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Veröffentlicht am 13.07.2025

Eine würdige Ausgabe für den Meister des Unheimlichen

Der Untergang des Hauses Usher
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„Der Untergang des Hauses Usher und andere fantastische Geschichten“ versammelt 16 Kurzgeschichten Edgar Allan Poes, die sich verschiedenen thematischen Schwerpunkten zuordnen lassen. So finden sich mit ...

„Der Untergang des Hauses Usher und andere fantastische Geschichten“ versammelt 16 Kurzgeschichten Edgar Allan Poes, die sich verschiedenen thematischen Schwerpunkten zuordnen lassen. So finden sich mit „Metzengerstein“, „Der Untergang des Hauses Usher“, „Das ovale Porträt“ und „Die Maske des Roten Todes“ Erzählungen, die, z. T. in einer mittelalterlichen Welt spielend, dekadente Facetten des Adels in ein atmosphärisches Horrorsetting einbetten. Daneben finden sich Geschichten, die sich um Krankheiten/die Pathologie drehen: „Das Begräbnis vor dem Tode“ ist eine kurze Abhandlung über den Scheintod (und die Angst davor), „Der Dämon des Widersinns“ thematisiert das Ausführen widersinniger Handlungen, „Die Sphinx“ handelt von Wahrnehmungstäuschungen, „Die Heilmethoden von Doktor Teer und Professor Feder“ spielt in einer Psychiatrie (Die Geschichte hat übrigens einen schönen Twist!) und „Bericht über den Fall Valdemar“ handelt von der Macht des Mesmerismus. Eher der Kategorie „Kriminalgeschichten“ (im weiteren Sinne) lassen sich „Grube und Pendel“ (eine beklemmend erzählte Geschichte über eine eingeschlossene Person), „Die schwarze Katze“, „Das verräterische Herz“ und „Das Fass Amontillado“ (je Ich-Erzählung aus Tätersicht) zuordnen. Die vierte Kategorie bilden tragische Liebeserzählungen, in denen jeweils eine vom Erzähler geliebte Frauengestalt im Mittelpunkt steht, die aus unterschiedlichen Gründen unerreichbar ist: „Eleonora“, „Ligeia“ und „Morella“. So inhaltlich verschieden die Geschichten sind, geeint werden sie durch ihren düster-schaurigen Grundton; oft tritt auch ein Ich-Erzähler auf, der namenlos bleibt, wodurch die Geschichten umso undurchsichtiger werden. Hervorzuheben an der Ausgabe des Coppenrath Verlags ist auch die grandiose Aufmachung des Buches: Hardcover in Lederoptik, Lesebändchen, Farbschnitt und viele zum Inhalt der jeweiligen Kurzgeschichte passende Schmuckseiten im Schauerstil. Zudem finden sich zwischen den Seiten immer mal wieder schöne Beilagen. Dabei handelt es sich um stimmig illustrierte Gedichte Poes („Der Rabe“ oder „Annabel Lee“), überblicksartige Sachinformationen (Poes Verhältnis zur Psychologie oder die Rezeption Poes in der Populärkultur) oder kleine Eastereggs, die auf die jeweilige Geschichte verweisen (bspw. ein Steckbrief des Totenkopfschwärmers oder die Einladung des Fürsten Prospero aus „Die Maske des Roten Todes“). Kurz: Eine würdige und stimmige Ausgabe für den Meister des Unheimlichen, an dem Poe sicherlich seine Freude gehabt hätte.

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Veröffentlicht am 13.07.2025

Ein spannender Kunstkrimi

Die Victoria Verschwörung
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Inhalt: London 2016. Gerade als der Kunstexperte Lennard Lomberg nach seinem letzten Fall in Urlaub nimmt, kommt Sir Douglas McEwans, der Chefkurator des Royal Collection Trust, auf ihn zu: Ein anonymer ...

