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Veröffentlicht am 20.01.2026

Buch mit Sogwirkung und viel Inhalt

Real Americans
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Die Rezension zu diesem Buch habe ich ein bisschen vor mir hergeschoben. Es ist ein fesselndes Buch mit Sogwirkung, aber das Geschehen lässt sich schwer auf den Punkt bringen. Vielleicht hat es mehrere ...

Die Rezension zu diesem Buch habe ich ein bisschen vor mir hergeschoben. Es ist ein fesselndes Buch mit Sogwirkung, aber das Geschehen lässt sich schwer auf den Punkt bringen. Vielleicht hat es mehrere Punkte, vielleicht fehlt mir das Etikett?

Es erzählt die Geschichte einer chinesischen Familie, nur nicht chronologisch. Es beginnt mit der märchenhaften Liebesgeschichte von Lily Chen und Matthew Maier 1999, die ein durch und durch ungleiches Paar sind. Matthew ist Sohn einer reichen Familie, die ein Pharmaunternehmen betreibt und Lily ist Tochter chinesischer Einwanderer, die nie auf Rosen gebettet waren. Wir bekommen ein bisschen Cinderella in China Town, armes Mädchen trifft Traumprinz, der die Familiendynastie weiterführen soll, aber lieber ein echtes Leben ohne Privilegien und Milliarden hätte. Nur ist Cinderella auch noch Chinesin. Also, was will er, der Prinz? Eine exotische Freundin, um seinen Vater zu ärgern oder ist da wirklich mehr?

Dann erzählt Lilys Sohn Nick aus seinem Leben. Er hatte eine sehr behütete Kindheit, lebte allein mit seiner Mutter auf einer abgelegenen Insel, wer sein Vater ist, wusste er lange nicht. Und als Erwachsener trifft er tatsächlich zum ersten Mal seine Großmutter und erfährt deren Geschichte. May Chen hat die Kulturrevolution in China durchlebt, ist geflohen und wurde später Wissenschaftlerin bei einem großen Pharmaunternehmen. Da schließt sich dann der Kreis, ein Kreis, der Schicksale verknüpft und voller Rätsel ist.

Am Ende habe ich das Gefühl, ich weiß deutlich mehr aber längst nicht alles. Ich habe eine ungewöhnliche Familiengeschichte gelesen, mehrere Liebesgeschichten, ich habe die chinesische Kulturrevolution plastisch miterlebt und ich habe erfahren, wie man sich als Chinese in Amerika fühlt. Ich denke über Wurzeln nach und was einen prägt, Familienbande, Vererbung, Tradition, kann man daran etwas ändern oder ist das Bestimmung? Und wie gut fährt man damit, Wurzeln radikal zu kappen?

„Real Americans“ ist ein fesselndes Buch mit sehr viel Inhalt. Mir fehlt ein kleiner Kick Irgendwas, um ganz begeistert zu sein, aber selbst darauf kann ich nicht den Finger legen. Das Buch bekommt von mir 4,5 Sterne, die ich gerne aufrunde.

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Veröffentlicht am 07.01.2026

Gut gemeint

Mathilde und Marie
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Das Beste an diesem Buch ist das Vorwort, in dem der Autor sympathisch und plausibel erklärt, warum die Welt in Zeiten wie diesen mehr Wohlfühlbücher braucht und dass er einen Beitrag dazu leisten will.

Höchst ...

Das Beste an diesem Buch ist das Vorwort, in dem der Autor sympathisch und plausibel erklärt, warum die Welt in Zeiten wie diesen mehr Wohlfühlbücher braucht und dass er einen Beitrag dazu leisten will.

Höchst motiviert beginnt man dieses Wohlfühlbuch, landet im Bücherdorf Redu, dem Traum aller Buchliebhaber und findet das Szenario reichlich konstruiert. Ein Dorf mit 350 Einwohnern, 13 Buchläden, einer Bäckerei, einem Antiquitätengeschäft und einem Marmeladenladen ist wirklich schwer vorstellbar. Dazu sind alle Bewohner ganz reizend (außer Mathilde), lehnen Handys ab, haben einen Gemeinschaftsfernseher im Dorf und eine Stunde täglich Internet.

