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Veröffentlicht am 30.06.2019

Realitätsferner Psychothrillern mit Logikfehlern

Die stumme Patientin
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"Die stumme Patientin" ist ein weiteres Buch, auf das ich durch zahlreiche positive Bewertungen auf Goodreads aufmerksam geworden bin. Ich hatte dadurch hohe Erwartungen an den Psychothriller, der von ...

"Die stumme Patientin" ist ein weiteres Buch, auf das ich durch zahlreiche positive Bewertungen auf Goodreads aufmerksam geworden bin. Ich hatte dadurch hohe Erwartungen an den Psychothriller, der von vielen Leser*innen so gelobt wurde. Mir erging es da leider ganz anders. Doch fangen wir ganz von vorne an:

Im Fokus der Geschichte stehen zwei Personen. Auf der einen Seite haben wir Alicia Berenson, die ihren Ehemann kaltblütig ermordet hat, seither kein Wort mehr von sich gibt und nun in einer geschlossen forensischen Psychiatrie behandelt wird. Auf der anderen Seite haben wir den forensischen Psychiater Theo Faber, der durch den Medienhype über den Mordfall erfahren hat und seither ein ganz besonderes Interesse am Fall von Alicia Berenson hat. Zunächst konnte er den Fall nur aus der Weite beobachten, doch wie durch Zufall (oder durch total konstruierte, nicht näher erläuterte Umstände des Autors) wird ausgerechnet in der Psychatrie eine Stelle als forensischer Psychiater frei, so dass Theo die Gelegenheit beim Schopf packt, um Alicia näher zu kommen. Sein Ziel ist es sie zum Sprechen zu bringen – und dazu ist im nahezu jedes Mittel recht. In zahlreichen Einzelsitzungen und eigener Detektivarbeit versucht er mehr über Alicia herauszufinden.

