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Veröffentlicht am 08.04.2021

Ein modernes Kunstmärchen

Spiegel, das Kätzchen
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Inhalt: Für Spiegel, einem Kätzchen, ist das behagliche Leben vorbei, als seine Besitzerin stirbt. Spiegel ist obdachlos, magert ab und droht zu verhungern. Doch plötzlich taucht ein Hexenmeister auf, ...

Inhalt: Für Spiegel, einem Kätzchen, ist das behagliche Leben vorbei, als seine Besitzerin stirbt. Spiegel ist obdachlos, magert ab und droht zu verhungern. Doch plötzlich taucht ein Hexenmeister auf, der Spiegel einen Handel vorschlägt: Spiegel dürfe bei freier Kost und Logis bei ihm wohnen, wenn der Hexenmeister im Gegenzug beim nächsten Vollmond den Schmer (die Fettschicht) Spiegels bekommt, was für das Kätzchen allerdings tödlich enden würde.

Inhalt: "Spiegel, das Kätzchen" ist eine Novelle von Gottfried Keller, die zuerst im Novellenzyklus "Die Leute von Seldwyla" erschienen ist. Erzählt wird sie aus der Perspektive Spiegels. Was die Novelle besonders interessant macht, ist, dass sie in der Tradition mehrerer Genres steht. Einerseits finden sich Anleihen an Märchen (suggestiver Untertitel: "Das Märchen"; mehrmalige Nutzung der Dreizahl), andererseits aber auch Strukturen, die an Fabeln (Personifikation und Sprachfähigkeit Spiegels; belehrende Pointe) und Schwänke erinnern. Innerhalb der Erzählung existiert nämlich noch eine Erzählung zweiter Ordnung: Eine von Spiegel fingierte Liebesgeschichte, mit der er dem Hexenmeister ein Schnippchen schlägt. So entpuppt sich Spiegel, das Kätzchen, als ein kleiner Eulen"spiegel" (Später in der Handlung taucht auch noch eine sprechende Eule auf, was das Wort "Eulenspiegel" komplettiert und als humoristische Referenz gesehen werden kann). Der Erzählstil zeichnet sich durch eine klare, detaillierte Sprache aus. Die Ausgabe des Reclam Verlags wird abgerundet durch einen Stellenkommentar und ein Nachwort von Alexander Honold, das in Entstehung, Interpretation, Rezeption und Erzählstruktur der Novelle einführt. Insgesamt ist "Spiegel, das Kätzchen" eine humoristische Erzählung, die verschiedene Genretraditionen verbindet.

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Veröffentlicht am 31.03.2021

Eine schöne Schachtelerzählung

Der Bücherdrache
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Vorab eine kleine Spoilerwarnung: Zum besseren Verständnis beschreibe ich in der Rezension kurz, was ein Buchling ist. Das ist ein kleiner Spoiler zu „Die Stadt der Träumenden Bücher“. Zur Handlung des ...

Vorab eine kleine Spoilerwarnung: Zum besseren Verständnis beschreibe ich in der Rezension kurz, was ein Buchling ist. Das ist ein kleiner Spoiler zu „Die Stadt der Träumenden Bücher“. Zur Handlung des Buches wird aber nichts gespoilert.

Inhalt: Der Buchling Hildegunst Zwei möchte unbedingt zu den „Ormlingen“, einer Buchling-Geheimorganisation, gehören. Doch zuerst muss er das Aufnahmeritual überstehen: Er soll zum Ormsumpf, der tief in den Katakomben unter Buchhaim verborgen ist, reisen und dem sagenumwobenen Bücherdrachen Nathaviel eine Frage stellen.

