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Veröffentlicht am 08.11.2020

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Mord in Highgate
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Der "zweite Fall" von Horowitz und Hawthorne.

Horowitz hat sich verpflichtet, drei Bücher über den ebenso unsozialen wie auch genialen Detektiv und Ex-Polizist Hawthorne zu schreiben. Deshalb lässt er ...

Der "zweite Fall" von Horowitz und Hawthorne.

Horowitz hat sich verpflichtet, drei Bücher über den ebenso unsozialen wie auch genialen Detektiv und Ex-Polizist Hawthorne zu schreiben. Deshalb lässt er quasi beim Fernsehdreh einer englischen Serie alles stehen und liegen, als Hawthorne auftaucht und ihm von einem Mord berichtet. Ein berühmt-berüchtigter Scheidungsanwalt ist das Opfer, die Tatlage, das Motiv und die Vorgehensweise unklar und wie üblich tappen tumbe Bullen im Dunklen. Der richtige Auftrag für Hawthorne und seinen schreibenden Sidekick Horowitz. Doch dieses Mal bekommt Horowitz nicht nur Probleme beim Hinterlaufen seines Schreibobjekts, sondern auch mit der Polizei selbst.

Ganz ehrlich? Ich mochte schon den ersten Teil der Reihe nicht sonderlich, doch ich dachte, es könnte ja eigentlich nur besser werden. Und auf gewisse Weise wurde es auch - oder der Gewöhnungsprozess trat ein. Der Fall selbst reißt nicht vom Hocker, ist aber solide aufgebaut und dass Horowitz schreiben kann, hat er mit den Holmes-Büchern bewiesen. Aber ich fand Horowitz als Sidekick schon im ersten Teil unerträglich, und er wurde hier wirklich nicht sympathischer. Eigentlich soll es um Hawthornes unsoziale Vorgehensweise gehen, aber der Einzige, der hier nervt, ist Horowitz als Sidekick. Entweder er betätigt sich mit Namedropping verschiedener Serien oder Bücher, die er ach so gut und genial geschrieben/daran beteiligt war. Oder er behauptet, er hätte einen Hinweis in der Agatha-Christie-Verfilmung versteckt, wo jeder weiß, dass das Taschentuch mit H/N eindeutig von der großen Krimilady selbst erfunden wurde. Im Übrigen scheint Horowitz selbst zumindest Chauvinist, wenn nicht ein verklemmter Frauenhasser zu sein, denn sämtliche auftretenden Frauen sind entweder fett und unterbelichtet und brutal oder falsche Feministinnen oder sitzen wie ein Sack da. Ich denke, da mich die Bücher mehr aufregen als unterhalten, beende ich hiermit das Experiment "Horowitz' True Crime" endgültig. 2,5/5 Punkten.

Veröffentlicht am 06.11.2020

Eiskalter Tod

Frostgrab
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Milla Anderson hat ihre Snowboardfreunde seit zehn Jahren nicht mehr gesehen. Jetzt trifft sie sich wieder mit ihnen, um ein Wochenende auf einer einsamen französischen Lodge zu verbringen. Doch anstelle ...

Milla Anderson hat ihre Snowboardfreunde seit zehn Jahren nicht mehr gesehen. Jetzt trifft sie sich wieder mit ihnen, um ein Wochenende auf einer einsamen französischen Lodge zu verbringen. Doch anstelle der damaligen Wärme und Freundschaft herrschen Misstrauen und Distanz zwischen den fünf Freunden. Alles liegt daran, dass vor zehn Jahren die Schwester von Curtis, einem von ihnen, als vermisst gemeldet und jetzt für tot erklärt wurde. Was ist mir ihr passiert? Hat sie einer der fünf ermordet? Unheimliche Sachen gehen in der eigentlich geschlossenen Lodge vor sich und bald erkennen sie, dass sie nicht allein sind. Als ein Schneesturm verhindert, dass sie ins Tal kommen, erkennen sie, dass sie jemand nicht mehr lebend davonkommen lassen möchte.

