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Veröffentlicht am 19.01.2026

Gute Geschichte, falscher Fokus

Hazel sagt Nein
5

Der Roman ist gut zu lesen, wird seinem Thema jedoch nicht immer gerecht. Um zunächst irreführende Vermutungen zu entkräften, die durch Cover und Klappentext entstehen könnten: Hazel sagt Nein behandelt ...

Der Roman ist gut zu lesen, wird seinem Thema jedoch nicht immer gerecht. Um zunächst irreführende Vermutungen zu entkräften, die durch Cover und Klappentext entstehen könnten: Hazel sagt Nein behandelt sexuellen Missbrauch oder Gewalt nicht explizit. Auch der Machtmissbrauch des Schulleiters wird nicht bis ins Detail ausgearbeitet.

Worum geht es also stattdessen? Am ehesten lässt sich der Roman als eine ernstere, reifere Version von Gilmore Girls beschreiben. Im Mittelpunkt steht der Umzug der Familie Bloom aus der schillernden Großstadt in eine amerikanische Kleinstadt. Erzählt wird abwechselnd aus der Perspektive aller Familienmitglieder: der 18-jährigen Hazel, ihres 11-jährigen Bruders Wolf sowie der Eltern Claire und Gus. Letztere bleiben jedoch in Charakterzeichnung und Handlung auffallend blass. Ihre Passivität wirkt stellenweise überzeichnet, sodass man sie eher als Nebenfiguren hätte einsetzen können, um den Kindern mehr Raum zu geben.

Der Roman beginnt sehr stark, verliert jedoch in der Mitte an Spannung und kippt beinahe in eine märchenhafte Fügung. Hazel kommt insgesamt zu gut davon. Das kann Leser*innen Mut machen, selbst den Mund aufzumachen, blendet jedoch die Realität vieler Betroffener aus. Häufig fügt sich das Leben nach einem solchen „Nein“ eben nicht zum Guten, sondern entwickelt eine zerstörerische Dynamik. Diese Realität bleibt im Roman weitgehend unberührt.
Zwar überzeugt das Buch mit einigen gelungenen Dialogen und einer kritischen Auseinandersetzung mit Image, Wahrheit und öffentlicher Wahrnehmung. Der Schulleiter selbst verkommt jedoch zur Randfigur. Das kann man als bewusste Entscheidung verstehen, Tätern keine Bühne zu geben. Literarisch funktioniert dieser Ansatz jedoch nur bedingt, denn für Betroffene bleibt der Täter meist lange alles andere als eine Nebenfigur.

Ein weiterer Punkt, der das Lesen stellenweise schwierig machen kann, betrifft die Darstellung von Neurodivergenz. Wolf wird als Kind mit ADHS eingeführt, jedoch häufig lediglich als nervig oder anstrengend beschrieben, ohne dass dies im Text wirklich eingeordnet oder erklärt wird. Gerade für neurodivergente Leser/innen kann das schmerzhaft sein, da es ein sehr reales Erleben widerspiegelt: als störend oder seltsam wahrgenommen zu werden, ohne dass jemand die Hintergründe benennt oder vermittelt. Diese Perspektive bleibt im Roman leider unreflektiert und reproduziert damit genau jene Sprachlosigkeit, die viele ND-Menschen aus ihrem Alltag kennen.

Als Roman über sexuellen Missbrauch überzeugt Hazel sagt Nein daher nur eingeschränkt. Als Kleinstadtgeschichte über eine junge Frau, die trotz Zweifel und Verletzlichkeit für sich und ihren Standpunkt einsteht, funktioniert das Buch deutlich besser. Mit einem anderen Ausgangspunkt wäre die Geschichte für mich runder gewesen: kein Schulleiter, sondern etwa dessen Sohn, der glaubt, aufgrund von Beliebtheit und sozialer Stellung jedes „Nein“ übergehen zu können. Auch hier hätte Hazels Ablehnung Gewicht gehabt, ohne sexuellen Missbrauch zum zentralen Thema zu machen. Machtmissbrauch, Gerüchte, Image und Feminismus hätten ebenso verhandelt werden können, und der restliche Roman hätte mit kleinen Anpassungen hervorragend gepasst.
Denn letztlich erzählt das Buch von einer jungen Frau mit dem Wunsch, Schriftstellerin zu werden, die lernt, zu ihrem „Nein“ zu stehen und trotz Widrigkeiten ihren eigenen Weg zu gehen. Die Perspektiven der übrigen Familienmitglieder ergänzen dies durch kleinere und größere Alltagskonflikte. Insgesamt ist Hazel sagt Nein ein Roman der leisen Töne, der sich ein zu schweres Thema gewählt hat, dem er nicht vollständig gerecht wird. Wer darüber hinwegsehen kann, erhält eine gesellschaftskritische Kleinstadtgeschichte, die jedoch stellenweise zu sehr auf amerikanisierte, glückliche Fügungen setzt.