Persönliche Meinung: „Der Bücherdrache“ von Walter Moers ist der neunte Roman des Zamonien-Zyklus. Wie schon in anderen Werken Moers‘ kommt es auch hier wieder zu einer Herausgeberfiktion: Moers gibt sich nur als Übersetzer aus dem Zamonischen aus; der eigentliche Autor sei Hildegunst von Mythenmetz. Die Erzählung ist mit seinen knapp 170 Seiten nicht so umfangreich wie andere Romane Moers‘ und besitzt insgesamt eher Züge einer Novelle. So setzt sich der Roman z.B. aus Rahmenhandlung und (zweifacher) Binnenerzählung zusammen, die Handlung ist einsträngig und insgesamt eine „unerhörte Begebenheit“. Die Handlung selbst ist eine kleine Abenteuergeschichte und dreht sich – wie vorherige Romane von Moers – um Literatur und das Orm (die Kraft, die kreative Prozesse und besonders vollkommene Literatur erzeugt). Die Figur des Bücherdrachen ist außerdem eine schöne Ergänzung innerhalb des Zamonien-Universums, da sie die Kraft des Orms bildhaft darstellt. Wodurch „Der Bücherdrache“ sich aber besonders auszeichnet, ist der Aufbau der Handlung. Dieser ist vergleichsweise komplex, verschachtelt und dadurch interessant. (Ich hoffe, ich drifte jetzt nicht zu sehr ab und werde nicht allzu trocken und theoretisch). Die Novelle beginnt mit einem kleinen Comic, der die Rahmenhandlung bildet: Hildegunst von Mythenmetz (der Lindwurm) ist in einem luziden Traum, in dem er den Buchling Hildegunst Zwei trifft. (Buchlinge sind kleine, einäugige Zyklopen, die in den Katakomben von Buchhaim wohnen. Jeder Buchling lernt das Werk eines bestimmten Autors auswendig und trägt den Namen des jeweiligen Autors. Hildegunst Zwei memoriert das Werk Hildegunst von Mythenmetz‘). Der eigentliche Kern der Novelle, also die Binnenerzählung, ist nun das Bücherdrachen-Abenteuer von Hildegunst Zwei. Dieses wird in Form eines Dialogs zwischen Hildegunst Zwei und Hildegunst von Mythenmetz erzählt, bei dem sich Hildegunst von Mythenmetz – obwohl er als übergeordnete Erzählinstanz auftritt – auf einzelne Nachfragen beschränkt. Hildegunst Zwei tritt in seinen Dialoganteilen als Ich-Erzähler auf. Um die Verschachtelung noch auf die Spitze zu treiben, gibt es in der Erzählung von Hildegunst Zwei noch eine Binnenerzählung (zweiten Grades): Der Bücherdrache (die Figur) erzählt Hildegunst Zwei seinen Lebensweg. Runtergebrochen: Hildegunst v. M. erzählt uns eine Traumgeschichte, in der Hildegunst Zwei ihm eine Geschichte erzählt, in der der Bücherdrache Hildegunst Zwei eine Geschichte erzählt. Eine Geschichte in einer Geschichte in einer Geschichte. Aber damit sind wir noch nicht am Ende. Zwischen dem Autor Hildegunst v. M. und uns als Leser*innen hat sich noch eine Person geschlichen: der „Übersetzer“ Moers. Das, was „Der Bücherdrache“ besonders macht, ist weniger die Handlung, sondern viel mehr dieser komplexe Aufbau, sodass die Novelle eine schöne Schachtelerzählung ist.

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Veröffentlicht am 31.03.2021

Die Entdeckung der Euphancholie

Hard Land
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Inhalt: Grady (Missouri) 1985. Der fünfzehnjährige Sam ist ein Außenseiter. Sein einziger Freund ist weggezogen, sein Vater arbeitslos, seine Mutter an Krebs erkrankt. Nun soll er auch noch den Sommer ...

Inhalt: Grady (Missouri) 1985. Der fünfzehnjährige Sam ist ein Außenseiter. Sein einziger Freund ist weggezogen, sein Vater arbeitslos, seine Mutter an Krebs erkrankt. Nun soll er auch noch den Sommer bei seiner Tante in Kansas verbringen, wo auch seine zwei Cousins wohnen, die ihn schon des Öfteren verprügelt haben. Um den „Urlaub“ in Kansas zu umgehen, nimmt er einen Ferienjob im ortsansässigen Kino an. Dort freundet er sich mit anderen Jugendlichen an, verliebt sich und erlebt den Sommer seines Lebens – bis sich die Krankheit seiner Mutter zurückmeldet.


