Cover-Bild Fräulein Hedwig
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25,00
inkl. MwSt
  • Verlag: Diogenes
  • Themenbereich: Belletristik - Belletristik: zeitgenössisch
  • Genre: Romane & Erzählungen / Sonstige Romane & Erzählungen
  • Seitenzahl: 336
  • Ersterscheinung: 22.10.2025
  • ISBN: 9783257073508
Christoph Poschenrieder

Fräulein Hedwig

Hedwig ist eine unverheiratete Frau, die auf dem Land als Grundschullehrerin arbeitet. Doch schon in jungen Jahren meldet sie sich immer häufiger krank. Der Pfarrer sieht in ihr eine verirrte Seele, der Arzt eine Nervenkranke – und die Familie versteht sie nicht. Hedwig führt ein stilles, einsames Leben an der Zeitenwende vom 19. zum 20. Jahrhundert. Umso mehr verstören ihre Ausbrüche die Menschen um sie herum. Unter der NS-Diktatur schließlich ist sie als psychisch kranke Frau ihres Lebens nicht mehr sicher.

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Lesejury-Facts

  • Ritja und Alrik haben dieses Buch in einem Regal.
  • Alrik hat dieses Buch gelesen.

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 05.12.2025

Wenn die Stille schreit

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Schon auf den ersten Seiten fühlt sich dieses Buch an wie ein leises Grummeln im Ohr — ungefähr so, als würde jemand im Nebenzimmer einen alten Schrank aufmachen und vergessene Geschichten herausstauben. ...

Schon auf den ersten Seiten fühlt sich dieses Buch an wie ein leises Grummeln im Ohr — ungefähr so, als würde jemand im Nebenzimmer einen alten Schrank aufmachen und vergessene Geschichten herausstauben. Hedwig ist keine Heldin im klassischen Sinn; sie ist eine Frau, die in den Ritzen der Zeit steckt, und genau das macht sie so elektrisierend. Christoph Poschenrieder beschreibt ihr Leben als Grundschullehrerin auf dem Land mit einer Beobachtungsgabe, die gleichzeitig zärtlich und messerscharf ist. Da ist dieses ständige Missverstehen: der Pfarrer, der Arzt, die Familie — alle haben ihre Diagnose parat, aber niemand hört wirklich zu. Das schmerzt. Und ja, manchmal muss man schlucken, weil die stille Wucht der Szenen einen erwischt, wenn man gerade denkt, man hätte den Ton erfasst.

Die Sprache ist unaufgeregt, aber nie kalt; sie hat diese trockenen, fast ironischen Spitzen, die mich lächeln lassen mussten, obwohl mir das Herz schwer wurde. Kleine Alltagsdetails — ein Schulranzen, ein verstaubtes Muster im Tapetenstoff, eine Telefonstimme — werden zu Fenstern in Hedwigs Innenwelt. Besonders stark: wie die Geschichte die Zeitenwende ins Bild setzt, ohne kitschig zu werden. Dann kommt die finstere Wendung unter der NS-Diktatur, und plötzlich wird aus dem Familiendrama ein Riesenproblem der Ohnmacht. Gradlinig erzählt, doch mit überraschenden Seitenblicken auf menschliche Verletzbarkeit.

Kurz gesagt: kein Wohlfühlbuch, aber eines, das nachklingt. Wer Sprache mag, die nicht laut sein muss, und Figuren, die innerlich kämpfen, findet hier einen Roman, der beides zusammenbringt — Humor, der aus Bitterkeit wächst, und Momente von echter Traurigkeit. Für mich: unbedingt lesen.

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Veröffentlicht am 15.11.2025

Rekonstruktionsversuch eines Lebens anhand weniger Quellen

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"Fräulein Hedwig" war die Großtante von Christoph Poschenrieder. Selbst ist der Autor 1964 geboren, während sie nur bis zu den 1940er-Jahren lebte - persönlich hat er sie also nicht mehr kennen gelernt. ...

