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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 11.10.2022

Karin Slaughter in Hochform

Die Vergessene
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Andrea Oliver ist gerade zum US-Marshal ernannt worden und wird prompt ins beschauliche Longbill Beach versetzt. Dort soll sie eine Bundesrichterin beschützen, die Morddrohungen erhält. Bei der Richterin ...

Andrea Oliver ist gerade zum US-Marshal ernannt worden und wird prompt ins beschauliche Longbill Beach versetzt. Dort soll sie eine Bundesrichterin beschützen, die Morddrohungen erhält. Bei der Richterin handelt es sich um Esther Vaughn, die Mutter von Emily. 1982 ist das damals hochschwangere Mädchen, am Abend ihres Abschlussballs, einem brutalen Verbrechen zum Opfer gefallen. Der Täter konnte nicht ermittelt werden.
Vor Ort angekommen, stellt Andrea auch aus einem möglichen persönlichem Interesse heraus, Nachforschungen zu diesem Fall an, um dem Mörder von Emily auf die Spur zu kommen. Könnte ihr Vater womöglich in die Sache involviert sein?

Hier baut „Die Vergessene“ auf den Vorgänger „Ein Teil von mir“ auf, der sich mit der Vorgeschichte von Andrea Oliver beschäftigt. Es ist jedoch nicht zwingend notwendig, vorab Teil 1 gelesen zu haben, um der Story von Band 2 folgen zu können.
Das Buch teilt sich in zwei Handlungsstränge, die einerseits die Geschehnisse rund um den Mordfall von Emily aus den Jahren 1981/82 beleuchten und dabei schrittweise aufdecken und andererseits in die Gegenwart, wo Andrea und ihr Partner erneut Ermittlungen zu diesem Fall aufnehmen.
Gerade Hauptprotagonistin Andrea, mit der ich am Anfang noch leichte Schwierigkeiten habe, kann mich dann aber, anhand ihrer persönlichen Entwicklung im Verlauf der Geschichte, beeinflusst auch durch Deputy Bible, überzeugen.

Karin Slaughters große Gabe ist ganz klar ihr unverwechselbarer Schreibstil, ich liebe ihn!
Er vermag es jedes Mal, mich direkt zu Beginn einer Geschichte zu packen und lässt bis zur letzten Seite einfach nicht mehr los.
So hat sie auch hier wieder ein Universum voller mysteriöser, vielschichtiger und realistisch dargestellter Charaktere geschaffen und damit die zahlreichen Seiten voll mit Leben, Überraschungen und inhaltlicher Tiefe gefüllt, ohne das es überladen wirkt.
Diese Liebe zum Detail zeigt sich schon relativ am Anfang.
Es handelt sich um eine Szene, die die enge und herzerwärmende Bindung zwischen Emily und ihrer Oma beschreibt, die mittlerweile durch die Demenz sehr verwirrt ist, aber ab und zu auch noch klare Momente hat.
Emily drückt es in einem Gedankengang so aus:
„Demenz glich irgendwie einem Spaziergang im Familienschrank mit vielen Skeletten.“ (S.8)
In meinen Augen ein ausgesprochen phantasievoller und schöner Vergleich.

Die Autorin hat mich mit dieser Geschichte wieder einmal restlos begeistern können und erhält eine dicke Leseempfehlung.

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Veröffentlicht am 04.10.2022

Guter Auftakt

Ich will nur spielen
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Von Berlin aus zieht der verwitwete Kriminalkommissar Maik Michalski zusammen mit seiner kleinen Tochter Lilly in die Kleinstadt Werder. Mit der Idylle ist es jäh vorbei, als im Stadtpark eine Frauenleiche ...

Von Berlin aus zieht der verwitwete Kriminalkommissar Maik Michalski zusammen mit seiner kleinen Tochter Lilly in die Kleinstadt Werder. Mit der Idylle ist es jäh vorbei, als im Stadtpark eine Frauenleiche auftaucht, der auch noch beide Augäpfel fehlen.
Bald wird klar, dass es sich hierbei nicht um eine Einzeltat handelt und der Täter noch dazu, scheinbar absichtlich, Hinweise in Form von kleinen Gegenständen hinterlässt.
Ausgerechnet ein ehemaliger Kollege aus Berlin, mit dem schon die frühere Zusammenarbeit unerträglich war, wird Maik zur Unterstützung bei der Mordermittlung an die Seite gestellt.

