belanglosigkeit

Niemalswelt
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Jeder kennt diese Erlebnisse, die man auch nach Jahren noch nicht abschließen kann? Deren Verlauf man immer wieder durchgeht, die Worte noch mal resümiert und es immer und immer wieder überdenkt? Was würde ...

Jeder kennt diese Erlebnisse, die man auch nach Jahren noch nicht abschließen kann? Deren Verlauf man immer wieder durchgeht, die Worte noch mal resümiert und es immer und immer wieder überdenkt? Was würde man dafür geben, wenn man diese Situationen noch mal erleben könnte? Sie noch mal überprüfen könnte?
Bee kann dies tun und vielleicht die offenen Fragen, die um den Tod ihres Freundes Jim kreisen endlich klären. Warum sie das kann? Als sie sich mit ihren Freunden an einem Abend trifft, entgeht die Clique nur knapp einem Autounfall. Nachdem sie wieder zuhause angekommen sind, wartet doch jedoch ein alter Mann, der sich „der Wächter“ nennt auf sie und erzählt ihnen, dass sie alle tot sind, da der Unfall doch passiert ist. Jedoch befinden sich die fünf Freunde gerade in einer Art Zeitschleife, die immer wieder elf Stunden vor dem Crash einsetzt und mit ihm endet. Um aus dieser zu entkommen, müssen sie einstimmig beschließen, wer von ihnen überleben wird – und das wird nur einer sein. Doch wie löst entscheidet man sowas? Und was tut man solange bis man diese Entscheidung herbeigeführt hat? In diesem Falle scheint der angebliche Selbstmord ihres Freundes Jim eine zentrale Rolle zu spielen und so ermitteln die Freunde, denn: Wenn der Tag immer und immer wieder passiert, kann man wirklich viel machen, ohne dass es Konsequenzen hat.
Was klingt wie eine Mischung aus einem Jugendbuch und einem Thriller, ist der Plot des neuen Romans Niemalswelt von Marisha Pessl. Auch wenn die Idee dahinter Spannung und Innovation verspricht, ist das Buch vor allem eins: verwirrend. Grundlegend sind Themen wie Zeitsprünge oder -schleifen einfach ein komplexes Thema, auf das man sich bestenfalls ohne große Fragen einlassen sollte, denn sobald man ans Grübeln kommt, man immer mehr Ungereimtheiten entdecken wird. Da sich Bee und ihre Freunde, die Zeitschleife und ihre Eigenheiten so dehnen wie sie es brauchen, um das Geheimnis um Jims Tod zu lüften, entstehen gefühlt hunderte Fragen, die Pessl eher oberflächlich erklärt.
Und das ist wohl das größte Problem an Niemalswelt: Es ist einerseits so komplex gedacht, dass man teilweise Seiten zurückblättern muss, um nicht völlig ahnungslos zu sein, ist aber anderseits im Verlauf der Geschichte so banal, dass es fast langweilig wird. Das liegt nicht nur am Verlauf und den Auflösungen der Geschichte, sondern mitunter auch an den Charakteren. Auch bis zum Schluss sind Bee und die anderen eher schemenhafte Skizzen. Einzig und allein für Martha hat sich mein Herz Seite um Seite erwärmt, denn obwohl sie zunächst eher eine Randnotiz ähnelt, hat Pessl sie mit mehr Liebe und Hintergründen befüllt als beispielsweise die Protagonistin oder Jim.
Daher ist Niemalswelt zwar wirklich leicht und schnell zu lesen, jedoch fehlt dem Buch vor allem an Substanz. So nett die Idee dahinter auch sein mag, so sehr fehlt dem Buch der nötige Schliff und vor allem die Leidenschaft für die Charaktere und die Erzählung an sich. Auch wenn die Aufgabe eine einstimmige Lösung über Leben und Tod zu finden in der Vorstellung reichlich spannend wirkt, schafft Marisha Pessl es, dass sowohl Jims Tod als auch die Wahl am Ende eher ein müdes Gähnen beim Leser hervorrufen.
Schade, denn Marisha Pessl hat schon mit Die alltägliche Physik des Unglücks erwiesen, dass sie Schreiben und Geschichten erzählen kann. Doch leider holt sie nicht das aus Niemalswelt raus, was eigentlich da ist und kratzt mit der Geschichte um Bee leider nur an der Oberfläche und bietet dem Leser keinerlei Tiefgang.

Veröffentlicht am 17.04.2019

Mitreißender Thriller

Liebes Kind
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Lena lebt im Wald, mit ihren zwei Kindern und ihrem Ehemann – was klingt wie die perfekte Familienidylle ist ein reines Martyrium. Mahlzeiten, der Gang zur Toilette, selbst der Sauerstoff – alles ist geplant ...