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Veröffentlicht am 10.01.2026

Andere zu heilen ist ihr Schicksal

Das Dreizehnte Kind
0

Atmosphärisch dicht, berührend und auch etwas schaurig. Das ist "Das dreizehnte Kind". Die Geschichte hat mich direkt in den Bann gezogen und ich konnte kaum Pause machen, musste es aber zwischendurch.

Hazel ...

Atmosphärisch dicht, berührend und auch etwas schaurig. Das ist "Das dreizehnte Kind". Die Geschichte hat mich direkt in den Bann gezogen und ich konnte kaum Pause machen, musste es aber zwischendurch.

Hazel ist als dreizehntes Kind einem mächtigen Gott versprochen. Allerdings nicht auf die Art wie man nun denken mag. Dreizehnte Kinder gelten als besonders begabt und so lernt Hazel als junges Mädchen in der Zwischenwelt alles über Medizin und damit ums Heilen, was sie in Büchern finden kann. Exakt dies ist der Auftrag des Gottes, der den Tod repräsentiert.

Zurück auf die Erde gesandt soll sie andere heilen oder eben dabei helfen zu sterben. Eine Gabe ermöglicht es ihr zu sehen welche Mittel helfen könnten und ein Totenkopf symbolisiert ihr wann es zu spät ist. Am Königshof soll sie letztlich eine äußerst mysteriöse Krankheit heilen und erkennt, dass sie den Totenkopf besser nicht ignorieren sollte.

Toll geschrieben, eher langsam erzählt. Damit aber genau das Richtige für die langen Winterabende. Ein richtig schönes Gothic-Märchen. Toller Einzelband.

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Veröffentlicht am 28.11.2025

Nimmt am Anfang viel vorweg

Ready Player One
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Ready Player One stand lange auf meiner Wunschliste. Umso mehr freute ich mich als schließlich eine Neuauflage davon in den Handel kam und ich es endlich mein Eigentum nennen konnte.

Da ich selber gerne ...

Ready Player One stand lange auf meiner Wunschliste. Umso mehr freute ich mich als schließlich eine Neuauflage davon in den Handel kam und ich es endlich mein Eigentum nennen konnte.

Da ich selber gerne Games zocke, lese ich auch immer gerne mal Romane in denen dies eine elementarer Bestandteil ist. Streckenweise hält Ready Player One auch genau das, was ich mir von einem Roman dieses Genres wünsche. Facettenreichtum, Eintauchen in jede Menge "verschiedene" Spielwelten und umfangreiche Details. Die Welt, in die man als Spieler eintaucht hat durchaus ihren Reiz. Genauso wie der Wettstreit um das Erbe des Gründers dieser Oasis. Allerdings wird der Ausgang davon direkt auf den ersten Seiten vorweg genommen. Man muss demnach gar nicht mehr groß darum mitfiebern, wer es schafft und wer nicht. Alle Komplikationen auf dem Weg verfehlen dadurch ebenfalls ihre Wirkung. Auch den Hauptcharakter empfand ich streckenweise als etwas anstrengend. Ich kann durchaus etwas mit nerdigen Charakteren anfangen. Aber sein Interesse an dem Gründer der Oasis grenzte schon an Besessenheit. Er kannte jeden Film, jede Serie und jedes musikstück, dass der Gründer favorisierte. Ohne Ausnahme. Dadurch waren die vielen Rätsel um an das Erbe zu kommen auch nur selten eine richtige Herausforderung für ihn. Es wäre interessanter gewesen, wenn er diesbezüglich mehr Schwächen gehabt hätte und auch andere eine stärkere Konkurrenz gewesen wären.

Trotzdem ein solides Buch, das man durchaus mal lesen kann.

