Roman | Feministischer und wütender Gesellschaftsroman, der dem Schweigen und der Sprachlosigkeit etwas entgegensetzt | Für Fans von Mareike Fallwickl und Ruth Maria Thomas
Diese Geschichte beginnt in einem Sommer, kurz bevor das, was die Erwachsenen mit dem wirklichen Leben meinen, für Natascha eigentlich so richtig losgehen sollte. In Glanitz, einem kleinen Ort in der Provinz, findet das Leben für sie und ihre Freunde zwischen Fußballplatz, Bushaltestellenhäuschen und Jahrmarkt statt. Immer dabei ist die Hand, wie Natascha ihn nennt. Die Hand, die auf ihrem Oberschenkel lauert wie ein Fisch, die ungefragt vordringt, während sich der Himmel von Nachtblau zu Frühmorgenblau färbt und alle besoffen sind.
Fünf Jahre später hat Natascha die Enge ihres Heimatortes verlassen und lebt mit ihrer Wahlfamilie in einer besetzen Knopffabrik. Hier wird Natascha zu Nao, hier gibt es keine Vergangenheit, keine Hierarchie, kein »Er« und kein »Sie«, hier gibt es nur »Wir«. Doch die Erinnerungen an ihre Jugend lassen sie nicht los, und so beginnt eine Suche, bestimmt von dem Drang, sich die Deutungsmacht über das Geschehene zurückzuerobern. Unmittelbar, schonungslos und mit großer Dringlichkeit erzählt Ann Esswein von Ohnmacht, Scham und dem Unbehagen, für das es in der Jugend keine Worte gab.
»Ann Essweins Figuren erzählen von dem Zusammensetzen fragmentierter Erinnerungen, dem einsetzenden Begreifen, der Wut und Rückeroberung der Worte.« Res Sigusch
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Jahre ohne Sprache | Ann Esswein | Ecco | 192 Seiten | ⭐️⭐️⭐️⭐️⭐️
Jahre ohne Sprache ist eine Geschichte, über eine junge Frau, der die Worte fehlen für das, was ihr in der Jugend passiert ...
✨ Rezension ✨
Jahre ohne Sprache | Ann Esswein | Ecco | 192 Seiten | ⭐️⭐️⭐️⭐️⭐️
Jahre ohne Sprache ist eine Geschichte, über eine junge Frau, der die Worte fehlen für das, was ihr in der Jugend passiert ist. Wir begleiten die Protagonistin in der Gegenwart, wo sie mit anderen Menschen in einer Knopffabrik lebt. Gemeinsam schlagen sie sich durch, unterstützen sich, aber hinterfragen sich dabei nicht.
In Rückblicken kommen wir langsam all den Erlebnissen näher, die Nataschas Leben geformt haben. Man versteht ihre Struggle dabei immer besser, aber nie ist es die ganze Geschichte. Immer bleibt auch Raum für eigene Interpretationen und Gefühle.
Für mich hat sich dabei auch der Horizont erweitert, denn es gibt Einblicke in Lebensrealitäten, die mir fremd sind. Wohnungslosigkeit und Armut, sowie diese Wortlosigkeit, weil man das Erlebte nicht verarbeiten konnte. Flashbacks und Fantasien, die immer konkreter werden ziehen sich dabei durch die Geschichte und werden zum Ende immer dichter.
Von mir eine Empfehlung für diese leise aber bedeutungsschwere Geschichte.
„Jahre ohne Sprache“ von Ann Esswein ist ein Roman über weibliche Wut und darüber, wie sie entsteht.
Von der ersten Seite an liegt eine spürbare Anspannung in der Hauptfigur Natasha, die in jungen Jahren ...
„Jahre ohne Sprache“ von Ann Esswein ist ein Roman über weibliche Wut und darüber, wie sie entsteht.
Von der ersten Seite an liegt eine spürbare Anspannung in der Hauptfigur Natasha, die in jungen Jahren missbraucht wurde. Sie ist leise, unsicher, angepasst. Ein typisches „braves Mädchen“, das gelernt hat zu schweigen. Doch unter dieser Oberfläche wächst etwas: Wut. Nicht plötzlich oder plakativ, sondern schleichend.
