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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 19.03.2026

September in Gold

Fräulein Renée und das kartografische Komplott
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1908. Der achtzehnjährige Caspar beantwortet eine ungewöhnliche Stellenanzeige und lernt die fast gleichaltrige reiche Erbin Renée kennen, die einen Sekretär und Chronisten sucht, der mit ihr Abenteuer ...

1908. Der achtzehnjährige Caspar beantwortet eine ungewöhnliche Stellenanzeige und lernt die fast gleichaltrige reiche Erbin Renée kennen, die einen Sekretär und Chronisten sucht, der mit ihr Abenteuer erlebt und darüber berichtet. Das Abenteuer lässt auch nicht lange auf sich warten, denn sie stolpern beinahe sofort in einem alten Forsthaus über die Leiche einer Frau. Da diese Leiche plötzlich verschwindet, ermittelt Renée mit der manchmal widerwilligen Hilfe von Caspar allein, ohne die Polizei hinzuzuziehen. Dabei geraten die beiden nicht nur in Lebensgefahr, sondern müssen einiges über Liebe und Vertrauen lernen.

Ich habe das Buch von Anfang an genießen können. Man taucht sofort in das damalige Leben ein und bekommt ganz nebenbei noch einiges an Wissen über diese Zeit, Stuttgart, geographische Komplotte und das Verhalten und Benehmen verschiedener Klassengesellschaften mit auf den Weg. Dabei ist wohl ein besonderer USP die Charakterisierung der Hauptpersonen. Renée ist zwar die Tochter eines Großkapitalisten, hat aber dank ihres Hintergrunds auch genug humanistisches Verständnis für andere und spricht sich gegen Kolonialisierung und Eroberungen aus. Sie ist eine moderne junge Frau, die allerdings auch noch einiges zu lernen hat. Caspar behält seine Karten eng am Körper, ist aber ein hochsympathischer junger Mann mit verdammt guten Ansichten. Dass er außerdem auch Synästhesie hat und mit Romantik höchstens auf dichterischer Ebene etwas anfangen kann, macht ihn nur noch spannender. Mit einem Teil des Endes war ich nicht ganz so glücklich, aber das Gesamtwerk hat mich schon sehr glücklich gemacht und ich hoffe, der Verlag bitte um Fortsetzungen. Ich würde gern sehen, wie sich Caspar und Renée entwickeln und welche weiteren Abenteuer sie erleben. 4.5/5 Punkten.

Veröffentlicht am 17.03.2026

Kleine Diebin

Spiel des Lügners
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Vor fünf Jahren versuchten die Schattenbrüder Nic und Enzo, die Mondscherbe aus einem Tempel zu stehlen. Dabei kam es zu einer Katastrophe und die Brüder wurden verflucht. Vor vier Jahren rettete Enzo ...

Vor fünf Jahren versuchten die Schattenbrüder Nic und Enzo, die Mondscherbe aus einem Tempel zu stehlen. Dabei kam es zu einer Katastrophe und die Brüder wurden verflucht. Vor vier Jahren rettete Enzo Lola, eine fünfzehnjährige Gangsterbosstochter, täuschte ihren Tod vor und nahm sie unter seine Fittiche. Enzo bildete sie als Diebin aus und jetzt schickt er sie in Nics Kasino, um dort die Mondscherbe zu stehlen, seinen Fluch aufzuheben und damit auch Lola aus ihrer Verbindung zu befreien. Doch je länger Lola im Kasino ist, an einem rätselhaften Spiel teilnimmt und Nic kennenlernt, desto mehr hinterfragt sie alles, was sie zu wissen glaubte.

