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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 26.02.2018

Ein Auf und Ab der Gefühle mit unerwartetem Ende

Save Me
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„Save Me“ von Mona Kasten ist der erste Teil der Maxton Hall Trilogie. Maxton Hall, das ist die elitäre Privatschule auf welche die Protagonistin Ruby Bell geht, auch wenn sie aus einfacheren Verhältnissen ...

„Save Me“ von Mona Kasten ist der erste Teil der Maxton Hall Trilogie. Maxton Hall, das ist die elitäre Privatschule auf welche die Protagonistin Ruby Bell geht, auch wenn sie aus einfacheren Verhältnissen stammt, als alle ihre Mitschüler. Ihr großes Ziel ist es, in einem Jahr in Oxford zu studieren. Dafür arbeitet sie sehr hart, ist hervorragend organisiert und versucht dabei für ihre arroganten Mitschüler unsichtbar zu bleiben. Die strikte Trennung zwischen der Schule und ihrer heilen Familienidylle ist für sie ausgesprochen wichtig. Das klappt ausgezeichnet, bis zu dem Tag an dem sie unwillentlich ein großes Geheimnis ihrer Mitschülerin Lydia Beaufort erfährt. Deren Bruder gilt nicht nur als der König der Schule, sondern verkörpert auch alles, was Ruby an ihren Mitschülern hasst: Arroganz, Egoismus und die Auffassung, mit Geld alles kaufen zu können. Doch nun ist Ruby nicht mehr unsichtbar für ihn und der gutaussehende James behält sie stets im Auge.

Dies war das erste Buch, welches ich von Mona Kasten gelesen habe und daher kann ich, im Gegensatz zu vielen anderen Lesern, keinen Vergleich zu der Again – Reihe anstellen.

Die Kapitel sind in uregelmäßigem Wechsel aus der Sicht von Ruby und James geschrieben. Das gefällt mir sehr gut, habe ich es mir doch bei einigen Liebes- / New Adult – Romanen gewünscht, auch Einblick in die Perspektive des männlichen Protagonisten zu gewinnen.

Die Seiten lesen sich nicht nur schnell, nach dem ersten Viertel fliegen sie nur so dahin und ich konnte das Buch gar nicht mehr aus der Hand legen. Wie sich die Beziehung zwischen Ruby und James entwickelt ist ein ständiges Auf und Ab: mal denkt man, jetzt haben sie es geschafft, dann entfernen sie sich wieder voneinander. Der Leser fiebert immer mit, wie die beiden die Hindernisse, welche sie trennen, überwinden können. Dabei sind vor allem Rubys Gefühle so tief und eindringlich beschrieben, als würde der Leser sie selbst spüren. Für mich war Ruby in ihrem Verhalten immer absolut authentisch und nachvollziehbar.

Dabei gibt es noch einige Nebenhandlungsstränge, die auch sehr interessant sind, Anlass zu Spekulationen über den weiteren Verlauf der Geschichte bieten und stets die Frage aufwerfen, wie sie die Beziehung zwischen Ruby und James beeinflussen. Ein großer Vorteil dieser sekundären Geschichten ist, dass man die Nebencharaktere sehr viel besser kennenlernt. Sie sind alle lebendig und viele sind dem Leser direkt sympathisch. Man wünscht ihnen nur das Beste, fiebert auch bei ihrer – vermeintlich nebensächlichen – Geschichte mit und will wissen, wie es für sie ausgeht. Das verstärkt das Pageturning umso mehr.

Ich weiß nicht, was ich über das Ende sagen kann, ohne zu spoilern, daher nur so viel: Es hat mich einfach zerrissen! Ich war schockiert, wütend, traurig, verzweifelt. Mona Kasten hat sich in der Danksagung für das Ende entschuldigt – zu Recht. Es ist so gut geschrieben, war so unvorhersehbar, was tut sie uns damit nur an? Um ehrlich zu sein, bin ich aber sehr froh, dass es noch zwei weitere Teile geben wird. Nicht nur die Story von Ruby und James, sondern auch die ihrer Freunde und Familien muss in aller Gründlichkeit und mit allen Wendungen weitererzählt werden. Hätte man versucht, alles in einem Band unterzubringen, wäre das zu Lasten der Qualität gegangen.

Ich weiß tatsächlich nichts Schlechtes über dieses Buch zu sagen, habe aber trotzdem zwischen 4 und 5 Sternen geschwankt. Die Charaktere sind aber so toll und realistisch und das Ende kam so unerwartet (und das ist selten bei mir!), dass ich einfach 5 Sterne geben muss. Schade, dass es noch so lange dauert, bis Teil 2 im Mai erscheint!

