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Veröffentlicht am 25.09.2020

Wahnsinnig schöner Roman über Identität

Die verschwindende Hälfte
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Stella und Desiree wachsen in einem kleinen Ort in Amerika auf, in dem Hellhäutigkeit Statussymbol ist. Der Roman dreht sich um zwei Mädchen, Zwillinge, die schwarz sind, aber 'white passing' sind, also ...


Stella und Desiree wachsen in einem kleinen Ort in Amerika auf, in dem Hellhäutigkeit Statussymbol ist. Der Roman dreht sich um zwei Mädchen, Zwillinge, die schwarz sind, aber 'white passing' sind, also als weiß gelten könnten. Die Zwillinge verlassen den Ort Mallard, als sie die Schule verlassen müssen um ihrer Mutter mit Arbeit zu unterstützen. Doch auch ihre Wege trennen sich und Stella lebt fortan als Weiße unter Weißen und bekommt ein blondes Kind mit blauen Augen, während Desiree mit einem tiefschwarzen Mann ein Kind bekommt, das ebenfalls tiefschwarz ist. Stella versucht ihre 'Blackness' zu verleugnen, was jedoch zunehmend schwierig wird. Desiree kehrt irgendwann in ihren Heimatort zurück und begibt sich auf die Suche nach ihrer Schwester.
Die verschwindende Hälfte behandelt Themen wie Rassismus, Identität und die Konstruktion von Realität auf wunderschöne und berührende Art und Weise. Sie ist bis in die Nebencharakter wunderbar besetzt und detailliert ausgestaltet. Die Geschichte entwickelt eine Dynamik, die einen nicht mehr loslässt und überrascht immer wieder mit unerwarteten, manchmal aber antizipierten Wendungen.
Alles in allem hat mich Die verschwindende Hälfte voll und ganz überzeugt. Die Geschichte hat mich nicht mehr losgelassen und die Charaktere waren echt, rund und überzeugend gestaltet. Die Sprache wirkte vertraut, klar und zeitlos. Mich hat der Roman berührt und mit seinen Charakteren und der Story überzeugt, deshalb von mir eine absolute Leseempfehlung!

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 20.06.2019

Klein, aber schön

Kunstgeschichte als Brotbelag
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In diesem handlichen Büchlein werden zwei Dinge zusammengebracht, die die Welt jeden Tag schöner machen: Kunst und Essen.

Verschiedenste Kunstwerke werden als Brotkunst umgesetzt und die Ergebnisse sind ...

In diesem handlichen Büchlein werden zwei Dinge zusammengebracht, die die Welt jeden Tag schöner machen: Kunst und Essen.

Verschiedenste Kunstwerke werden als Brotkunst umgesetzt und die Ergebnisse sind kleine kulinarische Kunstwerke, die manchmal Lust aufs Reinbeißen machen, wie zum Beispiel bei Monets „Seerosenteich“ und manchmal nicht, wie zum Beispiel bei der Interpretation von Günther Ueckers „Ohne Titel“ - Nägel auf Leinwand.

Die Druckqualität der Fotos ist gut, die Bilder an sich sind relativ klein, aber für den Preis angemessen. Mir gefällt, dass immer dabei steht, welche Zutaten auf dem Brot Platz gefunden haben.
Den Titel finde ich ein bisschen merkwürdig und zu umständlich, das Titelbild finde ich auch nicht optimal, es gibt in meinen Augen viel schönere Kunstbrote als „Das Mädchen mit dem Perlenohrring“.

Ich beurteile dieses Buch unabhängig von der Herausgeberin Marie Sophie Hingst, die sich mit äußerst fragwürdigen Mitteln bekannt gemacht hat.

Veröffentlicht am 26.01.2019

Frühling in den Tiroler Bergen

Fünf Tage im Mai
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Illy und ihr Urgroßvater, von ihr Tat'ka genannt, leben in einem kleinen Dorf in den Tiroler Alpen. Fünf Tage im Mai erzählt von Illys Erwachsenwerden im Dorf, das wie so oft nur eine schöne Fassade ist, ...

