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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 03.10.2021

Witzig, tragisch, nachdenklich

Barbara stirbt nicht
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Meinung

„Barbara stirbt nicht“ beschreibt Herrn Schmidts Credo. Er kocht, er backt, weil er überzeugt ist, dass, wenn seine Frau nur ordentlich isst, sie wieder auf die Beine kommt. Das Barbaras gesundheitliche ...

Meinung

„Barbara stirbt nicht“ beschreibt Herrn Schmidts Credo. Er kocht, er backt, weil er überzeugt ist, dass, wenn seine Frau nur ordentlich isst, sie wieder auf die Beine kommt. Das Barbaras gesundheitliche Situation eine andere ist, wird nie offen ausgesprochen, dennoch ahnt man schnell, wie es wirklich um sie steht.

Herr Schmidt ist auf den ersten Blick kein liebenswerter Charakter. Er ist schroff, rassistisch und fest verankert in seinen alten Werten. Doch zwischen den Zeilen blitzt immer wieder seine Unsicherheit hervor. Ich schätze ihn auf Mitte siebzig. Nach dem Krieg musste er mit seiner Mutter, von seinem Vater ist nie die Rede, nach Westdeutschland fliehen. Der Makel des Flüchtlings, des Zugezogenen hat sich tief in ihm festgesetzt und ist für mich der Grund, weshalb er kaum soziale Kontakte hat. Er fühlt sich nicht dazugehörig, auch wenn er fast sein ganzes Leben schon in dieser Kleinstadt verbracht hat.

Seine Weigerung die lesbische Beziehung seiner Tochter anzuerkennen oder den fremd klingenden Namen seiner Schwiegertochter auszusprechen, lässt ihn unsympathisch wirken. Hinzu kommt noch der deutsche Schäferhund namens Helmut. Alle Klischees erfüllt, aber so einfach ist es nicht. Im Verlauf des Romans verändert sich Herr Schmidt, er reflektiert sein Leben an der Seite seiner Frau, die er eigentlich gar nicht hatte heiraten wollen oder war es seine Mutter, die Barbara für die falsche Frau hielt? Im Verlauf der Erzählung kommen einige Lebenslügen ans Licht, ohne das sie tatsächlich offengelegt werden.

Herr Schmidt ist immer für eine Überraschung gut. Ja, er ist ein herrischer alter Herr, der sehr verletzend sein kann, vor allem seinen Kindern gegenüber, doch dann scheint wieder eine andere Seite von ihm durch. Auf liebevolle Art kümmert er sich um Barbara. Er versucht ihre Essenswünsche zu erfüllen, er hält den Laden am Laufen, übernimmt ihre ehrenamtlichen Tätigkeiten und er stellt sich der größten Lüge ihrer Ehe und versucht sein Verhalten von damals zu korrigieren.

In Herrn Schmidts Leben treten die unterschiedlichsten Personen und auch hier zeigt sich, dass er gar nicht so verbohrt ist, wie er tut. Das er geradeheraus sagt, was er denkt, führt zu einer Fülle von Szenen mit Situationskomik. Ich habe während der Lektüre sehr viel gelacht, weil ich mich an Menschen erinnert fühlte, die Herrn Schmidt ähneln. Dadurch hatte ich ein ziemlich genaues Bild von ihm im Kopf. Alina Bronsky ist es gelungen diesen vermeintlich unsympathischen Zeitgenossen auf humorvolle Weise zu entlarven. Sie zeigt seine verletzlichen und guten Seiten, die sich hinter dieser teilweise unerträglichen Art verbergen.

Dieser Roman ist unglaublich witzig und zugleich zeigt er auch die tragischen Seiten des Lebens. Die hervorragende Beobachtungsgabe der Autorin wird mit diesem Buch wieder mehr als deutlich. Um die persönliche Geschichte der einzelnen Charaktere zu erzählen braucht sie nicht viele Worte. Alina Bronskys Schreibstil ist unverwechselbar auf den Punkt.

Mein einziger Kritikpunkt betrifft das Ende, das kam mir zu abrupt. Ich war von der Handlung und der letzten Figur doch sehr überrascht. Ich hätte mir frühere Hinweise gewünscht, um nicht so überrumpelt zu werden. Mittlerweile habe ich mich damit versöhnt, weil ich glaube, Herr Schmidt will reinen Tisch machen, für sich, aber auch für seine Frau. Sein unfreiwilliger Neustart soll frei von dem Ballast der Vergangenheit sein.

