Profilbild von Archer

Archer

Lesejury Star
offline

Archer ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit Archer über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 25.06.2017

Lasst die Welt herein

Was man von hier aus sehen kann
6 0

Ich will, dass dieses Buch einen Preis erhält. Mir egal, welchen. Deutscher Buchpreis, Nobelpreis, irgendwas. Denn, liebe Leute und Leutinnen, das ist mal ein Buch, das einen Preis verdient. Das ist ein ...

Ich will, dass dieses Buch einen Preis erhält. Mir egal, welchen. Deutscher Buchpreis, Nobelpreis, irgendwas. Denn, liebe Leute und Leutinnen, das ist mal ein Buch, das einen Preis verdient. Das ist ein Buch, das eine Geschichte erzählt, die zusammengefasst so banal klingt, wie es sich für ein buchpreisgeehrtes Buch gehört, aber es überhaupt nicht ist. Das ist ein Buch, das eine Sprache besitzt, die mitnimmt, berührt, von den alltäglichsten Dingen plaudert, und doch keineswegs alltäglich ist. Das ist eine Geschichte, die keine Werbung für die Raucherindustrie macht, die nicht political correct von Flüchtlingen spricht, und doch das Leben hereinlässt, vielleicht sogar die Welt. Ich kann dieses Buch nicht genügend in einer Rezension würdigen, aber ich kann es wenigstens versuchen.

Selma ist eine alte Frau aus dem Westerwald. Ausgerechnet sie, die niemals herausgekommen ist aus ihrem winzigen Ort, träumt von einem Okapi. Und zwar immer kurz bevor jemand stirbt. Das ist so sicher wie das Amen in der Kirche. Niemand weiß, wen es treffen wird, doch alle drehen am Rad. Und manchmal sterben auch Leute, die es nicht verdient haben. Martin zum Beispiel, der zehnjährige Freund der gleichaltrigen Luisa, welche die Enkelin von Selma ist. Und Luisa übernimmt für uns auch den Part der Erzählerin, in der Ich-Form, was nichts daran ändert, dass auch andere zu Wort kommen. Selma sowieso, der Optiker, der im ganzen Buch nur einmal bei seinem Namen genannt wird, und der seit mehr als vier Jahrzehnten in Selma verliebt ist. Luises Vater, Elsbeth, Selmas Schwägerin, Marlies, die niemanden an sich heran- und niemanden zu sich hereinlassen will, nicht einmal die Welt. Dann ist da noch Felix, der eigentlich in einem Kloster in Japan lebt und trotzdem Luise näher kommt als jeder andere.

Ich weiß nicht, wie ich es beschreiben soll. Man taucht in diesen Mikrokosmos ein, ist sofort dabei und gehört dazu, zur Welt, zum Dorf, zur Familie. Ich habe geschmunzelt, die Stirn gerunzelt, die Augenbrauen hochgezogen, mitgelitten. Mann, habe ich teilweise mitgelitten, logisch, das tut man, wenn in der Familie was passiert. Und dann diese Sprache. Diese außergewöhnliche, unglaubliche Sprache, die sich an keine Vorschriften oder Konventionen hält, die Regeln bricht, bewusst, obwohl sie bekannt sind, und gerade dadurch eine Enge, einen Bezug zum Erzählten schafft, den ich so noch nie vorher erlebt habe. Dieses Buch gehört eigentlich überhaupt so gar nicht zu dem, was ich üblicherweise lese, und vielleicht hat es mich gerade deshalb so aus den Socken gehauen. Lest es. Verdammt noch mal, lest es, wenn ihr jemals ein Buch mit literarischem Anspruch lesen wollt.

Veröffentlicht am 15.09.2016

Entscheide dich - Serie oder Buch!

Die 100
6 0

Vorneweg: Ich habe zuerst die Serie gesehen/sehe ich immer noch, schließlich läuft schon die dritte Staffel. Und ich finde sie einfach extrem gut, so ziemlich das Beste, was zurzeit im Jugend-Science-Fiction-Bereich ...