An dieser Stelle muss ich als erstes betonen, dass mich das Buch aufgrund meines Berufes als Psychologin auf ganz persönliche Weise getriggert hat und meine Bewertungen durch das absurde, realitätsfremde Bild eines Psychiaters und dessen Arbeit resp. einer psychiatrischen Institution sehr negativ beeinflusst wurde. Allein dieses kurze Umreissen des Inhalts reicht eigentlich schon, um meine durchwachsene Bewertung zu begründen, denn einfach alles was in diesem Buch passiert, ist aus psychotherapeutischer Sicht sehr bedenklich und unprofessionell. Bereits auf Seite 24 hätte ich das Buch am liebsten schon abgebrochen, als Theo Faber auf die Frage, weshalb er denn Psychotherapeut werden wollte antwortet - Zitat: "[...]Ich war darauf aus, mir selbst zu helfen. Ich glaube, das gilt für die meisten Menschen, die sich mit der geistigen Gesundheit anderer befassen. Wir fühlen uns zu diesem speziellen Beruf hingezogen, weil wir beschädigt sind - wir studieren Psychologie, um uns selbst zu heilen. Ob wir bereit sind, das zuzugeben, ist eine andere Frage." Wie bitte was?! Zum einen studieren Psychiater nicht Psychologie, sondern Medizin und zum anderen habe ich mit dieser Aussage so Mühe, weil sie natürlich schlichtweg falsch und unethisch ist, und ich mich die ganze Zeit über gefragt habe, ob der Autor, der selbst Psychologie studiert hat, wirklich so denkt. Wäre es bei diesem einen Satz geblieben, dann hätte ich Fiktion noch gut von Realität unterscheiden können, aber leider zieht sich diese selten dämliche Einstellung von Theo Faber durch das ganze Buch hindurch. Seine Anstellung in der Psychiatrie fand ich schon fragwürdig, aber alles was er danach im Rahmen seiner Arbeit als Psychiater tut, fand ich noch viel bedenklicher und ich habe mich mehrfach an den Kopf gefasst und mich darüber gewundert, weshalb zur Hölle kein einziger Mensch in dieser Psychiatrie merkt, wie fahrlässig Faber eigentlich arbeitet. Es handelt sich nicht um ein offenes, ambulantes Setting, sondern um eine geschlossene forensische Psychiatrie, in der straffällige und psychisch Kranke Menschen behandelt werden, und dennoch kann da scheinbar jeder Therapeut tun und lassen, was er will. Dass Theo Faber unübersehbar mehrfach seine professionelle Grenze als Psychiater überschreitet, scheint kein Schwein zu interessieren. Und das ist einfach nur lächerlich. Der Autor behauptet selbst Psychologie studiert zu haben und zwei Jahre im Beruf als Psychotherapeut tätig gewesen zu sein und dennoch zeichnet er ein Bild eines psychiatrischen Alltags, das immer gerade so angepasst wird, dass es zum Fortlauf seiner Geschichte passt. Dass nichts davon der Realität entspricht, scheint ihn nicht zu interessieren. Es war aber nicht nur Faber selbst, den ich unprofessionell gefunden habe, sondern auch das gesamte restliche Team. An einer Stelle möchte Faber Alicia zu einer privaten Kunsttherapie-Stunde überreden und holt sich die Erlaubnis bei der Kunsttherapeutin dafür ein. Die ist aber so gar nicht gut auf Alicia zu sprechen und äussert sich sehr abwertend und respektlos über die Patientin - etwas, für das sie in der Realität schnell einmal ihren Job losgeworden wäre. Doch in der forensischen Psychiatrie, die der Autor sich hier zusammengeschustert hat, darf man scheinbar alles. Das Ganze geht soweit, dass die Kunsttherapeutin Alicia (in deren Abwesenheit) sogar "Miststück" nennt. Das schlimmste daran ist, dass gar nichts zwischen den beiden vorgefallen ist. Der einzige Beweggrund der Kunsttherapeutin so über ihre Patientin zu sprechen war scheinbar einfach die Annahme, dass Alicia (die selbst Künstlerin wäre) arrogant ist. Wer sich so (ab-)wertend über Patienten äussert, der hat meiner Meinung nach in einem therapeutischen Beruf nichts zu suchen. Aber hier wird das Verhalten scheinbar einfach so toleriert.
Ich könnte an dieser Stelle noch etliche weitere Beispiele nennen, aber ich denke, mein Hauptkritikpunkt ist klar geworden. Leider zieht das unprofessionelle Verhalten auch ausserhalb der Psychiatrie seine Kreise, und neben Faber gibt es einen weiteren Psychiater, der in der Vergangenheit mit Alicia in Kontakt gekommen ist und sie illegaler Weise privat behandelt hat, weil ihr mittlerweile verstorbener Ex-Mann das als Gefallen von seinem befreundeten Psychiater gefordert hatte. Zumindest wurde hierbei im Buch adressiert, dass dieses Vorgehen nicht legal ist, aber von ethisch korrekter Behandlung konnte hier sowieso keine Rede sein, denn der besagte Psychiater hat Alicia bloss vorgeschrieben, was sie zu tun und zu lassen hat und dabei seinen Beruf um Längen verfehlt.
Und wenn wir gerade bei Grenzüberschreitungen sind: Fabers Fehlverhalten bezieht sich nicht nur auf das Psychiatriesetting, denn neben der angeblichen Psychotherapie, die er mit Alicia macht, fängt er relativ rasch damit an, in ihrem Privatleben als Hobbydetektiv herumzuschnüffeln. Er kontaktiert nahezu jede Person in Alicias Umfeld, um mehr über sie zu erfahren. Und obwohl er damit mehreren Charakteren zu nahe tritt, scheint sich auch hier kein Mensch darüber zu wundern, weshalb ein Psychiater ohne Erlaubnis seiner Patientin Kontakt mit deren Umfeld aufnimmt und ungefragt in ihrem Privatleben herumstochert und dabei Fragen stellt, die weit über die eines Psychiaters hinausgehen.