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Veröffentlicht am 28.11.2025

Sorry, not sorry

Drei Tage im Schnee
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Nach dem Klappentext hatte ich eine tiefgründige, psychologisch vielschichtige Geschichte erwartet – etwas über innere Kind-Arbeit und eine feinfühlige Freundschaft zwischen einer Erwachsenen und einem ...

Nach dem Klappentext hatte ich eine tiefgründige, psychologisch vielschichtige Geschichte erwartet – etwas über innere Kind-Arbeit und eine feinfühlige Freundschaft zwischen einer Erwachsenen und einem Kind. Leider wurde diese Idee recht oberflächlich umgesetzt.

Das Mädchen Sophie ist das typische Kind, das sich wundert, warum Erwachsene ständig im Kopf und nie im Hier und Jetzt leben. Arbeit, Verpflichtungen, Leistungsdenken – das ist natürlich ein zutreffendes Thema, wird hier aber weder gesellschaftskritisch noch psychologisch vertieft.

Unsere Protagonistin Hannah lebt ausschließlich für ihren Job. Sie ist überangepasst, kann schlecht Grenzen setzen und verliert sich im People Pleasing – hat aber immerhin ein finanziell abgesichertes Leben. An sich kein uninteressanter Ausgangspunkt, doch die Umsetzung bleibt sehr an der Oberfläche. Die vermeintlichen Lebensweisheiten wirken wie oft gehörte Kalendersprüche, statt wirklich zum Nachdenken anzuregen. Eine richtige Handlung sucht man vergeblich.

Im Grunde lebt Hannah ihr ganzes Leben nach den gesellschaftlichen Normen anderer. Teilweise dachte ich, das Buch könnte in Richtung Masking gehen – also diese extreme Überanpassung, die auf Dauer zu Burnout und weiteren Folgen führen kann, besonders bei Autismus oder ADHS. Leider wird das gar nicht thematisiert. Stattdessen jammert Hannah darüber, wenn sie mal allein ist, und fühlt sich sofort überflüssig, sobald sie nichts „Nützliches“ tut. Während der Corona-Zeit empfand sie sich zum Beispiel als komplett nutzlos.

Sorry, not sorry – ich war einfach genervt. Von einer ziemlich neurotypischen Figur, die kurzzeitig von „Reizüberflutung“ spricht, ohne wirklich zu wissen, was das bedeutet. Sie ist ständig unter Leuten, arbeitet ununterbrochen, und bekommt erst dann „zu viel“, wenn sie mal fünf Minuten Pause macht. Das ist keine Reizüberflutung, das ist FOMO (Fear of Missing Out). Natürlich hinterfragt sie dann auch noch, warum sie so eine Angst hat, in einer Stadt, die niemals schläft, einfach mal nichts zu tun. Ganz ehrlich: Mit jedem Kapitel war ich genervter. Sorry, not sorry.

Ich selbst kenne das Thema People Pleasing aus eigener Erfahrung, konnte mich aber trotzdem kaum mit Hannah identifizieren. Das wäre kein Problem, wenn mich die Geschichte auf andere Weise gepackt hätte – hat sie aber leider nicht. Besonders Hannahs Grübeleien über RomComs und die Frage, warum Menschen ihr Glück in romantischen Beziehungen suchen, fand ich klischeehaft. Ich mag RomComs und Romantasy durchaus, aber mein persönliches Glück habe ich nie von einer Beziehung abhängig gemacht. Glück und Unglück liegen für mich in einem selbst – nicht in einer Partnerschaft.

Positiv hervorheben kann man immerhin, dass das Buch angenehm leicht geschrieben ist. Wer gerade etwas Entspanntes ohne Komplexität sucht, kann hier fündig werden. Für Leser*innen, die ein eher „normales“ Leben führen, manchmal zu nett sind und sich selbst dabei vergessen, mag es ansprechend sein.

Wer sich aber schon länger mit psychologischen Themen oder innerer Kind-Arbeit beschäftigt, wird hier wenig Neues finden. Für mich persönlich war es schlicht zu langweilig und zu oberflächlich.

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Veröffentlicht am 26.11.2025

Guter Ansatz, mäßig erklärt

Die geheime Sprache unseres Körpers
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Das Buch beginnt vielversprechend, verfehlt für mich aber früh einen zentralen Punkt. Es beschreibt neurotypische Funktionsweisen und stellt sie als allgemeingültig dar. Gerade in einem aktuellen Sachbuch ...