Vorneweg: Ich habe zuerst die Serie gesehen/sehe ich immer noch, schließlich läuft schon die dritte Staffel. Und ich finde sie einfach extrem gut, so ziemlich das Beste, was zurzeit im Jugend-Science-Fiction-Bereich so läuft. Und dann habe ich den Fehler begangen, das Buch zu lesen.

Also, Buch und Serie unterscheiden sich in etwa wie Afrika und Europa. Also so ziemlich in allem, außer dass Menschen in beiden existieren. Bis auf wenige Namen, die sich dann aber auch wieder stark von denen in der Serie unterscheiden, gibt es fast nichts, was vom einen auf das andere deutet, und dass eine Gruppe von verurteilten Jugendlichen von ihrer Raumstation aus auf die verseuchte Erde geschickt wird.

Das könnte sogar interessant sein. Betonung liegt auf könnte, denn dafür müsste die Autorin schreiben können und vor allem auch spannende Sachen schreiben wollen. Stattdessen bekommen wir Gute-Zeiten-schlechte-Zeiten im Weltall (und ein ganz kleines bisschen auf der Erde), wobei die schlechten Zeiten überwiegen. Aber nicht, weil die Ressourcen ausgehen oder die Leute um ihr Überleben kämpfen (wie zum Beispiel in der Serie). Nein, man wird Seiten über Seiten mit langatmigen Liebesquatsch zugedröhnt, gegen den die Shades-of-Grey-Story fast noch ausgereift wirkt.

Der Teenie will mit dem zusammen sein, der andere mit der, Himmel, wen interessiert das? Ich hatte eigentlich ein Buch erwartet, das mich aus den Socken haut, weil ja Bücher im Allgemeinen besser als die Filme oder Serien sind, stattdessen bekam ich Langeweile und einen miserablen Schreibstil, der nicht über dem eines Achtklässlers lag.

Ich empfehle das Buch nur für Leute, welche sich für die Serie nicht interessieren. Solche, die gern Vorabendserien wie Marienhof oder ähnliches schauen. Denjenigen, die bereits in der Serie stecken, rate ich: Finger weg, ihr ärgert euch nur.

Veröffentlicht am 15.09.2016

Spiel mir das Lied von der Beraterfirma

Skin
3 0

Ausnahmsweise gehe ich mal auf den Klappentext ein. Dort heißt es, als sich Christian ein Video ansieht, das an ihn geschickt wird, ist er entsetzt über das, was er sieht: eine Wasserleiche. Diese Szene ...

Ausnahmsweise gehe ich mal auf den Klappentext ein. Dort heißt es, als sich Christian ein Video ansieht, das an ihn geschickt wird, ist er entsetzt über das, was er sieht: eine Wasserleiche. Diese Szene kommt auch wirklich vor, allerdings hat der Klappentextersteller vergessen zu sagen, dass es ein langer, langer Weg bis dahin wird. Ein Weg, der sich vor allem durch Langeweile auszeichnet. Ausgiebig und bis zum Einschlafen wird erst mal Christian beschrieben. Ein junger Businesstyp, der versucht, auf der Karriereleiter einer Beraterfirma hochzuklettern und dabei Arbeitszeiten von 80 Stunden oder mehr in Kauf nimmt und nie zu Hause ist, was seiner Freundin wenig schmeckt. Davon abgesehen, dass Christian ein langweiliger Typ ist, interessiert mich die Hierarchie und der Aufbau in so einer Firma null. Zwischendurch bekommt man Einblicke in das Leben eines Kommissars, der möchtegernzynisch einen auf einsamen Wolf macht. Bevor es um die erste Leiche geht, ist ein Drittel des Non-Thrillers vergangen.