Veröffentlicht am 29.03.2018

Zäher Start, grandioses Finale

The Woman in the Window - Was hat sie wirklich gesehen?
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„The Woman in the Window“ von A. J. Finn ist Doktor Anna Fox. Sie leidet unter einer posttraumatischen Belastungsstörung, die sich in schwerer Agoraphobie – Platzangst - manifestiert. Sie kann seit Monaten ...

„The Woman in the Window“ von A. J. Finn ist Doktor Anna Fox. Sie leidet unter einer posttraumatischen Belastungsstörung, die sich in schwerer Agoraphobie – Platzangst - manifestiert. Sie kann seit Monaten das Haus nicht verlassen, nimmt viele Medikamente zu sich und genauso viel Alkohol. Zudem leidet sie sehr unter der Trennung von ihrem Mann und ihrer Tochter. Ihre Tage verbringt sie vor allem damit, ihre Nachbarn zu beobachten. Besonders die neue Familie gegenüber weckt ihr Interesse. Als sie dort eines Abends einen Mord beobachtet, will sie zu Hilfe eilen. Doch nachdem ihre Phobie sie vor dem Haus in die Ohnmacht zwingt, glaubt ihr niemand, was sie gesehen hat. Halluzinationen unter Medikamenten und Drogen, oder ist doch etwas Wahres an ihren Beobachtungen?

A. J. Finn schreibt die Geschichte aus Annas Ich-Perspektive. Der Leser erlebt so direkt mit, wie Annas Krankheit ihre Gedanken bestimmt und ihr Leben beherrscht. Zu Beginn ist noch nicht klar, was die posttraumatische Belastungsstörung ausgelöst hat und erst nach und nach wird durch Rückblicke aufgelöst, was genau passiert ist. Die Beschreibungen ihrer Gefühle und Gedanken sind für den Leser beklemmend, doch man wird auch sehr neugierig, wie es zu all dem kam. Früh manifestiert sich eine Ahnung, aber einige Details bleiben lange im Verborgenen, sodass dieser Erzählstrang seine Anziehungskraft nicht verliert.

Allgemein sind die Kapitel sehr kurz gehalten, was das Lesen sehr angenehm macht, kann man doch eben ein paar Seiten lesen und findet dann wieder eine gute Stelle zum Pausieren. Gerade am Anfang war dies wichtig, denn dort entwickelt sich die Handlung eher langsam weiter. Natürlich möchte man wissen, was Anna passiert ist, aber der Mord und die Frage, ob er real ist oder nicht, spielt zu Beginn noch keine Rolle. Auch nach dem Ereignis kommt die Aufklärung zunächst schleppend voran. Zum Ende hin nimmt die Spannung dann allerdings rasant Fahrt auf. Es gibt einige ungeahnte Wendungen, die in einem grandiosen Finale enden, sodass die letzten 50 Seiten nur so dahinfliegen. Insgesamt hätten es aber ruhig circa 100 Seiten weniger sein können.

Einen zu großen Teil nimmt auch Annas Leidenschaft, die schwarz-weiß Thriller, ein. Für Fans dieses Genres sicherlich ein interessanter Zusatz. Es werden allerdings so viele Szenen, Details und Dialoge aus diesen Filmen wiedergegeben, dass es für Leser, die damit weniger anfangen können, zwischendurch etwas mühsam verläuft. Man ertappt sich dabei, diese Szenen flüchtiger zu lesen, was nicht der Sinn in einem Roman sein kann.

Besonders gut gefallen hat mir, dass am Ende des Buches alle offenen Fragen beantwortet werden. Es gibt keine losen Enden und die vormals unstimmigen Punkte und Ungewissheiten fügen sich zu einem logischen Ganzen zusammen. Das ist ein Anspruch, den nicht immer alle Bücher für mich erfüllen können. Bei dieser Geschichte denkt der Leser am Ende aber, dass alles zusammenpasst und kann die Buchdeckel zufrieden zuklappen.

Insgesamt eine hervorragende, wenn auch nicht neue, Idee mit unvorhersehbaren Ereignissen. Der Spannungshöhepunkt am Ende kann allerdings nicht vollständig über den langsamen Start und die teils zähe Mitte hinwegtrösten. Daher 4 von 5 Sternen.

