Platzhalter für Profilbild

verhei

Lesejury Star
offline

verhei ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit verhei über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 21.06.2026

Licht und Schatten - und das Flirren eines Sommers

The Artist
0

In der Provence im Sommer 1920: Joseph Adelaide, Journalist bei einem kleinen Kunstmagazin, erhält die Chance seines Lebens. Edouard Tartuffe, legendärer Maler, lädt ihn zu sich auf den Bauernhof ein, ...

In der Provence im Sommer 1920: Joseph Adelaide, Journalist bei einem kleinen Kunstmagazin, erhält die Chance seines Lebens. Edouard Tartuffe, legendärer Maler, lädt ihn zu sich auf den Bauernhof ein, auf den er sich zurückgezogen hat, ein. Doch es sollte nicht einfach werden, ein Interview zu bekommen. Joseph wird vom Maler als Model engagiert und lebt fortan zusammen mit dem exzentrischen Künstler und seiner ruhigen Nichte Ettie. Ettie scheint ein Rätsel für sich zu sein, hält sie sich doch ruhig im Hintergrund und ist als Haushälterin und Assistentin wichtig für die Entstehung all der Kunstwerke. Schrittweise erlangt Joseph immer mehr Zutritt zur Gedankenwelt von Ettie.

Der Roman beginnt, indem man Joseph auf seiner Reise zur abgelegenen Künstlerunterkunft folgt und schon in den ersten Seiten merkt man eine gewisse Grundstimmung des Romans – lange heiße, ja eher brütende Tage des Sommers in der Provence, ein Gefühl, das für mich allgegenwertig war.

Die Erzählperspektive wechselt kapitelweise zwischen Joseph und Ettie und umfasst neben dem Alltagsleben und den Malsessions auch Gedanken und Rückblicke der jeweiligen Personen. Beide tragen ihr eigenes Päckchen und man erlebt als Leser so manchen herzzerreißenden Rückblick. Schrittweise setzen sich so die Biografien der Figuren zusammen, wie auch die Bewohner des Hauses sich immer mehr aneinander gewöhnen.

Der Roman transportiert gut das Gefühl des Sommers in der Provence und die Exzentrik der Künstler, da die Beschreibung einfach bildhaft, atmosphärisch und ausdrucksstark ist. Doch es geht nicht nur darum, wie der Leser bald merkt. Taucht man doch vor allem in Rückblicken in verstörende und herzzerreißende Szenen ein, die das Leben aller Beteiligten bis zur Erzählebene prägen. Es waren damals andere Zeiten, der erste Weltkrieg gerade erst vorbei und die Wahrnehmung speziell von Frauen eine andere. Und bald erkennt man die weitere Botschaft des Buches – es ist möglich sich aus der Dunkelheit zu befreien und ins Licht zu treten, egal wie unwahrscheinlich es einem erscheinen mag.

Ein Roman der auf Grund der Aufmachung gerne als Sommerroman für Kunstinteressierte gesehen werden kann, aber eben auch eine viel tiefere Botschaft vermittelt.

Veröffentlicht am 20.06.2026

moderner Cyberterrorismus - man vertraut auf KI

Code Null. Dieses Spiel kennt keine Regeln
0

Berlin, an einem Sonntag um 16:05 und für einen kurzen Moment fallen flächendeckend die Navigationssysteme aus. Der Hintergrund – Cyberterroristen aus der Gruppe Time Out haben Kontrolle über die Galileo-Satelliten ...

Berlin, an einem Sonntag um 16:05 und für einen kurzen Moment fallen flächendeckend die Navigationssysteme aus. Der Hintergrund – Cyberterroristen aus der Gruppe Time Out haben Kontrolle über die Galileo-Satelliten übernommen und erpressen die EU – natürlich mit möglichen drastischen Folgen. Der Angriff ist massiv, so dass er auf bisher klassischem Weg wohl nicht abgewehrt werden kann – man möchte die KI bemühen. Dafür engagiert man die junge Hackerin Charlie mit ihrer selbst programmierten KI KIM. Doch welche Risiken tun sich damit auf für Charlie selbst und durch ihre KI KIM.

Ein definitiv spannender und moderner Ansatz, den ich so noch nicht kannte. Verknüpft werden die neuen technischen Möglichkeiten durch KI mit Elementen eines Politthrillers. Definitiv spannend und neu, und wahrscheinlich nicht so futuristisch wie man als Laie vielleicht denkt.
Der Schreibstil des Autors ist leicht und man kommt flüssig durch das Buch. Man spürt die beklemmende Stimmung der Situation. Unterstützt werden der Lesefluss und die Spannung durch kurze Kapitel aus Sicht der Behörden und der Erpresser – man ist mitten im Strudel der Erpressung und der Jagd.

Die technischen Hintergründe erscheinen mir als Laien, so weit ich das beurteilen kann, als schlüssig und gut recherchiert. Das ergibt sich natürlich aus dem beruflichen Hintergrund des Autors. Trotz der vielen Begriffe war es für mich verständlich und mir wurde umso klarer wie sehr man sowohl Nutzen als auch Gefahren bzw. generell Einsatzmöglichkeiten der KI unterschätzt. Jedoch lassen sich kleine Längen im Text durch die technischen Erklärungen auf Kosten der Spannung nicht wegdiskutieren – in meinen Augen jedoch in einem vertretbaren Maß.

Besonders ins Herz geschlossen habe ich Charlie, die neurodivergente Hackerin, die sich in der eher Männer dominierten Techbranche gut durchsetzen kann. Mutig und dennoch ruhig schreckt sie nicht davor zurück, sich auch selbst in Gefahr zu bringen und ab und an die Regeln zu brechen, selbst wenn sie neu in ihrem Job bei der Spezialeinheit für Cybersecurity ist.
Gespannt bin ich wie es mit der Serie weiter geht, denn rein aus dem Titel darf man nur mit Charlie und KIM fix rechnen. Wie wird es mit den Charakteren drum herum weitergehen. Nachdem sich Charlie und der Ermittler Lukas Philips einem Ermittler der CSA5 nach anfänglichen Schwierigkeiten gut zusammenarbeiten, würde ich hoffen auch ihm wieder zu begegnen.

Alles in allem kann ich den Thriller definitiv empfehlen, speziell wenn man gerne etwas mit einem modernen technischen Ansatz lesen möchte und dabei bietet sich die KI derzeit einfach an.

Veröffentlicht am 15.06.2026

toskanischer Cozy-Crime mit einer ganzen Schar an Verdächtigen

Vino, Mord und Bella Italia! Folge 9: Der letzte Ausritt
0

Der Reiterhof von Fontenaia wird endlich von der Spanierin Carmen Casals neu übernommen. Die Pläne sind groß, doch das Vorhaben ist teuer und damit die Herausforderung groß. Eines Tages kommt das Pferd ...

Der Reiterhof von Fontenaia wird endlich von der Spanierin Carmen Casals neu übernommen. Die Pläne sind groß, doch das Vorhaben ist teuer und damit die Herausforderung groß. Eines Tages kommt das Pferd Maestro allein zum Stall zurück, seinen Besitzer Lorenzo Riverto findet man schließlich tot auf einem Reitweg im Wald. Doch es ist mehr als ein tragischer Unfall – der Geschäftsmann wurde ermordet. Die einzige Spur eine Schnur die gespannt wurde. Der Kreis der Verdächtigen ist groß, und Anna schlägt vor ihren Freund Malte als Undercover Ermittler auf den Hof einzuschleusen.

Ein Roman der sich perfekt in die Reihe Vino, Mord und Bella Italia einreiht. Für Kenner der Reihe sei gesagt, dass man bekannte Gesichter wieder trifft, und es fühlt sich auch wieder an wie nach Hause zu kommen, zu alten Bekannten. Doch auch so manche Charaktere, die man bisher eher aus Anekdoten kennt, lernt man näher kennen wie Annas besten Freund Malte und Tameos Onkel Cristiano.

Für Neulinge: Wie man durch das Cover ja schon vermuten kann, handelt es sich um eine Cozy-Crime Reihe die in einem fiktiven Ort in der Toskana spielt. Man begegnet einer illustren Schar an Dorfbewohnern und Polizeikollegen, die man rasch ins Herz schließt. Die Kriminalermittlungen, bei denen Polizeireporterin Anna gerne mitmischt, wechseln sich mit Anekdoten aus dem Privatleben der Charaktere ab. Zum Drüberstreuen gibt es dann noch atmosphärische Landschaftsbeschreibungen, kulinarische Köstlichkeiten und etwas Fernweh. Und keine Sorge, auch ein Einstieg bei diesem Band ist möglich.


Ich freue mich jetzt schon sehr auf den nächsten Band, um mehr vom illustren Ort Fontenaia zu erfahren und eine kleine Auszeit vom Alltag zu genießen.

Veröffentlicht am 14.06.2026

Ein typischer Marc Raabe

Im Morgengrauen (Art Mayer-Serie 4)
0

Spannung um den deutschen Kanzler Henrik Westphal. Eine junge Frau – KessyX und Mitarbeiterin in einem Burgerladen- veröffentlicht im Netz Videos, in denen sie von ihrer Affäre mit dem Bundeskanzler spricht. ...

Spannung um den deutschen Kanzler Henrik Westphal. Eine junge Frau – KessyX und Mitarbeiterin in einem Burgerladen- veröffentlicht im Netz Videos, in denen sie von ihrer Affäre mit dem Bundeskanzler spricht. Über mehrere Wochen erscheinen Videos zu dem Thema – KessyX immer unkenntlich nur durch ein Tattoo am Unterarm identifizierbar. Was steckt dahinter. Schließlich verschwindet der Bundeskanzler spurlos. Rasch beginnt die Suche nach ihm durch mehrere Dienststellen. Die Ermittler Art Mayer und Nele Tschaikowski werden zu einer entstellten Leiche tief im U-Bahn-Tunnel gerufen. Es stellt sich die Frage, ob es die junge Frau aus den Videos ist. Welche Rolle spielen andere Bekannte des Kanzlers und wie geht Art Mayer damit um, dass auch die Rolle Julis, der Frau des Kanzlers und seine Jugendliebe, fraglich ist.

Eines vorneweg, dies ist der vierte Band um den Ermittler Art Mayer und man trifft viele Personen aus den vorherigen Bänden wieder. Ich kannte die Vorgängerbände, wodurch der Einstieg leicht viel und der Hintergrund und Beziehungen so mancher Figuren leicht nachvollziehbar war.

Man folgt der Erzählung auf zwei Ebenen und aus verschiedenen Perspektiven. Einer regulären Zeitebene in der Gegenwart und wo man vor allem den Ermittlern folgt. Regelmäßig sind Rückblicke eingestreut, in der Kapitelüberschrift passenderweise mit einer Zeitangabe versehen, um die zeitliche Einordnung zu erleichtern. Man liest so quasi wie bei einem Countdown mit – der Beginn 42 Tage vor Tag Null. Scheibchenweise bekommt der Leser dabei die wahre Geschichte präsentiert.

Der Schreibstil ist typisch Marc Raabe – flüssig, modern, umgangssprachlich, mitreißend. Man kann der Geschichte leicht folgen und bekommt jede Szene sehr bildlich präsentiert, das Kopfkino läuft auf Hochtouren. Man bekommt eine Mischung aus Politik- und Spionagethriller präsentiert – in sehr modernem Setting und dennoch kommt die private Komponente um die Ermittler nicht zu kurz. Charaktere aus den vergangenen Bänden werden wieder präsentiert, offene Fragen geklärt. Für Ermittler Art Mayer ist vor allem die Geschichte mit Juli, der Frau des Kanzlers fordernd. Definitiv ein zu der Serie passender Band, den ich nicht missen möchte, klärt er doch so manches offenen Fragen aus den Vorgängerbänden auf.

Für Neulinge der Serie – die Bücher sind wirklich lesenswert, die Geschichte gut aufgebaut, Schilderungen erzeugen sofort ein entsprechendes Bild im Kopf. Jedoch würde ich zum besseren Verständnis raten, mit Band eins zu beginnen – es zahlt sich aus!