Lena lebt im Wald, mit ihren zwei Kindern und ihrem Ehemann – was klingt wie die perfekte Familienidylle ist ein reines Martyrium. Mahlzeiten, der Gang zur Toilette, selbst der Sauerstoff – alles ist geplant und reicht zum Überleben. Vor die Tür kommt sie zum ersten Mal als ihr die Flucht gelingt. Doch nach der kurzen Euphorie, beginnt der Albtraum danach erst richtig.
Ganz ehrlich: Entführungen und die Geschichten dazu, die gibt es wie Sand am Meer. Daher waren die Erwartungen an „Liebes Kind“ von Romy Hausmann nicht riesig, doch die Pressestimmen waren gut und das Hörbuch gerade verfügbar. Doch schon nach den ersten Kapiteln war der Thriller fesselnd. Ist Lena wirklich Lena? Können ihre Eltern aufatmen? Wenn Lena nicht Lena ist, wer sind dann die Kinder? Und wer macht sowas?
Von der Idee erinnert Liebes Kind stark an das englische Pendant „Raum“, das auf einem ähnlichen Aufbau basiert. Doch Hausmanns Idee die verschiedenen Charaktere erzählen zu lassen, gibt dem Buch den letzten Schliff. Die unterschiedlichen Perspektiven bringen auf ihre eigene Weise den neuen Input: Hannah bringt Licht in die Zeit im Haus und gibt durch die kindliche, naive Erzählweise Gänsehautgefühl. Matthias, Lenas Vater, der lange nach seiner Tochter gesucht hat, bringt das impulsive Zeitgeschehen mit, der die Situation von außen betrachtet. Und Lena? Lena ist vor allem traumatisiert – ihre Parts sind schwer und manchmal so verwirrend wie sie es selbst zu sein scheint.
Alles in allem auf jeden Fall ein hervorragendes Buch, das durch einige perfekt gesetzte Kniffe absolut spannend ist und den Leser mitreißt. Ich empfehle hier übrigens wärmstens die Hörbuchedition, denn – auch wenn das Buch sicherlich auch so durch Aufbau und brilliante Ideen besticht – machen die unterschiedlichen Leser und gerade die monotone Stimme Hannas das Hörbucherlebnis viel, viel intensiver.
Also wer mal wieder Lust auf einen packenden Thriller hat, den kann Liebes Kind nur überzeugen.

Veröffentlicht am 26.03.2019

Der erzählende Ermittler

Ein perfider Plan
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Eigentlich kennen wir Horowitz von seinen Sherlock-Romanen, die gekonnt in Arthur Conan Doyles Fußstapfen treten können sowie von seine Jugendbuchreihe rund um Alex Rider. Doch mit „ein perfider Plan“ ...

Eigentlich kennen wir Horowitz von seinen Sherlock-Romanen, die gekonnt in Arthur Conan Doyles Fußstapfen treten können sowie von seine Jugendbuchreihe rund um Alex Rider. Doch mit „ein perfider Plan“ ruft er nicht nur seinen neuen Ermittler Daniel Hawthorne ins Leben, sondern erzählt einen herrlich spannenden Krimi auf eine ganz neue Art. Warum? Weil Horowitz selbst der Erzähler des Buches ist, dessen Rahmenhandlung die Entstehung des Buches ist, in dem er gemeinsam mit Hawthorne einen Mord löst. DAS ist mal innovativ und gibt einen ganz anderes Lesegefühl. Dass Horowitz schreiben kann, das ist schon durch seine früheren Werke klar, doch eine Innovation zwischen all den Krimis zu finden, ist oft eine Seltenheit. Natürlich ist es nicht der Anspruch eines Krimis anders zu sein, aber wenn sich dann doch die Story, der Aufbau und die Mördersuche mal abheben, dann ist das ein wunderbarer Pluspunkt.
..und der macht hier den entscheidenden Unterschied. Denn die Aufklärung des Todes von Diana Cowper, die ihre eigene Beerdigung am Tag ihrer Ermordung geplant hat, ist spannend, jedoch auch nicht spektakulär. Ein solider Krimi, in dem Hawthorne und unser Schriftsteller das Leben der gut betuchten Witwe durchleuchten aber mehr durch sich selbst und ihre desolate Beziehung zueinander glänzen. Denn: Hawthorne, der neue Ermittler und ehemalige Polizist, ist schwierig – eben ein Protagonist wie ihn die Krimifans lieben. Er liebt mehr die Alleingänge, hat durch seine Spekulationen einen leichten Sherlocktouch und stellt das perfekte Gegenteil zu Horowitz da, der sowohl bei den Verhandlungen zum Buch als auch in seinen eigenen Überlegungen und Handlungen eher naiv und blauäugig erscheint. Trotzdem funktionieren die beiden sehr gut im Duo, alleine wahrscheinlich eher schwierig. Daher ist aber auch die Erzählweise so gut gewählt: Hawthorne wäre alleine zu unbeliebt, der Fall alleine zu langweilig ~ durch das Einklinken unseres Schriftstellers erscheint die Geschichte und auch der Ermittler in einem ganz anderen Glanz und das Lesen macht wahnsinnigen Spaß, auch wenn die eigentliche Kriminalgeschichte fast nur die Hälfte des Buches einnimmt.
Was nach viel Kritik klingt, soll eigentlich keine sein. Das Buch liest sich schnell, macht unglaublich Spaß und ist wirklich ein wunderbarer Lichtblick in den Krimineuerscheinungen. Einzig und allein der Hinblick auf eine mögliche Reihe lässt sich fragen, wie das Erzählkonstrukt weitergeführt werden soll und ob dies mit einem zweiten Buch noch die gleiche Euphorie und den gleichen Spaß auslösen würde. Für einen Horowitz-Fan jedenfalls ein großes Muss, für neue Leser und Krimifans definitiv spannende Unterhaltung.