Anfangs ging ich davon aus, hier erwartet mich ein brutaler Thriller mit zu Tode gequälten und misshandelten Opfern, die sich durch sämtliche Kapitel ziehen.

Doch statt vermeintlichen Blutdurst zu stillen, gibt die Story viel mehr Einblick in die Psyche des Täters, der in mehreren Etappen selber zu Wort kommt und prägende Ereignisse aus seiner Vergangenheit preisgibt.
Was die tatsächliche Message ist, die er mit Hinweisen zu übermitteln versucht, ist einerseits offensichtlich und gleichzeitig so subtil, dass man erst beim ganz genauen Hinsehen wahrnimmt.

Von Anfang bis Ende ein gelungener Thriller, der mir dank des angenehmem, flüssigen Schreibstils, vortrefflich dargestellten Charakteren und dem spannungsreichen Plot mit entsprechend gut platzierten Twists, durchweg wahrhaft Freude beim Lesen beschert hat.
Ein kleines Manko gab es für mich nur am Ende.
Der Epilog hätte, für meinen Geschmack und im Rückblick auf die Handlung, inhaltlich mehr Potential gehabt, als ihm eingeräumt wurde. Wohingegen die übrigen Kapitel durchweg sehr ausgewogen sind, keine störenden Längen enthalten und einen lockeren Lesefluss ermöglicht haben. An dieser Stelle hätte es vermutlich auch den Rahmen gesprengt, wäre in der Geschichte intensiver auf die Vergangenheit des Hauptprotagonisten Maik eingegangen worden. Dieser wird mehrfach von schlimmen Albträumen geplagt, die ein interessantes Licht auf seine Vorgeschichte werfen und Stoff für noch folgender Bücher bzw. eine Reihe bieten.
Es schreit quasi schon nach einer Fortsetzung, die ich auch in jedem Fall lesen wollen würde.

Für ein Highlight ist zwar noch ein bisschen Luft nach oben, nichtsdestotrotz wurde ich hier sehr gut und fachlich einwandfrei recherchiert unterhalten und vergebe daher auf jeden Fall eine Leseempfehlung!

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Veröffentlicht am 30.09.2022

Nicht mein Fall

Dominoeffekt
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Tekla Berg wird vom Stockholmer Nobel-Krankenhaus aus, wo sie als Notärztin arbeitet, zu einem Explosionsort beordert, bei dem sie auf ein schwerverletztes Brandopfer trifft.
Während die Polizei zunächst ...

Tekla Berg wird vom Stockholmer Nobel-Krankenhaus aus, wo sie als Notärztin arbeitet, zu einem Explosionsort beordert, bei dem sie auf ein schwerverletztes Brandopfer trifft.
Während die Polizei zunächst hier sogar einen Terroranschlag vermutet, versucht Tekla herauszufinden, ob es sich bei dem bis zur Unkenntlichkeit entstelltem Schwerverletzten, vielleicht sogar um ihren Bruder Simon handelt.
Dieser verkehrt nämlich im gefährlichen Drogenmilieu und scheint wie vom Erdboden verschluckt.

Von Prostitution zu Drogensucht und -handel, über Korruption in Führungsriegen und bei der Polizei, bis hin zu Verwicklungen zwischen der usbekischen Mafia und dem russischen Auslandsgeheimdienst, wird hier einiges geboten.
Für meinen Geschmack fällt die Spannung an dieser Stelle der komplexen Komposition der verschiedenen Themen zum Opfer, die sich letztlich im Dominoeffekt bündeln sollen.
Das Buch teilt sich in unterschiedliche, nicht zwangsläufig parallel laufende, Handlungsstränge an verschiedenen Orten auf.
Die ständigen willkürlichen Wechsel wirken sich dabei nicht besonders positiv auf den Lesefluss aus und machen es zunehmend schwer, den Überblick zu behalten.
Unter den Protagonisten finden sich bedauerlicherweise auch keine Sympathieträger, mit denen man mitfiebern möchte. Die Charaktere haben allesamt zahlreiche Leichen im Keller und insbesondere die Hauptprotagonistin Tekla mit ihrer omnipräsenten, offensiv zur Schau gestellten Amphetamin-Sucht und ihrem unethischen Verhalten, ist alles andere als eine einnehmende Persönlichkeit. Die klischeebedienenden sexistischen Arzt-Kollegen aus dem Nahen Osten, die sie nicht für voll nehmen und ihr stattdessen mit Freude das Leben schwer machen, hat die Handlung obendrein wirklich nicht mehr gebraucht.

