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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 21.11.2025

Große Empfehlung

Siegfried
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Siegfried ist ein Roman, der zeigt wie eine Frau unter der Last widersprüchlicher Rollen langsam zusammenbricht und gerade darin ihre Klarheit findet. Sie ist Mutter, Partnerin, Versorgerin, sie kümmert ...

Siegfried ist ein Roman, der zeigt wie eine Frau unter der Last widersprüchlicher Rollen langsam zusammenbricht und gerade darin ihre Klarheit findet. Sie ist Mutter, Partnerin, Versorgerin, sie kümmert sich um Kind, Haushalt, Job, Beziehung und um die brüchige Ordnung ihrer Herkunftsfamilie. Als sie eines Morgens nicht zur Arbeit fährt, sondern in die Psychiatrie, wirkt das nicht wie Flucht, sondern wie ein verzweifelter Versuch sich selbst zu retten. Die Psychiatrie erscheint ihr als der einzige Ort, an dem endlich jemand benennt, was mit ihr nicht stimmt, obwohl der Text gleichzeitig spürbar macht, dass viel eher etwas mit der Welt um sie herum nicht stimmt. Im Hintergrund steht der Stiefvater Siegfried, eine Figur der Nachkriegsgeneration, die meint der Krieg sei vorbei und doch genau die Härte, das Schweigen und die autoritäre Ordnung weitergibt, die den Körper und das Denken der Erzählerin geprägt haben. Der Roman erzählt von Gewalt, die selten laut ist, dafür umso nachhaltiger wirkt, von psychischem Druck, finanzieller Unsicherheit, mental load und dem ständigen Gefühl zu versagen, obwohl man längst übermenschlich viel leistet. Gerade aus feministischer Perspektive ist das berührend, weil sich viele Leserinnen in der Erschöpfung und dem inneren Chaos dieser Figur wiederfinden können. Die Sprache bleibt klar, nüchtern, fast kühl, und gerade dadurch schneidet jeder Satz tiefer, ohne Pathos, ohne falschen Trost. Siegfried ist kein Wohlfühltext, sondern ein unbestechlicher Blick auf eine Gegenwart, in der Frauen offiziell alles dürfen, praktisch aber immer noch die Verantwortung für fast alles tragen. Dieser Roman tröstet kaum, aber er erkennt an, wie sich das anfühlt, und macht sichtbar, was sonst im Privaten verstummt.

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Veröffentlicht am 28.10.2025

Sensibel, feinfühlig und sehr empfehlenswert

Das Schwarz an den Händen meines Vaters
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Dieses Buch hat mich tief berührt. Ich habe es in einem Zug gelesen, weil ich einfach nicht aufhören konnte. An vielen Stellen hatte ich Tränen in den Augen, so ehrlich, schmerzhaft und gleichzeitig liebevoll ...

Dieses Buch hat mich tief berührt. Ich habe es in einem Zug gelesen, weil ich einfach nicht aufhören konnte. An vielen Stellen hatte ich Tränen in den Augen, so ehrlich, schmerzhaft und gleichzeitig liebevoll beschreibt die Autorin, was Alkoholsucht mit Menschen und ihren Familien macht.

Es ist kein leichtes Thema, doch das Buch schafft es, mit großer Sensibilität und Empathie zu zeigen, dass Liebe auch dann bestehen kann, wenn sie immer wieder an ihre Grenzen stößt. Besonders beeindruckt hat mich, wie feinfühlig beschrieben wird, wie sich der Alkohol langsam in das Leben hineindrängt, Beziehungen verändert und trotzdem Raum für Mitgefühl, Nähe und Hoffnung bleibt.

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Veröffentlicht am 27.10.2025

Ungewöhnlicher Roman

Lasst mich einfach hier sitzen und Yakisoba essen
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Der Roman hat mich zu Beginn sofort gepackt. Mit feinem Humor, surrealen Momenten und einer erfrischend anderen Erzählweise öffnet Kikuko Tsumura ein Fenster in eine mir bisher unbekannte Welt, die japanische ...

Der Roman hat mich zu Beginn sofort gepackt. Mit feinem Humor, surrealen Momenten und einer erfrischend anderen Erzählweise öffnet Kikuko Tsumura ein Fenster in eine mir bisher unbekannte Welt, die japanische Arbeitskultur mit all ihren Absurditäten, Routinen und gesellschaftlichen Zwängen. Besonders in der ersten Hälfte hat mich das Buch in neue Welten eintauchen lassen und immer wieder zum Schmunzeln gebracht. Je weiter die Geschichte jedoch fortschreitet, desto mehr hat sich meine anfängliche Begeisterung gelegt. Die Handlung bleibt nach der Hälfte etwas stehen, die Ereignisse wiederholen sich, und auch die Protagonistin entwickelt sich kaum weiter. Dadurch verliert das Buch leider etwas an Spannung, obwohl die Grundidee stark ist.