Was dieses Buch stark macht, ist der Fokus jenseits des eigentlichen Täters. Esswein zeigt unmissverständlich dass sexualisierte Gewalt nicht mit der Tat endet. Die eigentlichen Brüche entstehen oft später bspw. durch Mitwisser, Wegsehen und Schweigen. Durch Eltern, die Täter prägen. Durch eine Mutter, die nie schützt. Und auch durch das Opfer selbst, das gelernt hat, sich klein zu machen, um zu überleben.
Die Charakterentwicklung von Natasha ist konsequent und unbequem. Vom verschüchterten Mäuschen zur Figur, die sich ihr Leben zurückholt ob man diesen Weg als Emanzipation oder als Rache liest, bleibt dabei bewusst offen. Genau darin liegt die Stärke des Romans: Er moralisiert nicht, er erklärt.
„Jahre ohne Sprache“ ist ein wütendes Buch. Ein notwendiges. Wer verstehen will, wie Female Rage als Reaktion auf systemisches Versagen entsteht sollte diesen Roman lesen.
Kurz gesagt: Kein leichter Stoff. Keine falsche Empathie. Aber literarisch überzeugend und thematisch auf den Punkt.
Viele kluge und zugleich wütende Worte für eine Tat, die sprachlos macht - genau damit konfrontiert uns 'Jahre ohne Sprache' von Ann Esswein. Und plötzlich werden Worte gefunden. Worte, von denen jeder ...
Viele kluge und zugleich wütende Worte für eine Tat, die sprachlos macht - genau damit konfrontiert uns 'Jahre ohne Sprache' von Ann Esswein. Und plötzlich werden Worte gefunden. Worte, von denen jeder weiß, wie lebenswichtig sie sind.
Wir begleiten Nao, in einem früheren Leben Natascha, auf ihrem Weg aus einer erdrückende Sprachlosigkeit. Ihre neu gewählte Familie trägt sie dabei - Menschen, die ein unkonventionelles Leben führen, jenseits von Regeln, Mietverträgen, Geschlechterrollen und Hierarchien. Hier sind alle gleich, und doch verarbeitet jeder seine Vergangenheit auf so unterschiedliche Art und Weise.
Nao erinnert sich nur an eine Hand. An die Hand, die Dinge mit ihr tat, die sie nicht wollte, die Grenzen überschritt. Und an ihren besten Freund Luki - sowie an die unbegreifliche Entfremdung nach jenem Abend.
Ann Esswein lädt uns tief in Naos Gedankenwelt ein und lässt dabei bewusst Raum für eigene Empfindungen und Interpretationen. In Flashbacks erfahren wir Stück für Stück von dem Leben einer jungen Frau, der über Jahre hinweg die Worte fehlten - einer Frau, die von gesellschaftlichen Mechanismen zum Verstummen gebracht wurde.
Ich konnte und wollte dieses Buch kaum aus der Hand legen.
Ich empfehle euch: Lest diesen ruhigen und zugleich enorm bedeutungsschweren Roman - und lasst ihn auf euch wirken.
Als ich die Vorschauen für das Frühjahr 2026 gesichtet habe, ist mir aufgefallen, dass gefühlt jeder zweite Roman, der sich an eine vornehmlich junge, weibliche Zielgruppe richtet, mit dem Hinweise „für ...
Als ich die Vorschauen für das Frühjahr 2026 gesichtet habe, ist mir aufgefallen, dass gefühlt jeder zweite Roman, der sich an eine vornehmlich junge, weibliche Zielgruppe richtet, mit dem Hinweise „für Leserinnen von Ruth Maria Thomas“ gekennzeichnet ist.
Auch in der Herbstvorschau des Ecco Verlags findet sich neben „Jahre ohne Sprache“ dieser Vermerk.
Ich persönlich finde diese Vergleiche wenig hilfreich bis blöd, da doch jeder Roman als eigenes unvergleichliches Werk angesehen werden sollte, das es sich zu entdecken lohnt. Aber vielleicht hilft es wirklich in der Masse der Neuerscheinungen als grobe Orientierung, die Inhalte thematisch einzuordnen.
Dann ja, thematisch erkenne ich durchaus Ähnlichkeiten zwischen „Die schönste Version“ von Ruth Maria Thomas und „Jahre ohne Sprache“ von Ann Esswein, auch wenn ich die Herangehensweise und den Schreibstil beider Autorinnen ziemlich unterschiedlich finde.
