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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 23.02.2022

Höchst detailreicher Krimi

Vertrauen
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Dies ist das vierte Buch, in dem Inspektor Avi Avraham ermittelt. Von Dror Mishani hatte ich bislang nur „Drei“ gelesen und wusste nicht, dass es sich um eine Krimireihe handelt. Das ist ein klein wenig ...

Dies ist das vierte Buch, in dem Inspektor Avi Avraham ermittelt. Von Dror Mishani hatte ich bislang nur „Drei“ gelesen und wusste nicht, dass es sich um eine Krimireihe handelt. Das ist ein klein wenig desillusionierend, aber nicht der Fehler dieses Buches per se. Dieses Buch ist ein waschechter Krimi, das sollte man wissen.

Avi Avraham bekommt an einem Tag direkt zwei neue Fälle auf den Tisch. Ein Baby wird vor einem Krankenhaus in einer Tasche gefunden und ist mehr tot als lebendig. Und ein Hotel vermisst einen Hotelgast. Geht es mit rechten Dingen zu, wenn jemand morgens sein Hotel verlässt und nachmittags „Verwandte“ seine Rechnung begleichen und das Gepäck abholen?

Die Qualität dieses Krimis liegt in der Personenzeichnung. Hier ermittelt jemand mit Herz und einem Gewissen, der sogar eine glückliche Ehe führt. Auch sein Team ist engagiert und bemüht, die Menschen zu sehen, mit denen sie zu tun haben, nicht nur den Fall.

Es fängt harmlos an und steigert sich nach und nach zu einem verzwickten Knäuel von Beziehungen und Zusammenhängen. Man folgt mehreren falschen Fährten, erlebt Überraschungen und bekommt auch eine ordentliche Prise israelisches Lebensgefühl mit auf den Weg.

Allerdings macht dieses Buch auch alles, weswegen ich Krimis nicht leiden kann: Es wird ermittelt, verhört, befragt, Erkenntnisse resümiert und verglichen und das ausführlich und detailverliebt. Ein Wust an Namen und Befindlichkeiten ist zu verarbeiten, zahlreiche Schlenker zu verdauen. Es ist alles sehr spitzfindig, aber auch sehr anstrengend.

Bestimmt ist dieses Buch ein besonderer Leckerbissen für Krimifans, die es knifflig mögen. Für mich war es ein zäher Ausflug nach Israel, dem eine Prise Humor gut gestanden hätte.

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Veröffentlicht am 22.02.2022

Tolles Thema, mäßiges Buch

Das Mädchen mit dem Drachen
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Usha Vishwakarma ist in Indien eine berühmte Frau. Sie hat die „Rote Brigade“ gegründet, eine Frauenkampftruppe, um indischen Mädchen zu zeigen, wie sie sich gegen Männer wehren können. Allein die Tatsache, ...

Usha Vishwakarma ist in Indien eine berühmte Frau. Sie hat die „Rote Brigade“ gegründet, eine Frauenkampftruppe, um indischen Mädchen zu zeigen, wie sie sich gegen Männer wehren können. Allein die Tatsache, dass so eine Truppe bitter nötig ist, ist eigentlich schon ein Buch wert.

Hier bekommt man einen kleinen Einblick in dieses Thema. Léna, eine Lehrerin aus Frankreich, macht eine Reise nach Indien und wird mit einigen Ungerechtigkeiten konfrontiert. Je mehr sie vom Leben indischer Mädchen mitbekommt, desto mehr möchte sie helfen. Sie lernt Preeti kennen, die ganz nach Ushas Vorbild eine Mädchenkampftruppe anführt. Zusammen versuchen sie, eine Schule für die Kinder der untersten Kasten ins Leben zu rufen.

So weit ist das genau ein Buch nach meinem Geschmack. Leider wird hier dieses hoch spannende Thema mit viel Pathos und dramatischen Schlenkern zur Schmonzette aufgeplustert. Schon der Grund, warum Léna nach Indien reist, ist eine absolut unnötige Tragödie, die ein paar bemühte Geheimnisse liefert, aber ansonsten nur vom Thema ablenkt. Das stellt sogar Léna selbst in ein fragwürdiges Licht. Ist sie nur so aufopferungsvoll hilfsbereit, weil sie Ablenkung von ihren eigenen Problemen braucht?

Generell lässt die Personenzeichnung zu wünschen übrig. Wir haben hier einiges an spannendem Personal, das kein rechtes Gesicht bekommt. Die Figuren sind leblos, die Dialoge hölzern, der Erzählstil meist referierend mit gelegentlichen blumigen Schlenkern.