Illy und ihr Urgroßvater, von ihr Tat'ka genannt, leben in einem kleinen Dorf in den Tiroler Alpen. Fünf Tage im Mai erzählt von Illys Erwachsenwerden im Dorf, das wie so oft nur eine schöne Fassade ist, hinter der sich tragische Ereignisse verbergen.
Illy erzählt von fünf Tagen die wichtige Daten in ihrem Leben sind, sie beginnt bei ihrer Erstkommunion und endet als sie einige Jahre, nachdem sie von zu Hause weggezogen ist, wieder zu Besuch kommt und sich den schwierigen Ereignissen stellt, die sie fast fluchtartig weggetrieben hatten.

Die Autorin Elizabeth Hagen erzählt in wunderbar poetischer und leichtfüßiger Sprache die manchmal schwierige Geschichte. Sie vermittelt oft nur durch Andeutungen die Schwere der Auswirkungen vergangener Geschehnisse.
Sie kann mit ihrer bildhaften Sprache die Atmosphäre/Stimmung des Frühlings in den Bergen transportieren, bei denen das schönste sonnige Wetter unmittelbar umschlagen kann und dunkle Wolken ein drohendes Gewitter ankündigen.

Illy wirkt sehr authentisch und erzählt der Leserin ihre ganz eigene Geschichte, die geprägt ist von der ach so harmonischen Idylle des Landlebens, die in Wirklichkeit meistens ganz anders aussieht.

Ich war überrascht wie sehr das Buch mich am Ende mitgenommen hat, Illy und ihr Uropa sind mir im Lauf der Geschichte ans Herz gewachsen und die letzten Seiten waren sehr emotional!

Eine vielversprechende Autorin: Ich bin schon gespannt auf das nächste Buch und lasse deshalb ein bisschen Platz nach oben. Von mir 4 von 5 Sternen.

Veröffentlicht am 15.01.2019

Sprachlich wirklich keine Meisterleistung

wie Gewitter
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Es beginnt schon damit, dass die Vornamen der drei Hauptcharaktere mit A, B und C anfangen. Beim Lesen hatte ich das Gefühl, die Autorin hat eine Liste mit Namen nach dem Alphabet neben sich liegen und ...

Es beginnt schon damit, dass die Vornamen der drei Hauptcharaktere mit A, B und C anfangen. Beim Lesen hatte ich das Gefühl, die Autorin hat eine Liste mit Namen nach dem Alphabet neben sich liegen und immer wenn sie eine neue Figur brauchte, suchte sie sich einfach beliebig einen davon aus.

Anna, die Ich-Erzählerin, lernt Charlotte kennen und beginnt eine Affäre mit ihr. Beate, ihre Freundin, ist so mit ihrer Arbeit als Juristin beschäftigt, dass sie von dem Verhältnis überhaupt nichts mitbekommt. Stattdessen erklärt sie seitenlang die Hintergründe ihrer jeweiligen Scheidungsfälle und dass sie am liebsten mit Anna darüber reden würde, anstatt es einfach zu tun.
Die Leserin muss diesen Ausführungen den ganzen Roman hinweg folgen und ist fast froh, wenn Anna wieder von ihrer toxischen Beziehung zu Charlotte erzählt, von der sie, aus mir unerfindlichen Gründen, nicht loskommt. Dazwischen gibt es immer wieder Einblicke in Charlottes SM-Fantasien und offenbar verstörende Kindheit.

Sprachlich tobt sie sich dabei voll aus, es wird gerammt und gestoßen, ständig schwillt irgendwas an oder wächst jemandem entgegen. Das Gefühlsleben der Charaktere bleibt dabei weitgehend oberflächlich, die Geschichte liest sich eher wie ein erster Entwurf, der noch einiges an Arbeit bedarf. Ich lese eigentlich Romane um mich in die Charaktere hineinzuversetzen und mit ihnen zu fühlen, leider gelingt es diesem Buch zu keinem Zeitpunkt mich mit einer der Figuren zu identifizieren oder auch nur nachzuvollziehen, warum sie so handeln wie sie es tun.