Veröffentlicht am 23.02.2018

Spannende Handlung, Charaktere unsympathisch

Totenweg
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„Totenweg“ von Romy Fölck ist der erste Band einer bislang auf vier Teile ausgelegten Reihe rund um das ungleiche Ermittlerduo Bjarne Haverkorn und Frida Paulsen.

Vor 18 Jahren wurde Fridas beste Freundin ...

„Totenweg“ von Romy Fölck ist der erste Band einer bislang auf vier Teile ausgelegten Reihe rund um das ungleiche Ermittlerduo Bjarne Haverkorn und Frida Paulsen.

Vor 18 Jahren wurde Fridas beste Freundin Marit erdrosselt in einem alten Viehstall gefunden und Frida weiß etwas darüber. Während sie die ganzen Jahre schwieg, kann der damalige Leiter der Mordkommission, Haverkorn, sich nicht von diesem Cold Case lösen. Als in Fridas Heimatdorf ein Überfall stattfindet, führt das die junge Polizistin und den kurz vor der Pensionierung stehenden Ermittler wieder zurück in die Vergangenheit, zurück nach Deichgraben. Nicht nur die Erinnerungen der beiden werden schmerzhaft wieder aufgefrischt, auch der Täter scheint noch nicht mit der Geschichte abgeschlossen zu haben.

Die Kapitel werden in unregelmäßigem Wechsel aus der Perspektive von Frida und Haverkorn geschildert. In Fridas Abschnitten sind zum Teil Absätze in Form von Erinnerungen aus ihrer Kindheit eingewoben. Diese passen immer hervorragend zu den aktuellen Ereignissen, sodass sich der Leser wirklich vorstellen kann, dass Frida sich in genau dem Moment daran erinnert.

Die Handlung ist bis zum Höhepunkt sehr spannend umschrieben. Es werden einige falsche Fährten gelegt, sodass die Zusammenhänge nicht direkt offensichtlich sind. Das ist für mich das wichtigste bei einem Krimi. Großer Kritikpunkt ist allerdings der Höhepunkt selbst. Eine entscheidende Szene wird nur kurz aus Fridas Erinnerung zusammengefasst, anstatt, dass der Leser das Geschehen wenige Minuten früher live miterlebt. Dadurch ist sehr viel Spannung verloren gegangen und der Höhepunkt für mich wirkungslos verpufft.

Ein weiterer negativer Aspekt waren für mich die Charaktere. Es gibt einen Nebencharakter, den ich sehr interessant und sympathisch finde, welcher aber nur auf rund fünf Seiten vorkommt. Soweit kein Problem, es ist ja auch bewusst nur ein Nebencharakter. Alle anderen allerdings, sei es die beiden Protagonisten, deren Freunde oder Familie, fand ich absolut unsympathisch. Ich bin mit niemandem warm geworden, sodass ich, bis auf Frida und Haverkorn, zwischendurch jeden in Verdacht hatte, etwas mit dem Mord und / oder dem Überfall zu tun zu haben. Aber auch Frida mochte ich einfach nicht. Sie blieb immer distanziert und kühl, ich hatte nie das überzeugte Gefühl, dass sie jemanden wirklich mag oder jemandem vertraut. Haverkorn war zwar emotional, wenn er an seinen alten Fall und sein vermeintliches Versagen dachte, ich konnte mit ihm allerdings nicht so richtig mitfühlen und dass, obwohl der Leser noch eine sehr traurige Geschichte über ihn erfährt. Auch mit ihm war ich einfach nicht auf einer Wellenlänge, ich konnte mit dem Schicksal von beiden nicht mitfiebern.
Das tut mir sehr leid, weil Romy Fölck selbst eine sehr sympathische Person ist. Vielleicht ist es aber auch eine regionale Begebenheit und mein rheinischer Charakter beißt sich mit den authentisch beschriebenen nordischen Gemütern.

In die Beschreibung der Marsch-Region, der dortigen Menschen und ihrem Wesen hat die Autorin sehr viel Gefühl und Detailliebe einfließen lassen. Ich kann absolut nicht beurteilen, ob ihre Darstellung authentisch und gelungen ist, aber man merkt auf jeder Seite, wie sie die Region liebt und wie viel es ihr bedeutet, dieses ganz spezielle Lebensgefühl von dort oben im Norden für jeden Leser zu veranschaulichen, egal wo er oder sie lebt. Mit diesen „Regionalkrimis“, die im deutschen Krimi-Markt seit längerem sehr im Trend liegen (so meine Wahrnehmung), kann ich allgemein wenig anfangen. Für eine gut erzählte, spannende Geschichte ist der Handlungsort für mich austauschbar, solange der Autor die Stimmung gut rüberbringt. Das ist Rom Fölck gelungen und mit welcher Leidenschaft sie „ihre“ Region vertritt ist bemerkenswert. Doch wie gesagt ist es vielleicht genau diese authentische Beschreibung, welche die Charaktere für mich leidenschaftslos macht.