Das Buch beginnt vielversprechend, verfehlt für mich aber früh einen zentralen Punkt. Es beschreibt neurotypische Funktionsweisen und stellt sie als allgemeingültig dar. Gerade in einem aktuellen Sachbuch hätte ich einen Hinweis erwartet, dass diese Sichtweise nicht für alle gilt, besonders nicht für Menschen mit ADHS oder Autismus.

Im zweiten Kapitel gibt es hilfreiche Übungen, die ich als Stärke des Buches sehe. Gleichzeitig zeigt sich, dass die Umsetzung auf ruhige und kontrollierte Umgebungen ausgelegt ist. Für Menschen, die im Alltag viel Reizintensität erleben, ist das unpraktisch. Obwohl empfohlen wird, die Übungen direkt anzuwenden, wirkt dieser Ansatz für mich weltfremd. Viele Techniken eignen sich eher präventiv zu Hause. Dafür sind sie allerdings überwiegend sehr gut.

Kapitel drei bis sechs enthalten mehrere problematische und veraltete Aussagen. Besonders störend ist die Behauptung, Tiere hätten keine Seele, sowie die traditionelle Zuordnung von Emotionsregulation zur Mutter. Solche Ideen stützen misogynes Denken, das man überall in sozialen Medien findet. Diagnosen werden auf einfache Dysregulation reduziert, wodurch der Eindruck entsteht, alles lasse sich mit der einen Methode lösen. Das wirkt verharmlosend und teilweise gefährlich.

Auch die Begriffe werden unsauber verwendet. Der Begriff Trigger wird zunächst mit Alltagsstress gleichgesetzt und erst später mit Trauma verknüpft. Zudem werden viele Diagnosen auf ein dysreguliertes Nervensystem zurückgeführt und mit Emotionen wie Wut oder Rückzug verbunden. In diesem Zusammenhang wird sogar ein Zusammenhang mit körperlichen Erkrankungen hergestellt. Das ist nicht komplett inkorrekt. Die Darstellung lässt allerdings kaum Raum für lebenslange Beeinträchtigungen, die ein erfülltes Leben trotzdem ermöglichen. Ebenso wird suggeriert, dass sich jeder Mensch im Kontakt mit anderen reguliert, was individuelle Unterschiede ignoriert.

Positiv ist der wertschätzende Ton. Die Autor*innen machen niemandem Vorwürfe. Dennoch wirkt vieles pseudooptimistisch. Die Botschaft lautet, man könne sich jederzeit bewusst in einen regulierten Zustand versetzen. Das klingt gut, kann aber zu Versagensgefühlen führen, wenn es nicht oder nur mäßig gelingt. Verstärkt wird das durch häufige Hinweise darauf, wie vielen Menschen die Methode geholfen habe, die zuvor mit Therapeuten und Ärzten keine Lösung fanden. Diese Art der universellen Heilung wird leider häufig in amerikanischer Literatur versprochen. Damit will ich nicht sagen, dass die Methoden in dem Buch nutzlos sind, aber sie wecken ziemlich hohe Erwartungen an Wunderheilungen.

Ab Kapitel sieben gewinnt das Buch wieder Struktur. Die innere-Kind-Arbeit ist verständlich und zumindest hilfreich angedeutet. Kapitel acht und neun wirken deutlich differenzierter. Erstmals werden beide Elternteile, das Umfeld und kulturelle Hintergründe einbezogen. Dadurch wirken die früheren Erklärungen eindimensional und teilweise überflüssig. Aus den letzten Kapiteln lässt sich für mich etwas mitnehmen.

Die grafische Gestaltung ist ansprechend. Tabellen und Visualisierungen erleichtern den Einstieg und einige Übungen auf Instagram funktionieren gut, wenn man sie präventiv einsetzt.

Unterm Strich bleibt mein Eindruck ambivalent. Die Übungen sind teilweise brauchbar, aber die theoretische Grundlage ist stellenweise veraltet, einseitig oder übertrieben vereinfacht. Der Aufbau ist unausgewogen und ein klarer praxisnaher Leitfaden fehlt. Die Grundidee, Körper und Geist zu verbinden, gefällt mir, doch das Buch selbst konnte mich nicht überzeugen. Ich empfehle es nur eingeschränkt. Die Methode ist vermutlich in Ordnung, aber das Autorenteam wirkt sicherer im Coaching und auf Social Media als im Schreiben eines fundierten Sachbuchs.

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