Dann benimmt sich Christian so dermaßen irrational, dass man sich mit der Hand gegen den Kopf schlagen möchte. Andererseits kann er sonst natürlich nicht selbst zum Verdächtigen werden, denn ein kurzzeitiges Nachdenken der Ermittler (Kommissar plus Gerichtsmedizinerin plus Ex-Hackerin) hätte jeden von den drei ziemlich schnell in die Richtung des Täters geführt. Es wurde also konstruiert auf Teufel komm raus; Leichen pflastern den Weg, Christian macht sich immer verdächtiger. Aufgeteilt ist das Ganze in Buch 1, 2 und 3, wobei 3 den wenigsten Platz einnimmt, aber wenigstens noch so etwas ähnliches wie Spannung aufzubauen vermag. Spannend und interessant ist das Buch für Leute, die sich für Strukturen großer Beraterfirmen interessieren, alle, die einen fesselnden Thriller erwarten, werden enttäuscht. 1,5/5 Punkten.

Veröffentlicht am 13.06.2018

Past Crimes

Die Schlingen der Schuld
1 0

Im westaustralischen Outback wird die Leiche eines Mannes gefunden. Sein Name: Dieter Schäfer. Nationalität: deutsch. Wer könnte ein Interesse daran haben, einen in Australien lebenden Deutschen zu töten? ...

Im westaustralischen Outback wird die Leiche eines Mannes gefunden. Sein Name: Dieter Schäfer. Nationalität: deutsch. Wer könnte ein Interesse daran haben, einen in Australien lebenden Deutschen zu töten? Und warum hat sich der Mörder die Mühe gemacht, dem Toten das blutige T-Shirt auszuziehen und durch eines mit der Meistermannschaft des HSV 1979 zu ersetzen? Daniel Clement ist frisch nach Broome zurückgekehrt und muss mit einer noch nicht zusammengewachsenen Polizeitruppe dieses Verbrechen klären. Hinderlich dabei ist nicht nur sein desolates Privatleben, sondern auch ein aufziehender Zyklon und die Tatsache, dass sich das Motiv des Verbrechens irgendwo in der Vergangenheit – und auf der anderen Seite des Erdballs versteckt.

Die Stärke des Buches besteht in der bildlichen Darstellung des für uns doch ziemlich exotischen australischen Westens, in dem es furchtbar heiß ist und die Entfernungen jeder Beschreibung spotten. Um eine Leiche obduzieren zu lassen, werden per Flugzeug Strecken zurückgelegt, die der von London nach Moskau entsprechen, die Einheimischen finden Krokodile im nächsten Tümpel zwar gefährlich, aber nicht ungewöhnlich und ein Wirbelsturm der Stufe 2 ist Anlass zur Besorgnis, jedoch kein Grund, in Angstschweiß auszubrechen. Dass gleichzeitig eine Brücke zu dem uns Bekannten wie Hamburg oder der HSV geschlagen wird, verbindet Vertrautes mit Fremden. So hätte aus dem Krimi Außergewöhnliches entstehen können, und viele werden es so sehen; mir jedoch gab es zu viel des typischen Bullendramas. Einsamer Wolf, der seiner Ex hinterherweint und keine Zeit für seine kleine Tochter hat sowie auch zu viel privater Kram mit seiner Familie. Das machte einen Teil des Buches recht zäh, obwohl es zwischendurch durchaus spannende Momente beinhaltete. Was mich jedoch wirklich störte, ist die Tatsache, dass das, was sich schließlich als Lösung präsentierte, weniger ermittelt als vielmehr in Rückblenden erzählt wurde, wobei der dabei mitdenkende Leser durch fehlende Zeitangaben bewusst getäuscht wird. Ein Kunstkniff, mag sein. Aber einer, der bei mir verpufft, weil ich das Motiv nicht wirklich überzeugend finde. Trotzdem nicht uninteressant geschrieben und mich würden auch weitere Fälle von Clement und dessen Team reizen. 3,5/5 Punkten.