Die Qualität dieses Buches ist, dass es die Situation sehr plausibel schildert. Man bekommt Beispiele, die zeigen, mit was ein indisches Mädchen alles zu kämpfen hat und man bekommt sogar Gründe dafür aufgezeigt. Es hätte ein anrührendes Buch sein können, wäre Léna nicht so eine Superheldin, die sich selbstlos jeder Gefahr stellt, damit andere ein besseres Leben haben können.

Das Hörbuch dauert nur 4 Stunden, 46 Minuten, obwohl es ungekürzt ist. Es wird von Cathlen Gawlich gelesen, die einen guten Job macht, es aber auch nicht schafft, der dürftigen Vorlage Leben einzuhauchen.
Fazit: Tolles Thema, mäßiges Buch.

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Veröffentlicht am 19.02.2022

Großes Kino

Der Held vom Bahnhof Friedrichstraße
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Dieses Buch ist ein großer Spaß.

Zum 30. Jahrestag des Mauerfalls will man Spektakuläres bieten. Ein Held muss her, am besten ein unbekannter. War da nicht was mit einer Massenflucht? Michael Hartung ...

Dieses Buch ist ein großer Spaß.

Zum 30. Jahrestag des Mauerfalls will man Spektakuläres bieten. Ein Held muss her, am besten ein unbekannter. War da nicht was mit einer Massenflucht? Michael Hartung könnte dieser neue Held sein, findet ein Journalist. Natürlich hat Hartung damals das Stellwerk so beeinflusst, dass ein Zug unerlaubt in den Westen fuhr, aber es war ein Unfall. Der Presse ist das egal.

„Geschichte ist die Lüge, auf die man sich geeinigt hat“

Wunderbar humorvoll wird hier die Geschichte eines unfreiwilligen Helden erzählt, der unbeholfen aber sympathisch ist und in eine Situation gerät, die immer absurder wird. Dabei wir auch einiges an Ost-West-Problematik aufgearbeitet:

„Er fand es seltsam, dass diese ganzen laktoseintoleranten Rotzgören einschließlich ihrer nervigen Eltern die gute alte Vollmilch ja quasi zum Gift erklärt hatten. Wischnewski würde jede Wette eingehen, dass es Laktoseintoleranz in der DDR nicht gegeben hatte. Es hatte jede Menge andere Formen von Intoleranz gegeben, das schon, aber wegen eines Viertelliters Milch hatte sich doch im Osten niemand ins Hemd gemacht.“

Es wird philosophiert, analysiert und auch die ein oder andere Wahrheit ausgesprochen:

„Freiheit, hören Sie doch auf mit diesem Quatsch. Wer will denn wirklich frei sein? Warum arbeiten die Menschen ewig lange im selben Betrieb? Warum heiraten sie? Warum schaffen sie sich einen kleinen Garten an, in den sie dann jedes verdammte Wochenende fahren. Warum buchen sie ihr Ferienhaus an der Ostsee schon ein Jahr im Voraus? Weil sie frei sein wollen?“

Und obwohl man sich eingelebt und es sich in der Schublade mit niveauvollem Humor schön bequem gemacht hatte, mausert sich das Ganze sogar noch unerwartet zu einer anrührenden Geschichte, die ans Herz geht. Großes Kino!

Der Sprecher des Hörbuchs ist auch eine Entdeckung. Seine Stimme ist zunächst etwas gewöhnungsbedürftig, aber man gewöhnt sich erstaunlich schnell daran und dann passt sie ganz wunderbar zu Hartung, dem Helden vom Bahnhof Friedrichstraße.

Tolles Buch, tolles Hörbuch, dicke Empfehlung!

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Veröffentlicht am 16.02.2022

Zu viel gewollt

Die Feuer
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Ich war mir bei diesem Buch eigentlich sicher, etwas ganz Außergewöhnliches zu erwischen. (Vielleicht sollte man misstrauisch werden, wenn aus einer Leseprobe Stellen herausgekürzt werden.) Wie kann man ...