Beide Romane sprechen davon, wie schnell für junge Frauen die Unbeschwertheit der Jugend enden kann, wenn ihre Körper das erste Mal von Männern für die ausschließlich eigene sexuelle Befriedigung rücksichtslos konsumiert werden. Und von der Verstörung und der Scham, die danach bleiben.
Ann Esswein hat dafür in „Jahre ohne Sprache“ einen fragmentarischen Erzählstil gefunden, der gut zu den fragmentierten Erinnerungen ihrer Erzählerin passt.
Natascha, die Ich-Erzählerin, wächst in einem typischen, kleinen Ort in der Provinz auf.
Als Erwachsene hat sie das Dorf längst verlassen und sich einer Art alternativen Kollektiv angeschlossen, das sich in einer alten und leerstehenden Knopffabrik angesiedelt hat. Aus Natascha wird dort Nao. Doch immer wieder hat sie Flashbacks an »Ein Ereignis ohne Titel«, das sie in ihrem letzten Sommer in ihrem Heimatdorf erlebt hat.
Esswein beschreibt den langen Prozess ihrer Erzählerin, bis sie diese Zeit, auch mit Hilfe anderer, einordnen kann. Die Einordnung ist aber nur der erste kleine Schritt. Wie kann sie eine Sprache dafür finden und das Erlebte verarbeiten?
“Ich wünschte, mein Ich wäre eine Insel, auf der auch ab und zu die Vögel zwitschern, auf der eine milde Brise weht und es hell ist. Aber mein Ich in diesen Tagen ist so düster wie das Erdinnere.”
Auch in dem Roman von Ann Esswein schmerzt mich diese Konfrontation mit einer Jugend und einem Umfeld, das mir und wahrscheinlich vielen anderen Frauen* viel zu vertraut und zu bekannt vorkommt, als ich es gerne hätte. Umso mehr freut mich die Tatsache, dass Esswein eine Autorin ist, die ebenfalls mit der nostalgischen Verklärung der Jugendzeit bricht und einen Ausdruck dafür findet, was viel zu oft verschwiegen und verdrängt wird.
Mir persönlich hat dieser Aspekt des Romans sehr, sehr gut gefallen, und ich fand es super gelungen, wie Esswein allmählich in die Vergangenheit und die Erinnerungen ihrer Erzählerin vordringt. Weniger gut und stimmig fand ich die Beschreibung der Wahlfamilie in der Knopffabrik. Dieses Setting und die Figuren schrien mir zu offenkundig „Schreibwerkstatt made me do it“, aber das liegt vielleicht einfach an meinem zynischen Mindset.
Ich denke, ich möchte mir jetzt gerne noch den Debütroman „Mimikry“ der mehrfach ausgezeichneten Journalistin näher anschauen!
Der Einstieg in die Geschichte fiel mir zunächst schwer, es spielt in mehreren Ebenen und die handelnden werden nur ganz leicht umschrieben. Auch die Vergangenheit der Protagonistin wird nur angehaucht, ...
Der Einstieg in die Geschichte fiel mir zunächst schwer, es spielt in mehreren Ebenen und die handelnden werden nur ganz leicht umschrieben. Auch die Vergangenheit der Protagonistin wird nur angehaucht, diese ist jedoch für ihr heutiges Sein maßgeblich und führte zu ihrem Verlust der Stimme. Es gibt ein paar Fragmente im Buch, die wiederkehrend waren und mich durch das Buch geleitet haben , so zum Beispiel Hand, die Uhrzeit 18:44, wodurch ich mich dann doch noch einfinden konnte.
Als ich dann mal drin war, wollte ich es gar nicht mehr weglegen und habe es fast am Stück verschlungen.
Trotz der reduzierten Sprache, konnte mich das Buch emotional erreichen und auch das Schweigen hat eine gewisse Wucht mitgebracht.
Die Themen Verlust, Machtverhältnisse und Abhängigkeiten waren gut in die Geschichte eingearbeitet und sprachlich war es wirklich sehr besonders.
⭐️ F A Z I T
Ein leises und trotzdem intensives Buch, das mich berührt hat und sicher noch weiter in mir nachwehen wird!