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Veröffentlicht am 11.06.2025

Realität trifft auf Klischee

Hier draußen
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Lara und Ingo sind mitsamt den Kindern dem Großstadttrubel entflohen und aufs schleswig-holsteinische Land gezogen, genauer gesagt, nach Fehrdorf - ein Ort, der nicht einmal auf Wegweisern erwähnt wird. ...

Lara und Ingo sind mitsamt den Kindern dem Großstadttrubel entflohen und aufs schleswig-holsteinische Land gezogen, genauer gesagt, nach Fehrdorf - ein Ort, der nicht einmal auf Wegweisern erwähnt wird.
Als Ingo eines Abends auf dem Heimweg eine weisse Hirschkuh anfährt, geht ein leiser Aufschrei durchs Dorf. Denn alle Bewohner wissen um die Legende, wonach derjenige, der ein solches Tier tötet, selbst innerhalb eines Jahres verstirbt. Ein ganz schlechtes Ohmen also - und ab diesem Zeitpunkt liegt plötzlich eine nicht greifbare Spannung in der Luft. Mit der Ruhe ist es fortan vorbei und die perfekten Fassaden der Dorfgemeinschaft beginnen zu bröckeln. Was verbirgt der zurückgezogene Schweinebauer und Freizeitjäger Uwe? Ist die Ehe von Vorzeige-Landfrau Tove und ihrem Mann Enno tatsächlich so perfekt, wenn es nicht mal einen Blumenstrauß zum Geburtstag gibt? Und wer hängt am Ende bewusstlos über der Güllegrube?

Von wegen ödes Landleben! - Hinter diesem unscheinbaren Cover und skurril anmutendem Aufhänger verbirgt sich eine unerwartet packende Romanerzählung!
Die Autorin beleuchtet das “idyllische” Landleben in Norddeutschland direkt aus sämtlichen Perspektiven und spielt bewusst mit Klischees, aber nur, um kurz darauf mit ihnen aufzuräumen. Mich hat die Geschichte und ihre interessanten Entwicklungen von Anfang an gefesselt und nicht mehr losgelassen!
Auch das Hörbuch hat mich voll überzeugt! Die Sprecherin Julia Nachtmann hat nicht nur den Ton dieser Geschichte perfekt getroffen, sondern auch die Atmosphäre, den plattdeutschen Schnack und die leisen Zwischentöne eindrucksvoll zur Geltung gebracht!

Ein tolle Geschichte für Menschen, die vom idyllischen Landleben träumen, für diejenigen, die schon längst in der Realität angekommen sind oder einfach mal hinter ein fremde Hecke schauen wollen.

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Veröffentlicht am 09.06.2025

Ruhig, aber dennoch nicht langweilig

Flusslinien
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Die 102-ejährige Margrit lebt in einer Seniorenresidenz in Hamburg. Von dort aus, lässt sie sich von Fahrer Arthur jeden Tag in den Römischen Garten am Elbufer bringen. Mit diesem Ort verbindet sie ein ...

Die 102-ejährige Margrit lebt in einer Seniorenresidenz in Hamburg. Von dort aus, lässt sie sich von Fahrer Arthur jeden Tag in den Römischen Garten am Elbufer bringen. Mit diesem Ort verbindet sie ein Stück Kindheit, doch vor allem für ihre Mutter Johanne hat er einst eine besondere Bedeutung gehabt. Während Margrit dabei auf Episoden aus ihrem Leben zurückblickt, welches sich unweigerlich dem Ende neigt, ist ihre Enkelin Luzie gerade dabei, langsam wieder zu sich selbst zurückzufinden. Nach einem einschneidenden Erlebnis im Internat, hat sie kurz vor dem Abitur die Schule geschmissen, sich in einem Strandhäuschen des DLRG einquartiert und probiert sich nun als Tätowiererin aus. Dabei stellt sich ausgerechnet ihr Oma als Modell zur Verfügung.

