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Veröffentlicht am 26.02.2024

Hasta la muerte

Legends of Mictlan 1. Chosen by Death
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Die vierundzwanzigjährige Elena ist die Totengräberin ihres mexikanischen Dorfes. Sie trägt einen Fluch vom Totengott selbst, der dafür sorgt, dass sie die Toten sehen kann. Als plötzlich die Dörfer ringsherum ...

Die vierundzwanzigjährige Elena ist die Totengräberin ihres mexikanischen Dorfes. Sie trägt einen Fluch vom Totengott selbst, der dafür sorgt, dass sie die Toten sehen kann. Als plötzlich die Dörfer ringsherum aussterben und es auch bei ihnen zu immer mehr plötzlichen Todesfällen kommt, muss Elena mit dem aztekischen Gott Nan einen Deal eingehen, um ihr Dorf zu retten. Sie muss mit ihm in die Unterwelt, begleitet werden sie vom Mondgott Li und der energischen Dorfvorsteherin Marisol. Doch die Totenwelt ist nicht für die Lebenden und jeder Schritt könnte Elenas letzter sein. Gefährlicher jedoch ist, dass sie nicht nur ihr Leben, sondern auch ihr Herz verlieren könnte: ausgerechnet an Nan, den abweisenden Sonnengott.

Wir haben hier die spannende Umsetzung einer Idee in einem exotischen aztekischen Setting. Nach einer kurzen Eingewöhnungsphase habe ich das Lesen genossen und gern verfolgt, wie sich Elena durch die Welt der Toten kämpft. Gut gefallen hat mir dabei, dass sie nicht die typische heulende Teenagerheldin ist, die nicht weiß, zwischen welchen ihrer unzähligen Loveinterests sie sich entscheiden soll. Erstens ist sie 24, zweitens benimmt sie sich auch so. Und das einzige Interesse, das sie bis mindestens der Hälfte des Buches hatte, ist, ihr Dorf und Marisol zu retten. In der Mitte fand ich es ein bisschen langatmig, das wurde später durch einen Plottwist wieder gut kompensiert. Das Einzige, was ich insgesamt ein bisschen störend fand, war der Strang um Miguel, der erschien mir ein bisschen forciert, aber okay, das ist Meckern auf hohem Niveau. Was man bei dem Buch wissen sollte: Es kommt manchmal zu hochdramatischen Szenen, wer nah am Wasser gebaut ist, sollte es trotzdem lesen, aber Taschentücher bereitlegen. Man wird mit einem sehr gefälligen Schreibstil und einer tollen Handlung belohnt.

Veröffentlicht am 24.02.2024

Juniper Song

Yellowface
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Sie kennen sich seit dem Studium: die junge amerikanische Autorin June Hayward und die chinesischstämmige Athena Liu. Athena ist dabei das gefeierte Wunderkind der Literaturbranche - welches Buch sie auch ...

Sie kennen sich seit dem Studium: die junge amerikanische Autorin June Hayward und die chinesischstämmige Athena Liu. Athena ist dabei das gefeierte Wunderkind der Literaturbranche - welches Buch sie auch schreibt, welches Thema sie anpackt, es wird zu Gold. June hingegen dümpelt maximal in der Backlist herum; ein Zustand, der ihren Neid genauso wachsen lässt wie den Erfolg von Athena. Athena ist trotz ihrer Jugend eine altmodische Autorin, die ihre Werke zuerst auf einer Schreibmaschine schreibt und nirgends sonst speichert. Das kommt June entgegen, als Athena in ihrer Anwesenheit plötzlich stirbt. Sie stiehlt das Manuskript, überarbeitet es und gibt es als ihr eigenes Werk aus. Bald jedoch werden die ersten Stimmen laut, die ihre Urheberschaft bezweifeln.

