Profilbild von sursulapitschi

sursulapitschi

Lesejury Star
online

sursulapitschi ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit sursulapitschi über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 23.02.2025

Fesselt, berührt und beeindruckt

Und damit fing es an
0

Dieses Buch erzählt sehr anrührend eine eher traurige Geschichte. Melancholie durchzieht das Geschehen. Es nimmt einen mit.

Wir sind in der Schweiz im beschaulichen Matzlingen, wo Gustav und Anton sich ...

Dieses Buch erzählt sehr anrührend eine eher traurige Geschichte. Melancholie durchzieht das Geschehen. Es nimmt einen mit.

Wir sind in der Schweiz im beschaulichen Matzlingen, wo Gustav und Anton sich 1947 kennen lernen. Gustav Perle und Anton Zwiebel, der eine ein Sohn einer allein erziehenden Mutter, die ihn eher als eine Last empfindet und sich in ihren Vorurteilen festgebissen hat, der andere wohl behütet und jüdisch, ein Wunderkind am Klavier, den seine Eltern nach Kräften fördern. Gustav und Anton sind fünf Jahre alt, als ihre lebenslange Freundschaft beginnt.

Gustav hat es nicht leicht. Sie haben wenig Geld, seine Mutter ist verbittert, dabei möchte er nur geliebt werden. In Rückblenden erfährt man, warum Emilie so wurde wie sie ist, wie der zweite Weltkrieg in der neutralen Schweiz erlebt wurde und wie Gustavs Vater jung starb, obwohl er an keiner Front kämpfen musste. Die Geschichte ist tragisch und vertrackt.

Sehr einfühlsam wird hier eine traurige Familiengeschichte erzählt. Hier hat jeder sein Päckchen zu tragen, macht Fehler, sucht nach Liebe und Glück, liebt den falschen Menschen, träumt den falschen Traum, hat die falschen Ziele. Daneben bekommt man ein wenig zu spüren, wie Vorurteile und Judenhass selbst in der neutralen Schweiz Auswirkungen hatten, sogar noch nach dem Ende des Krieges, und zuerst dachte ich, das wäre das eigentliche Ansinnen dieses Buches. Aber das Thema bleibt dann leider liegen. Hier geht es wohl vorrangig um die Suche nach dem Glück, um Selbstfindung auf steinigen Wegen und wie unsere Vergangenheit uns formt.

Dieses Buch liest sich leicht und ist doch auf eine ganz eigene Art poetisch. Es fesselt, berührt und beeindruckt. Das Ende hätte ich mir ein wenig anders gewünscht, aber so ist das halt im Leben…

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 23.02.2025

Ein außergewöhnliches Leseerlebnis

Die Eismalerin
0

Dieses Buch ist sehr besonders. Wir sind in Island 1915 und es ist kalt, windig, ursprünglich, ein Land, wo man an Fjorden lebt mit Blick auf Gletscher, wo man entweder Fische fängt oder verarbeitet, Seehundspeck ...

Dieses Buch ist sehr besonders. Wir sind in Island 1915 und es ist kalt, windig, ursprünglich, ein Land, wo man an Fjorden lebt mit Blick auf Gletscher, wo man entweder Fische fängt oder verarbeitet, Seehundspeck eine Delikatesse ist, Elfen und Trolle in den Wäldern hausen und die Menschen sehr ungewöhnliche Namen haben.

Hier wächst Karitas auf, die eine besondere Begabung zum Malen hat, was einerseits erstaunlich, interessant und ungewöhnlich ist, andererseits in dieser naturverbundenen, von Arbeit beherrschten Welt keinen praktischen Nutzen hat und deswegen von den meisten Menschen eher belächelt wird. Auch wenn inzwischen Frauen ab 40 wählen dürfen, Automobile und Telefone in den Städten Einzug halten, hat das für die Frauen der Westfjorde nur wenig Bedeutung. Man muss arbeiten, um zu überleben, Männer fangen Fisch, Frauen verarbeiten ihn, so ist das seit Jahrhunderten und es hat sich bewährt. Kunst ist was für Reiche.

Mit diesem Zwiespalt muss Karitas leben. Die Kunst ruft sie, aber sie kann sie sich eigentlich nicht leisten. Über 20 Jahre hinweg begleitet der Leser ihr Leben und das ist kein Zuckerschlecken, obwohl es auch schöne Momente gibt.