Das Ganze gipfelt dann (nicht!) darin, dass Charlotte Anna mit einem Messer attackiert, Anna das aber einfach so hinnimmt, überhaupt nicht darauf reagiert, stattdessen Charlotte, die wiedermal in Tränen aufgelöst ist, ins Bett bringt und sich dann nach Hause schleicht und den Kontakt allmählich ausklingen lässt, als wäre es das normalste der Welt mit einem Messer attackiert, kontrolliert und hinterher spioniert zu werden.

Irgendjemand hat mal gesagt, dass drei Ausrufezeichen pro Buch erlaubt sind, da wurde hier offenbar etwas gründlich missverstanden, weil auf jeder zweiten Seite drei Ausrufezeichen benutzt werden. Das untermalt natürlich den theatralischen, melodramatischen Charakter des Buchs, also ist es vielleicht von der Autorin/Lektorin so gewollt, aber für mich als Leserin ist es einfach nicht besonders angenehm.

Zwei Sterne dafür, dass die Grundidee eigentlich interessant ist, nur an der Umsetzung hapert es gewaltig und bedarf noch einiger Überarbeitung.

Veröffentlicht am 15.01.2019

Rätselraten mit Jay

Fremdland
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Jay Schmitt muss den Mord an einer alten Frau im Seniorenheim aufklären - parallel dazu entwickelt sich eine Geschichte um Aissa und Mo Diallo, die mit ihrer Tochter aus dem Senegal nach Deutschland geflüchtet ...

Jay Schmitt muss den Mord an einer alten Frau im Seniorenheim aufklären - parallel dazu entwickelt sich eine Geschichte um Aissa und Mo Diallo, die mit ihrer Tochter aus dem Senegal nach Deutschland geflüchtet sind. Wie die beiden Geschichten zusammenhängen und warum alte deutsche Volkslieder eine Rolle spielen, wird in kurzen, spannenden Abschnitten erzählt.

Die ersten Kapitel sind etwas verwirrend, wenn man – wie ich – den Vorgängerband nicht gelesen hat und ich habe ein paar Seiten gebraucht, bis ich den richtigen Zugang zu Jay und der Story gefunden habe. Der Roman wird dann aber zunehmend spannender und vor allem in Aissas und Mos Geschichte entwickelt sich ein gutes Gefühl für die Figuren und die Geschichte beginnt runder zu werden.

Die Stärke dieses Kriminalromans liegt vor allem in den Dialogen, die lebensecht und authentisch wirken. Oftmals durch indirekte Rede wiedergegeben, gaben sie mir das Gefühl selbst mitermitteln und Jays Schlussfolgerungen unmittelbar folgen zu können.
Die Themen Polizeigewalt und rassistisches und rechtes Gedankengut innerhalb der Polizei werden überzeugend behandelt und entfalten ihre Wirkung auch durch die verschiedenen Perspektiven, aus denen die Geschichte erzählt wird. Viele falsche Fährten und kleinere Rätsel laden zum Mitraten ein und machen den Roman erst richtig lesenswert. Gut fand ich auch, dass bis zum Ende offen bleibt, ob es ein Täter oder eine Täterin ist!

Besonders haben mir die weiblichen Figuren gefallen: Aissatou, die zusammen mit ihrem Mann und ihrer Tochter nach Deutschland geflüchtet ist und Sonya, Jays Ex-Freundin, die jetzt mit einer Frau zusammenlebt, an der Jay aber immer noch hängt und die ihm dann bei den Ermittlungen hilft. Ich hätte nichts dagegen, wenn Sonya im nächsten Band übernimmt und Jay dann ihr bei den Ermittlungen hilft.

Anfangs war ich ein bisschen genervt, weil es ja schon mehr als genug Krimis gibt, die in/um/unter Berlin spielen, aber die Diversität der Figuren und die historischen Hintergründe rechtfertigen für mich Berlin als Austragungsort der Morde.

Ein spannender, wenn auch teilweise verwirrender Kriminalroman, der sich mit aktuellen und gesellschaftskritischen Themen auseinandersetzt und sich durch falsche Fährten und überraschende Momente auszeichnet!