Ich kenne von der Autorin nichts, obwohl ich natürlich vom hochgelobten "Babel" gehört habe. Und auch der Hype für Yellowface ging nicht an mir vorbei und ich gebe zu, er ist nicht unverdient. Athena dürfte viel von Rebecca selbst haben: eine großartige Autorin, deren Genialität erkannt und gefeiert wird, wobei sich die Verantwortlichen wegen ihres Sinns für Diversität auf die Schultern klopfen. Mit spitzer Feder deutet die Autorin in dem Buch auf alles, was gerade mega aktuell ist. Die Diskussionen um Diversität, Rassismus, kulturelle Aneignung, Plagiat. Ich bin nicht ganz sicher, ob es ein genialer Trick ist, June zwar als menschlich, aber doch eher wenig liebenswert darzustellen, oder ob sie damit Gnade zeigt, denn das Buch ist mit dem Shitstorm und allem, was June dann passiert, keine leichte Kost und teilweise fast unerträglich zu lesen. Wie oft wird hier die Frage - abseits vom Plagiat - gestellt, ob June mit ihrer Herkunft überhaupt das Recht hat, über das Leiden eines anderes Volkes zu schreiben.

Unglaublich scharfsichtig seziert Rebecca F. Kuang hier die Literaturszene, die gegenwärtige Diskussionskultur (ob man das überhaupt so nennen darf?), das Ablehnen jeglicher Verantwortung von Seiten der Verlags/Agenturgrößen. Und am Ende stellt man sich selbst - nicht völlig unernst gemeint - eine weitere Frage: Hätte eine andere Autorin als Rebecca, eine mit Junes Herkunft zum Beispiel, überhaupt dieses Buch schreiben dürfen?

Veröffentlicht am 19.02.2024

Leichen im Keller

Das Mörderarchiv
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1965: Die siebzehnjährige Frannie erhält auf einem Jahrmarkt eine Prophezeiung, die besagt, dass jemand sie ermorden wird. Um ihren eigenen Mörder zu finden, macht sich Francis also die nächsten fast 60 ...

1965: Die siebzehnjährige Frannie erhält auf einem Jahrmarkt eine Prophezeiung, die besagt, dass jemand sie ermorden wird. Um ihren eigenen Mörder zu finden, macht sich Francis also die nächsten fast 60 Jahre daran, ihn aufzuspüren. Dafür sammelt sie alles über alle in ihrem Dorf. Dennoch passiert das Unglaubliche: Sie wird ermordet. Ihre Großnichte Annie erhält jetzt die Aufgabe, ihren Mörder zu finden. So steht es im Testament, ebenso wie der Zusatz, dass sie nur eine Woche Zeit hat und sich gegen andere mögliche Erben durchsetzen muss. Da auch das Haus, in dem Annies Mutter lebt, auf dem Spiel steht, lässt sich Annie auf selbiges ein und stellt bald fest, dass es tödlich enden kann - nicht nur für Tante Francis.

Ich stehe sehr auf diese englischen Cosy Crimes und die Idee mit der älteren Lady, die ihren eigenen, vorhergesagten Mörder sucht, fand ich mega. Leider lernen wir Francis nur durch Tagebucheinträge kennen und ihre Großnichte Annie war mir persönlich unsympathisch. Sie brachte solche Sätze wie "Ach, der ist gar nicht mein Typ, aber er sieht so gut aus!". Ah. Na, darauf kommt es natürlich an. Mein Fehler. Ein Fehler des Buches ist es jedoch, dass es nur so vor sich hinplätschert und die handelnden Personen so wenig Persönlichkeit besaßen, dass sie mir bestenfalls egal waren. Die Lösung des Falls war dann auch sehr plötzlich und wurde uns natürlich so lange vorenthalten, bis sich Annie auf einen wirklich hirnrissigen Plan eingelassen hatte, um den Mörder zu stellen. Alles in allem ist das ein Buch, das mir nicht in Erinnerung bleiben wird.

Veröffentlicht am 17.02.2024

Marathon man extreme

Das Limit bin nur ich
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Jonas Deichmann ist ein Extremsportler, der sportliche Weltrekorde sammelt wie andere Leute Teddybären. In diesem Buch erzählt er uns von seiner Idee, einmal die Welt von Westen nach Osten zu durchqueren: ...

Jonas Deichmann ist ein Extremsportler, der sportliche Weltrekorde sammelt wie andere Leute Teddybären. In diesem Buch erzählt er uns von seiner Idee, einmal die Welt von Westen nach Osten zu durchqueren: als Extremmarathon. Etwa 450 km schwimmend durch die Adria, um die 4500 km laufend durch Mexiko und den Rest auf seinem Rad. Gestartet ist er an einem nassen Septembertag in München mit dem Rad, fuhr bis nach Kroatien zur Adria und tauschte dort die Radschuhe gegen den Neoprenanzug aus. Und auch, wenn er von sich selbst behauptet, er sei kein Schwimmer, so sehen das die meisten Menschen wohl anders. 450 km durch Wind, Wellen und heftige Strömungen zu schwimmen, ist kein Kinderspiel.