Was zu allem Übel dazu kommt, ist ausserdem noch der Umstand, dass der Autor für das Buch schlecht recherchiert hat. Es wird ständig wie wild mit irgendwelchen Diagnosen umhergeworfen, da wird gefühlt jeder als "narzisstisch" oder "Narzisst" bezeichnet (ohne entsprechende Symptome dieser Persönlichkeitsstörung zu zeigen) und im weiteren Verlauf dann gleich noch verschiedene Diagnosen miteinander vermischt. An einer Stelle wird über Alicia gesagt, dass sie eine Boderline Persönlichkeitsstörung hat, deshalb psychotisch war und obendrauf wird ihr dann auch noch die besagte narzisstische Persönlichkeitsstörung aufgedrückt. Würde irgendein Hobby-Küchenpsychologe über Alicia so sprechen, dann könnte ich das ja noch nachvollziehen, dass man keine Ahnung von Diagnostik hat, aber hier wurde mir als Leserin weiss gemacht, dass die Diagnosen von waschechten Psychiatern stammen, die eigentlich wissen sollten, wovon sie reden.

Ja, wie man merkt, nagle ich das Buch sehr an psychologischen und psychiatrischen Umgereimtheiten fest, aber genau so erging es mir beim Lesen auch. Ich konnte mich gar nicht auf die eigentliche Geschichte einlassen, weil das Buch so viele (Logik-)Fehler enthielt. Das Ende konnte mich ein klein wenig versöhnlicher stimmen, weil der Autor die Auflösung immerhin so gestaltet hat, dass ein Charakter nicht ganz der ist, der er vorzugeben scheint, aber es war nicht so, als wäre ein grosses Aha-Erlebnis passiert, dass alles plötzlich Sinn ergeben hätte. Im Buch wirkt einfach zu vieles zu konstruiert und unglaubhaft, was für mich für ein Buch, das als "Psychothriller" verkauft wird, einfach ein No-Go ist.

Fazit:
"Die stumme Patientin" ist ein angeblicher Psychothriller, der leider eine ganze Masse an Ungereimtheiten aufweist und schlecht recherchiert wurde. Wer wissen will, wie es in einer (forensischen) Psychiatrie NICHT läuft und wie Psychiater und Psychotherapeuten NICHT arbeiten (sollten), der ist hier richtig. Alle die auf einen logischen oder spannenden Thriller hoffen, muss ich enttäuschen. Die Ereignisse wirken allesamt sehr konstruiert und unglaubhaft und dadurch einfach nur realitätsfremd - also alles Dinge, die ich in einem guten Thriller NICHT suche. Von mir gibt es für diesen Thriller, der mich aufgrund meines Berufes persönliches getriggert hat, 2 Sterne.

Veröffentlicht am 21.06.2019

Eine schöne Coming-of-Age-Geschichte

Ramona Blue
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"Ramona Blue" war mein erstes Buch der Autorin, deren bekanntestes Werk "Dumplin'" den meisten wohl ein Begriff sein sollte. Ich bin erst durch eine Empfehlung auf Goodreads auf den Titel aufmerksam geworden. ...

"Ramona Blue" war mein erstes Buch der Autorin, deren bekanntestes Werk "Dumplin'" den meisten wohl ein Begriff sein sollte. Ich bin erst durch eine Empfehlung auf Goodreads auf den Titel aufmerksam geworden. Das Buch wurde mir vorgeschlagen, weil ich unter anderem "Am Ende sterben wir sowieso" und "Was mir von dir bleibt" von Adam Silvera und "Nur drei Worte" von Becky Albertalli gelesen hatte. Gemeinsam haben nicht nur alle drei Bücher, dass sie im Young Adult Contemporary Genre angesiedelt sind, sondern auch der Einbezug von Diversity.