Somit treffen zwei entscheidende Punkte aufeinander: Es gibt im Krimi für mich nichts Wichtigeres als eine spannende, nicht zu offensichtliche Handlung und Verkettung von Fährten. Dies ist Romy Fölck hervorragend gelungen. In einem Roman allgemein geht es für mich hingegen nicht ohne mindestens einen Charakter, den ich mag, mit dem ich mich identifizieren kann und den ich gerne begleite. Diesen gab es nicht. Insgesamt konnte mich „Totenweg“ leider nicht überzeugen, somit komme ich zu 3 von 5 Sternen.

Veröffentlicht am 17.04.2018

Kein Vergleich zu ihren heutigen Thrillern

Sag niemals stirb
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„Sag niemals stirb“ (org.: „Never Say Die“) wurde zwar 2018 in einer neuen Auflage veröffentlicht, ist aber 1992 erstmals erschienen und somit eins der äußerst frühen Werke von Tess Gerritsen. Als großer ...

„Sag niemals stirb“ (org.: „Never Say Die“) wurde zwar 2018 in einer neuen Auflage veröffentlicht, ist aber 1992 erstmals erschienen und somit eins der äußerst frühen Werke von Tess Gerritsen. Als großer Fan ihrer Medical Thriller inklusive der Rizzoli & Isles Reihe, war ich sehr gespannt darauf, einmal einen Blick auf Gerritsens Anfänge zu werfen.

Wilone „Willy“ Maitland kommt nach Vietnam, um herauszufinden, was mit ihrem Vater geschah, der seit einem Flugzeugabsturz vor 20 Jahren als verschollen gilt. Guy Bernard, Paläontologe, der für die Regierung Überreste identifiziert, ist ebenfalls vor Ort, um den Verbleib des berüchtigten US-Piloten und Verräter Friar Tuck zu klären, der damals für die Vietnamesen flog. Während die beiden sich zusammenschließen, kommen Willy Zweifel, ob ihr Vater wirklich der Mann war, für den sie ihn hielt. Gleichzeitig ereignen sich zahlreiche Todesfällen unter den Personen, mit denen Willy und Guy für ihre Nachforschungen sprechen. Doch welche Organisation steckt dahinter und was dürfen die beiden nicht herausfinden?

Die Geschichte startet direkt sehr aufregend aus der Perspektive von Willys Vater zum Zeitpunkt des Flugzeugabsturzes. Es geht alles blitzschnell und der Leser kann selbst nicht sagen, ob er überlebt hat, oder nicht. Nach diesem Prolog wird die Geschichte in der 20 Jahre später angesiedelten Gegenwart erzählt. Dies geschieht überwiegend aus den Perspektiven von Guy und Willy. Die ersten paar Seiten sind hier etwas zäh, erfährt man zuerst nur etwas über die Motive der beiden und wie schwierig es für Willy ist, allgemein an Informationen zu kommen und insbesondere in Vietnam nicht vor verschlossenen Türen zu stehen. Da das Buch nur 300 Seiten umfasst, hätte ich mir hier einen etwas schnelleren Start gewünscht. Sobald es einmal losgeht, bleibt der Spannungsbogen allerdings hoch und die wichtigen Ereignisse reihen sich aneinander. Am Ende kann Gerritsen noch mit einer großen Überraschung aufwarten, die ich so nicht habe kommen sehen. Ich weiß nicht, ob ich den Roman als „Thriller“ oder auch nur „Krimi“ bezeichnen würde. Er ist zwar spannend geschrieben, aber die Bezeichnung „Abenteuerroman“, die ich bei anderen Lesern gesehen habe, finde ich sehr viel passender.

Nach einigen Kapiteln schwirrt dem Leser jedoch der Kopf vor lauter agierender (oder auch nur eventuell agierender) Organisationen, ihren Motiven und konkreten Anhängern. Es fällt schwer, „Gut“ und „Böse“ eindeutig zu trennen, was das Kriegsgeschehen aber vermutlich gut wiederspiegelt. Wie auch Willy traut der Leser niemandem und spätestens als die Morde beginnen, ist jeder verdächtig.