Im Nachwort erzählt uns der Autor dann, dass es dieses Dorf tatsächlich genau so gibt und dass er nur die Geschichte erfunden hat. Hätte ich das im Vorwort erfahren, wäre ich vielleicht ein klein wenig gnädiger mit diesem Buch gewesen, das wirkt wie eine verstiegene Buchhändlerfantasie.

Die Geschichte selbst ist eigentlich kaum vorhanden und das kann man dem Autor dann tatsächlich ankreiden. Hier passiert so gut wie nichts, außer dass Menschen im beschaulichen Redu zu sich selbst finden. In jedem kleinen Lädchenbuch rettet man mindestens ein Kätzchen vom Baum, stellt einen Ladendieb und findet die Liebe seines Lebens. Hier führt man freundliche Gespräche, genießt die Natur und tausenderlei Aromen, ist still rücksichtsvoll und voller Verständnis für einfach alles. Das genießt auch Anneliese, die Dorfhündin, die allen gemeinsam gehört.

Der Erzählstil passt eigentlich mehr zum Verfassen von Sprüchen fürs Poesiealbum als für einen Roman. Die Dorfbewohner reden sanft miteinander, „Liebe Marie,…“ „Natürlich, lieber Thomas…“ Und die liebe „Mathilde verspürt eine zart aufkeimende Vorfreude auf den kommenden Tag.“

Im Grunde klingt dieses Buch wie ein 300seitiges Achtsamkeitsseminar, (wobei das wahrscheinlich Achtsamkeitsseminare diskriminiert). Das höchst originelle Setting bleibt nahezu ungenutzt. Ich hätte gerne erfahren, wie es sich da wohl lebt, aber wir besuchen nur einen der vielen Buchläden, haben gesichtslose Kunden, gehen mit Anneliese spazieren und kochen Marmelade, wo doch eigentlich ständig Touristenrummel sein müsste, wenn so ein Ort überleben will.

Dieses Buch ist gut gemeint, eine hübsche Idee, die es nicht geschafft hat, lebendig zu werden und sich stattdessen sanft im Kitsch ergeht. Sehr schade.

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Veröffentlicht am 01.12.2025

Kiloschwere Kost

Botanik des Wahnsinns
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Wie lebt es sich, wenn die Familie über Generationen hinweg psychische Probleme hat? Leon Engler wartet im Grunde darauf, dass es ihn auch ereilt, versucht damit umzugehen und versucht zu verstehen, versucht ...

Wie lebt es sich, wenn die Familie über Generationen hinweg psychische Probleme hat? Leon Engler wartet im Grunde darauf, dass es ihn auch ereilt, versucht damit umzugehen und versucht zu verstehen, versucht auch immer wieder, seinen Eltern zu helfen, die in Endlosschleife den immer gleichen Problemen erliegen.

Kann man verstehen, was doch durch und durch verrückt ist? Ab wann ist jemand verrückt oder sollte man einfach die Grenzen verrücken? Wie geht man mit depressiven Menschen um, die sich nun mal nicht helfen lassen wollen? Und kann man dem entgehen, wenn man es doch in die Wiege gelegt bekommen hat?

Seine Überlegungen sind tiefgründig, poetisch, philosophisch und in wunderbarer Sprache dargeboten. Tiefe Melancholie, feiner Humor und auch eine gute Portion Fatalismus liegen zwischen den Zeilen. Es ist ein richtig gutes Buch und ich mochte es überhaupt nicht, habe es als bittere, frustrierende Lektüre empfunden. „Die Geschichte einer Versöhnung“ habe ich dort nur am Rande gefunden, der tröstliche Aspekt ist mir entgangen und als leichtfüßig empfand ich es auch nicht, eher als richtig kiloschwere Kost.

Johannes Nussbaum liest das Hörbuch ganz wunderbar, trifft genau diesen lakonischen Ton des Autors, sonnt sich geradezu im feinen Galgenhumor und gibt noch eine Schippe österreichischen Charme dazu.

Es ist ein wirklich gutes Buch, ein brillantes Hörbuch und ein verdammt harten Brocken, ich bin froh, dass ich es hinter mir habe.