Bei "Ramona Blue" handelt es sich um eine Coming-of-Age-Geschichte, die der Leserschaft einen Ausschnitt aus dem Leben der gleichnamigen Protagonistin aufzeigt. Inhaltlich kann ich gar nicht so viel mehr verraten, als es in der offiziellen, sehr ausführlichen Inhaltsangabe beschrieben wird, denn die deckt eigentlich schon den gesamten Plot ab. Es war aber nicht mal so sehr das was passiert, was mir so gut am Buch gefallen hat, sondern wie es passiert. Obwohl das Buch jede Menge Drama beinhaltet, empfand ich es dennoch als eine locker-leichte Sommerlektüre, die bei mir gute Laune verursacht hat. Ramona ist ein Charakter mit Ecken und Kanten, die kurz vor dem Erwachsenwerden steht und einige wichtige Entscheidungen über ihre Zukunft treffen muss, nachdem sie einen wunderschönen Sommer mit einem Mädchen verbracht hat. Nachdem die Schule wieder losgeht, muss Ramona allerdings wieder in die Realität zurückkehren, fernab von der Wolke 7, auf der sie sich zuvor befunden hat. Und als wäre ihr Leben nicht schon aufgrund ihrer schwierigen familiären Situation eine Herausforderung, wird es noch komplizierter, als Freddie - ein ehemaliger Freund - zurück nach Eulogy kehrt und Ramonas Leben auf den Kopf stellt. Was als Freundschaft anfängt, verändert sich zunehmend zu einer engeren, romantischen Bindung, die Ramonas bisherige sexuelle Orientierung in Frage stellt und bei ihr verständlicherweise zu einer Identitätskrise führt. Mit dem nahenden Schulabschluss muss sich Ramona aber nicht nur über ihre Sexualität klar werden, sondern auch darüber, was ihre Zukunftspläne angeht. Das Schwimmen war schon immer eine grosse Leidenschaft von ihr und als es so aussieht, als könnte sie damit ihre berufliche Zukunft einschlagen, muss sie sich entscheiden, ob sie ihre schwangere Schwester nahezu alleine auf sich selbst gestellt zurücklassen kann, oder ob sie dazu verdammt ist, ihre restlichen Leben in Eulogy zu verbringen. Keine einfache Entscheidung, vor der Ramona steht - doch zum Glück hat sie jede Menge Freund*innen, die ihr in dieser Zeit der Unsicherheit zur Seite stehen.

Ich kann gar nicht so genau benennen warum, aber mir hat das Buch unglaublich gut gefallen. Ich fand Ramona sehr sympathisch und war natürlich begeistert davon, dass die Autorin auf verschiedene Art und Weise Diversity in die Geschichte einfliessen lässt und dies auch mit der nötigen Sensibilität thematisiert. Anfangs war ich etwas skeptisch über den Umstand, ob man einen eigentlich lesbischen Charakter nun auch auf hetero "trimmen" muss, aber je länger in der Geschichte verweilt habe, desto klarer wurde mir die Botschaft, die die Autorin mitgeben will. Es ist halt nicht immer alles so Schwarz-und-Weiss wie man vielleicht denkt und genau diese Erkenntnis muss auch Ramona im Laufe der Geschichte machen. Der Schreibstil der Autorin ist locker und flüssig zu lesen und die teilweise umgangssprachlichen Begriffe, passt er sehr gut zu einem Jugendbuch.

Fazit:
Eine lockere, unterhaltsame Coming-of-Age-Geschichte über eine junge Protagonistin, die am Schwellenübergang zum Erwachsenenleben steht und einige schwierige Entscheidungen für ihre Zukunft treffen muss. Die liebenswerte Protagonistin, der Einbezug von Diversity und der flüssige, jugendhafte Schreibstil haben das Buch zu einem sommerlichen Lesevergnügen für mich gemacht. Für Freunde der LGBT-Literatur kann ich dieses Buch nur wärmstens empfehlen. Von mir gibt's 4.5 Sterne.

Veröffentlicht am 09.06.2019

Ein zu komplexes Worldbuilding

Witchmark
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Witchmark ist ein Buch, auf das ich ohne die Netgalley Lesechallenge wohl nicht aufmerksam geworden wäre. Im Fokus des Buches steht einerseits eine Art magische Kriminalgeschichte, bei der der Protagonist ...

