Ideen zum Verlieben, Sätze zum Verzweifeln
Einstieg und Erwartungen
Ich bin sehr freudig in diese Geschichte hineingestartet. Ich hatte mir im Vorfeld kaum etwas über das Buch durchgelesen, sondern wollte mich einfach von der Geschichte berieseln ...
Einstieg und Erwartungen
Ich bin sehr freudig in diese Geschichte hineingestartet. Ich hatte mir im Vorfeld kaum etwas über das Buch durchgelesen, sondern wollte mich einfach von der Geschichte berieseln lassen. Thematisch hat mich Musenrausch sofort angesprochen: griechische Mythologie, Kreativität, Musen und Kunst, das klang für mich nach einem ruhigen, cosy Fantasyroman mit magischen Elementen.
Doch tatsächlich hat mich der Einstieg überrascht. Statt einer sanft aufbauenden Geschichte wurde ich direkt mit Spannung, Action und einer unerwartet rasanten Entwicklung konfrontiert. Das hat mich zwar überrascht, aber auch positiv eingenommen – ich mag es, wenn ein Buch mich aus meiner Erwartungshaltung reißt.
Schreibstil und Perspektiven
Das Buch wird aus mehreren Perspektiven erzählt, wobei Wanda ganz klar im Zentrum steht. Sie ist die Hauptprotagonistin und hat den größten Anteil. Es gibt zwei weitere Nebencharaktere, die nur einzelne Kapitel bekommen, sowie eine Figur, die etwas häufiger zu Wort kommt. Trotzdem bleibt der Fokus deutlich auf Wanda, was ich grundsätzlich positiv fand, weil man sich stärker in sie hineinversetzen kann. Die anderen Perspektiven fühlten sich eher wie kleine „Bonbons“ an, eine Belohnung zwischendurch, die kurz Abwechslung bringt, aber nie die Hauptlinie verlässt.Trotz der verschiedenen Erzählebenen konnte ich leider zu keinem der Charaktere wirklich eine emotionale Verbindung aufbauen. Zwar wird das Buch komplett in der Ich-Perspektive erzählt, was eigentlich Nähe schafft, aber hier blieb diese Distanz bestehen.
Der Schreibstil selbst war für mich die größte Herausforderung. Schon auf den ersten Seiten fiel mir auf, dass die Autorin extrem viele Kommas und Nebensätze verwendet, oft in einer Form, die den Lesefluss massiv stört. Häufig folgen aufeinander verschachtelte Konstruktionen mit „hätte“, „würde“ und mehreren Einschüben, die nur lose mit dem Hauptsatz verbunden sind. Das führte dazu, dass ich viele Passagen mehrfach lesen musste, um sie wirklich zu verstehen und das, obwohl ich Deutsch-Muttersprachlerin bin.
Ich hatte stellenweise den Eindruck, dass manche Sätze grammatikalisch nicht ganz korrekt oder zumindest sehr ungewöhnlich formuliert waren. Besonders in Dialogen kam ich kaum hinterher, weil sie für mich unnatürlich wirkten. Erst auf den letzten 50 Seiten wurde der Stil für mich deutlich flüssiger und verständlicher, fast so, als hätte sich etwas im Schreibprozess der Autorin verändert.
Ein weiterer Punkt: Die Kapitelstruktur. Anfangs waren die Kapitel angenehm kurz (rund zehn Seiten), später wurden sie deutlich länger – teilweise bis zu 24 Seiten. Dadurch zog sich das Lesen für mich sehr. Ich konnte oft nur ein Kapitel pro Abend schaffen, was bei der sprunghaften Handlung schnell dazu führte, dass ich den Anschluss verlor. Für mich war der Lesefluss dadurch stark beeinträchtigt.
Welt, Setting und Atmosphäre
Besonders reizvoll fand ich, dass Musenrausch in Deutschland, genauer gesagt in Hamburg, spielt. Ich war selbst schon dort und konnte mir einige Orte direkt vorstellen. Das hat der Geschichte einen spannenden Wiedererkennungswert gegeben. Die Kombination aus der Realität, und dem Fantastischen, hat mich zu Beginn richtig begeistert. Für mich war das eine schöne Atmosphäre.
Allerdings verlor sich dieses Gefühl nach etwa 50 bis 100 Seiten. Die Handlung wurde zunehmend sprunghaft. Es gibt Portalreisen, magische Orte, neue Welten, aber der rote Faden, wo wir uns gerade befinden oder warum, ging für mich verloren. Ich konnte mir die Szenen kaum noch bildlich vorstellen. Anfangs noch klar und greifbar, verwandelte sich das Setting später in eine Art leerer Raum in meinem Kopf, in dem einfach Dinge passieren, ohne dass ich sie verorten konnte.
Das lag vermutlich daran, dass die Übergänge zwischen Szenen zu abrupt waren und sich keine stabile räumliche Orientierung etablieren konnte. Dadurch blieb das Worldbuilding trotz spannender Ideen oberflächlich.
Ideen, Themen und mythologische Elemente
Was ich Musenrausch absolut zugutehalten muss, ist seine Kreativität. Die Grundidee, sich auf die Musen aus der griechischen Mythologie zu konzentrieren, insbesondere auf eine neu gedachte Muse der malerischen Künste –, fand ich faszinierend. Dieser kreative Ansatz hebt das Buch klar von anderen mythologischen Fantasyromanen ab.
Auch die Verknüpfung von Mythologie mit moderner Welt, die Verbindung zwischen Künstlern und Musen, und die Idee, dass kreative Menschen quasi inspiriert oder berührt von göttlicher Energie sind, all das hat mich sehr begeistert.
