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Veröffentlicht am 22.04.2025

Traurig schön

Beeren pflücken
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Dieses Buch ist traurig, aber auch irgendwie schön. Es geht um eine Mi'kmaq-Familie aus Nova Scotia, die als Wanderarbeiter leben. Das ist allein schon interessant, weil man von der indigenen Bevölkerung ...

Dieses Buch ist traurig, aber auch irgendwie schön. Es geht um eine Mi'kmaq-Familie aus Nova Scotia, die als Wanderarbeiter leben. Das ist allein schon interessant, weil man von der indigenen Bevölkerung Kanadas nicht oft etwas zu lesen bekommt.

Im Sommer 1962 waren sie in Maine beim Beerenpflücken, als plötzlich die kleine Ruthie fehlt. Ruthie war erst vier Jahre alt und verschwindet spurlos. Die örtlichen Behörden kümmert das Fehlen eines Mi'kmaq-Kindes nicht besonders, aber ihre Familie ist verzweifelt. Besonders ihr Bruder Joe fühlt sich verantwortlich. Hätte er nicht aufpassen müssen?

50 Jahre später ist Joe schwer krank und erzählt aus seinem Leben, das immer von seinen Schuldgefühlen überschattet war. Und parallel erfährt man von Norma, die streng behütet in Maine aufwächst. Die Fürsorge ihrer Mutter ist schon fast krankhaft.

Joes und Normas Geschichten wechseln sich ab und sind tatsächlich gleichermaßen interessant. Sie erzählen vom Leben in den 60ern, von Familienzusammenhalt und Trauer, auch von Rassismus, Existenzängsten und Obsessionen. Die Atmosphäre ist schwermütig und intensiv. Es bildet sich eine tragische Familiengeschichte mit Thrillerelementen heraus, die traurig ist, auch ein bisschen gruselig, dabei aber trotzdem Warmherzigkeit vermittelt.

Die Sprache ist sehr schön, einfühlsam und bildhaft. In dieses Buch kann man sich fallen lassen, taucht ab in eine originelle Art kuscheligen Grusel. Es hat ein paar Längen, aber Ich mag es sehr.

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Veröffentlicht am 18.04.2025

Slapstickhaft bis absurd

Der Duft des Wals
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Für dieses Buch braucht man eine ganz spezielle Art von Humor. Ich fürchte, meiner ist es eher nicht.

Wir sind in einem Ferienparadies, das stinkt, weil ein Wal gestrandet ist. Dort wollten Judith und ...

Für dieses Buch braucht man eine ganz spezielle Art von Humor. Ich fürchte, meiner ist es eher nicht.

Wir sind in einem Ferienparadies, das stinkt, weil ein Wal gestrandet ist. Dort wollten Judith und Hugo eigentlich ihre Ehe retten, aber die stinkt ihnen auch. Töchterlein Ada stinken ihre Eltern. Alle zusammen stellen fest, dass ein Urlaub mit Nasenklammer kein richtiger Urlaub ist, während Waldemar der Hotelboy, Parfüm versprüht und das Zimmermädchen anschmachtet.

Wenn man möchte kann man darin schon einen gewissen Tiefgang und Symbolik finden, wenn man aber nicht danach sucht, liest man eine seltsame Geschichte mit jeder Menge Slapstickelementen, die im Verlauf zunehmend absurd wird. Da ist eine Flugbegleiterin im religiösen Wahn, ein Zimmermädchen mit Narkolepsie, Sex im Bällebad, Drogenrausch in der Tanzbar, oder eine Eule, die von einer Drohne gemetzelt wurde. Den Urlaub wünscht sich niemand, das Buch auch nicht unbedingt.

Dabei ist der Stil grundsätzlich ganz schön. Das Geschehen wird aus unterschiedlichen Perspektiven erzählt, was einen schönen Rundumblick ergibt. Das könnte hübsch sein, wäre die Handlung die Spur interessanter.

Das Hörbuch lesen verschiedene Sprecherinnen, denen jeweils eine Figur zugeordnet ist. Auch das hat Charme, konnte mich aber trotzdem nicht sehr für dieses Buch einnehmen. Es dauert 5 Stunden und 4 Minuten.

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Veröffentlicht am 14.04.2025

Etwas schnörkellos

Halbe Leben
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Der Auftakt dieses Buches ist aufsehenerregend. Klara ist tot, abgestürzt bei einer Wanderung. Hat die slowakische Pflegerin, die bei ihnen im Haus lebt, sie umgebracht oder nicht? Das ist die Frage, die ...

Der Auftakt dieses Buches ist aufsehenerregend. Klara ist tot, abgestürzt bei einer Wanderung. Hat die slowakische Pflegerin, die bei ihnen im Haus lebt, sie umgebracht oder nicht? Das ist die Frage, die gleich zu Anfang des Buches im Raum steht.

Wie es zu dieser Situation kam, wird dann nüchtern und ausführlich geschildert. Klaras Mutter ist dement und braucht Hilfe. Klara und ihre Familie sind damit überfordert, weshalb Paulina und Radek angestellt werden, die sich abwechselnd um Irene kümmern.

Man blickt in das Familienleben hier und da. Paulina muss ihre eigene Familie in der Slowakei vernachlässigen, um sich um ignorante Österreicher zu kümmern, die nicht über ihren Tellerrand schauen. Das ist durchaus ein wichtiges Thema, nur fand ich die Aufbereitung in diesem Buch nicht besonders fesselnd. Die Figuren bleiben alle ihrem Klischee treu, das ganze Geschehen ist recht vorhersehbar, auch wenn es natürlich traurig ist.