Witchmark ist ein Buch, auf das ich ohne die Netgalley Lesechallenge wohl nicht aufmerksam geworden wäre. Im Fokus des Buches steht einerseits eine Art magische Kriminalgeschichte, bei der der Protagonist Miles Singer - der selbst magische Fähigkeiten besitzt - einen ungewöhnlichen Mordfall aufklären will. Die Art und Weise dieses Mordfalls hat mich sehr an Bücher wie "Die Flüsse von London" oder "Das Labyrinth von London" (resp. die Alex Verus Reihe) erinnert. Beide Bücher konnten mich nicht so richtig vom Hocker hauen und so erging es mir auch bei Witchmark, weshalb ich nun zur Überzeugung gelangt bin, dass magische Kriminalgeschichten wohl einfach nicht meins sind. Für Fans der beiden anderen Reihen - die es ja zum Glück zu genüge gibt! - kann ich aber Witchmark aber wärmstens empfehlen.

Neben dieser Kriminalgeschichte verbirgt sich andererseits noch mehr in Witchmark und zwar ein ziemlich komplexes Fantasy-Worldbuilding, bei dem ich bis zuletzt Mühe hatte, richtig zu verstehen, wie es funktioniert. Man wird von Anfang an mit Begriffen wie "Sekundäre" und "Sturmsänger" oder "Unsichtbare" konfrontiert, ohne so richtig zu wissen, was dahinter steckt. Und obwohl man insbesondere durch die Familienmitglieder von Miles und die Geschichte ihrer übernatürlichen Fähigkeiten nach und nach mehr über die Magie und ihre Hintergründe erfährt, hatte ich bis zum Schluss Mühe, das Gesamtbild zu sehen und alle Stränge zu einem logischen Ganzen zu verbinden. Ich weiss nicht, ob die Welt tatsächlich zu komplex ist oder ob es mir neben der Kriminalgeschichte einfach zu viel war, die ganzen magischen Hintergründe zu verstehen, aber irgendwie stand ich am Ende immer noch vor einer ganzen Reihe Fragezeichen.

Was mich im Buch sehr positiv überrascht hat, ist die (für mich) unerwartete LGBT+ Liebesbeziehung. Ich fand zwar die Entstehung der Beziehung etwas hastig, aber die Umsetzung der Gefühle und der Liebe der beiden gleichgeschlechtlichen Charaktere war äusserst authentisch umgesetzt und hat mich zu einem grossen Fan des Pairings werden lassen. Für diesen Aspekt gibt es von mir einen grossen Pluspunkt für das Buch.

Ansonsten verläuft der Plot eher ruhig und ist dadurch stellenweise etwas langatmig, endet dann aber in einem actiongeladenen Showdown, bei dem der Protagonist Miles eine ganz besondere Rolle übernimmt.

Fazit:
Witchmark ist eine Mischung aus einer magischen Kriminalgeschichte und einer komplexen Fantasywelt, die für mich leider nur schwer verständlich war. Ich bin vermutlich einfach nicht der Typ für diese Art von Büchern, kann es aber Fans von "Die Flüsse von London" oder "Das Labyrinth von London" weiterempfehlen. Das Buch war ganz okay, wird mir aber (bis auf die positiv hervorzuhebende LGBT+ Beziehung) vermutlich nicht so lange in Erinnerung bleiben, deshalb gibt es von mir 3,5 Sterne.

Veröffentlicht am 07.06.2019

Vorhersehbare Story & nervige Protagonistin

Outback Dreams. So weit die Liebe reicht
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- Achtung, enthält einen kleinen Spoiler - (Im Text markiert)
Ich muss ganz ehrlich sein: Dieses Buch habe ich ausschliesslich aufgrund des schönen Covers auf Netgalley angefragt und mich vorgängig gar ...

- Achtung, enthält einen kleinen Spoiler - (Im Text markiert)
Ich muss ganz ehrlich sein: Dieses Buch habe ich ausschliesslich aufgrund des schönen Covers auf Netgalley angefragt und mich vorgängig gar nicht so richtig mit dem Inhalt des Buches befasst, sondern es ganz unvoreingenommen begonnen. Der Einstieg in die Geschichte ist mir relativ einfach gefallen, denn der Plot ist sehr simpel und leicht verständlich. Positiv überrascht hat mich der Schauplatz des Buches, denn nach all den Contemporary Romanen, die in den USA spielen, war Australien mal eine nette Abwechslung.