Inhalt: London 2016. Gerade als der Kunstexperte Lennard Lomberg nach seinem letzten Fall in Urlaub nimmt, kommt Sir Douglas McEwans, der Chefkurator des Royal Collection Trust, auf ihn zu: Ein anonymer Erpresser behauptet, ein Gemälde, das die Queen in den 1960er Jahren von deutscher Seite zur Glättung politischer Wogen geschenkt bekommen hatte, sei eine Fälschung. Der Erpresser droht, an die Öffentlichkeit zu gehen, was nicht nur eine skandalträchtige Schmach für die Queen wäre, sondern auch ein schlechtes Licht auf die deutschen Schenker werfen würde. Lennard nimmt den Fall an und beauftragt die befreundete Kunstgutachterin Alexandra Cullen, das Gemälde zu überprüfen. Doch kurz, nachdem diese das Gemälde in Augenschein genommen hat, verschwindet sie spurlos…

Persönliche Meinung: „Die Victoria Verschwörung“ ist ein Kriminalroman von Andreas Storm. Es handelt sich um den dritten Band der Lennard-Lomberg-Reihe, in der wir den titelgebenden Protagonisten auf seinen Ermittlungen im Kunstmilieu begleiten. Da die einzelnen Bände in sich abgeschlossen sind, können sie unabhängig voneinander gelesen werden; möchte man aber die Entwicklung der Figuren über die Bände hinweg besser nachvollziehen, ist eine chronologische Lektüre sinnvoll. Wie schon die anderen Bände der Reihe wird auch „Die Victoria Verschwörung“ von einem allwissenden Erzähler auf zwei Zeitebenen erzählt: In der Gegenwart begleiten wird Lennard (unterstützt von seiner Tochter Julie) bei den Ermittlungen im Fall des potentiell gefälschten Gemäldes. In einem weiteren, in der Vergangenheit spielenden Handlungsstrang spüren wir der Geschichte des Gemäldes nach, die uns sowohl in das von den Nationalsozialisten besetzte Paris als auch in das Bonn des Jahres 1965 führt, wo vor dem Hintergrund des Besuchs der Queen ein Mord in Diplomatenkreisen geschieht (Dieser Handlungsstrang ist im Kern ein fesselnder Agententhriller). Spannung entsteht besonders dadurch, dass beide Stränge geschickt miteinander verwoben werden. Wie genau, soll hier natürlich nicht gespoilert werden; nur so viel: Es gibt mehrere Querverweise, die in einem stimmigen Tempo nach und nach offenbart werden und für einige schön überraschende Aha-Momente sorgen. In beide Handlungsstränge webt Storm zudem geschickt politische Hintergründe (z. B. der sich anbahnende Brexit auf der einen, Hinterzimmerpolitik und verschleppte Vergangenheitsbewältigung auf der anderen Seite) ein, wodurch der Roman zusätzlich zur spannenden Krimihandlung an Vielschichtigkeit gewinnt. Insgesamt ist „Die Victoria Verschwörung“ ein klug komponierter und spannend zu lesender Krimi, der viele Überraschungen bereithält.

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Veröffentlicht am 13.07.2025

Interessant erzählt, aber mit schwachem Ende

U
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Inhalt: Eine Frau steigt in eine U-Bahn, nickt ein. Als sie kurze Zeit später wach wird, ist die Bahn immer noch nicht losgefahren; allerdings drängt sich ein weiterer Fahrgast durch die sich schließenden ...

Inhalt: Eine Frau steigt in eine U-Bahn, nickt ein. Als sie kurze Zeit später wach wird, ist die Bahn immer noch nicht losgefahren; allerdings drängt sich ein weiterer Fahrgast durch die sich schließenden Türen. Nun fährt die Bahn endlich los. Was die beide noch nicht wissen: Es wird dauern, bis sie das nächste Mal hält.

