Große Empfehlung
SiegfriedSiegfried ist ein Roman, der zeigt wie eine Frau unter der Last widersprüchlicher Rollen langsam zusammenbricht und gerade darin ihre Klarheit findet. Sie ist Mutter, Partnerin, Versorgerin, sie kümmert ...
Siegfried ist ein Roman, der zeigt wie eine Frau unter der Last widersprüchlicher Rollen langsam zusammenbricht und gerade darin ihre Klarheit findet. Sie ist Mutter, Partnerin, Versorgerin, sie kümmert sich um Kind, Haushalt, Job, Beziehung und um die brüchige Ordnung ihrer Herkunftsfamilie. Als sie eines Morgens nicht zur Arbeit fährt, sondern in die Psychiatrie, wirkt das nicht wie Flucht, sondern wie ein verzweifelter Versuch sich selbst zu retten. Die Psychiatrie erscheint ihr als der einzige Ort, an dem endlich jemand benennt, was mit ihr nicht stimmt, obwohl der Text gleichzeitig spürbar macht, dass viel eher etwas mit der Welt um sie herum nicht stimmt. Im Hintergrund steht der Stiefvater Siegfried, eine Figur der Nachkriegsgeneration, die meint der Krieg sei vorbei und doch genau die Härte, das Schweigen und die autoritäre Ordnung weitergibt, die den Körper und das Denken der Erzählerin geprägt haben. Der Roman erzählt von Gewalt, die selten laut ist, dafür umso nachhaltiger wirkt, von psychischem Druck, finanzieller Unsicherheit, mental load und dem ständigen Gefühl zu versagen, obwohl man längst übermenschlich viel leistet. Gerade aus feministischer Perspektive ist das berührend, weil sich viele Leserinnen in der Erschöpfung und dem inneren Chaos dieser Figur wiederfinden können. Die Sprache bleibt klar, nüchtern, fast kühl, und gerade dadurch schneidet jeder Satz tiefer, ohne Pathos, ohne falschen Trost. Siegfried ist kein Wohlfühltext, sondern ein unbestechlicher Blick auf eine Gegenwart, in der Frauen offiziell alles dürfen, praktisch aber immer noch die Verantwortung für fast alles tragen. Dieser Roman tröstet kaum, aber er erkennt an, wie sich das anfühlt, und macht sichtbar, was sonst im Privaten verstummt.