Doch leider blieb die Umsetzung hinter dem Potenzial zurück. Viele mythologische Wesen werden eingeführt, aber kaum erklärt. Zwar gibt es ein Glossar, was hilfreich ist, doch im Lesefluss erfährt man oft nicht, was diese Wesen wirklich ausmacht oder welche Fähigkeiten sie besitzen. Erst auf den letzten Seiten wird manches klarer. Dadurch wirkten viele der Figuren wie leere Hüllen, sie sind zwar da, aber ohne greifbaren Hintergrund.
Dasselbe gilt für die Artefakte, die im Buch eine wichtige Rolle spielen. Das Thema ist spannend und originell, aber zu wenig ausgebaut. Man spürt, dass hier viele gute Ideen vorhanden sind, die jedoch nicht konsequent vertieft wurden.
Charaktere und Entwicklung
Wie gesagt, Wanda steht im Mittelpunkt, doch trotz der Ich-Perspektive blieb sie für mich distanziert. Ich konnte weder ihre Gefühle noch ihre Handlungen wirklich nachvollziehen. Zwei Nebencharaktere fand ich interessanter, aber sie bekamen zu wenig Raum, um sich zu entfalten. Auch zu Neo, der Muse, konnte ich keine echte Verbindung aufbauen.Wandas Charakterentwicklung war für mich ebenfalls nicht nachvollziehbar. Sie beginnt als gewöhnlicher Mensch und steht am Ende götterähnlichen Wesen gegenüber, mit magischen Kräften, die aus dem Nichts zu kommen scheinen. Ohne Training oder Vorbereitung wirkt das schon sehr unglaubwürdig.
Zwischen Wanda und Neo entwickelt sich eine leichte Romanze, die zwar stellenweise schön und poetisch beschrieben ist, mich aber emotional nicht abgeholt hat. Ihre Chemie wirkte nicht greifbar, und der Aufbau dieser Beziehung hat mich nicht überzeugt. Besonders schön fand ich, dass beide scheinbar bisexuell sind, da sie in ihrer Vergangenheit jeweils Personen des anderen Geschlechts geliebt haben, das wurde angenehm selbstverständlich und ohne großes Aufsehen in die Geschichte eingeflochten.
Gegen Mitte des Buches tauchen plötzlich neue Figuren auf, ohne klare Einführung, ohne nachvollziehbaren Grund. Sie sind einfach da und sollen offenbar wichtig sein. Das hat mich völlig rausgebracht. Obwohl ihre spätere Dynamik schön beschrieben ist, fehlte mir der Weg dahin, der sie plausibel macht.
Handlung, Spannung und Struktur
Die ersten 200 Seiten haben mich trotz Schreibstilproblemen gut unterhalten. Es gab einen klaren Spannungsbogen, und ich war neugierig, wie sich alles entwickelt. Doch danach verlor die Handlung ihren roten Faden. Zwischen Seite 200 und 350 wusste ich oft nicht, warum etwas geschieht, was die Figuren antreibt oder worauf das Ganze hinausläuft. Ich hatte Mühe, die Handlung im Kopf zu behalten, besonders wenn ich nur kurze Lesesessions hatte. Es fehlte eine emotionale Ankerlinie, die mich durch das Buch trägt.
Erst auf den letzten 80 Seiten fand ich wieder in die Geschichte hinein. Hier wird es actionreicher, der Schreibstil klarer und dynamischer. Die Autorin konzentriert sich endlich auf das Wesentliche. Das Finale ist spannend, verständlich und macht tatsächlich neugierig auf den zweiten Teil, auch wenn ich selbst unsicher bin, ob ich weiterlesen werde.
Positiv fand ich außerdem, dass nicht alles glatt läuft: Die Figuren scheitern, machen Fehler, müssen Umwege gehen. Das bringt Authentizität in die Handlung und hebt das Buch von typischen „Alles gelingt sofort“-Fantasygeschichten ab.
Kritik & Fazit
Musenrausch ist ein Buch voller großartiger Ideen, aber leider mit einer eher holprigen Umsetzung.
Der Schreibstil ist kompliziert, überladen und oft schwer verständlich. Das Worldbuilding verliert sich im Chaos der Szenenwechsel, die Charaktere bleiben distanziert, und die Handlung wirkt in der Mitte orientierungslos.
Und trotzdem: In dieser Geschichte steckt eine enorme kreative Energie. Die mythologischen und künstlerischen Themen, die Verschmelzung von Hamburg und Götterwelt und die Idee einer Muse der Malerei, all das ist originell und verdient Anerkennung.
Leider scheitert das Buch für mich an seiner sprachlichen Umsetzung und an der Unausgewogenheit zwischen Idee und Struktur. Ich wollte dieses Buch lieben, aber ich konnte es nur in Teilen genießen. Die letzten 80 Seiten zeigen jedoch, was möglich wäre, wenn Stil, Spannung und Klarheit zusammenfinden.
Ein Buch mit tollen Ideen, aber etwas wackeliger Umsetzung. Wer komplexe, etwas anspruchsvollere Texte und mythologische Themen mag, wird hier sicher was finden. Und ich glaube, für alle, die sich an einem Nachmittag ganz auf eine Geschichte einlassen, sie in einem Rutsch lesen wollen und Urban Fantasy mit starkem Fantasy-Anteil mögen, vor allem mit Fokus auf griechische Mythologie abseits der klassischen Götter, ist das hier genau das Richtige.