Die Geschichte selbst ist ja weder neu noch originell. Abgeschiedene Gegend, aus irgendeinem Grund funktioniert die Kommunkation zur Außenwelt nicht mehr und jemand spielt zehn kleine Jägermeister mit dem vorhandenen Cast. Was dieses Buch jedoch abhebt, sind die Rückblicke in die Vergangenheit, zu den Snowboardwettkämpfen der jetzt Eingeschlossenen. Bisher kannte ich mich mit diesem Sport so gar nicht aus, fühle mich aber nach etwa zwei Stunden YT wie ein Profi. Spannung wird auch durch die kurzen Kapitel aufgebaut, in denen sich Vergangenheit und Gegenwart abwechseln und man der Sache immer näher auf die Spur kommt. Ich habe auch nur eine Kleinigkeit zu bemängeln - es wurde in der zweiten Hälfte ein bisschen zu lang gezogen, um das noch knackiger und unheimlicher zu gestalten, hätte man dort kürzen sollen, zumal es irgendwie schon klar war, dass es nur eine Person gibt, die dahinter stecken konnte. Ansonsten war das ein mega Debüt, das mir großen Spaß gemacht hat zu lesen.

Veröffentlicht am 03.11.2020

Hoffnung tötet

Der letzte Held von Sunder City
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Fetch Phillips ist ein gebrochener Mann, ein Antiheld, ein Detektiv im Geiste eines Phillip Marlowe. Er lebt in Sunder City, einer sterbenden Stadt. Früher hat die Stadt gebrummt, gab es Magie, die alles ...

Fetch Phillips ist ein gebrochener Mann, ein Antiheld, ein Detektiv im Geiste eines Phillip Marlowe. Er lebt in Sunder City, einer sterbenden Stadt. Früher hat die Stadt gebrummt, gab es Magie, die alles am Laufen gehalten hat. Doch dann verschwand die Magie und alle magischen Wesen sterben einen langsamen Tod. Mehr recht als schlecht schlägt sich Fetch deshalb durch, immer kurz vorm Abgrund. Dann erhält er den Auftrag, nach einem verschwundenen Vampir zu suchen und dieser Fall bringt nicht nur ihn, sondern auch Sunder City an ihre Grenzen.

Dieser Fantasykrimi ist wirklich sehr noir. Alles ist verloren, niemand hat mehr Hoffnung, und trotzdem - oder vielleicht deshalb - sind alle geradezu gierig nach Leben, klammern sich an ihr Antidasein, beißen um sich wie tollwütige Hunde, morden, weil sie es können, und zerstören, weil es ihnen im Blut liegt. In dieser schwarzen Szenerie begleiten wir Fetch, der alles andere als ein ausgewiesener Sympathieträger ist. Man mag ihn schon irgendwie, er ist so furchtbar menschlich in all seinen Fehlentscheidungen und Fehltritten, aber wirklich gut ist er nicht. Aber er bemüht sich, wenigstens ab und zu das Richtige zu tun, was mehr ist, als man von den meisten anderen hier in Sunder City behaupten kann. Hier erhält man einen wirklich gut durchdachten, sehr schwarzen Krimi mit Fantasyanteilen, die einfach gut passen. Mir persönlich war es auf Dauer zu dark, zu hoffnungslos und deprimierend, um wirklich ein Top-Highlight zu sein, aber man erhält eine spannende Geschichte mit einer außergewöhnlichen Sprache, die sich weigert Klischees zu bedienen außer das der alten Crime Noir.

Veröffentlicht am 01.11.2020

Aus Liebe zum Brot

Lutz Geißlers Almbackbuch
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Was haben wir denn hier? Ein Backbuch? Einen Almanach des Brotes? Eine Liebeserklärung an die Berge und ein einfaches Leben? Alles das und noch mehr.

Ich bin ja ein bekennender Fan von Lutz Geißlers ...

Was haben wir denn hier? Ein Backbuch? Einen Almanach des Brotes? Eine Liebeserklärung an die Berge und ein einfaches Leben? Alles das und noch mehr.