Veröffentlicht am 16.11.2017

Totally sick and broken

Begin Again
5 4

Ich hab jetzt zwei Tage überlegt, ob ich zu diesem "romantischen Buch" eine Rezension schreibe. Aber da mich noch immer eine übelste Wut überfällt, wenn ich auch nur an den Inhalt denke, muss es wohl sein.

Folgendes ...

Ich hab jetzt zwei Tage überlegt, ob ich zu diesem "romantischen Buch" eine Rezension schreibe. Aber da mich noch immer eine übelste Wut überfällt, wenn ich auch nur an den Inhalt denke, muss es wohl sein.

Folgendes passiert:

1. Frau sucht WG-Zimmer
2. Findet Mann mit WG-Zimmer
3. Mann mit Zimmer sagt, sie soll sich schleichen, weil sie Frau ist
4. Frau will sich schleichen, weil sie Frau ist. Mann rennt hinterher, weil anderer Mann WG-Zimmer abgesagt hat
5. Mann mit WG-Zimmer stellt 3 Regeln auf: 1.) Halt dein dummes Weibermaul mit deinem dummen Weibergewäsch. 2.) Halt dein dummes Weibermaul mit deinem dummen Weibergewäsch, wenn ich ein dummes Weib abschleppe, das ich schlecht behandle. 3.) Halt nicht nur dein dummes Weibermaul, lass auch deine dummen Weiberpfoten bei dir und wag es ja nicht zu denken, dass ich mit dir dummen Weib ins Bett gehe
6. Frau sagt zu allem Ja und Amen, weil sie 1.) das WG-Zimmer braucht und 2.) der Mann Tattoos hat und einen Waschbrettbauch
7. Mann behandelt die Frau wie den letzten Dreck
8. Mann behandelt die Frau wie den letzten Dreck
9. Mann behandelt die Frau ... vielleicht erkennt jemand ein Muster
10. Mann dringt ungebeten in das Zimmer der Frau ein, während sie schläft
11. Mann verweigert der Frau Privatsphäre. Dringt ungebeten in das Bad ein, während sie sich dort aufhält.
12. Mann demütigt Frau während einer Wanderung, indem er die völlig unsportliche Frau den schwarzen Weg eines Berges hochschleppt
13. Frau bedankt sich dafür
14. All diese Ereignisse passieren während der ersten 100 Seiten
15. Später hat Mann permanent Gehirn-Schisse: bricht alle seine Regeln (nicht sie, wie es im Klappentext steht), macht mit ihr rum, zeigt ihr die kalte Schulter, macht mit ihr rum, schmeißt sie aus dem Zimmer, drischt seinen besten Freund zusammen
16. Frau ist tatsächlich dumm - lässt sich alles bieten und findet sogar romantisch, als er zum Schluss WG-Kandidaten bedroht
17. Frau hat (anfänglich) coole Freunde, die zum Schluss auch alle an Gehirnschiss leiden: versuchen, der Frau das kranke Verhalten des Mannes schmackhaft zu machen
18. Nebenbei: Mann hatte eine Ex-Freundin, der er in Bezug auf Vergewaltigung nicht geglaubt hat (daher auch das Ex vor der Freundin)
19. Deswegen schmollt Mann. Dumme Frau versichert schmollendem Mann, dass es ja alles nicht seine Schuld war. Weil Ex-Freundin jetzt Ex ist, ist es okay, dass Mann alle wie den letzten Dreck behandelt.

20: Message der Geschichte: Egal wie schlecht dich dein Prinz A...loch behandelt, es ist okay. Denn er hat übelst geile Tattoos und Bauchmuskeln.

Ein Wort zum Abschluss: Nummer 20 meiner Liste ist eben NICHT okay. Ganz egal, was euch diese Art von Büchern einreden wollen. Ihr seid Menschen - ihr habt das Recht, wie Menschen und nicht wie der letzte Dreck behandelt zu werden.