Fazit

„Barbara stirbt nicht“ hat mich oft zum Lachen gebracht, mich gut unterhalten, aber auch zum Nachdenken angeregt.

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Veröffentlicht am 29.09.2021

Fesselnder Mix

Alles, was wir sind
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Inhalt

Der bekannte russische Dichter Boris Pasternak stellt seinen Roman „Dr. Schiwago“ fertig, doch in der Sowjetunion wird das Buch aufgrund der staatsfeindlichen Schilderungen nicht veröffentlicht. ...

Inhalt

Der bekannte russische Dichter Boris Pasternak stellt seinen Roman „Dr. Schiwago“ fertig, doch in der Sowjetunion wird das Buch aufgrund der staatsfeindlichen Schilderungen nicht veröffentlicht. Als ein italienischer Verleger sich um die Rechte des Romans bemüht, um diesen in Europa zu veröffentlichen, willigt Pasternak ein und tritt damit eine Lawine los, die ihn in seinem Land das Leben kosten könnte.

Der Roman erscheint und wird zum Bestseller. Mitten im Kalten Krieg wird der US-amerikanische Geheimdienst auf diesen Literaturerfolg aufmerksam. Die CIA lässt den Roman im Original drucken und schmuggelt das Buch in die Sowjetunion, um Widerstand in der Bevölkerung zu wecken. Als der KGB davon erfährt, versucht er mit allen Mitteln die Verbreitung des Romans zu verhindern. Als Pasternak dann auch noch der Nobelpreis verliehen wird, sieht die Sowjetunion sich gezwungen zu handeln. Es ist der Kampf der Systeme, die einen Roman kurzzeitig zum Spielball der Macht machen und dadurch das Leben einiger Menschen tiefgreifend verändern.


Meinung

„Alles, was wir sind“ erzählt die Geschichte eines berühmten Romans; Doktor Schiwago. Der sensible Schriftsteller und Arzt Schiwago, hin und her gerissen zwischen seiner Familie und seiner großen Liebe Lara und das alles vor dem historischen Umbruch der russischen Oktoberrevolution. „Dr. Schiwago“ wurde bei seinem erscheinen zu einem Politikum, zum Spielball im Kalten Krieg. Der Roman „Alles, was wir sind“ beruht auf wahren Tatsachen. Dafür hat die Autorin Lara Prescott aufwendig recherchiert.

Die Geschichte spielt über das gesamte Jahrzehnt der 1950er. Dabei wechseln sich Ost und West ab, sodass die Handlung aus völlig unterschiedlichen Perspektiven erzählt wird. Den Anfang macht Olga, also der Osten. Sie ist Pasternaks Geliebte. Eine verhängnisvolle Liebe zu Zeiten Stalins und Chruschtschow. Noch bevor Schiwago überhaupt fertig gestellt ist, verbringt sie drei Jahre im Arbeitslager. An Pasternak selbst traut man sich nicht heran, zu groß ist seine Beliebtheit. Als der Roman beendet ist, findet sich in der Sowjetunion niemand, der es wagt,das Buch zu veröffentlichen. Am Beispiel von Pasternak wird deutlich, wie der Staat seine Macht ausspielt, wie sehr er über die Kultur bestimmt und wie er es versteht sein Volk zu manipulieren. Olgas Schilderungen vom Umerziehungslager sind erschreckend. Dort sind keine Straftäterinnen, sondern nur Frauen, die die rechtliche Willkür einer Diktatur zu spüren bekommen.

Auch in Pasternaks Gedanken tauchen wir ein und erfahren seine Sicht der Dinge. Ich kann verstehen, dass er seinen Roman veröffentlichen will, dass er den Nobelpreis annehmen will, doch er bringt damit nicht nur sich selbst, sondern vor allem Olga und ihre Kinder in Gefahr. Er nimmt meiner Ansicht nach wenig Rücksicht. Drei Jahre hat sie wegen ihm schon im Lager verbracht. Sie, nicht seine Frau! Und es werden nach seinem Tod weitere hinzukommen. Wohl wissend welche Konsequenzen sein Handeln haben könnte, lässt er zu, dass Schiwago in Europa veröffentlicht wird. Er unternimmt auch keinerlei Anstrengung Olga herauszuhalten. Jedenfalls wirkt es auf mich so.

Im Westen, in Washington D.C., sind die Frauen nach dem zweiten Weltkrieg wieder auf ihren Platz verwiesen worden. Die meisten fügen sich in die neue alte Welt, heiraten, werden Mutter. Nur wenige bleiben dem Geheimdienst treu. Die feine, aber auf den Punkt gebrachte Kritik der Autorin hat mir sehr gefallen. Sie sagt wie es ist. Die Männer, egal wie unfähig, machen Karriere, die Frauen, mit gleicher Qualifikation, bleiben Stenotypistinnen. Auch sonst finden sich in dem Roman einige deutliche Seitenhiebe auf das patriarchische System.