Mit diesem Buch macht man eine Reise. Es lässt einen ganz tief eintauchen in das Island vor 100 Jahren, erzählt vom aufregenden Leben einfacher Leute und schafft ganz viel Atmosphäre. Man riecht das Meer und den Fisch, fühlt die Erhabenheit der Gletscher, bisweilen glaubt man fast an Elfen. Es erzählt von unterschiedlichsten Frauenschicksalen, von Dorfgemeinschaft, Hilfsbereitschaft und von Fortschritt, den man sich erkämpfen muss auf dem Land.
Ein außergewöhnliches Leseerlebnis.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 23.02.2025

Ein Gesamtkunstwerk

Memory Wall
0

Ich war ein wenig unsicher, was mich mit diesem Buch erwartet, aber ich habe mich darauf verlassen, dass Anthony Doerr weiß, was er tut und bin nicht enttäuscht worden.

Eigentlich hat man es hier mit ...

Ich war ein wenig unsicher, was mich mit diesem Buch erwartet, aber ich habe mich darauf verlassen, dass Anthony Doerr weiß, was er tut und bin nicht enttäuscht worden.

Eigentlich hat man es hier mit einer Art Utopie zu tun. Irgendwie ist es möglich, Erinnerungen aus dem Gehirn zu extrahieren und auf Cassetten zu speichern. Und wenn man Geld genug hat, um sich spezielle Ports implantieren zu lassen, kann man diese Erinnerungen ansehen, als ganz besonderes Fernsehprogramm sozusagen.

Diesen Service nutzt die 74jährige Alma Konachek, die in einer Villa in Kapstadt lebt und dement ist. Sie vergisst alles sofort wieder, kaum dass es passiert ist, deshalb schwelgt sie gerne in ihren konservierten Erinnerungen, die sie, liebevoll mit Fotos und Notizen versehen, an einer Wand aufgehängt hat. Betreut wird sie schon seit Jahren von Pheko, der in den Townships lebt und einen kleinen Sohn hat. Auch über Phekos Leben erfährt man einiges. Südafrika ist ein Land der Gegensätze.
Nachts durchsucht ein dreister Einbrecher regelmäßig ihr Haus, ohne Angst vor Entdeckung.

In wunderbar atmosphärischer Sprache wird hier eine Geschichte erzählt, die anfängt wie ein Rührstück zum Thema Demenz, Erinnerungen, Älterwerden, es aber schafft, dabei kein bisschen rührselig zu sein. Trauer spricht aus den Zeilen, auch etwas Fatalismus, aber gleichzeitig gibt diese merkwürdige Technik zur Erinnerungskonservierung Rätsel auf und dem Ganzen eine futuristisch seltsame Note.

Dann wandelt sich das Geschehen und mausert sich fast zu einer Art Wissenschaftsthriller, ungewöhnlich, bedrohlich und spannend, auch wenn die tieftraurige Grundstimmung erhalten bleibt. Hier und da blitzt zynisch Humor auf, wechselt sich ab mit grandiosen Bildern und macht diese kleine Geschichte zu einem sehr besonderen Gesamtkunstwerk.
Großartig!

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 23.02.2025

Traurig schön, mit leisem Humor

Bevor die Welt erwacht
0

„Bevor die Welt erwacht“ ist ein grauenhaft nichtssagender Titel für ein wirklich berührendes Buch. Im Original heißt es „The One-in-a-Million Boy“ und das ist ungleich passender.

Um ihn geht es hier, ...

„Bevor die Welt erwacht“ ist ein grauenhaft nichtssagender Titel für ein wirklich berührendes Buch. Im Original heißt es „The One-in-a-Million Boy“ und das ist ungleich passender.

Um ihn geht es hier, den Jungen, der erst 11 Jahre alt war, als er starb. Er war besonders, beobachtete genau, katalogisierte gerne Dinge, stellte Fragen, die sonst keiner stellte und befremdete damit viele. Auch Quinn, sein Vater, konnte keinen Draht zu ihm finden und bereut das bitter. Quinn hat es sich zur Aufgabe gemacht, den Pfadfinderjob seines Sohnes zu Ende zu bringen. Noch sieben Samstage will er Ona Vitkus besuchen, die 104 Jahre alt ist und Hilfe braucht. Ona ist auch sehr speziell, aber zwischen ihr und dem Jungen hatte sich eine ganz ungewöhnliche Freundschaft entwickelt. Sie verstanden einander. Durch Ona lernt Quinn seinen Sohn endlich kennen. Zu spät.