Ich gebe zu, das Buch hat mich enttäuscht. Ich war so gespannt auf die Spiele und das Kasino und die Tricks, die nötig sein würden, damit Lola heil durchkam und der Anfang ist auch sehr vielversprechend. Aber sobald Lola im Spiel ist, wird alles sehr schwammig erklärt. Die Magie inklusive der Würfel ist einerseits übermächtig: man braucht nur dauernd verschiedene Würfel zu werfen, um andere zu manipulieren. Dazu muss man nicht einmal sonderlich clever sein. Wie genau jedoch die Magie funktioniert, wie die leeren Würfel wieder zurückkommen, wie Lola tun kann, was sie tut .... nichts. Sie wird von einer anderen Teilnehmerin angegriffen - warum? Keine Erklärung. Lola hält es auch nicht für nötig, deshalb Maßnahmen zu unternehmen. Überhaupt Lola. Zuerst wird gesagt, sie hätte ein schielendes Auge und das ist natürlich sehr störend für alles, was Action beinhaltet. Mal davon abgesehen, dass es scheinbar null ihren Sexappeal beeinträchtigt (und sind wir mal ehrlich, Männer sind oberflächig und übersehen nicht einfach so einen doch auffälligen "Makel"), hindert es sie in keinster Weise, alles Mögliche zu tun, wofür man schon mit zwei gesunden Augen viel Glück bräuchte, um damit durchzukommen. Wenn alle Stricke reißen, klaut sie einfach Lebensenergie und Magie von anderen und mutiert damit zum special snowflake. Wer also hier einen hübschen Heist á la Oceans Eleven meets Magic erwartet, wird nicht auf seine Kosten kommen.

So faszinierend die Idee hinter der Geschichte ist, so mau ist das Worldbuilding und die Funktionsweise der hier verwendeten Magie. Dazu kommen einige Sachen, die keinen Sinn ergeben. Vieles wird durch den flüssigen Schreibstil wettgemacht, aber es wirkt doch recht oberflächig. Es gibt auch ein paar Schreibfehler im Buch. Für die Außengestaltung wurde sich viel Mühe gegeben. Das Cover ist nett gestaltet, es gibt einen aufwendigen Farbschnitt und ein Page Overlay, aber das eigentliche Schmuckstück ist die Gestaltung des Buches unter dem Schutzumschlag. Wer also mehr auf schönen Schein Wert legt anstatt auf eine stringente Geschichte, wird hier auf jeden Fall gut bedient werden.

Veröffentlicht am 16.03.2026

Mnemoskopie

Die Geister von La Spezia
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1822. Mary Shelley, die berühmte Autorin von Frankenstein, lebt im Exil in Italien. Ihr Mann Percy ist vor kurzem beim Segeln ertrunken und sie trauert, als plötzlich eine exzentrische Person bei ihr auftaucht: ...

1822. Mary Shelley, die berühmte Autorin von Frankenstein, lebt im Exil in Italien. Ihr Mann Percy ist vor kurzem beim Segeln ertrunken und sie trauert, als plötzlich eine exzentrische Person bei ihr auftaucht: Pat Colombari. Pat ist eine Spezialagentin und arbeitet tatsächlich an sehr speziellen Fällen und mit sehr speziellen Methoden. Dazu gehören Erinnerungsreisen, die Mnemoskopie, die sie mit wundersamen technischen Mitteln vollbringt. Dabei reist sie in und mit den Erinnerungen ihrer Klienten in die Zeit zurück, um herauszufinden, was wirklich passiert ist. Dabei lernt Pat nicht nur Lord Byron und dessen Freunde kennen, sondern auch, welche unheimlichen Ereignisse stattgefunden haben.

Ich mochte wirklich sehr die Atmosphäre, die der Autor die meiste Zeit heraufbeschwören konnte. Wie er die wahrscheinlich tatsächlichen Ereignisse am Genfer See mit seinen fantastischen Ausführungen verbindet, gefällt mir gut. Auch Pat selbst mochte ich, obwohl sie mir ein bisschen zu modern vorkam, selbst wenn man bedenkt, dass sie sich durch Mary im Dunstkreis von Lord Byron bewegt hat mit ihren Erinnerungsreisen. Und so sehr ich auch oft eine Art Sog beim Lesen verspürt hatte, so zog sich doch manches, gerade im Mittelteil des Buches, arg dahin, sodass ich nicht immer den unbedingten Willen zum Weiterlesen hatte. Alles in allem ist das Ganze ein guter Abstecher in einen modernen Schauerroman, dem ein paar Kürzungen oder zumindest Straffung gutgetan hätte. 3.5/5 Punkten.

Veröffentlicht am 07.03.2026

Filmriss

Revenge
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Eigentlich wollte sich Liv am Samstagabend nur schnell in der Tankstelle Nervenfutter für einen Lernmarathon besorgen und das Einzige, was sie sich fragen sollte, war: Schokolade oder Kekse? Hinter der ...