Die Tatsache, dass der Autor Christian Unge hauptberuflich Mediziner und somit vom Fach ist, hat mich zunächst sehr für dieses Buch begeistert.
Ohne Frage bekommt man hier eine Geschichte serviert, die zumindest aus medizinischer Sicht fachlich fundiert ist, jedoch den nötigen Nervenkitzel vermissen lässt und somit kaum als Thriller zu bezeichnen ist.
Im Endeffekt haben sich die insgesamt 523 Seiten sehr in die Länge gezogen, auch aufgrund einiger holpriger Textstellen, die ich als nervende Störfaktoren wahrnahm und meine Freude an der Geschichte deutlich geschmälert haben.
Positiv anzumerken sind jedoch die vielen abendfüllenden Lesestunden, die ich dank dem Buch hatte.

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Veröffentlicht am 15.09.2022

Zu vorhersehbar!

Fake – Wer soll dir jetzt noch glauben?
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Kripobeamten aus Weimar stehen eines Morgens unvermittelt bei Patrick Dorstert und seiner Frau Julia vor der Tür und verdächtigen ihn der Misshandlung und Entführung einer Frau.
Die belastende Aussage ...

Kripobeamten aus Weimar stehen eines Morgens unvermittelt bei Patrick Dorstert und seiner Frau Julia vor der Tür und verdächtigen ihn der Misshandlung und Entführung einer Frau.
Die belastende Aussage kommt von der Freundin des mutmaßlichen Opfers, die im weiteren Verlauf sogar von einem Video gestützt wird, auf dem er klar zu erkennen ist.
Insgesamt scheint sich zunehmend alles gegen Patrick verschworen zu haben.
Denn auch der Kunde, mit dem er zur möglichen Tatzeit ein Geschäftsessen hatte und sein Alibi somit bestätigen könnte, ist nicht zu ermitteln.
Aufgrund der erdrückenden Beweise kommt Patrick in U-Haft und versucht von dort aus, weiterhin seine Unschuld zu beweisen.

Die Story wird direkt aus der Perspektive von Patrick Dostert beschrieben, teilweise in der 1.Person in Form von Tagebucheinträgen verfasst, in denen er aus der U-Haft heraus, seine Gedanken mit dem Lesenden teilt.
Der überwiegende Teil, in der 3.Person geschrieben, soll seine Sicht auf die Entwicklung der Geschehnisse widerspiegeln, die zu seiner Verhaftung geführt haben und einem Psychotriller anmuten.

Um es direkt vorwegzunehmen, der Prolog, in dem es hauptsächlich um häusliche Gewalt geht, war ein durchaus gelungener Einstieg.
Aber bereits nach den ersten Seiten im Hauptteil kam mir direkt der Gedanke, die Story so oder so ähnlich, kürzlich erst gelesen zu haben.
Daher hatte ich von Vornherein auch schon eine Vermutung, wer der/die TäterIn in der Geschichte sein wird. Fake oder Fakt - für mich leider zu schnell eine klare Sache!
Somit war die Spannung also futsch, bevor ich mit dem Buch überhaupt so richtig losgelegt habe.
Auch der relativ flüssige Schreibstil konnte das nicht rausreißen, zu einfach gehalten und dadurch langweilig, ohne wirklichen Tiefgang.
Die Charaktere waren größtenteils annehmbar gezeichnet, wobei mich die Beschreibung von Ehefrau Julia sehr schnell nervte. Entweder war sie still, verheult, am Schlafen oder trifft sich mit seinem besten Freund.
An dieser Stelle hat der Autor ganz tief in die Klischee-Trickkiste gegriffen.
Ebenso einfallslos, wie die ständigen Anrufe und Besuche der Kripobeamten und auch die ungewöhnlich vielen leeren Seiten im Buch, machten auf mich eher den Eindruck, als würden hier krampfhaft Seiten gefüllt werden, ob mit Inhalt oder ohne.
Einzig neu war für mich das Thema „Deepfakes“ und damit auch für mich interessant zu erfahren, was heutzutage mittels IT bereits alles möglich ist.
Das war allerdings nur am Rande angeschnitten und ging in der Bedeutungslosigkeit schon fast wieder unter.
Die ausgeklügelte Marketing-Kampagne im Vorfeld und die dazu zahlreichen positiven Rezensionen haben bei mir zumindest ein ganz anderes Bild und eine dadurch hohe Erwartungshaltung an „Fake/t“ erzeugt, die keineswegs erfüllt wurde.