Ich war mir bei diesem Buch eigentlich sicher, etwas ganz Außergewöhnliches zu erwischen. (Vielleicht sollte man misstrauisch werden, wenn aus einer Leseprobe Stellen herausgekürzt werden.) Wie kann man nur eine so gute Idee so gründlich in den Sand setzen?
Um Melbourne herum brennt es mal wieder. Der Qualm zieht in die Stadt, während drei Frauen im Theater "Glückliche Tage" von Samuel Becket sehen. – Allein diese Situation ist originell, hat bittere Ironie und zynische Poesie und bietet unendlich viele Möglichkeiten, die eigentlich alle ungenutzt liegen bleiben.
Sie sind ganz unterschiedlich, älter oder jünger, hetero oder auch nicht, mit diversen Hautfarben und diversem Hintergrund, schon das Personal zeigt das Problem dieses Buches: Es will zu viel auf einmal.
Das Theaterstück ist absurdes Theater vom Feinsten, bietet Gedankenanstöße, Raum für Interpretationen und dient den drei Protagonistinnen als Anlass, die Gedanken schweifen zu lassen. Sie beobachten Details, sehen Parallelen zum eigenen Leben, erinnern sich. – Großartige Idee, wenn sie dabei nicht vom Hölzchen aufs Stöckchen kämen und ihre Lebensgeschichten gute Geschichten bieten würden. Auch in dieser Hinsicht will das Buch zu viel. Man bekommt hier drei Lebensgeschichten geboten, die an Dramatik nichts auslassen. Drei Leben reflektieren alles Elend dieser Welt so gründlich, dass man keine Protagonistin mehr wirklich sieht oder auch nur ernst nehmen kann und anfängt, sich zu langweilen, weil man es nicht schafft, alle drei Sätze lang über etwas anderes betroffen zu sein.
Das Feuer vor der Stadt hat dabei weitgehend symbolischen Charakter. Einzig die Platzanweiserin macht sich gelegentlich Sorgen, alle anderen juckt es nicht, just another Brandherd, wo doch die ganze Welt brennt, die Umwelt verschandelt wird und die Erde in den letzten Zügen liegt.
Meine anfängliche Begeisterung hat ziemlich schnell nachgelassen. Obwohl der Stil ganz spannend, gelegentlich sogar witzig ist, erstickt die gute Idee in unnötig dramatischen Details und langweilt bald. Ein grundsätzlich gut gemeinter Plot verkommt zu sorgsam geplantem Tiefgang und winkt mit der Große-Kunst-Keule. Bei so etwas fühle ich mich als Leserin plump manipuliert.
Die allgemeine Begeisterung für dieses Buch kann ich leider nicht teilen.

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Veröffentlicht am 14.02.2022

Von Schein und Sein

Die Gezeiten gehören uns
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Über dieses Buch bin ich durch Zufall gestolpert und habe eine Autorin entdeckt, die ich mir merken werde.

Wir sind in Sea Cliff, der noblen Ecke von San Franzisco, irgendwann in den 80ern. Dort wird ...

Über dieses Buch bin ich durch Zufall gestolpert und habe eine Autorin entdeckt, die ich mir merken werde.

Wir sind in Sea Cliff, der noblen Ecke von San Franzisco, irgendwann in den 80ern. Dort wird der Grundstückswert nach der Aussicht bemessen, Meer, Golden Gate Bride oder beides. Und da gehen die Mädchen in Uniform zur Privatschule, auch die 13järige Eulabee und ihre neue Freundin.

Erst meint man, man liest eine simple Schulgeschichte über Teenager und ihre Befindlichkeiten, die angesagten Mädchen und Familien, ein Thema, das wohl schon in reichlich Fernsehserien verarbeitet worden ist. Der Erzählstil hebt es aber auf eine deutlich andere Ebene.

„Maria Fabiola ist eine Bemerkerin, aber auch eine Lacherin. Sie hat ein Lachen, das in ihrem Brustkorb anfängt und wie Flötentöne aus ihrem Mund kommt. Sie ist bekannt für ihr Lachen, weil es das ist, was die Leute ein ansteckendes Lachen nennen, aber ihres funktioniert anders. Ihr Lachen ist ein Lachen, das einen deswegen zum Mitlachen zwingt, weil man nicht will, dass sie alleine lacht.“

Ganz großes Kino!

Wer zählt wie viel und warum, wird hier messerscharf analysiert. Das Lesen ist ein großer Spaß, bis man dann unversehens in einem veritablen Psychodrama landet. Es geht um Schein und Sein, was passiert, wenn jemand an der schönen Fassade kratzt und die Fakten nicht zum Image passen? Eulabee gerät ins Abseits, als sie es wagt, Marie Fabiolas Behauptungen zu widersprechen.

Sie muss erleben, welch üble Auswirkungen Snobismus, Mobbing und Vorurteile haben können und auch wenn hier Schulkinder im Fokus stehen, ist es auch ein Blick auf die amerikanische Gesellschaft generell.

Natürlich ist das Thema dieses Buches nicht neu, aber es ist noch immer aktuell, weshalb es wohl auch noch immer nötig ist, darauf hinzuweisen. Hier wird es höchst unterhaltsam und anrührend präsentiert, ein tolles Buch, das ich gerne empfehle.

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