Persönliche Meinung: „Hard Land“ ist ein Coming-of-Age-Roman von Benedict Wells. Erzählt wird die Handlung retrospektiv aus der Ich-Perspektive von Sam, dessen Gedanken und Gefühle authentisch und emphatisch beschrieben werden. Die Krebserkrankung seiner Mutter ist in seiner Gefühlswelt omnipräsent: Er sehnt sich nach Normalität und Unbeschwertheit, sucht sie auch, allerdings holt der Gedanke an den möglichen Tod seiner Mutter ihn immer wieder ein, sodass potentiell jede schöne Situation kippen kann. Kurzzeitig schleicht sich auch der Gedanke ein, dass die ganze Last, die die Krankheit seiner Mutter auf die Familie ausübt, mit dem Tod der Mutter endlich vorbei wäre. Gleichzeitig plagen ihn Gewissensbisse: Darf er auf seine Mutter wütend sein? Generell sind die Figuren schön ausgestaltet. Sie besitzen durch ihre Hintergrundgeschichten und die Darstellung ihrer Gedanken- und Gefühlswelt eine große Tiefe. Durchströmt ist die Handlung mit euphancholischen Momenten. Der Begriff „Euphancholie“ ist ein Neologismus, dessen Definition Wells einer Protagonistin in den Mund legt: Es handelt sich um eine Kreuzung aus „Euphorie“ und „Melancholie“ und bezeichnet das Gefühl höchster Glückseligkeit, wobei aber gleichzeitig bewusst ist, dass der Moment des Glücks endlich ist. Solche „euphancholischen“ Momente, die in lauen Sommernächten spielen, ziehen sich wie eine Perlenkette durch „Hard Land“. Laue Sommernächte mit Freunden, Partys, Gespräche im Kino, kleinere und größere Mutproben. Diese Szenen sind detailliert und glaubwürdig beschrieben, sodass man beim Lesen teilweise selbst von Euphancholie überschwemmt wird. Daneben finden sich viele Referenzen an die 1980er Jahre. Songs von Billy Idol, Bruce Springsteen oder Journey werden abgespielt; Filme wie „Zurück in die Zukunft“ oder „Breakfast Club“ in die Handlung eingebaut und diskutiert. Interessant ist zudem der Titel „Hard Land“. „Hard Land“ heißt nämlich auch der Gedichtzyklus des (fiktiven) Autors William J. Morris, der einzige Literat, den Grady hervorgebracht hat (dementsprechend ist sein Werk auch Schulstoff). Spannend ist in diesem Kontext, dass zum Ende der Handlung Morris‘ „Hard Land“ gedeutet wird, wobei im Kleinen der literarische Interpretationsprozess durchgespielt wird (Interpretation der Oberflächenstruktur/Suche nach Metaphern/alternative Interpretationsmöglichkeiten/Offenheit der Interpretation). Insgesamt ist Benedict Wells‘ „Hard Land“ ein schöner Coming of Age-Roman mit viel Tiefgang, Empathie und Euphancholie, der Eighties-Vibes ausstrahlt.

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Veröffentlicht am 27.03.2021

Ein Weihnachtsklassiker

Der Grinch
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Inhalt: Der Grinch kann nichts mit Weihnachten anfangen. Gesang, geschmückte Häuser und vor allem Geschenke findet er schrecklich. Da Weihnachten scheinbar nicht von selbst aufhört, muss der Grinch selbst ...

Inhalt: Der Grinch kann nichts mit Weihnachten anfangen. Gesang, geschmückte Häuser und vor allem Geschenke findet er schrecklich. Da Weihnachten scheinbar nicht von selbst aufhört, muss der Grinch selbst was tun: Er klaut alle Geschenke aus Wer-wohnt-hier-Hausen.

Persönliche Meinung: "Der Grinch oder die geklauten Geschenke" ist ein Bilderbuch von Dr. Seuss. Die Neuübersetzung von Nadia Budde ist sehr gut gelungen: Die Verse und Paarreime lesen sich flüssig und besitzen eine schöne, intuitive Klangmelodie. "Der Grinch" ist außerdem reich illustiert. Die Zeichnungen von Dr. Seuss sind dabei in einem skizzenartigen schwarz-weiß Stil gehalten, allerdings werden zwischendurch rote Farbakzente gesetzt (z.B. beim Weihnachtsmannkostüm vom Grinch oder den Christbaumkugeln). Inhaltlich vermittelt das Bilderbuch die wichtige Botschaft, dass es Weihnachten nicht nur um Geschenke bzw. den Konsum geht. Aufgrund seines geringen Umfangs und der vergleichsweise großen Schrift eignet sich "Der Grinch" auch für Leseanfänger*innen. Insgesamt ist "Der Grinch" ein Bilderbuch-Weihnachtsklassiker in Versen, die eine schöne Klangmelodie besitzen.