Eigentlich wollte sich Liv am Samstagabend nur schnell in der Tankstelle Nervenfutter für einen Lernmarathon besorgen und das Einzige, was sie sich fragen sollte, war: Schokolade oder Kekse? Hinter der Theke der Tankstelle steht Vince, ein Schüler im Abschlussjahr, den sie nur flüchtig kennt. Ausgerechnet, als dessen Freundin Sara ihn besucht, wird die Tankstelle überfallen und Vince angeschossen. Die beiden Mädchen sind Zeuginnen, doch was haben sie gesehen? Und wie wirkt sich diese Tat weiter aus? Beide haben Geheimnisse, die sie um jeden Preis schützen wollen, doch der Täter ist noch lange nicht fertig ...

Das Buch ist auf zwei Zeitebenen aufgeteilt, wobei die frischesten Ereignisse mit "Diese Nacht" betitelt sind und kursiv gestaltet. Auch wird Sara dort in der Ich-Form Präsens dargestellt, obwohl sie im Rest des Buches die ganze Zeit in der dritten Person Präteritum daherkommt, das ist vielleicht nicht jedermanns Sache. Die Geschichte selbst ist spannend und aktuell, ganz stark kommt hier die Metoo-Debatte zum Tragen. Wer da empfindlich ist, sollte auf jeden Fall die Content Notes beachten. Ein paar Sachen hätte ich gern noch genauer geklärt, zum Beispiel, was mit Livs und Leos Vater los war, wie es bei Sara weitergeht, was mit Vince Vater ist etc. Aber alles in allem war es ein sehr gut geschriebener und kurzweiliger Jugendthriller.

Veröffentlicht am 05.03.2026

Serienkillerin im Ruhestand

Betreutes Morden
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Wenn eine Serienkillerin in eigener Sache ermittelt, müssen vorher ziemlich skurrile Dinge passiert sein. Und so ist es auch. Carol ist nach 35 Jahren aus dem Gefängnis heraus und zieht in Sheldon Oaks ...

Wenn eine Serienkillerin in eigener Sache ermittelt, müssen vorher ziemlich skurrile Dinge passiert sein. Und so ist es auch. Carol ist nach 35 Jahren aus dem Gefängnis heraus und zieht in Sheldon Oaks ein, einer gehobeneren Seniorenresidenz. Was sie nicht weiß: Dort leben fast ausschließlich ehemalige ErmittlerInnen oder Leute aus dem Ministerium a.D. Was sie außerdem nicht erwartet hätte: Dass direkt vor ihrer Nase jemand ermordet wird. Und wer wird natürlich des Mordes beschuldigt? Sie, ganz klar. Allerdings hat Carol keine Lust, für einen Mord hinter Gitter zu wandern, für den sie nicht zuständig ist, also stellt sie eigene Nachforschungen an. Denn wer könnte sich besser in einen Mörder hineinversetzen als sie?

Ich habe das Buch gern gelesen. Es schwimmt natürlich ein bisschen auf der Donnerstagsmordclub-Welle mit und kann zwar nicht ganz mithalten, aber es bringt mit der ermittelnden Serienkillerin immerhin einen eigenen, originellen Aspekt mit rein. Da Carol mindestens 2/3 des Buches niemand über den Weg traut (Kunststück, immerhin konnten ihr sieben Morde nachgewiesen werden), ist sie eine Zeitlang allein unterwegs, aber es zeichnet sich schon gut ab, in welche Richtung sich das Ganze entwickelt, sollte eine Serie daraus entstehen. Und wisst ihr was? Ich hätte schon Lust, die Killerin im Ruhestand und ihre neuen Bekannten, die ErmittlerInnen im Ruhestand, weiter zu begleiten. Manchmal war es mit dem Humor ein bisschen drüber - ich kann über das Nachdenken, jemandem die Hand in den Mixer zu stecken, nicht lachen, aber solange das nicht zu oft vorkommt (oder am besten in den möglichen Nachfolgern gleich abgeschafft wird) kann ich drüber hinwegsehen. Zusammengefasst: Ein Einstieg, der Lust auf mehr macht.