Zu Beginn der Geschichte befindet sich die Protagonistin Willow aufgrund ihres Studiums noch in einer Grossstadt. Als sie erfährt, dass ihr Vater unter gesundheitlichen Problemen leidet, fährt sie wieder in ihre kleine, ländliche Heimatstadt zurück und übernimmt die familieneigene Farm. Durch ihre Rückkehr wird sie jedoch auch mit einem Ereignis aus ihrer Vergangenheit konfrontiert, das sie über zehn Jahre lang mehr oder weniger erfolgreich verdrängt hat. Auslöser dafür ist ihr Jugendfreund Tom, der in der Nachbarschaft eine Biofarm betreibt und dem sie gezwungenermassen wieder begegnen wird, nachdem der Abschied damals von Willows Seite her, sehr abrupt und herzlos stattgefunden hat. An dieser Stelle muss ich den ersten Kritikpunkt anfügen, denn ich finde, dieses ominöse Ereignis, das im Klappentext angedeutet wird, wird viel zu sehr aufgebauscht.
-- An dieser Stelle folgt der Spoiler -- Das Einzige, das sich vor einem Jahrzehnt zugetragen hatte war ein Annäherungsversuch von Tom, bei dem er versucht hat, Willow zu küssen, weil er sich in sie verliebt hatte. Und that's it. Willow ist kurze Zeit später für ihr Studium weggezogen und hat den Kontakt zu Tom komplett abgebrochen und das nicht etwa im Sinne einer Me-Too Aktion, weil Tom etwa zu übergriffig war, sondern weil er es wagen konnte, sich in sie zu verlieben. -- Spoiler Ende --
Tom hat ihr daraufhin während einem Jahr regelmässig Briefe geschrieben und sich auch mehrmals für den versuchten Kuss entschuldigt, doch Willow hat seine Briefe allesamt nie gelesen - bis zum gegenwärtigen Zeitpunkt. Denn kurz bevor sie in ihre Heimat zurückkehrt, hat sie den genialen Einfall, dass es an der Zeit ist, die Briefe zu lesen. Und diese zeigen ihr schmerzlich auf, wie sehr sie Tom eigentlich verletzt hat. Für mich als aussenstehende Leserin war Willows damalige Reaktion absolut überzogen und die Motive hinter dem Kontaktabbruch zu ihrem langjährigen besten Freund absolut unverständlich.
Doch Willows Verhalten wird im weiteren Verlauf nicht etwa nachvollziehbarer, sondern noch schlimmer. Nach ihrer Rückkehr dauert es nicht lange, bis sie mit Tom in Kontakt tritt. Der verhält sich ihr gegenüber (verständlicherweise!) anfänglich noch sehr kühl und distanziert, denn immerhin ist ihm Willow ZEHN Jahre lang wortlos aus dem Weg gegangen, und das obwohl er sich mehrfach entschuldigt hat. Sein Verhalten war also absolut angemessen und einleuchtend. Doch leider nicht für Willow, denn die scheint so egozentrisch zu sein, dass sie irritiert über Toms Reserviertheit ist und sich fast schon ungerecht behandelt fühlt. Ich weiss wirklich nicht, ob Willow so ichbezogen und wenig empathiefähig ist, dass sie kein Bewusstsein dafür hat, was sie mit ihrem Verhalten bei ihren Mitmenschen anrichtet, aber ich fand sie die ganze Zeit über leider naiv bis dümmlich und unglaublich unsympathisch. Dass Tom sich nach einer kurzen Eingewöhnungszeit sehr bald offenherziger und vor allem hilfsbereit zeigt, hat das Ganze nicht besser gemacht. Es hat nur gezeigt, was für ein herzensguter, rücksichtsvoller und lieber Mann er ist und was für eine Schreckschraube Willow im Vergleich ist. Man könnte ja annehmen, dass Willow damals einfach jung und dumm gewesen ist und aus ihren Fehlern gelernt hat, aber auch als Endzwanzigerin verhält sie sich nach wie vor total eigensüchtig. Ich kann nicht im Detail darauf eingehen, was ich damit meine, aber so viel sei verraten: Ich hatte ständig den Eindruck, dass sie Tom falsche Hoffnungen macht und ein toxisches "Heiss und Kalt"-Spiel mit ihm spielt und er ist leider so ein gutmütiger, liebenswerter Kerl, der immer wieder darauf reinfällt.