Trotzdem hat mich das Thema sehr beschäftigt. Besonders die Auseinandersetzung mit dem kapitalistischen Arbeitssystem, Burnout und der Suche nach einer sinnvollen, aber zugleich erträglichen Tätigkeit fand ich faszinierend. Die Hauptfigur versucht, in diesem System nicht unterzugehen, und wirkt dabei oft verloren, aber auch ehrlich in ihrem Wunsch, einfach nur eine Arbeit zu finden, die sie nicht auffrisst. Kikuko Tsumura verbindet diese Themen mit einer feinen Ironie und einer besonderen Leichtigkeit, ohne ihre gesellschaftskritische Tiefe zu verlieren. Das macht den Roman zu einer interessanten, manchmal skurrilen und oft sehr treffenden Beobachtung unserer modernen Arbeitswelt.

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Veröffentlicht am 20.10.2025

Klassenkritik in humorvoll!

Vom Tellerwäscher zum Tellerwäscher
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Ciani-Sophia Hoeders Vom Tellerwäscher zum Tellerwäscher habe ich im vergangenen Jahr gelesen und war von Anfang bis Ende fasziniert. Mit scharfem Blick, Humor und zugleich großer Tiefgang beleuchtet Hoeder, ...

Ciani-Sophia Hoeders Vom Tellerwäscher zum Tellerwäscher habe ich im vergangenen Jahr gelesen und war von Anfang bis Ende fasziniert. Mit scharfem Blick, Humor und zugleich großer Tiefgang beleuchtet Hoeder, wie schwer es in unserer Gesellschaft ist, ökonomisch aufzusteigen. Sie deckt schonungslos auf, dass Deutschland kein Land ist, in dem „jeder es schaffen kann“, sondern dass klare Machtstrukturen und soziale Hierarchien den Zugang zu Wohlstand und Chancen bestimmen.

Der Romanische Ansatz von Hoeder verbindet persönliche Erfahrungen mit gesellschaftlicher Analyse: Schon als 14-Jährige besucht sie mit ihrer Mutter die Berliner Tafel und beschreibt den Schamprozess, der mit Armut einhergeht. Sie zeigt, wie ökonomische Benachteiligung mit anderen Formen der Diskriminierung verflochten ist und wie stark Klassismus unser Leben prägt. Durch Interviews mit Expert:innen, Aktivist:innen sowie armen und reichen Menschen entsteht ein facettenreiches Bild von struktureller Ungleichheit, das gleichzeitig eindringlich und leicht zugänglich ist.

Hoeder gelingt es, ökonomische Realitäten humorvoll, aber niemals oberflächlich zu erzählen. Sie macht deutlich, dass soziale Mobilität nicht nur eine Frage von Fleiß oder Talent ist, sondern von Macht, Ressourcen und gesellschaftlicher Struktur. Vom Tellerwäscher zum Tellerwäscher ist ein Buch, das wachrüttelt, aufklärt und gleichzeitig Mut macht, sich kritisch mit den eigenen Privilegien und der sozialen Ordnung auseinanderzusetzen. Es ist ein unverzichtbares Werk für alle, die verstehen wollen, wie Klassenunterschiede unser Leben prägen und warum echte Chancengleichheit noch immer ein Traum bleibt.

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Veröffentlicht am 20.10.2025

Packend wie ein Thriller!

Das Licht ist hier viel heller
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Mareike Fallwickls Das Licht ist hier viel heller hat mich von der ersten Seite an gefesselt und lässt mich noch lange nicht los. Der Roman erzählt von Macht, Machtmissbrauch, Liebe und Gewalt zwischen ...

Mareike Fallwickls Das Licht ist hier viel heller hat mich von der ersten Seite an gefesselt und lässt mich noch lange nicht los. Der Roman erzählt von Macht, Machtmissbrauch, Liebe und Gewalt zwischen Männern und Frauen und beleuchtet auf eindringliche Weise, wie persönliche Beziehungen von gesellschaftlichen Hierarchien geprägt sind. Besonders vor dem Hintergrund des Springer Verlag Skandals und der MeToo-Bewegung gewinnt das Buch an erschütternder Aktualität.

Fallwickl zeigt, wie Gewalt und Unterdrückung nicht nur öffentlich, sondern oft auch in den intimsten Beziehungen wirken. Die Geschichte von Maximilian Wenger und seiner Tochter Zoey offenbart, wie tief patriarchale Strukturen in Familien und gesellschaftliche Erwartungen verankert sind. Zoeys Erfahrung und ihr Umgang mit den Enthüllungen in den Briefen einer unbekannten Frau werden zu einem Akt des Bewusstwerdens und der Selbstermächtigung.

Die Sprache des Romans ist klar, direkt und emotional eindringlich. Fallwickl erzählt nicht nur eine Geschichte über Missbrauch und Macht, sondern auch über die Möglichkeiten der Befreiung, über Widerstand und über das Recht, eigene Erfahrungen und Wahrheiten zu leben. Das Licht ist hier viel heller ist ein wichtiges Buch für unsere Zeit, das Mut macht, hinszusehen und die Stimmen von Frauen ernst zu nehmen.

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