Chaos
Insel der RattenNach einer Pandemie herrscht Anarchie in den USA. In den Straßen bekriegen sich Banden und gehen auf alles los, was sich bewegt. Auf dem Dach eines Hochhaus warten die reichsten Menschen auf die Helikopter, ...
Nach einer Pandemie herrscht Anarchie in den USA. In den Straßen bekriegen sich Banden und gehen auf alles los, was sich bewegt. Auf dem Dach eines Hochhaus warten die reichsten Menschen auf die Helikopter, die sie auf ein autarkes Schiff bringen sollen, wo sie die nächsten Jahre (luxuriös) überleben werden. Der Besitzer des Schiffes ist der Magnat Colin Lowe und er steht hier mit seinem ehemaligen besten Freund Will. Colins Sohn Brad ist der Anführer einer der schlimmsten Banden und er hat Wills Familie Schreckliches angetan. Auf diesem Dach stehen sich die beiden ehemaligen Freunde als Feinde gegenüber; ihre Werte und Weltanschauungen clashen in einer finalen Konfrontation gegeneinander ...
Die Geschichte selbst hat viel Potenzial und es ist auch nicht so, als könnte Nesbo nicht schreiben. Wie er das Ganze aufbaut und aus zwei Perspektiven - Wills und Yvonnes, Mitglied von Brads Gang mit Anflügen von Gewissen - erzählt, könnte ganz großes Kino sein und ist in sich auch spannend und gut zu lesen. Es gibt jedoch zwei Dinge, die ich kritisiere. Erstens: Er bleibt zu distanziert, arbeitet auch viel mit indirekten Reden und sagt vieles, ohne es zu zeigen. Gerade die Entwicklung der Welt bis zu diesem Zeitpunkt ist eine Art "Was bisher geschah". Klar, ist eigentlich eher eine Kurzgeschichte, aber das ist eine Baustelle, auf die ich noch eingehen werde.
Mein größter Kritikpunkt ist die Nonchalance, mit der Nesbo über sexuelle Gewalt und Gewalt an Frauen hinweggeht. Er benutzt es als Mittel zum Zweck, als Grund, dass der ach so rechtschaffende Will, der ja so sehr an Justitia glaubt, sich selbst aufmacht, um "Gerechtigkeit" auszuüben. Dabei wird keine Sekunde, kein Wort lang, nicht in einem einzigen Satz reflektiert, was es für die Frauen und Mädchen bedeutet, die er hier so nebensächlich den Wölfen vorwirft. Und dass Will ein liebender Vater ist, kann man ihm nicht abnehmen. Als er das Mädchen - seine Tochter - findet, agiert er in einer Weise, als hätte er den Einkaufszettel für den Wochenendeinkauf abgehakt. Da kommt nichts rüber, keine Trauer, kein Entsetzen, kein Bedauern, nichts. Aber Hauptsache, er liebt seine Frau zärtlich, der sexuelle Gewalt angetan wurde, nach einem Massaker an etwa dreißig Leuten. Alles klar. Keine Ahnung, was Nesbo sich dabei gedacht hat - in Bezug auf Frauen jedenfalls nichts.
Das zur Geschichte. Was mich ebenfalls ärgert - auch wenn es nicht direkt in die Bewertung einfließt - ist Folgendes: Auf der letzten Seite des Buches steht "Die Originalausgabe erschien 2021 in dem Sammelband "Rotteoya og andre fortellinger". Jetzt ist mein Norwegisch nicht das Beste, aber auch, wenn man sich "Ratteninsel und andere Erzählungen" nicht selbst zusammenreimen kann, ist doch der Begriff "Sammelband" eindeutig. Anstatt also ein ganzes Buch voller relativ kurzer Geschichten zu übersetzen, hat Ullstein eine einzige daraus entnommen, sie in knappe 200 Seiten in ein handgroßes Buch mit Pappeinband gepresst, verlangt dafür stolze 20 Euro und bezeichnet das Ganze als Hardcover. Besser kann man "Wir zocken mal so richtig mit einer kurzen Geschichte eines beliebten Autors ab" nicht in die Welt schreien.