Ein berührender Roman über drei Generationen, der dazu einlädt innezuhalten, durchzuatmen, in eine vielschichtige Erzählung einzutauchen und diese auf sich wirken zu lassen. Vom Aufbau her fühlt man sich entfernt an „Der Geschmack von Apfelkernen“ erinnert und dennoch ist es eine vollkommen neue Erzählung, nur eben mit gewohnt fesselnder Sogwirkung. Kein spannungsgeladener Pageturner im klassischen Sinne, aber die kurzgehaltenen Kapitel, sich abwechselnde Perspektiven und Zeitebenen sorgen zwischendurch für eine willkommene Auflockerung dieser ansonsten eher ruhigen Geschichte. Die Atmosphäre wirkt durch nahbare Charaktere, greifbare Natur und originale Schauplätze regelrecht lebendig. Beim Lesen kann man sich gemächlich durch die Geschichte treiben lassen und nebenbei immer wieder Neues und Unerwartetes über die Protagonisten erfahren. Das Ende ist dafür weniger überraschend, wirkt jedoch wie ein kraftvoller und stimmiger Abschluss.

Von mir gibt es auf jeden Fall eine Leseempfehlung für diejenigen, die bereits Romane der Autorin kennen und ansonsten auch für alle anderen, die ruhige und dennoch stimmungsvolle Literatur mit Tiefe schätzen.

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Veröffentlicht am 07.06.2025

Ein literarischer Goldschatz

Mit dir, da möchte ich im Himmel Kaffee trinken
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Erzählerin Elisa nimmt uns in einem kompakten, aber emotional wuchtigen Abriss mit auf eine Reise durch ein Leben, das früh aus der Spur gerät und immer wieder droht, vollends auseinanderzufallen.

Zunächst ...

Erzählerin Elisa nimmt uns in einem kompakten, aber emotional wuchtigen Abriss mit auf eine Reise durch ein Leben, das früh aus der Spur gerät und immer wieder droht, vollends auseinanderzufallen.

Zunächst durchlebt sie eine unaufgeregte Kindheit, die dann jedoch einen drastischen Wandel widerfährt, als sich ihre junge Mutter, plötzlich von ihr abwendet. Elisa ist fortan auf sich gestellt und steckt dabei voller kindlicher Sehnsucht nach Liebe, Wärme und Sicherheit, die sie lange vergeblich suchen wird.
Für sie beginnt ein unsteter Wechsel zwischen Jugenhilfeeinrichtung, dem Leben in versifften Wohnungen und als obdachlose Punkerin auf der Straße. Sie bewundert Christiane F., probiert Drogen aus und gerät an toxische Männer, erlebt psychische und physische Gewalt, verletzt sich sogar selbst.

Man wird Zeuge einer eindringlichen, persönlichen Geschichte über das Suchen, Stolpern, Verzweifeln – und irgendwie auch das Überleben.
Und doch ist dieses Buch keine Anklage, kein Selbstmitleid, kein schockierender Erlebnisbericht um der Sensation willen. Tatsächlich liest es sich wie ein langer, intimer Brief. Die Autorin schreibt mit einer Ehrlichkeit, die wehtut, dabei aber nicht auf Effekthascherei abzielt. Vielmehr gelingt ihr, immer wieder neue Zuversicht und Hoffnung zu vermitteln und mich ganz unerwartet nebenbei mit ihrer Begeisterung für die Lyrik von Mascha Kaléko anzustecken. Deren Texte sind an einigen Stellen im Buch eingebunden und bereichern die Geschichte zusätzlich um eine poetischen Tiefe, die sich still entfaltet und lange nachhallt.

Es ist ein schmerzhaft ehrlicher, gleichzeitig mutiger und tröstlicher Roman über das Überleben in einer Welt, die nicht immer fair ist. Wer bereit ist, sich auf Elisas Geschichte einzulassen, wird im Mindesten tief berührt sein.
Für mich ist es ein literarischer Goldschatz.