Nachdem das mein Hauptkritikpunkt vermutlich klar geworden ist - und zwar, dass ich die Protagonistin unglaublich unsympathisch und egozentrisch gefunden habe - gab es aber noch weitere Schwächen, die mich am Buch gestört haben. Zum einen fand ich den Storyverlauf sehr seicht und vorhersehbar. Eigentlich weiss man schon im Prolog, wie die Geschichte ausgehen wird. Zudem ist das Buch viel zu lang. Nach einem Viertel habe ich das Buch nur noch quergelesen, was zumindest etwas Tempo reingebracht hat, aber selbst so gab es nur wenig nennenswerte Ereignisse, die mich gepackt hätten. Die Autorin verschwendet sehr viel Zeit daran, auf wissenschaftliche Entwicklungen und die konkrete Umsetzung für Bio-Fleisch einzugehen und das hat mich leider überhaupt nicht interessiert und hätte gut und gerne stark gekürzt werden können. Der Schreibstil wäre okay gewesen, aber die Story hätte sich auch mit 300 Seiten erzählen lassen.
Fazit:
Eine seichte, vorhersehbare Contemporary Romance Geschichte, die bei mir vor allem aufgrund der egozentrischen, unsympathischen Protagonistin nicht punkten konnte. Einzig den Schauplatz einer ländlichen Gegend in Australien fand ich abwechslungsreich und interessant, aber das ist leider auch schon das Einzige, das mir Positiv in Erinnerung bleiben wird. Ich fand das Buch zu langgezogen und platt, deshalb kann ich nicht mehr als 2 Sterne vergeben.

Veröffentlicht am 02.06.2019

Am Ende bleibt ein logisches Ganzes leider aus

Quicksand: Im Traum kannst du nicht lügen
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Auf "Quicksand" bin ich nur aufmerksam geworden, weil ich mitbekommen hatte, dass aus dem Buch eine Netflix Serie gemacht wurde. Ich hatte mich vorgängig überhaupt nicht über den Inhalt des Buches informiert ...

Auf "Quicksand" bin ich nur aufmerksam geworden, weil ich mitbekommen hatte, dass aus dem Buch eine Netflix Serie gemacht wurde. Ich hatte mich vorgängig überhaupt nicht über den Inhalt des Buches informiert und mich völlig voreingenommen auf die Geschichte eingelassen. Und was soll ich sagen? Eine solche ernste Thematik hätte ich ehrlicherweise nicht erwartet und hat mich positiv überrascht. Erst vor kurzem habe ich die Verfilmung von "We need to talk about Kevin" gesehen, die sich ebenfalls mit dem Thema Amoklauf beschäftigt und vor allem die Folgen für die Angehörige(n) hervorhebt. Quicksand versucht einen ähnlichen Zugang und schildert die Gerichtsverhandlung der 18-jährigen Maja Norberg, die an einem Amoklauf in ihrer Schule beteiligt gewesen sein soll. Fokus der Handlung ist dabei nicht der Amoklauf an sich, sondern die Auseinandersetzung mit der Frage nach dem "Warum"? Viele Fragen sind zu Beginn des Buches noch ungeklärt und werden erst nach und nach enthüllt.

Die Handlung wird durch zwei Zeitstränge erzählt. Die Gegenwart schildert die Gerichtsverhandlung, durch die man als Leserin sehr schnell erfährt, was Maja vorgeworfen wird. Der andere Zeitstrang beschäftigt sich mit der Vergangenheit von Maja, insbesondere durch den Zusammenhang mit Sebastian, der der Haupttäter im Amoklauf gewesen sein soll. Besonders die Schilderung von Majas Vergangenheit soll dazu beitragen, zu verstehen, wie es überhaupt so weit kommen konnte, dass ihr Freund Sebastian in der Schule um sich geschossen hat und Maja ihn dabei angeblich sogar unterstützt hat. Da Maja diejenige war, die Sebastian schliesslich erschossen hat, ist ihre Rolle in dem ganzen Amoklauf zu Beginn noch klärungsbedürftig und lässt viel Raum für Spekulationen offen.