Mein erstes Date mit einem Thriller von Arno Strobel hinterlässt daher leider nur einen schalen Beigeschmack!

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Veröffentlicht am 11.09.2022

Ein Gefallen für ein Leben

Beste Freunde
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Eine Clique trifft sich vor ihrem Schulabschluss zu einem ausgelassenen Abend, der sein jähes Ende nach einer Mutprobe findet, die bisher schon fünf Mal gut gegangen ist, jedoch in dieser Nacht das Leben ...

Eine Clique trifft sich vor ihrem Schulabschluss zu einem ausgelassenen Abend, der sein jähes Ende nach einer Mutprobe findet, die bisher schon fünf Mal gut gegangen ist, jedoch in dieser Nacht das Leben aller Beteiligten für immer verändert wird.
Während ihre Geisterfahrten bisher glimpflich abgelaufen sind, kostet es dieses Mal einer jungen Mutter und ihren zwei Kindern das Leben.
Getreu dem Motto - „Einer für Alle, Alle für Einen!“ - erklärt sich die 18-jährige Meghan bereit, die alleinige Schuld für den Unfall auf sich zu nehmen und die daraus resultierenden Konsequenzen zu tragen. Im Gegenzug dafür verlangt sie das schriftliche Geständnis aller Beteiligten als Pfand für einen Gefallen, der ihr jeder Einzelne schuldet, sobald sie wieder aus dem Gefängnis entlassen wird.
Nach Meghans Verurteilung gehen die Anderen wie geplant und beinahe unbehelligt an Elite-Unis studieren, bauen sich ein eigenes Leben auf, gründen Familien und aber fürchten zunehmend nichts mehr, als den Moment, wenn ihre Freundin aus dem Knast entlassen wird und der „Zahltag“ ansteht.
Das die Befürchtungen nicht ganz unbegründet sind, wird sich schon bald herausstellen.

Es rächt sich, dass sich die Clique - mit Ausnahme von der etwas sonderbaren Meghan - ausschließlich aus privilegierten Teenagern besteht, früher nie wirklich für sie als Person interessiert hat und nun ihr wahres „Ich“ kennenlernen.
„Ich wünsche euch allen ein schönes Leben. Vergesst mich nicht.“ Dies ist quasi der letzte Satz, den Meghan noch an ihre Freunde richtet, bevor sie für 20 Jahre hinter schwedischen Gardinen verschwindet. Im Verlauf der Handlung wird klar, dass sie insgeheim wohl schon vorher wusste, wie die Anderen in Wirklichkeit zu ihr stehen, ihr daraus resultierendes späteres Handeln ist in meinen Augen daher durchaus nachvollziehbar.
Die Ausarbeitung der Charaktere ist der Autorin sehr gut gelungen, lediglich bei einer Person war und ist es ausgesprochen schwer für mich, hinter die Fassade zu schauen.
Gut finde ich auch, dass die übrigen Beteiligten über die Jahre hinweg feststellen, dass sie selbst den schlechteren Deal gemacht haben und es sehr befreiend sein kann, für seine Fehler gerade zu stehen, anstatt mit Schuld beladenen Schultern durchs Leben gehen zu müssen.
Neben dem moralischen Lerneffekten, die dieses Buch gefühlt nebenbei mit sich bringt, gab es bedauerlicherweise ein paar Teile in der Handlung, die etwas suboptimal gelöst waren.
Die polizeiliche Vernehmung der Freunde empfand ich etwas zu sehr in die Länge gezogen, bevor es ans Eingemachte ging. Wohingegen bei der Auflösung am Schluss ein paar Logik-Löcher bzw. offene Fragen entstanden sind, die durchaus mehr Tiefe und Erklärungsbedarf benötigt hätten und somit ein nicht ganz zufriendenstellendes Ende bescheren.

Trotz allem ist es aber ein wirklich spannender, lesenswerter Thriller mit einem vielschichtigen Plot voller interessanter Twists, der mich gut unterhalten hat und eine tolle unblutigere Abwechslung zu den zuletzt gelesenen brutalen Psychothrillern darstellt!

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