"Fräulein Hedwig" war die Großtante von Christoph Poschenrieder. Selbst ist der Autor 1964 geboren, während sie nur bis zu den 1940er-Jahren lebte - persönlich hat er sie also nicht mehr kennen gelernt. Hedwig hatte eine Schwester Marie, und zwei Brüder, einer von letzteren der Großvater des Autors. Marie wiederum hat sich viel um die ältere, psychisch erkrankte Schwester gekümmert, und nach deren Tod damit begonnen, die Familiengeschichte aufzuschreiben - ein Vorhaben, das unvollendet geblieben ist.

Basierend auf Maries Notizen und eigenen Quellenforschungen versucht der Autor nun, in diesem Buch das Leben seiner Großtante Hedwig nachzuzeichnen. Wir finden Auszüge aus ihren Krankenakten, Bittbriefe der Mutter an das Staatsministerium um finanzielle Unterstützung nach dem frühen Tod des Familienvaters, Briefe von anderen Familienangehörigen und eben Maries unvollendete Familiengeschichte. Sehr sorgfältig und behutsam legt der Autor diese Quellen offen und nimmt dazu Stellung, was wir wissen können, was wir vermuten können und was im Dunkeln bleibt.

So entsteht das Bild einer sehr intelligenten, aber auch sensiblen, eher introvertierten jungen Frau, für die schon früh die damals so verbreitete ausschließliche Rolle der Gattin und Mutter nicht so recht zu passen schien, die musikalisch interessiert war und gerne Musikerin geworden wäre, als Mädchen auch nicht studieren durfte, und von ihrer Mutter gedrängt wurde, Lehrerin zu werden. Eine besondere Berufung zu dieser Tätigkeit scheint Hedwig vermutlich nicht verspürt zu haben und es muss für sie herausfordernd, überwältigend und zugleich einsam gewesen sein, als in der Stadt Aufgewachsene erst einmal am Land als Hilfslehrerin für über 40 Kinder in einem Raum zuständig zu sein. So bricht auch in ihren 20ern zum ersten Mal klar sichtbar ihre bipolare Erkrankung aus, sie muss immer längere Krankenstände nehmen und Zeit in Kliniken verbringen. Ein "Fräulein" wird sie ihr Leben lang bleiben, denn sie heiratet nie.

Dem guten sozialen Status der Familie ist es zu verdanken, dass man sich in den Kliniken erstmal sehr um sie bemüht, sie hat auch ein geräumiges Einzelzimmer, es gibt schöne Parklandschaften zum Spazieren-Gehen und die Familie weiß Hedwig dort erst einmal gut versorgt, auch wenn sie sich Sorgen macht. Vielleicht hat es auch damit zu tun, dass in späteren Jahren die Gefahr, die im Dritten Reich von diesen Kliniken ausging, als menschenverachtendes Gedankengut schon längst weit verbreitet war, von den Verwandten nicht gesehen wurde.

Insgesamt ist das Buch ein interessantes Porträt einer intelligenten Frau, die viel Potential gehabt hätte, das sie unter den gegebenen Umständen nicht leben konnte. Ich habe es sehr gerne gelesen, vor allem mit dem Fokus auf "Was können wir wissen?" und "Wie können wir uns anhand spärlicher Quellen ein Bild von einer verstorbenen Verwandten zu machen versuchen?".

Wer sich hier aber einen spannend geschriebenen Roman erwartet, ist mit diesem Buch nicht gut beraten. Es ist eben sehr nah an den Quellen erzählt und diese Quellen sind spärlich, das reicht insgesamt für einen großen Spannungsbogen oder viel Unterhaltungswert nicht aus. Es ist ein stilles, ruhiges Buch, das zum Nachdenken anregt, aber auch aufzeigt, wie viele weiße Löcher in einer Geschichte bleiben, wenn jemand schon länger tot ist und es nicht mehr viele erhaltene Quellen gibt.

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Veröffentlicht am 04.01.2026

Konnte mich leider nicht einfangen

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Bisher mochte ich die Bücher von Christoph Poschenrieder gern. Deshalb hatte ich mich auch auf den neuen Roman von ihn gefreut. Die Geschichte klang interessant und da der Autor auch einen schönen Schreibstil ...