Diese Ausgangslage fand ich sehr spannend und ich war sehr neugierig, mehr über die Motive hinter der Tat zu erfahren. Auch die Idee mit den verschiedenen Zeitsträngen fand ich sehr geschickt, um die Spannung aufrecht zu erhalten und den Leser
innen nur häppchenweise Informationen zu liefern, ohne die Schuldfrage vorab zu verraten. Doch so vielversprechend das alles zu Beginn noch war, im Mittelteil hatte das Buch allmählich einen Durchhänger und ich hatte sogar den Eindruck, dass der rote Faden abhandengekommen war. Man erfährt zwar, wie Maja Sebastian kennengelernt hat und dass er sie alles andere als gut behandelt hat, aber trotzdem hat mir bis zuletzt eine Verbindung zur Tat gefehlt. Es war nicht so, als hatte ich zu irgendeinem Zeitpunkt den Eindruck, als würde sich ein Motiv oder der Plan für den Amoklauf abzeichnen und als der Zeitpunkt der Tat schliesslich erreicht wurde, wusste ich nicht mehr als vorher - abgesehen davon, dass Sebastian (wer hätte es gedacht) psychische Probleme hatte und er Maja wie den letzten Dreck behandelt hat. Trotz all dem was er ihr angetan hat, blieb sie an seiner Seite, weil sie den impliziten Druck von aussen gespürt hat, dass sie ihn nicht verlassen und mit seinen Problemen allein lassen dürfe. Dieser Druck war für mich als Leserin aber überhaupt nicht spürbar. Es kommt ab und zu vor, dass sich in solchen dysfunktionalen Beziehungen eine Abhängigkeit des Opfers gegenüber dem Täter entwickelt, aber selbst die war für mich von Seiten von Maja zu keinem Zeitpunkt spürbar. Vielleicht lag das aber insgesamt auch einfach daran, dass der Schreibstil der Autorin wenig Emotionen rübergebracht hat und mir der Tiefgang der Charaktere gefehlt hat. Gerade bei Maja hatte ich das Gefühl, dass sie die ganze Zeit über gesichtslos geblieben ist. Sie hat innerhalb weniger Tage so viel durchgemacht, das doch bestimmt mal irgendeine Emotion hätte auslösen sollen: Ärger, Wut, Trauer, Schock, Angst... Aber davon kam absolut gar nichts bei mir an und die Erzählweise wirkte sehr nüchtern und gefühllos.

Insgesamt wirkte auf mich die Story am Ende nicht rund und teilweise sehr konstruiert. Nicht jedes Verbrechen lässt sich mit einem logischen Motiv erklären, aber hier hat mir die Verbindung der beiden Zeitebenen fast gänzlich gefehlt. Es ging sogar soweit, dass mich die Schilderungen aus Majas Vergangenheit stellenweise fast schon ein wenig gelangweilt haben, da für mich vieles nicht relevant für das eigentliche Thema des Buches war: Den Amoklauf.


Fazit:

Das Buch behandelt das sehr ernste Thema eines Amoklaufs, das sich unter anderem der Frage nach dem Warum widmet. Um dies zu erklären, taucht man als Leser*in in die Vergangenheit der Protagonistin ein und erfährt, was sie vor der Tat alles erlebt hat und wie es dazu gekommen ist, dass sie nun vor Gericht steht. Was eine vielversprechende Grundlage für einen spannenden Thriller darstellt, wurde letztendlich aber leider nicht gut umgesetzt. Die Charaktere blieben bis zuletzt sehr emotionslos und blass und die Verknüpfung der beiden Zeitebenen zu einem logischen Ganzen ist in meinen Augen nicht gelungen. Daraus hätte man sicher viel mehr machen können, deshalb kann ich nur durchschnittliche 3 Sterne vergeben.