Sehr schade fand ich, dass Willy hier nicht die Rolle der starken Protagonistin einnimmt, die ich mir nach Lektüre des Klappentextes erhofft habe. Guy mit seiner Militärvergangenheit, den daraus resultierenden Kontakten und grundlegenden Sprachkenntnissen, ist natürlich prädestiniert dafür, die Nachforschungen voran zu treiben, aber sehr schnell läuft Willy einfach nur nebenher mit. Außerdem scheint sie alle Entwicklungen, sowohl ihren Vater als auch die Morde betreffend, so gut wegzustecken, dass es ihr etwas an Authentizität mangelt. Vielleicht wäre dies zu vermeiden gewesen, wenn sie einen größeren Anteil an dem Vorankommen der Geschichte gehabt hätte.

Was mich allerdings am meisten gestört hat, ist die eingebundene Liebesgeschichte. Diese ist nicht nur überflüssig, sondern auch kein bisschen authentisch. Willy hat – ganz nach Klischee – ein Problem Männern zu vertrauen. Guy hingegen – ebenfalls nach Drehbuch – hat eine dunkle Vergangenheit. Zunächst misstraut Willy ihm, was auch Sinn macht. Dann ereignet sich eine Begebenheit und von jetzt auf gleich weiß sie, dass sie ihm ihr Leben anvertrauen kann (indirektes Zitat!). Nicht nur, dass diese Reaktion überhaupt nicht zu dem stattgefunden Ereignis im Verhältnis steht, auch ist es absolut unglaubhaft und übertrieben, dass binnen einer Sekunde jegliche Vorbehalte entfallen. Natürlich ist es für die Geschichte sehr bequem.
Danach kämpfen die beiden nicht nur gegen Bösewichte, sondern auch gegen das sexuelle Verlangen, dass sie fortwährend umgibt, weil es falsch wäre, sich diesem hinzugeben. Warum es falsch wäre, ist dem Leser nicht einleuchtend.
Ich habe grundsätzlich nichts dagegen, wenn eine Liebesgeschichte in ein anderes Genre eingeflochten wird. Aufgrund des geringen Umfangs des Buches, verdrängt diese aber hier viel zu viel vom Hauptstrang der Geschichte. Außerdem reicht der Platz nicht aus, um die Story individuell und glaubwürdig zu machen, daher wäre es meiner Meinung nach besser gewesen, darauf zu verzichten.

Insgesamt hat mir die Grundidee gut gefallen. Das Thema ist unverbraucht und das Setting in Vietnam interessant. Nach einem gemächlichen Start liegt durchaus eine spannende Story vor, allerdings bei weitem nicht so ein Pageturner, wie man es heute von der Autorin kennt. Für den Charakter und die Verwendung von Willy, sowie die unnötige und klischeehafte Liebesgeschichte ziehe ich jeweils einen Punkt ab, sodass ich zu 3 von 5 Sternen komme.

Veröffentlicht am 06.04.2018

Spannend bis zum Schluss, Protagonistin zu perfekt

Die steinerne Schlange
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In „Die steinerne Schlange“ von Iny Lorentz geht es um die Germanin Gerhild, die mit ihrem Stamm vor dem Limes, der Grenze zum römischen Reich, lebt. Sie gelten als Freunde der Römer, doch diese wollen ...

In „Die steinerne Schlange“ von Iny Lorentz geht es um die Germanin Gerhild, die mit ihrem Stamm vor dem Limes, der Grenze zum römischen Reich, lebt. Sie gelten als Freunde der Römer, doch diese wollen mehr Land ihr Eigen nennen und der machtgierige Anführer der römischen Truppen, Quintus, will außerdem Gerhild als seine Geliebte. Sie widersetzt sich, aber nach dieser Blamage sinnt er auf Rache. Nicht nur die verstreuten germanischen Stämme kämpfen um ihr Bestehen gegen die römische Übermacht, auch Gerhild muss fortan auf der Hut vor ihrem neuen Feind sein.