Eigentlich klingt das wie ein Strickmuster für ein Buch, das mutwillig die Tränendrüse bedienen will. Ich war ein wenig skeptisch, wurde aber sehr schnell gefangen genommen von dieser Geschichte und dem brillanten Erzählstil, der plastisch ist, voller sprechender Bilder, der aber ohne große Wortakrobatik auskommt und zutiefst beeindruckt .
„Sie betrachtete ihn gereizt, ihr Gesicht ein verschrumpelter Apfel, dem alle Farbe fehlte, bis auf die kleinen beunruhigenden Augen, die wie Kerne leuchteten.“

Immer wieder wird die Handlung unterbrochen durch Tonbandaufzeichnungen, in denen „der Junge“ Ona für ein Schulprojekt über ihr Leben befragt hat. So liefert Ona einen köstlich komischen Monolog, während man staunend ihre spannende Geschichte erfährt. Sie hat viel erlebt.
Nach und nach erfährt man mehr über diese Menschen, die vor Trauer betäubt sind, dann aber doch ins Leben zurückfinden, sich neu orientieren und Trost finden in einigen Ideen, die dieser wunderbare Junge hatte. Und auch wenn hier Trauer aus jeder Zeile spricht, amüsiert man sich beim Lesen, obwohl es eigentlich um tiefste Verzweiflung geht. Ich musste immer wieder Lesepausen einlegen, manchmal hält man es kaum aus. Dabei passiert gar nichts Schreckliches, hier steckt das Drama dezent zwischen den Zeilen und trifft dadurch umso mehr.

Dieses Buch ist sehr vielschichtig. Neben einer tragischen Familiengeschichte berührt es auch das Thema Freundschaft, zeigt was es heißt, alt zu sein, macht Mut über den Tellerrand zu schauen und vielleicht mal andere Wege zu beschreiten.
Mich hat es sehr beeindruckt. Es ist traurig schön, mit leisem Humor.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 23.02.2025

Furios, spannend, humorvoll und wunderbar erzählt

Der Turm der Welt
0

„Zündung in 59 Stunden, 51 Minuten“, so fängt es an. Der Countdown läuft. Was dann passiert, weiß man nicht genau, aber eins steht fest: Über der sagenhaften Weltausstellung in Paris 1889 liegt ein bedrohlicher ...

„Zündung in 59 Stunden, 51 Minuten“, so fängt es an. Der Countdown läuft. Was dann passiert, weiß man nicht genau, aber eins steht fest: Über der sagenhaften Weltausstellung in Paris 1889 liegt ein bedrohlicher Schatten. Zwei Agenten des Deuxième Bureau wurden brutal ermordet aufgefunden, während die Berneau´sche Uhr in der Galerie des Machines fünf vor Zwölf anzeigt. In 59 Stunden und 51 Minuten endet die Exposition Universelle.

Und wenn man auch auf den ersten Seiten des Buches meint, einen historischen Thriller der finsteren Sorte zu lesen, findet man sich schon bald auf dem Landsitz der Vicomtesse de Rocquefort, die Tee schlürft, Intrigen spinnt und das Töchterlein verschachert. In London ist ein tapferer Polizist dem Ripper auf den Fersen, in Paris bemüht sich ein talentierter Fotograf um die Gunst einer berühmten Kurtisane und am Montmartre holt man eine Legende aus dem Absinthrausch.

Man ist verwirrt, fasziniert und hat fast das Gefühl, drei-vier Bücher gleichzeitig zu lesen. In kurzen Kapiteln wechseln hier Handlungsstränge quer durch die gesellschaftlichen Schichten, wobei jede Figur liebevoll eingeführt wird und ganz eigene Sorgen hat. Ob es um das Zimmermädchen Charlotte oder Eddy, den englischen Vize-Thronfolger geht, jeder trägt hier ein Stückchen bei und man verfolgt sein Schicksal gebannt. Und obwohl man sich zunächst kaum vorstellen kann, was diese Geschichten wohl miteinander zu tun haben könnten, sieht man nach und nach Verbindungslinien, von denen jede absolut unerwartet kommt.

Mit viel Humor und einem wunderbar eigenen Schreibstil legt Benjamin Monferat hier ein Werk vor, was man nicht einordnen kann. Er verknüpft kunstvoll Historie und Fiktion zu einem glaubhaften und atmosphärischen Setting. Man sieht sie vor sich, diese vielfältige pariser Gesellschaft, erlebt staunend das Ende der großen Ausstellung und zweifelt nicht an der Existenz des Königreichs Carpathien. Gleichzeitig schlittert man knapp am vorzeitigen ersten Weltkrieg vorbei. Engländer, Deutsche und Franzosen misstrauen sich zutiefst. Und dann ist da noch der Mordfall, der immer mysteriöser wird und zu einer globalen Katastrophe ausufern könnte. Unglaublich spannend.

Eigentlich hat er ein neues Genre erfunden, nur der Name fehlt noch. Historien-Thriller? Spionage-Landhaus-Agenten-Gesellschaftsroman mit Familiengeheimnis und Hochspannung? Egal, wie wir es nennen. Es ist ein großartiges Buch, das man lesen muss, furios, spannend, humorvoll und wunderbar erzählt.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere