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Veröffentlicht am 31.08.2019

Wie ein Phantom

Berta Isla
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Dass sie heiraten werden war immer klar. Bereits in ihrer Jugend haben sich Berta Isla und Tom Nevinson kennengelernt, sie die waschechte Madrilenin und er halb Engländer, halb Spanier. Doch zunächst geht ...

Dass sie heiraten werden war immer klar. Bereits in ihrer Jugend haben sich Berta Isla und Tom Nevinson kennengelernt, sie die waschechte Madrilenin und er halb Engländer, halb Spanier. Doch zunächst geht es ans Studieren. Berta bleibt dabei in Madrid, Tom geht nach Oxford. Geheiratet wird danach. Doch Tom ist irgendwie anders als er zurückkehrt. Ein Angebot des britischen Geheimdienstes, welcher Toms besondere Sprachbegabung gerne für sich nutzen möchte, hat er abgelehnt. Was also ist geschehen? Nevinson bleibt verschlossen, was das angeht. Und ein wirklicher Grund, die Hochzeit abzublasen, besteht nicht.

Berta und Tom führen eine normale Ehe, die nur dadurch anders erscheint, dass Tom häufiger nach England muss, um gewisse Aufträge durchzuführen, über die er nicht redet. Natürlich macht sich Berta Gedanken, zu in sich gekehrt ist Tom manchmal. Ihr Mann allerdings zerstreut ihre Bedenken. Wieder einmal ist Tom abwesend, da lernt Berta ein Ehepaar kennen, das ihren Verdacht bestärkt. Soll Tom bedroht werden, indem seine Frau bedroht wird? Zum Glück wird das fremde Paar an einen anderen Ort geschickt. In ihrer Sorge wagt es Berta, in England anzurufen.

Javier Marías ist für seine manchmal allzu präzisen Beschreibungen bekannt, dennoch sind seine Romane meist ab einem gewissen Punkt spannend und gut. In seinem hier vorliegenden Werk wird schon zu Beginn Spannung aufgebaut. Die ersten Kapitel sind vor der Hochzeit der beiden Protagonisten angesiedelt und geben dem Leser einen Wissensvorsprung. Damit wird ein Teil des Dilemmas verständlich, in dem Tom steckt. Und Bertas Sorgen und Grübeleien bekommen eine tiefere Dimension. Die Handlung ist zwischen den späten 1960ern und den frühen 1990ern angesiedelt. Es ist die Zeit, in der es beinahe selbstverständlich ist, dass sich die Geheimdienste verschiedener Länder belauern, um größeres Unheil zu verhindern. Da kann eine Frau schon auf den Gedanken kommen, dass die Dienstreisen ihres Mannes in einem ganz anderen Zusammenhang zu sehen sind. Herausragend wie sich der Autor in die immer wieder allein gelassene Ehefrau hineinfühlt und doch auch ihren gebeutelten Mann nicht aus den Augen lässt. Mit diesem kleinen Geniestreich gelingt es dem Autor bis zum Schluss mit Überraschungen aufzuwarten.


Veröffentlicht am 30.08.2019

Blackheath

Die sieben Tode der Evelyn Hardcastle
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Mit einem Gefühl der Desorientierung erwacht er. Irgendwie ist er Sebastian Bell, oder nicht? Auf jeden Fall wird etwas Schreckliches geschehen. Ein Schuss ertönt und eine Frau ruft um Hilfe. Ist es Anna? ...

Mit einem Gefühl der Desorientierung erwacht er. Irgendwie ist er Sebastian Bell, oder nicht? Auf jeden Fall wird etwas Schreckliches geschehen. Ein Schuss ertönt und eine Frau ruft um Hilfe. Ist es Anna? Bell weiß nicht wohin er sich wenden soll. Nach Osten ruft ihm jemand zu und drückt ihm einen Kompass in die Hand. Bald erreicht er Blackheath, ein düsteres und weitläufiges Herrenhaus, das sicher schon bessere Tage gesehen hat. Unbedingt will Sebastian weiteres Unheil verhindern. Aber Eigensicherung geht vor. Das schützt Bell allerdings nicht davor, einiges in Erfahrung zu bringen, was nur schwer zu ertragen ist.

Das gab es schon, einen Tag immer wieder von vorn beginnen zu lassen. Wieso also nochmal? Eine Frage, die der Autor mit Leichtigkeit beantwortet. Er gewinnt der Idee etliche überraschende Facetten ab. Sein Protagonist, Aiden Bishop, darf oder muss den Tag wieder und wieder erleben, indem sein Geist in verschiedene Körper schlüpft. Aus den Sichtweisen und auch mit den Erfahrungen und Gedanken verschiedener Wirte erfährt er, um welches Ereignis es hier geht und auch was seine Aufgabe ist. Er ist freiwillig nach Blackheath gekommen, doch nun schafft er es nicht mehr, den Ort zu verlassen, es sei denn er löst das Rätsel.

Es bietet sich gewiss an, dieses Buch mehrfach zu lesen. Einmal recht zügig, weil man einfach umkommt vor Spannung, was der Autor für seinen Protagonisten in petto hat. So ungewiss ist der Ausgang der Sache, so groß der Zweifel. Ist das Rätsel erstmal gelöst, könnte es heißen, noch einmal zum Genießen. Erst dann kann man wahrscheinlich die Feinheiten wahrnehmen, die der Autor in seiner Geschichte versteckt hat, alle Verschachtelungen entschlüsseln, jeden kleinen Hinweis entdecken. Schon beim ersten Lesen fragt man sich, wie es der Autor geschafft hat, die zahlreichen Fäden in der Hand zu behalten. Einzig die Rahmenhandlung wird eher kurz gestreift, die sieben Tode der Evelyn Hardcastle werden von allen Seiten beleuchtet, auf eine Art und Weise, dass man bald nicht mehr von dem Buch lassen kann.

Veröffentlicht am 29.08.2019

Alles Möglich

Keiths Probleme im Jenseits
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Das große Sterben hat begonnen, es könnte auch ihn treffen. Fred Hundt hat viel über Wahrscheinlichkeiten theoretisiert und nebenbei Musik gemacht. Doch mit knapp sechzig Jahren hat sein Leben einen gewissen ...

Das große Sterben hat begonnen, es könnte auch ihn treffen. Fred Hundt hat viel über Wahrscheinlichkeiten theoretisiert und nebenbei Musik gemacht. Doch mit knapp sechzig Jahren hat sein Leben einen gewissen Status der Langeweile erreicht. Gescheiterte Dates und eher öde Gigs machen sein Leben aus. Als sein Freund Ben ihn bittet, nach New York zu kommen, macht Fred sich auf den Weg. Seine Stimmung hat fast den Nullpunkt erreicht, schließlich überschlagen sich die Nachrichten über Keith Richards’ Tod. Keith, der eigentlich alles überlebt hat. Wenn sogar er sterben muss, dann stirbt wirklich jeder. Kaum zu glauben ist dann Bens Geschichte.

Allerdings, was nicht Unmöglich ist, ist möglich. Wenn sich also alle Atome im Arm des David in eine Richtung bewegen, dann wird er winken. Und wenn Keith nicht tot ist, lebt er. Und Fred soll Keith die Wahrscheinlichkeit dieses Ereignisses erklären. Hanebüchen, eigentlich. Doch Fred fliegt mit Ben in die Karibik, wo sich Keith versteckt halten soll während alle Welt glaubt, er sei verstorben. Wenn man tot ist, bekommt man mehr Probleme als man denkt. Das fängt schon damit an, dass man sich nirgends mehr blicken lassen kann. Besonders nicht, wenn man Keith Richards ist und jeder einen erkennen würde.

Etwas skurril wirkt dieses Gedankenexperiment schon, aber sehr gelungen. Die Zeit der Starallüren ist vorbei für Keith, schließlich ist er tot. Und Fred startet mit fast sechzig nochmal durch. Als sein Freund aus alten Tagen Ben ihn ruft, macht er sich auf den Weg. Natürlich verlässt er dabei auch die alten Freunde und die Sicherheit zu hause. Doch warum nicht? Mal etwas wagen. So erlebt Fred wohl das schrägste Abenteuer seines Lebens. Und auch als Leser kann man sich das Gehirn durchpusten lassen und mal etwas Neues erlesen. Was wäre wenn? Wäre man lieber tot, wenn man tot geglaubt ist oder doch lieber lebendig? Was macht es mit einem, wenn der Tod unmöglich ist? Herrlich mit den Ideenspielereien, die der Autor sich aus dem Gehirn geschüttelt hat, selbst zu spielen, sie für sich zu durchdenken und zu erfühlen.

Veröffentlicht am 27.08.2019

Der Vater

Verratenes Land
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Der preisgekrönte Journalist Marshall McEwan lebt wieder in seiner Heimatstadt Bienville, Mississippi. Sein Vater ist schwer erkrankt und McEwan unterstützt seine Mutter bei der Betreuung. Auch Leitung ...

Der preisgekrönte Journalist Marshall McEwan lebt wieder in seiner Heimatstadt Bienville, Mississippi. Sein Vater ist schwer erkrankt und McEwan unterstützt seine Mutter bei der Betreuung. Auch Leitung der kleinen Lokalzeitung seines Vaters hat er übernommen. Das Verhältnis zwischen Vater und Sohn ist schon lange nicht mehr gut. Marshall war dabei als sein Bruder Adam als Jugendlicher bei einer Mutprobe ertrank. Der Archäologe Buck Ferris war immer eine Art Ersatzvater für Marshall. Und ausgerechnet Buck wird tot am Fluss aufgefunden. Marshall will unbedingt herausfinden, wieso Ferris sterben musste. Doch schnell gerät er dabei mit den heimlichen Herrschern der Stadt, den Mitgliedern des sogenannten Poker-Clubs aneinander.

Ein undurchsichtiges Beziehungsgeflecht beherrscht den kleinen Ort Bienville. Jeder kennt jeden und alle haben privat oder geschäftlich miteinander zu tun. Viele wittern das große Geld, das eine Papierfabrik, finanziert durch chinesische Investoren, bringen soll. Es wird befürchtet, dass Ausgrabungen, die Buck getätigt haben könnte, das Projekt stoppen könnten. Außer Bucks engsten Angehörigen und Freunden hat niemand ein Interesse daran, Licht ins Dunkel zu bringen. Doch Marshall ist es seinem großen Vorbild Buck Ferris einfach schuldig. Es muss Gerechtigkeit herrschen. Dass er sich möglicherweise selbst in Gefahr bringt, kann ihn nicht abhalten.

Wir schon einige der spannenden Geschichten des Autors kennt, wird auch hier nicht enttäuscht sein. Zwar ist der vorliegende Band nicht ganz so mitreißend wie einige andere Werke, doch für so einen doch recht umfangreichen Roman liest er sich sehr schnell weg. Dies soll nicht respektlos sein, es wird einfach so viel Spannung aufgebaut und Neugier geweckt, dass man immer weiterlesen möchte. Marshall McEwan ist ein aufrechter Charakter, er kommt vielleicht mehr nach seinem Vater als er selbst wahrhaben möchte. Seine Rückkehr ist auch ein Rückkehr in die Vergangenheit. Er trifft alte Bekannte und Freunde und überdenkt sein ganzes Leben. Die Aufklärung der Hintergründe um Bucks Tod tritt dabei manchmal etwas in den Hintergrund, nur umso gewaltiger wieder an Fahrt aufzunehmen. Was Marshall enthüllt, kann die ganze Stadt verändern. Auch wenn typisch amerikanisch die handelnden Personen das Recht manchmal zu sehr in die eigene Hand nehmen, ist die Geschichte um die Heimkehr eines verlorenen Sohnes, seine Zerrissenheit und sein Streben nach Gerechtigkeit ausgesprochen lesenswert.

Veröffentlicht am 25.08.2019

Unfinished Sympathy

Blackbird
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Mit fünfzehn macht man viele Sachen zum ersten Mal. Aufbruchstimmung ist angesagt, jedenfalls ungefähr Mitte der 1970er. Motte und Bogi sind dicke Freunde, das Meiste machen sie gemeinsam. Bis zu dem Tag, ...

Mit fünfzehn macht man viele Sachen zum ersten Mal. Aufbruchstimmung ist angesagt, jedenfalls ungefähr Mitte der 1970er. Motte und Bogi sind dicke Freunde, das Meiste machen sie gemeinsam. Bis zu dem Tag, an dem Bogi ins Krankenhaus muss. Es ist als ob die Hälfte fehlt, ein Besuch auf der Kinderstation kann das Vorher nicht ersetzen. Außerdem, wenn man immer an die coole Blonde auf dem Rad denken muss, ist die Lust auf einen Krankenbesuch nicht so groß. Wenn dann auch noch andauernd Streit zwischen den Eltern herrscht, bleibt in der eben noch heilen Welt, kaum noch etwas wie es war.

Auf jeden Jugendlichen stürzt wahrscheinlich viel ein, wenn er sich in der Mitte der Pubertät befindet. Viele erste Male stehen neben ersten letzten Malen. Motte will etwas erleben, aber Veränderungen, die er nicht steuern kann, lassen ihn nach Halt suchen. Doch was kann man schon anderes tun als die Dinge zu nehmen, wie sie kommen. Im Krankenhaus ist Bogi anders, seine Welt des Drinnen unterscheidet sich von dem Draußen. Was nie im Bereich des Möglichen lag, wird auf einmal wahr. Motte gehen die Themen aus, wie soll er seinen kranken Freund unterstützen, wenn er doch ehrlich gesagt, lieber nach der nicht mehr ganz so fremden Radlerin Ausschau halten möchte.

Es ist schon eine Tour de Force, die Motte über ein knappes Jahr durchlebt. Da liegen Humor und Tragik nahe beieinander. Beginn und Ende beschreiben den Gang der Welt. Etwas hart wird Motte aus seinem behaglichen Kindheitskokon heraus katapultiert. Unterstützung findet er von einer überraschenden Seite. Auch wenn sich ein Schulabschnitt dem Ende zuneigt, ein Umzug alles durcheinander wirbelt, da ist doch ein Anker, der bleibt. Mit dem Soundtrack seiner Jugend und der Bogis in Gedanken zieht Motte durch die Stadt, von seinem alten Leben in ein neues Leben, dass ebenso von Verlust, aber auch von Hoffnung und Liebe gekennzeichnet ist.

Ausgesprochen gut getroffen hat der Autor den Ton der Jugend. Ja, denkt man als Leser, so war es damals. Selbst wenn man selbst einen anderen Soundtrack im Herzen hat, so erkennt man doch so vieles wieder. Die Wünsche und Sehnsüchte, die ersten Male, die positiv sind, aber auch die ersten Male, an denen man erkennt, dass es mit der Unsterblichkeit vielleicht nicht allzu weit her ist. Der erste Schmerz einer Ablehnung, das erste Aufblühen einer jungen Liebe. Man kann sich so gut in Motte hineinversetzen. Wahrscheinlich ist dieser Roman ein Schatz für jeden Leser, besonders wird er es vermutlich für die sein, die in einer ähnlichen Zeit oder Situation groß geworden sind.