Gut gefallen hat mir zunächst die Ausstattung: Im hinteren Teil des Buches befindet sich ein Personenverzeichnis, zum einen der handelnden, sowie aber auch der historischen Personen. Es gibt einen kleinen Glossar mit den wichtigsten Begriffen – für mich vor allem wichtig für die Bezeichnungen, der römischen Einheiten, um deren Größe einschätzen zu können. Zuletzt folgen noch eine Karte der Umgebung und ein Nachwort zum historischen Hintergrund. Letzteres ist mir in historischen Roman immer außerordentlich wichtig, um ein Gefühl dafür zu kriegen, ob es sich theoretisch tatsächlich so hätte abspielen können, wie in dem Roman geschildert. Auch über eine Karte freue mich immer sehr, vor allem, wenn – wie hier – einige Orte vorkommen, die viele Tagesreisen auseinander liegen. Diesmal fand ich die Karte allerdings außerordentlich unübersichtlich. Der Limes ist eingezeichnet, sowie haufenweise römische Kastelle, Flüsse und große Städte. So ziemlich keine der bezeichneten Ortschaften hatte für den Roman allerdings eine Bedeutung, während die vielen Schauplätze der Geschichte auf der Karte nicht zu finden sind. Der Sinn dessen hat sich mir noch nicht ganz erschlossen.

Die Geschichte wird im personalen Erzählstil geschildert. Dabei wechseln die Perspektiven zwischen Gerhild und Quintus, sowie einigen anderen Personen hin und her. Dass hier Perspektiven von beiden verfeindeten Lagern aufgegriffen werden, hilft dem Leser jederzeit zu wissen und zu verstehen, wer was plant und welche – nach außen eventuell geheimen – Motive derjenige hat. Außerdem fiebert man stets mit, ob Gerhild rechtzeitig an diese Informationen gelangt und die Situation zu ihren Gunsten wenden kann.

Bis zur letzten Seite empfand ich die Handlung als sehr spannend. Zuerst hatte ich mich davor gedrückt, diese über 600 Seiten zu beginnen, doch man kommt so schnell vorwärts, weil man immer begierig darauf ist, zu erfahren, wie es weitergeht. Dazu kommen recht kurze Kapitel, die zu mehreren Teilen mit schicksalsträchtigen Überschriften zusammengefasst sind. Kaum beginnt ein neuer Teil, verweist die Überschrift auf spannende Ereignisse, die bevorstehen, sodass man nicht anders kann, als weiterzulesen. Auch hier ist der Perspektivwechsel sehr gelungen, da sich der Leser stets dort befindet, wo etwas Interessantes passiert. Für mich hatte das Buch so gut wie keine Längen, auch wenn ich zum Teil lieber weiter bei Gerhild bleiben wollte, als das Geschehen an einem anderen Ort zu besuchen.

Gerhild ist leider auch mein ganz großes Kritikpunkt. Sie hat alles und kann alles. Sie ist klug, mutig, schön, kann sehr gut reiten, hat eine hervorragende Orientierung, wird im Handumdrehen zu einer ausgezeichneten Schwertkämpferin, die es mit mehreren Soldanten gleichzeitig aufnehmen kann (weil sie natürlich als kleines Kind mit ihrem Vater geübt hat), ist eine perfekte Anführerin, Jägerin, Bogenschützin mit außerordentlicher Treffsicherheit, kann beruhigen, motivieren und ist dabei auch noch selbstlos und jeder, ob Mann, Frau, Kind oder Greis, liebt sie. Sie hat außerdem ein hervorragendes, scheinbar stummes, Pferd, welches sie nie durch ein Schnauben oder Wiehern verrät, immer die richtigen Bewegungen macht und fast unverwundbar zu sein scheint. Außerdem gelangt sie in den Besitz des mächtigsten Schwertes (an sich ein sehr schöner Handlungsstrang, aber in Kombination mit allem anderen einfach zu viel) und ihr Vorrat an Pfeilen scheint unendlich. Es wird schnell deutlich: Sie ist einfach zu perfekt. Sie hat keine Ecken und Kanten und auch wenn sich der Leser ihrem Bann nicht entziehen kann, sie einfach sympathisch finden muss, macht sie das etwas langweilig.

Die eingewobene Liebesgeschichte war natürlich von Anfang an abzusehen, aber das schlägt für mich nicht so negativ ins Gewicht. Bei dem Autorenpaar ist es bekannt und man weiß, worauf man sich einlässt. Das Happy End ist garantiert und jeder, wirklich jeder, der „Guten“ findet doch am Ende eine Person zum heiraten und alt werden. Etwas kitschig, aber wie gesagt, ich wusste, worauf ich mich einlasse.

Insgesamt liegt also ein Roman vor, der trotz seines Umfangs mit einer durchweg spannenden Handlung überzeugen kann. Für die zu perfekte Protagonistin ziehe ich einen Punkt ab, sodass ich zu 4 von 5 Sternen komme.