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Veröffentlicht am 27.03.2021

Wie Hildegunst zum Dichter wurde oder: Eine Liebeserklärung an das Medium "Buch"

Die Stadt der Träumenden Bücher
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Inhalt: Auf dem Sterbebett überreicht Danzelot von Silbendrechsler seinem Dichtpatensohn Hildegunst von Mythenmetz das Manuskript eines anonymen Autors. Das Manuskript ist kurz, aber vollkommen; das Beste, ...

Inhalt: Auf dem Sterbebett überreicht Danzelot von Silbendrechsler seinem Dichtpatensohn Hildegunst von Mythenmetz das Manuskript eines anonymen Autors. Das Manuskript ist kurz, aber vollkommen; das Beste, was Danzelot und Hildegunst jemals gelesen haben. Um die Identität des Autors aufzuklären, reist Hildegunst nach Buchhaim, der Bücherhauptstadt Zamoniens.

Persönliche Meinung: "Die Stadt der Träumenden Bücher" von Walter Moers ist der vierte Teil des Zamonien-Zyklus. Der Protagonist ist diesmal der große Lindwurm-Dichter Hildegunst von Mythenmetz, der bereits kurz im "Blaubär" und "Rumo" namentlich genannt worden ist und u.a. "Ensel und Krete" "geschrieben" hat. Wie der Titel schon ankündigt, dreht sich die "Die Stadt der Träumenden Bücher" inhaltlich um das Medium "Buch", Literatur und den Literaturbetrieb. Der Handlungsort ist Buchhaim, eine kleine, verwinkelte Stadt für Buchliebhaber. Dort tummeln sich (gefallene) Schriftsteller, Dichter und (gedungene) Literaturkritiker. Antiquariat reiht sich an Antiquariat. Abends finden kostenfreie Lesungen statt. Aber das ist nur die touristenfreundliche Seite Buchhaims: Unterhalb der Stadt befindet sich ein ausuferndes Labyrinth, in dem die seltensten Bücher zu finden sind und skrupellose Bücherjäger ihr Unwesen treiben. Sowohl Buchhaim als auch das unterirdische Labyrinth sind atmosphärisch dicht und detailliert beschrieben. Während es im ersten, in Buchhaim spielenden Teil eher ruhig zugeht (hier wird eine schön gemütliche Bücherstadt-Atmosphäre aufgebaut), werden im zweiten Teil, der im Labyrinth spielt, dezente Gruselakzente gesetzt, die an Schauerliteratur erinnern (ein unterirdisches Schloss, Monster/Geister, dämmerige, verwinkelte Gänge). Spannung wird durch die Suche nach dem des Manuskript-Autors erzeugt. Auch in diesem Roman hat Moers wieder viele Wortspielereien eingebaut. Diesmal häufig in Form von Anagrammen, die auf reale Autor*innen anspielen (um nur ein Beispiel zu nennen: "Ojahnn Golgo van Fontheweg" alias - na, wer erkennt's? :D). Eigenschaften dieser realen Vorbilder werden außerdem teilweise parodiert. Erzählt wird die Handlung aus der Ich-Perspektive Hildegunsts, der sympathischer gezeichnet ist als in "Ensel und Krete". Zum Handlungszeitpunkt von "Die Stadt der Träumenden Bücher" ist Hildegunst noch kein gefeierter Dichter, sondern steht gerade erst am Anfang seiner Karriere. Der Roman nimmt daher - besonders im letzten Teil - Züge eines Künstlerromans an: Wir begleiten Hildegunst auf seiner Dichter-Werdung, wobei auch, wie man es von Moers kennt, unkonventionelle Wege gegangen werden. Insgesamt ist "Die Stadt der Träumenden Bücher" eine Liebeserklärung an die Literatur, die durch dezente Schauerakzente und den Moersschen Wortwitz überzeugt.

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