Bisher mochte ich die Bücher von Christoph Poschenrieder gern. Deshalb hatte ich mich auch auf den neuen Roman von ihn gefreut. Die Geschichte klang interessant und da der Autor auch einen schönen Schreibstil hat, konnte eigentlich fast nichts schiefgehen. Aber leider nur fast.

Mit sehr wenigen Fakten und Informationen versucht der Autor das Leben von Hedwig Poschenrieder nachzuvollziehen. Man merkt das er nicht so viel Material hat. Er wiederholt sich und springt zudem immer wieder zwischen den Zeiten und Personen hin und her. Für mich war es dadurch schwierig in die Geschichte einzutauchen. Ich konnte zu keiner Person eine gute Verbindung aufbauen und so kämpfte mich leider durch die Seiten. Der geschichtliche Hintergrund war beklemmend, traurig, unfassbar. Man spürt, dass ihm das Schicksal von Hedwig nahe geht, aber durch die fehlenden Informationen entstand leider kein klares Bild von Hedwig.

Für mich waren die geschichtlichen Fakten ein Grund das Buch auszulesen. Der Aufbau hat mich diesmal leider nicht so richtig überzeugt. Schade.

Veröffentlicht am 29.11.2025

Die Rekonstruktion eines Frauenlebens

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In Fräulein Hedwig erzählt der Autor Christoph Poschenrieder die Geschichte seiner Familie, mit dem Fokus auf dem Schicksal seiner Großtante Hedwig, die in der NS Diktatur in einer Nervenheilanstalt der ...

In Fräulein Hedwig erzählt der Autor Christoph Poschenrieder die Geschichte seiner Familie, mit dem Fokus auf dem Schicksal seiner Großtante Hedwig, die in der NS Diktatur in einer Nervenheilanstalt der Euthanasie zum Opfer fiel.

Mehr als eine Biografie ist der Roman der Versuch einer Rekonstruktion. Ausgehend von wenigen alten Dokumenten und Fotos, sowie Aufzeichnungen seiner anderen Großtante und Hedwigs Schwester Marie, die sich als Chronistin der Familie begriffen hat, versucht der Autor die Familiengeschichte und insbesondere Hedwigs Weg und Lebenswelt nachzuvollziehen.

Die Geschichte war für mich inhaltlich interessant, vermittelt sie doch die Lebenswelt insbesondere der starken Frauen der Familie über zwei Generationen bis zum Zweiten Weltkrieg und zeigt dabei am Beispiel Hedwigs den Umgang mit psychischen Erkrankungen nachvollziehbar auf.

Grundsätzlich ist die Erzählung flüssig geschrieben. Inhaltlich, stilistisch und sprachlich, störten mich jedoch die persönlichen und zuweilen wenig qualifiziert wirkenden Anmerkungen des Autors, wonach beispielsweise der März ein überflüssiger Monat sei, den niemand vermissen würde oder welche Vorstellungen dieser so „lustig“ findet. Auch seine Einschätzung eines jungen Paares mit 29 bzw. 28 Jahren wäre streitbar für die Epoche, angesichts einer durchschnittlichen Lebenserwartung um die 50 Jahre. Gerade in diesen Passagen wird der Ausdruck auch eher flapsig, was stilistisch einen für mich nicht willkommenen Bruch darstellte. Insgesamt ist das Erzählen eher weitschweifig und hatte für mich einige Längen. Dies liegt auch daran, dass trotz des Fokus auf Hedwig und zahlreicher Deutungen angesichts der Lücken im Material, für mich eine große Distanz zu den Figuren blieb, da auch die Ausdeutungen zu oft an echter Nähe mangeln. Mit einem ähnlichen Projekt beschäftigt sich auch Henning Sussebach in Anna oder was von einem Leben bleibt. Stilistisch fand ich diesen Roman bei ähnlichem Inhalt und vergleichbaren Herausforderungen angesichts großer Lücken im Material wesentlich gelungener und emphatischer.

Ich würde den Roman daher primär Fans des Autors empfehlen, die mit seinem Schreiben vertraut sind und dies schätzen. Von mit gibt es 3 Punkte für das anspruchsvolle, umfangreiche Projekt und den Versuch ein vergessenes Frauenleben zu würdigen.

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