Veröffentlicht am 14.06.2026

Ermittlungen in der Grenzregion - mit Herausforderungen

Strandopfer
0

Am Strand an der polnischen Ostseeküste bei8 Swinemünde wird ein deutscher Tourist tot aufgefunden – das besondere in seinem Rachen steckt ein großer Bernstein. Ermittlerin Lena Schuldt aus Berlin wird ...

Am Strand an der polnischen Ostseeküste bei8 Swinemünde wird ein deutscher Tourist tot aufgefunden – das besondere in seinem Rachen steckt ein großer Bernstein. Ermittlerin Lena Schuldt aus Berlin wird nach Polen geschickt um dort gemeinsam mit ihrem polnischen Kollegen Adam Krawczyk zu ermitteln, auch da nicht gänzlich klar ist, ob es nicht auch politische Verstrickungen gibt – ist doch ein Mitreisender in einem Ministerium angestellt. Doch rasch bekommt der Fall noch größere Züge, ist doch die zehnjährige Luise verschwunden, seit sie vermutlich mit dem Toten zum Schwimmen aufbrach. Fieberhaft sucht die gesamte Region nach dem Kind und es taucht auch eine zweite Leiche auf, die ebenfalls einen Bernstein im Mund trägt.

Dieser Band ist der Auftakt einer neuen Krimireihe, die im deutsch-polnischen Grenzgebiet spielt, etwas das ich so noch nicht kannte. Rasch merkt man auch, dass die Ermittlungen nicht einfach sind. Einerseits scheinen die deutsche und polnische Polizei, etwas anders zu arbeiten, was Befehlsstrukturen betrifft. Auch spielen immer wieder Vorurteile in die Teamarbeit hinein.

Beide Ermittler sind jeweils doch eher getriebene Charaktere. Lena, die bei ihrem alkoholkranken Vater und danach bei dessen Eltern aufwuchs auf der deutschen Seite der Region, trägt die Erinnerungen an ein schreckliches Ereignis in ihrer Vergangenheit mit sich. Auch tiefer liegende Erinnerungen, die sie dachte mit ihrer Flucht nach Berlin hinter sich gelassen zu haben, brechen wieder auf, als sie sich in der polnisch-deutschen Grenzregion aufhält. Reaktionen und Gefühle, die für mich sehr nachvollziehbar sind und schrittweise im Zuge der Ermittlungen aufpoppen. Auch Adam scheint sein Päckchen zu tragen, bleibt während dem Großteil der Geschichte allerdings eher verschlossen, für Lena und den Leser – seine Geschichte erfährt man hauptsächlich durch Kollegen.

Der Fall selbst weist viele Wendungen und Höhepunkte auf, die Ermittlung selbst ziehen sich teilweise etwas. Wohl durchwegs so wie es bei echter Ermittlungsarbeit ist. Erzähltechnisch ist es wohl einerseits der Tatsache geschuldet, dass stückweise die Biografie der Ermittler eingebaut wird, andererseits ergibt sich das wahrscheinlich auch aus der Tatsache, dass man bei den Ermittlungen vor allem Lena folgt und diese kein polnisch spricht und in Polen auch nicht selbst agieren kann. Sie ist auf Adam angewiesen und er erhält Anordnungen von weiter oben, ist also weniger frei in der Handlung. Persönliche und kulturelle Konflikte werden thematisiert und verlangsamen damit die Geschichte etwas.

Der Ansatz ist spannend, eben weil neben einem Kriminalfall so viel an Konflikten und Klischees aufgegriffen wird, etwas das anscheinend noch immer ein präsentes Thema in der Region ist. Spannend ist auch zu sehen, wie die Biografien zweier Personen an unterschiedlichen Seiten der Grenze verlaufen sind und welche Schicksalsschläge sie geprägt haben.

Ich werde damit definitiv auch den nächsten Band der Reihe lesen, schon allein um herauszufinden, wie sich die Dynamik des Ermittlerduos entwickelt.