Die Grundzüge dessen, was den Westen bewegt, erzählen uns eben diese Stenotypistinnen. Es ist ähnlich wie der Klatsch auf dem Büroflur, den man im Vorübergehen aufschnappt. Informativ, kurzweilig und wahrhaftiger als so manches offizielle Statement. Jedenfalls erzählen sie uns von früher, von jetzt und erklären den Lesern die Zusammenhänge und versorgen uns mit allen Neuigkeiten. Tiefer in die Geschichte steigen wir mit Irinas und Sallys Erzählungen ein. Aus ihren Perspektiven erleben wir sowohl ihre Liebesaffäre als auch ihre geheimen Aktivitäten hautnah mit. In den konservativen 1950er Jahre war Homosexualität in den USA undenkbar und wurde verfolgt. Eine Haltung, die es den beiden Frauen unmöglich macht, ihre Liebe zu leben.

Die Autorin Lara Prescott hat aus einer wahren Geschichte rund um „Doktor Schiwago“, die mir bisher nicht in dem Umfang bekannt war, einen packenden und gesellschaftskritischen Roman verfasst. „Alles, was wir sind“ kritisiert dabei nicht einseitig nur die willkürliche und menschenverachtende Politik der ehemaligen Sowjetunion, sie schreibt auch über die Frauen, die nach dem Zweiten Weltkrieg wieder auf Ehefrau und Mutter reduziert wurden. Ihre Leistungen während des Krieges waren schnell vergessen und die Männer nahmen wieder ihre angestammten Positionen ein. Es war ein Zurück zu den konservativen Werten. Auch das Thema der Homosexualität oder die sexuelle Übergriffigkeit mancher Männer spart die Autorin nicht aus.

Aufgrund der klaren Unterteilung zwischen West und Ost, den verschiedenen Erzählperspektiven, die meinen Lesefluss nie gestört haben, ist der/die Leser:in immer mitten im Geschehen und lernt die Charaktere in allen Facetten kennen. Die Hauptakteurinnen des Romans sind die Frauen. Olga und im späteren Verlauf des Buches auch ihre Tochter Ira für den Osten und natürlich Irina und Sally ebenso wie der Pulk der Stenotypistinnen für den Westen. Dem Roman gelingt es großartig die Stimmung der Angst, die in der Sowjetunion umgeht, einzufangen ebenso wie die biedere, patriarchische Gesellschaft in den USA auf den Punkt zu beschreiben. Der Roman schlägt sich auf keine Seite. Kein schwarzweiß Denken, kein Gut und Böse, etwas, das mir sehr gut gefallen hat.


Fazit

Es ist ein lebendiger als auch bemerkenswerter Roman nach einer wahren Geschichte.

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Veröffentlicht am 19.09.2021

Soannend, unterhaltsam und aktuell

A. S. Tory und das Spiel mit der Zeit
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Meinung

Der letzte Teil der Reihe blendet die Pandemie nicht aus, gibt ihr jedoch auch nicht mehr Raum als nötig. Meiner Ansicht nach ist es der Autorin hervorragend gelungen die richtige Balance zu finden. ...

Meinung

Der letzte Teil der Reihe blendet die Pandemie nicht aus, gibt ihr jedoch auch nicht mehr Raum als nötig. Meiner Ansicht nach ist es der Autorin hervorragend gelungen die richtige Balance zu finden. Da jeder Roman in der Jetztzeit spielte, hätte ich es seltsam gefunden, die Pandemie nicht zu erwähnen und so zu tun, als ob alles wäre wie 2019.

Es wirkt sich diesmal auch auf den Auftrag aus, den Sid von Tory bekommt. Anstatt wie in den vorherigen Teilen verschiedene Länder zu bereisen, bleiben Chiara und Sid diesmal in Deutschland. Die sonstigen Reisen werde durch Reisen durch die Zeit ersetzt. So spielt der Roman über zwei Generationen hinweg. Zum einen handelt es sich um den Großvater, der ab den 1940er Jahren verschwindet, zum anderen geht es um Arne, der Mitte der 80er abhaut.