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Veröffentlicht am 29.05.2025

Teenie-Dramen

The summer we kissed
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Zwischen den beiden besten Freunden Natalia und Ethan herrscht nach einem ereignisreichen Kuss in der Promnacht totale Funkstille.
Bis sich auf dem „Senior Sunrise“ erneut begegnen. Doch anstatt miteinander ...

Zwischen den beiden besten Freunden Natalia und Ethan herrscht nach einem ereignisreichen Kuss in der Promnacht totale Funkstille.
Bis sich auf dem „Senior Sunrise“ erneut begegnen. Doch anstatt miteinander zu reden, offenbaren sie ihre wahren Gefühle lieber in einem Brief an sich selbst, der mitsamt allen anderen Zetteln ihres Abschlussjahrgangs in einem Einmachglas landet. Zumindest bis ein Windstoß einige der Zettel über den Strand fliegen lässt und Natalia und Ethan unter allen Umständen verhindern wollen, dass der jeweils andere
von den brisanten Geheimnissen erfährt.

Obwohl sie sich ohne Worte verstehen, sind sie ihren Gefühlen füreinander vollkommen blind und daher sorgen vor allem die unausgesprochenen Wahrheiten im Verlauf des Buches immer wieder für jede Menge Drama und Missverständnissen zwischen ihnen.
Neben den schönen Summer-Vibes, lebt die Geschichte in erster Linie von reichlich emotionalem Chaos und bringt so die von Unsicherheit und Überforderung geprägte Gefühlswelt von Teenagern im Übergang zum Erwachsenwerden ziemlich authentisch rüber.
Wer also gerne auf eine nostalgisch-emotionale Achterbahnfahrt durch eine sommerliche Teenie-Romanze mit viel Herzschmerz und Friends-to-Lovers-Trope einlassen möchte, kommt hier auf jeden Fall auf seine Kosten.

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Veröffentlicht am 27.05.2025

Pure Begeisterung!

Ósmann
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Jón Magnússon Ósmann ist ein isländischer Fährmann – nicht mehr und nicht weniger. Und dennoch ist er nicht zu Unrecht zum Held seiner eigenen Geschichte auserkoren worden, die Joachim B. Schmidt hier ...

Jón Magnússon Ósmann ist ein isländischer Fährmann – nicht mehr und nicht weniger. Und dennoch ist er nicht zu Unrecht zum Held seiner eigenen Geschichte auserkoren worden, die Joachim B. Schmidt hier auf unglaublich lebendige Art und Weise nacherzählt.

So begegnet einem schon auf der ersten Seite ein feiner, unaufdringlicher Humor, der sofort ein Lächeln ins Gesicht zaubert und sich wie ein leiser Begleiter durch den Roman und dem Leben von Ósmann zieht.
Dabei ist das Dasein zu Zeiten der Jahrhundertwende alles andere als leicht. Die Schicksalsschläge, die Ósmann im Laufe der Jahre treffen, sind so unberechenbar und rau, wie die isländische Natur selbst. Und doch bleibt sein Wesen erstaunlich unberührt davon. Er bewahrt seine Haltung und seine Menschlichkeit – ruhig, ehrlich und mit einem gutmütigen Herzen.
Während sein Leben davon bestimmt zu sein scheint, Mensch und Tier sicher mit der Seilfähre über den Ós zu bringen, steht sein Fährhaus jedermann offen. Die Menschen um ihn herum kommen und gehen, getrieben vom Traum eines besseren Lebens jenseits des Atlantiks – nur Ósmann bleibt.
Es ist ein wahres literarisches Denkmal, das der Autor diesem Fährmann aus vergangenen Zeiten setzt.

Für mich ein absolutes Highlight, das mich über die Maßen begeistert, mitgerissen und vollends überzeugt hat!
Ganz große Leseempfehlung!

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