Persönliche Meinung: „U“ ist eine Erzählung von Timur Vermes mit phantastischen Elementen. Die Handlung ist kafkaesk: Eine Frau und ein Mann sitzen in einer U-Bahn, die nicht hält; Hilferufe verhallen, weil niemand ihnen glaubt; mit der Zeit treffen die beiden auf surreale Szenerien. Reizvoll ist die Handlung insbesondere wegen der Komponente des Unbekannten: Warum hält der Zug nicht? Befinden sich die beiden überhaupt noch in unserer Dimension? Was hat es mit den surrealen Szenerien auf sich? Leider – und das ist für mich ein Manko der Erzählung – werden hierzu kaum handfeste Antworten gegeben, sodass man nach der Lektüre etwas enttäuscht und ratlos zurückbleibt. Eine Besonderheit ist der experimentelle Erzählstil: Schlaglichtartig, stakkatohaft und assoziativ werden die Gedanken der Frau dargelegt, meist in wenigen Worten pro Zeile. Auf den ersten Blick erscheint dies kompliziert zu lesen, aber keine Sorge, man kommt schnell rein. Im Wechsel mit diesen assoziativen Gedanken der Frau finden sich mehrfach Dialoge (u.a. mit dem Mann), die eher alltagssprachlich sind und einem Drehbuch ähneln. Zusätzlich finden sich häufiger typographische Hervorhebungen, durch die auf Schriftebene die Bedeutung einzelner Wörter imitiert wird. Diese experimentelle Erzählweise ist ungemein interessant, gleichzeitig „blähen“ typographische Entscheidungen aber auch die Seitenanzahl auf: Mit ca. 150 Seiten hat „U“ die Länge eines kurzen Romans, da aber teilweise nur zwei, drei Wörter in einer Zeile stehen, ist recht viel frei, die Lesezeit eher kurz. Das sollte nicht vom Kauf abhalten, aber berücksichtigt werden (am besten schaut man kurz in die Leseprobe, um zu entscheiden, ob „U“ etwas für einen ist). Insgesamt ist „U“ eine interessant erzählte Geschichte mit kafkaesken Elementen, die für mich aber ein Stück zu undurchsichtig blieb.

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Veröffentlicht am 05.07.2025

Eine schöne Sammlung literarischer Betrachtungen des Rheins

Der Rhein
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„Der Rhein“ beinhaltet Auszüge von Victor Hugos Prosawerk „Le rhin“, das auf seinen Rheinreisen 1839/1840 beruht. Hugos Stationen, die in den Auszügen behandelt werden, sind Aachen, Köln, Andernach, Sankt ...

„Der Rhein“ beinhaltet Auszüge von Victor Hugos Prosawerk „Le rhin“, das auf seinen Rheinreisen 1839/1840 beruht. Hugos Stationen, die in den Auszügen behandelt werden, sind Aachen, Köln, Andernach, Sankt Goar, Bacharach, der Binger Mäuseturm, Mainz, Frankfurt, Heidelberg und der Rheinfall. Tatsächlich ist es sinnvoll, Hugos Reisebericht dann zu lesen, wenn man mehrere dieser Orte bereits besucht hat, damit man seine Beschreibungen besser nachvollziehen kann. Ich hatte die Auszüge zum ersten Mal vor ein paar Jahren gelesen, als ich wenige der beschriebenen Orte aus eigener Erfahrung kannte, und fand die Lektüre eher öde. Mittlerweile habe ich die meisten der beschriebenen Orte selbst in Augenschein genommen und fand die Lektüre sehr spannend. Der Text setzt sich aus mehreren Bestandteilen zusammen. Einerseits finden sich typische Reisebeschreibungen: Wir begutachten mit Hugo u. a. den Aachener Königsthron und – als Baustelle – den Kölner Dom, begeben uns auf Wanderungen in die Weinberge links des Rheins und lassen uns vom Rheinfall umtosen. Diese Beschreibungen haben auch immer wieder literarischen Charakter: So erinnern Episoden im Heidelberger Schloss oder im Mäuseturm an Schauergeschichten (die Episode im Mäuseturm ist ein Highlight der Auszüge!), Hugos einsame Wanderungen besitzen romantische Naturdarstellungen. Andererseits streut Hugo – für seine französischen Lesenden – mehrfach historische Erläuterungen ein – so insbesondere als er den Frankfurter Römer beschaut und die Kaiserwahl zur Zeit des Heiligen römischen Reiches darlegt. Auch äußert sich der vordergründig im Linksrheinischen Reisende häufig über die jüngste Vergangenheit dieses Landstrichs, als er unter Napoleon zum französischen Staat gehörte (Patriotismen inklusive). Sehr lesenswert sind auch Hugos Überlegungen zum symbolischen Gehalt des Rheins, in denen er diesen als Kulturlandschaft betrachtet. Ergänzt werden die Auszüge aus „Le rhin“ von Zeichnungen Hugos sowie zeitgenössischen Bildern. Zudem findet sich ein Vorwort, das Informationen zum Entstehen des Prosatextes gibt, sowie ein Nachwort, in dem Hugo als Zeichner kurz eingeordnet wird. Insgesamt ist „Der Rhein“ eine schöne Sammlung von literarischen Äußerungen über den Rhein, die sich besonders zu lesen lohnt, wenn man die Orte bereits kennt.