Das vorrangige Thema des Romans ist die sexuelle Orientierung und der Umgang mit ihr. Immer wieder gab es Vorstöße für Toleranz, dann ging es jedoch gesellschaftlich wieder rückwärts. Seit nicht einmal dreißig Jahren ist Homosexualität keine Straftat mehr. In vielen Familien wurde über solche Sachen nicht gesprochen, sowie in der Familie, deren Geheimnisse Chiara und Sid nun aufdecken. Der Roman ist ein Appell für Toleranz, aber auch dafür miteinander zu reden und Dinge nicht tot zu schweigen.

Frankfurt, Leipzig und das Elbsandsteingebirge sind diesmal die Orte, an denen die Geschichte spielt. Auch hier wird die jeweilige Atmosphäre wunderbar eingefangen. Gerade im Elbsandsteingebirge verbringen Chiara und Sid drei Tage in Abgeschiedenheit. Denn das, was sich im letzten Band offensichtlich anbahnte, kommt nun auf den Tisch. Die Frage, wie Chiara und Sid zueinander stehen, gehört zu den stetigen Entwicklungen der Reihe. Ebenso wie bei der Pandemie, findet die Autorin bei dieser zwischenmenschlichen Frage die passende Gewichtung zu der eigentlichen Handlung.

Vom ersten bis zu diesem Band haben sich die Charaktere merklich entwickelt. Sid ist nun volljährig, besitzt seinen Führerschein und wenn die Pandemie ausklingt, wird er sicher die Welt erkunden. Aus dem Teenager ist nun ein junger Mann geworden. Auch Chiara hat sich gemacht. Ihr Leben bekommt langsam Kontur und wer weiß, was sie studieren wird. Beide stehen nun an einem neuen Lebensabschnitt, dass wird in der Erzählung deutlich. Deshalb ist es nur folgerichtig, dass die Reihe hier endet. Tory spielt in diesem Teil nur noch eine sehr nebensächliche Rolle, da er durch sein Alter und die Pandemie in London bleibt. Schlussendlich ist es auch ein Abschied von dem alten Herren, der die Abenteuer erst ermöglicht hat.

Als Leserin verabschiede ich mich von dem letzten Teil der Reihe mit ein bisschen Wehmut. Mir haben Chiaras und Sids Abenteuer sehr gefallen. „A.S. Tory und das Spiel mit der Zeit“ ist ein unterhaltsamer Jugendroman, der Themen der Zeit mit einer Leichtigkeit aufgreift ohne belehren zu wollen. Besonders gefällt mir, dass er zum eigenständigen Denken anregt. Jeder Leser:in kann etwas für sich daraus mitnehmen.


Fazit

Ein gelungener Abschluss einer fantastischen Buchreihe. Unterhaltsam, spannend und ein Aufruf dazu neugierig und abenteuerlustig zu bleiben.

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Veröffentlicht am 16.09.2021

Auf den Punkt erzählt

Land in Sicht
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Inhalt

Jana ist Mitte Zwanzig und bei der Suche nach ihrem Vater, den sie bisher nicht kennt, fündig geworden. Er ist Kapitän auf einem Kreuzfahrtschiff auf der Donau. Auf diesem Schiff, dessen Gäste ...

Inhalt

Jana ist Mitte Zwanzig und bei der Suche nach ihrem Vater, den sie bisher nicht kennt, fündig geworden. Er ist Kapitän auf einem Kreuzfahrtschiff auf der Donau. Auf diesem Schiff, dessen Gäste sich im Alter sechzig plus befinden, bucht sie kurzerhand eine Reise. Sechs Tage hat sie Zeit ihren Vater Milan kennenzulernen und herauszufinden, was für ein Mensch er ist.

Doch als sie ihre Reise antritt, ist sie nicht mehr sicher, ob es eine gute Idee war.

Meinung

Jana ist eine unstete und unsichere Person, die aller Wahrscheinlichkeit nach Bindungsprobleme hat, was sich nicht nur auf Liebes-, sondern auf alle Beziehungen in ihrem Leben auswirkt. Ihren Vater kennt sie nicht, doch die Väter ihrer Freundinnen hat sie genau beobachtet. Sensibel schildert die Autorin Janas kindliche Sicht auf Väter und die Vorstellung, die sie sich von ihrem eigenen macht. Janas Beziehung zu ihrer Mutter könnte man als distanziert beschreiben. Ab und an klingt durch, Jana gibt ihrer Mutter die Schuld am den fehlenden Vater, allerdings ist es nur mein Gefühl, wirklich präzise gesagt wird es nicht.