Veröffentlicht am 11.03.2019

Alkohol, Drogen und die Liebe

Alles, was ich weiß über die Liebe
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Alles, was ich weiß über die Liebe fühlte sich an wie eine wilde Mischung aus dem Leben von Bridget Jones und Amy Whinehouse. Zumindest stelle ich mir genauso den Querschnitt daraus vor. Dabei sind dies ...

Alles, was ich weiß über die Liebe fühlte sich an wie eine wilde Mischung aus dem Leben von Bridget Jones und Amy Whinehouse. Zumindest stelle ich mir genauso den Querschnitt daraus vor. Dabei sind dies die Memoiren von Dolly Alderton, gerade mal 28, Kolumnistin und Autorin für die britischen Medien.
Was weiß also Dolly Alderton in ihren Zwanzigern über die Liebe? Nicht viel, wie sie selbst sagt. All ihre Schlüsse zieht sie aus den langen Freundschaften zu ihren Freundinnen, die seit ihrer Kindheit, Schul- oder Unizeit kennt. Mit denen hat sie mehr Streitereien gehabt, länger zusammen gelebt und mehr um sie gekämpft, als um jeden Mann. Und damit könnte „Alles, was ich weiß über die Liebe“ ein Liebesbrief an eben diese Frauen sein. Denn eigentlich ist es eine gut geschriebene, humorvolle Erzählung über wahre Freundschaften und dem langen, steinigen Weg zur Selbstliebe gesetzt in den 2000ern, so dass man sich selbst zurück versetzt fühlt in die Zeit der eigenen Jugend und der Zeit vor dem guten alten MSN-Messenger, der den Blick in die Welt bot.
Doch leider verliert sich Alderton schon sehr schnell in ihren Erzählungen über Alkohol, Drogen, Partys und Sex. Vom ersten Alkohol mit gerade Mal zehn bis zu dem unzähligen One-Night-Stands erleben ihre komplette Jugend mit. Jedoch setzt sie erwachsen sein sehr schnell mit der Freiheit zu trinken, zu vögeln (sorry!) und zu tun, was sie will, gleich und das tut sie auch in einem unerträglichen Ausmaß, dass weit entfernt von einer „rebellischen Teenagerphase“ entfernt ist. Massenhaft Dates, zahllose Sexpartner, Drogendealer auf den Partys, eskalative Abstürze, sowie sinnfreie und teure Taxifahrten quer durch England. Selbst als Dolly nach einem Absturz nicht mehr glaubt, in London zu sein, realisiert sie nicht, wie schlimm es um sie steht. Die Einsicht kommt erst viel später, als sie während eines Urlaubs und eines misslungenen Tinderdates am Tiefpunkt ankommt und sich eine Therapeutin sucht, die leider nicht die Aufmerksamkeit im Buch bekommt, die sie haben sollte. Denn hier sind wir am Knackpunkt: Zwar hinterfragt sie ihr Männer- und Sexverhalten, lässt jedoch den Alkohol- und Drogenkonsum fast außen vor, obwohl es der große Mix des exzessiven Verhaltens ist, der das Problem an sich darstellt.
Trotz allem ist es ein ehrlicher Einblick in Dolly Aldertons Leben, in ihre Erinnerungen und ihre Erfahrungen. Witzig geschrieben, wobei ich vermute, dass im englischen Original der ein oder andere Wortwitz mehr zu finden ist. Brutal ehrlich und ein sehr lesenswerter Seelenstriptease, dem an der ein oder anderen Stelle ein bisschen mehr Selbstreflexion gut getan hätte.