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Veröffentlicht am 05.07.2025

Gemächlicher Beginn, danach legt das Tempo aber permanent zu

Der Inugami-Fluch
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Inhalt: Sahei Inugami führte ein umtriebiges Leben: Nicht nur gelang dem früh verwaisten Mann der Aufbau einer der größten Seidenfabriken Japans, gleichzeitig führte er mehrere parallele Beziehungen zu ...

Inhalt: Sahei Inugami führte ein umtriebiges Leben: Nicht nur gelang dem früh verwaisten Mann der Aufbau einer der größten Seidenfabriken Japans, gleichzeitig führte er mehrere parallele Beziehungen zu Frauen. Aus diesen Beziehungen sprossen Kinder und Enkelkinder, die einen latenten Hass gegeneinander verspüren. Dementsprechend verfahren ist die Situation der Erbangelegenheiten, als das Oberhaupt des Inugami-Clans stirbt. Was die Sache nicht besser macht: Das Testament ist ungemein vertrackt; Menschen, die Sahei ferner standen als seine Familie, werden begünstigt, andere gehen leer aus – der Hass zwischen den Familienmitgliedern lodert auf und schnell wird ein Mordopfer entdeckt…

Persönliche Meinung: „Der Inugami-Fluch“ ist Seishi Yokomizos vierter Kriminalroman um den unkonventionellen Privatdetektiv Kosuke Kindaichi. Da der Fall in sich abgeschlossen ist, kann er auch ohne Kenntnis der Vorgänger gelesen werden. Wie bereits in den vorherigen Bänden der Reihe tritt ein allwissender Ich-Erzähler auf, der aus der Retrospektive den Fall um die Inugami-Familie rekonstruiert. Zu Beginn braucht der Krimi etwas, um in Fahrt zu kommen: Der verstorbene Sahei sowie seine Familie werden ebenso wie das Testament Saheis recht ausführlich vorgestellt. Das ist zwar alles notwendig, um dem eigentlichen Fall später besser folgen zu können, allerdings wurde es für mich etwas zu gemächlich erzählt, wodurch Tempo verloren ging. Nach diesem eher behäbigen Start gewinnt der Roman aber an Tempo und Spannung: Die Taktung der Morde nimmt zu, der Modus Operandi ist interessant, mehrere Figuren tragen offenbar ein Geheimnis mit sich, später finden sich überraschende Wendungen/Aufdeckungen. Besonders hat mir hieran gefallen, dass der Krimi zum Miträtseln einlädt: Man kann dabei einzelne Querverbindungen bereits erahnen, das große Ganze bleibt dabei aber doch bis zuletzt rätselhaft, sodass die Auflösung überraschend ist. Der Schreibstil von Seishi Yokomizo lässt sich sehr flüssig lesen. Insgesamt ist „Der Inugami-Fluch“ ein Krimi, der etwas braucht, um einen zu fesselnd – hat man dieses Punkt erreicht, ist der Krimi aber eine sehr spannende Lektüre.

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