Bisher hat Jana sich planlos durch ihr Leben treiben lassen. Nun da sie herausgefunden hat, wer ihr Vater ist, hat sie die Hoffnung etwas über sich zu erfahren. In dieser Hoffnung schwingt auch der Wunsch mit, dass, wenn sie ihre Wurzeln gefunden hat, auch selbst welche schlagen kann. Und das wünscht man ihr als Leser:in aus tiefsten Herzen.

Obwohl Jana im Vorfeld genau überlegte, wie sie als weitaus Jüngste auf dem Schiff weniger auffällt, geht dieser Plan nicht auf und beschert dem Roman manche Situationskomik. Die Szenen sind urkomisch und tragen dennoch eine gewisse Tragik in sich. Der präzise Erzählstil lässt Unnötiges aus, zeugt jedoch von einer wunderbaren Beobachtungsgabe. Das vorsichtige Herantasten an den Vater ist schnörkellos und voller nüchterner Emotion erzählt. Wir nehmen teil an Janas Zweifeln, ihrer Unsicherheit, die mit dem Wunsch endlich ihren Vater kennenzulernen kämpfen. Jedes Kapitel beschreibt einen Tag auf dem Fluss.

Mich hat der Debütroman von Ilona Hartmann hervorragend unterhalten. Ich habe gelacht, ich habe mitgefühlt.

Fazit

Ein gelungener Debütroman. Witzig, tiefgründig und ehrlich.

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Veröffentlicht am 31.08.2021

Es brennt an zu vielen Stellen

Der Brand
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Meinung

Auf nüchterne Weise beschreibt Daniela Krien aus Rahels Sicht den Verlauf dieser drei Sommerwochen. Wir tauchen ein in Rahels Gedankenwelt und erfahren einiges über ihre Ehe und Kindheit, aber ...

Meinung

Auf nüchterne Weise beschreibt Daniela Krien aus Rahels Sicht den Verlauf dieser drei Sommerwochen. Wir tauchen ein in Rahels Gedankenwelt und erfahren einiges über ihre Ehe und Kindheit, aber auch über das Verhältnis zu ihren eigenen Kindern. In kleinen Schritten nähern wir uns den tief sitzenden Problemen, die nie ausgesprochen werden.

Sehr gelungen sind die Ortsbeschreibungen der ruhigen Landschaft der Uckermark. Die Tiere, die sich schnell an die Urlauber gewöhnen und in erster Linie zu Peter eine innige Bindung aufbauen. Diese Idylle steht ganz im Gegensatz zu den emotionalen Stürmen, welche die Charaktere durchlaufen.

Die Ehekrise als Thema des Buches wird allzu schnell von schwierigen Eltern-Kind-Beziehungen überholt, die Rahel und Peter sowohl zu ihren eigenen Eltern hatten als auch jetzt mit ihren Kindern durchleben. Hinzu kommen weitere zahlreiche Themen, die angerissen und wieder verworfen werden. Die Krise zwischen Peter und Rahel, ihre Annäherung werden dadurch aus meiner Sicht unverhältnismäßig zurückgedrängt. Viele dieser Themen, die von außen kommen, beeinflussen Rahel und Peter, doch hätte ich mir gewünscht, dass die Erzählung näher an den Figuren bleibt.

Rahel, Ende 40, Peter, Mitte 50, kommen mir aufgrund ihrer Denkweise und der immer wiederkehrenden Auflistung ihres körperlichen Verfalls um mindestens zehn Jahre älter vor. Ich hatte große Schwierigkeiten mir die Zwei in ihrem angegeben Alter vorzustellen. Natürlich habe ich berücksichtigt, dass sie sehr früh Eltern geworden sind und somit in einer Lebensphase sind, in die andere erst später eintreten. Dennoch passte es für mich nicht.

Der Roman verstrickt sich in allerlei gesellschaftskritischen Themen und verliert dabei die wesentliche Handlung aus dem Blick. Anders als „Liebe im Ernstfall“ wird mir dieses Buch mit all den extrem anstrengenden Charakteren, zu denen ich keinen Bezug gefunden habe, nicht lange im Gedächtnis bleiben. Dabei ist der schnörkellose Schreibstil überzeugend und kurzweilig, nur der Inhalt konnte mich nicht überzeugen.


Fazit

Vom Thema abgekommen, will der Roman zu viele gesellschaftliche Punkte ansprechen, ohne diese überhaupt vertiefen zu können. Aus dem Grund bleibt vieles angerissen, unverfolgt und oberflächlich, dabei tritt die eigentliche Problematik der Ehekrise in den Hintergrund. Mich hat das Buch ratlos und ein wenig unzufrieden zurückgelassen.

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