Auch sprachlich ist dieses Buch eher schnörkellos. Man kann es gut lesen, aber es hat mich nicht tiefer beeindruckt, was ein bisschen schade ist. Aus dem Thema hätte man wirklich mehr machen können.

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Veröffentlicht am 10.04.2025

Möge die Frau im Mond dir den Weg weisen

Frau im Mond
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Dieses Buch ist ein Kunstwerk und eine Herausforderung. Grundsätzlich ist es sehr hübsch, erzählt locker eine Familiengeschichte, liebevoll und mit Humor, nur muss man sie ein bisschen suchen.

Im Prinzip ...

Dieses Buch ist ein Kunstwerk und eine Herausforderung. Grundsätzlich ist es sehr hübsch, erzählt locker eine Familiengeschichte, liebevoll und mit Humor, nur muss man sie ein bisschen suchen.

Im Prinzip begibt sich eine junge Frau auf die Suche nach ihren Wurzeln. Lilith macht Dokumentarfilme, Recherche ist ihr Metier, und als ihr dementer Großvater plötzlich ins Plaudern kommt merkt sie auf. Ihre Familie lebt schon lange in Kanada, aber ihre Großeltern kommen aus dem Libanon. Anush, ihre Großmutter, ist als Kind von Armenien in den Libanon geflohen. Welche Geschichte steckt dahinter?

Es geht hier ziemlich wild durch die Zeiten. Großvater Maroun erinnert sich, wie man sich halt erinnert, hier ein Stückchen und da ein bisschen und wie war das nochmal? Auch Liliths Gedanken schweifen ab. Es springen ständig die Perspektiven, die Zeiten und die Handlungsorte. Es ist verwirrend, aber irgendwie auch nett, bis es dann gar nicht mehr nett ist. Der Genozid, der 1915 an den Armeniern verübt wurde, war grausig und ein paar Sprenkel davon erleben wir mit.

Zwischendurch bekommt man noch einen Schnupperkurs in Raketenwissenschaft. Fritz Langs Film „Frau im Mond“ hat Maroun als Kind im Kino gesehen, war quasi dabei, als der Countdown erfunden wurde und hat eine lebenslange Faszination für Raketen, den Weltraum und den Mond mitgenommen. Die Haigazian College Rocket Society in Beirut hat in den 30er Jahren wegweisende Erkenntnisse errungen, das ist nur nicht allgemein bekannt.

Ein Countdown durchzieht das ganze Buch. Die Kapitel zählen rückwärts, laut und deutlich. Bei Null haben wir eine Idee, wie alles zusammenhängen könnte und sind beeindruckt, wie vielfältig man eine Frau im Mond als Symbol benutzen kann. Wir sind außerdem ein klein wenig froh, es geschafft zu haben. Das war eine spannende Reise, aber anstrengend war sie auch.

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Veröffentlicht am 03.04.2025

Schelmenroman mit blassem Schelm

Was ich von ihr weiß
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Ich habe bislang alle Bücher von Jean-Baptiste Andrea gelesen und war immer tief beeindruckt. Und ich hätte nie erwartet, das mal zu sagen, aber sein neustes Buch hat mich tatsächlich gelangweilt. Der ...

Ich habe bislang alle Bücher von Jean-Baptiste Andrea gelesen und war immer tief beeindruckt. Und ich hätte nie erwartet, das mal zu sagen, aber sein neustes Buch hat mich tatsächlich gelangweilt. Der Erzählstil ist noch immer ganz wunderbar, aber die Geschichte hat mich rein gar nicht abgeholt.

Michelangelo Vitaliani liegt im Sterben, als er beginnt, uns seine Geschichte zu erzählen und das ist schon mal der erste Punkt, der mir nicht gefallen hat. Wir erfahren auf der ersten Seite, er endet uralt und sterbend im Kloster, die Geschichte muss frustrierend enden und ist lang.

Dann folgt ein klassischer Schelmenroman, wobei der Schelm erstaunlich blass bleibt. Mimo ist kleinwüchsig und hat ein geniales Talent zum Bildhauen, sehr viel mehr erfährt man nicht von ihm. Ab Seite 70 kommt mit seiner Freundin Viola ein bisschen Leben ins Geschehen. Viola Orsini möchte fliegen lernen und nicht das Leben führen, das für eine Tochter aus gutem Hause vorgesehen ist. 1917 lernen sie sich kennen, da sind sie Kinder, die sich nachts auf dem Friedhof treffen, weil ihr Standesunterschied sonst keine Freundschaft zulassen würde. Später, wenn Mimo berühmt ist, wird er fast Teil der Familie. Das ist eigentlich sensationell, aber Mimo erzählt es eher launig, sein Erfolg fliegt ihm zu.

Nebenher bekommt man ein Stückchen italienische Geschichte, den Aufstieg und Fall Mussolinis kann man beobachten und Mimo hat sogar eine kurze Phase als Widerstandskämpfer, die ich ihm nicht abgekauft habe.

Wahrscheinlich ist das das Problem. Mimo und ich sind keine Freunde geworden. Er ist eine schillernde Figur, die viel erlebt und merkwürdig distanziert bleibt. Das ist für mich das eigentliche Drama des Buches. Ich habe Großes erwartet und mich weitgehend gelangweilt, das kann auch die schöne Sprache nicht ausgleichen. Für den Prix Goncourt hat es gereicht.

Eine Bewertung fällt mir hier schwer. Eigentlich müsste ich dem Buch drei Sterne geben, aber der Erzählstil ist wirklich herausragend. Ich gebe ihm vier, der vierte ist ein Sympathiestern.

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