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Veröffentlicht am 27.11.2025

Melodram voller Klischees und Ungereimtheiten

Das Buch der verlorenen Stunden
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Die Idee dieses Buches ist wirklich hübsch und neu. Man stelle sich vor, es gäbe einen „Zeitraum“, einen Raum, der außerhalb der Zeit existiert und in dem in unendlich vielen Bücherregalen die Erinnerungen ...

Die Idee dieses Buches ist wirklich hübsch und neu. Man stelle sich vor, es gäbe einen „Zeitraum“, einen Raum, der außerhalb der Zeit existiert und in dem in unendlich vielen Bücherregalen die Erinnerungen aller Menschen aufbewahrt werden.
Dort landet die kleine Lisavet. Ihr Vater wollte sie vor den Nazis in Sicherheit bringen, konnte sie aber nicht wieder abholen. Lisavet ist dort gefangen, wächst alleine auf, jenseits der Zeit und lernt, sich mit fremden Erinnerungen zu unterhalten. Als sie feststellen muss, dass immer wieder Männer in den Zeitraum vordringen und gezielt Erinnerungen vernichten, wird es ihre Mission, möglichst viele davon zu retten.
So weit fand ich das Buch ganz wundervoll, nur verlässt es diese zauberhafte Ebene dann doch und wandelt sich zu einer Art Spionagethriller, wo die CIA gegen russische Agenten kämpft und beide versuchen, den Wandel der Zeit zu ihren Gunsten zu verändern.
Daran hätte ich mich noch gewöhnen können, wenn auch der Logikfaden oft arg strapaziert wird. Gar nicht gefallen hat mir Lisavets Wandlung vom neugierigen Mädchen zum Vamp, der über Leichen geht. Es ist schön, dass sie eine wehrhafte Frau geworden ist, aber die Methode, zuzuschlagen statt zu reden finde ich fragwürdig. Auch dass immer wieder jemand lügt, betrügt oder sogar mordet, nur um andere zu schützen ist ein unschönes Motiv, das hier überstrapaziert wird und noch dazu wenig nachvollziehbar ist.
Der Erzählstil ist blumig bis pathetisch und spart nicht mit Floskeln. Ständig verkrampfen sich Mägen, werden Lippen gebissen, Stirnen gerunzelt, ein- oder ausgeatmet und Augen zusammengepresst.
Dieses Buch hat durchaus einigen Unterhaltungswert, aber die schöne Grundidee geht unter in einem Melodram voller Klischees und Ungereimtheiten. Sehr schade.

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Veröffentlicht am 27.11.2025

Unterhaltsam informativ und sehr berührend

Katzen und Kapitalismus
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Man stelle sich vor, man mietet ein lauschiges, abgelegenes Haus, zieht ein und stellt fest, drumherum leben 30 verwilderte Katzen. Das ist sicher nicht jedermanns Sache, aber ich fände es traumhaft. Genau ...

Man stelle sich vor, man mietet ein lauschiges, abgelegenes Haus, zieht ein und stellt fest, drumherum leben 30 verwilderte Katzen. Das ist sicher nicht jedermanns Sache, aber ich fände es traumhaft. Genau wie Courtney Gustafson, der das passiert ist und die mit diesem Buch davon erzählt.

Courtney ist fasziniert und fängt an, sich um diese Katzen zu kümmern, sie zu füttern, zu päppeln und zum Tierarzt zu bringen. Sie erstellt einen Instagram Account, auf dem sie darüber berichtet und erhält sogar Spenden und Unterstützung von Fans. Sehr bald schon haben diese Katzen Courtneys Leben komplett verändert.

Courtney Gustafson erzählt von so manchem Katzenschicksal, aber auch, wie sehr es sie selbst berührt. Katzen zu helfen wird für sie Mission und Therapie gleichermaßen. Bald schon ist sie eine Tierrettungsexpertin und hilft anderen, die auch helfen möchten. Und dann verdient sie tatsächlich auch noch Geld damit, sie kann es selbst kaum glauben, aber sie hat durch einen Zufall ihren Traumjob gefunden.

Dieses Buch ist der Bericht einer ganz besonderen Frau, pure Katzenliebe und auch ein wenig ein modernes Märchen. Es liest sich leicht, mit einer kleinen Prise amerikanischem Pathos, ist unterhaltsam informativ und sehr berührend.

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