Als er aus dem Wasser steigt, schwingt er sich wieder auf das Rad. Es ist unglaublich, was Deichmann als fantastisch und zauberhaft bezeichnet (steile Anstiege, schlechtes Wetter etc.), aber er erklärt es mit seinem Mindset. Er sagt, was immer er tut, was immer er durchzustehen hat, es ist genau das, was er wollte, und das finde ich an sich schon beeindruckend. Da er mitten in der schlimmsten Coronazeit gestartet ist, gibt es an vielen Grenzen Probleme mit dem Übertritt und es zerstört auch sein Vorhaben, emissionsfrei nach Amerika zu kommen. Also muss er nicht nur die Route ändern (Mexiko statt USA), sondern auch fliegen. In Mexiko erhält er durch landesweite Medienbeiträge beinahe einen Rockstarstatus, aber er verschweigt auch nicht, dass er manchmal in Gegenden unterwegs war, die von Drogenkartellen kontrolliert wurden.

Deichmann liest das Hörbuch selbst ein. Man muss sich darauf einlassen können, denn er hat eine schnelle, manchmal etwas hektische, abgehackte Art zu erzählen. Wenn man sich daran gewöhnt hat, ist es durchweg spannend, seine Abenteuer mitzuerleben. 4.5/5 Punkten.

Veröffentlicht am 16.02.2024

Sozialstunden

Run For Love
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Luca und ihre Freundin Charles sitzen in einer Bar und unterhalten sich, als sie massiv von einem Mann belästigt werden. Irgendwann platzt Luca der Kragen - und dem Kerl dadurch die Nase. Weil er Anzeige ...

Luca und ihre Freundin Charles sitzen in einer Bar und unterhalten sich, als sie massiv von einem Mann belästigt werden. Irgendwann platzt Luca der Kragen - und dem Kerl dadurch die Nase. Weil er Anzeige erstattet, muss Luca Sozialstunden leisten, ausgerechnet in einem Jugendclub und ausgerechnet mit dem durchtrainierten Jugendtrainer Noel. Zwischen ihnen fliegen von Anfang an die Funken, nur kann Luca nicht glauben, dass einer wie er etwas Ernsthaftes mit einer wie ihr haben möchte. Und dann sind da noch Lucas Mutter, die knallhart Bodyshaming bei ihr praktiziert, und ihre Freundin Charles, deren perfektes Leben gar nicht so perfekt ist, wie es scheint.

Mir ist klar, was die Autorin beabsichtigt: Es soll ein humorvolles Buch über eine mehrgewichtige Frau sein, die zu sich steht oder wenigstens lernt, sich zu lieben, wie sie ist. Allerdings erweist sie damit normalen Mädchen einen Bärendienst. Luca wird als 1,80 m große Frau beschrieben und alle schreien "zu fett", weil sie Größe 44 trägt? Echt jetzt? Ich habe eine Freundin, die völlig normalgewichtig ist und bei weitem keine Leuchtturmgrößen aufweisen kann und die trägt 44. Also fängt hier schon mal der Ärger an. Wenn Frauen oder Mädchen das hier lesen, müssen sie ja schon Komplexe kriegen. Und es geht weiter: Plötzlich fängt Luca zu laufen an - aus Wut. Und dann immer wieder regelmäßig. Wenigstens wird sie keine Marathonläuferin oder trägt auf einmal Größe XS, aber welche Message soll da übertragen werden? Sport nur aus Wut? Um sich abzureagieren? Zum Spaß scheint ja völlig unmöglich zu sein. Dazu pendelt die Geschichte zwischen Überreaktionen von Luca - die übrigens immer Toleranz von allen einfordert, aber selbst nur wenig davon austeilt - und dem absoluten Verständnis von Noel und dessen perfekter Freundesgruppe hin und her. Da gab es irgendwie trotz stark an den Haaren herbeigezogenen Beziehungsproblemen absolut keine, um diese dann zu lösen. Und last but not least: Wenn schon die Autorin keine Ahnung von Inquit-Formeln hat, sollte es wenigstens im Lektorat korrigiert werden. Das ist kein gutes Handwerk. 2.5/5 Punkten.