Im Exil in Istanbul
Ein Ort, der bleibtEin wunderbarer historischer Roman, der größtenteils in Istanbul spielt und in dem drei Frauen aus drei Generationen im Mittelpunkt stehen.
Magda Heilbronn hat selbst einen Doktortitel, endet dann aber ...
Ein wunderbarer historischer Roman, der größtenteils in Istanbul spielt und in dem drei Frauen aus drei Generationen im Mittelpunkt stehen.
Magda Heilbronn hat selbst einen Doktortitel, endet dann aber doch in der Rolle der Ehefrau und Mutter. Ihr Mann ist Professor der Botanik in Münster, und als er als Jude Berufsverbot erhält, hilft ein rettendes Angebot aus Istanbul, an der dortigen Universität zu lehren und einen Botanischen Garten anzulegen. Von nun an wird Magdas Leben um einiges spannender.
Dort treffen sie auf die junge Studentin Mehpare, die zur ersten Generation von Türkinnen gehört, die von Atatürks Reformen profitieren und studieren können. Sie ist sehr engagiert und ehrgeizig, hat überhaupt keine Lust auf die klassische Frauenrolle und wird Professor Heilbronns unverzichtbare Assistentin. Die dritte Frau ist Imke aus Münster, eine junge Stadtplanerin, die in der heutigen Zeit den Auftrag hat, ein Gutachten darüber zu erstellen, was aus dem mehr oder weniger brachliegenden und verwilderten Gartengelände und den dazugehörigen Gebäuden werden soll - abreißen und neu bebauen oder erhalten und restaurieren?
Auf unterschiedlichen Zeitebenen und aus verschiedenen Perspektiven geschildert, nehmen wir Anteil an den Geschicken dieser Personen. Es geht um die Nazizeit, die Schicksale der Emigranten aus Nazideutschland, das Fremdheitsgefühl aber auch die Bereicherung eines Lebens in einer fremden Kultur, die Aufbruchstimmung in der Türkei zu Zeiten von Atatürk, um Verrat, Tod, Trauer, Liebe und Freundschaft. Und um Bildung und Selbstfindung.
Sehr gut lesbar und anrührend geschrieben, ohne aber in Kitsch abzugleiten. Alle handelnden Personen, auch die Nebenfiguren, sind sehr gut charakterisiert und erwachen zum Leben. Wir erfahren viel über die deutsche Kolonie in Istanbul, zu der hauptsächlich Wissenschaftler gehörten, und über die Reformpolitik Atatürks. Der Autorin ist es hervorragend gelungen, Historie und Fiktion zu verbinden. Viele der Akteure hat es wirklich gegeben, genau wie auch Alfred Heilbronns Botanischen Garten. Die Liste im Anhang fand ich sehr hilfreich; dort sind alle real existierenden Personen mit ein paar Eckdaten ihres Lebens aufgelistet.
Der Roman hat mich von Anfang bis Ende gefesselt und ich habe die Lektüre sehr genossen: emotional ansprechend und mitreißend - und dann lernt man auch noch eine Menge!