Ich bin ja ein bekennender Fan von Lutz Geißlers Rezepten und seiner Art des Brotbackens und seit ich seinen Blog und seine Bücher kenne, kommen mir so gut wie gar nicht mehr gekaufte Brote ins Haus. Ich war gespannt auf sein neuestes Werk und ich wurde geradezu erschlagen. (Im wahrsten Sinne des Wortes, der Postbote legte das Meisterwerk auf der Fensterumrandung ab und als ich es nehmen wollte, kam mir der 2,5-kg-Klopper von selbst entgegen.)

In diesem Buch finden sich nicht nur unzählige Rezepte aus verschiedenen Mehlen und Sauerteigen. Es gibt eine Einführung in die Bergwelt, in die geologischen Gegebenheiten der Umgebung, die Geißler für seine Schulungen wählte, die Liebeserklärung eines gelernten Geologen. Dazu ein historischer Abriss und viele, viele Panoramabilder sowie Erzählungen der interessantesten Menschen, die bei den Kursen aufschlugen.

Aber dann geht es los. Ob man lieber Sauerteigbrote mag, lieber welche aus Roggen/Weizen/Dingel- oder sonstwelchen Mehlen, Geißler und seine Kursteilnehmer haben für jeden was im Angebot. Auch Kuchen und Feingebäck profitieren von der Art des geduldigen Brotbackens. (Und Art meine ich hier in jeder sprachlichen Hinsicht.)

Ich habe mir für das Buch, die Rezepte, die Brote und Kuchen Zeit genommen. Habe in jedem Unterkapitel mindestens ein Rezept ausprobiert. Und obwohl ich wirklich kein bekennender Fan von Sauerteigen bin, testete ich sogar diese.

Und wisst ihr was? Es funktioniert. Der Vorteil all dieser Brote: Sie brauchen Zeit. Der Nachteil all dieser Brote: Sie brauchen Zeit.

Und Vorbereitung. Und manchmal Geduld. Aber man wird belohnt. Und man kann sich ruhig selbst trauen zu experimentieren, falls man nicht alle Zutaten daheim hat. Vielleicht geht mal ein Brot nicht so perfekt auf wie im Buch. Vielleicht ist es dunkler oder heller. Aber: Sie schmecken. Alle. Und das ist mehr, als man von vielen gekauften Broten behaupten kann.

Gibt es was zu bemängeln? Vielleicht. Vielleicht, wenn man nicht ganz so ein Fan von Sauerteigen ist, dass es in diesem Buch die Mehrzahl der Brote aus Sauerteig besteht. Aber wer sich - wie ich - überwinden kann, sie zu probieren, wird nicht enttäuscht werden. Von daher bekommt dieses Brotbackbuch genau die Liebe von mir, die es verdient.

Veröffentlicht am 30.10.2020

Guten Tag, Genosse!

Die Republik
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1949: Der 2. Weltkrieg ist erst wenige Jahre vorbei, die BRD wird gegründet. Doch nur wenige Tage später gelingt es der UdSSR in einem Coup, das gesamte deutsche Gebiet für sich zu beanspruchen, die Westmächte ...

1949: Der 2. Weltkrieg ist erst wenige Jahre vorbei, die BRD wird gegründet. Doch nur wenige Tage später gelingt es der UdSSR in einem Coup, das gesamte deutsche Gebiet für sich zu beanspruchen, die Westmächte ziehen sich zurück, es entsteht eine gesamtdeutsche DDR.

Heute: Die DDR ist ein mächtiger Staat, hochmodern, hochentwickelt, umweltfreundlich und mit einem engmaschigen Überwachungsnetz ausgestattet. Und dennoch: Über den Alexanderplatz in Berlin wabert eine Giftwolke, die viele Opfer fordert. Nicht nur die DDR-Führung, auch die Westmächte sind alarmiert, denn alles deutet auf eine Kriegserklärung hin. In die Aufklärung der Sache werden durch die Umstände nicht nur ein desillusionierter Stasimann und eine kaltschnäuzige MI-6-Agentin gezogen, sondern auch eine rebellische junge Frau aus der DDR und ihr bis dahin unbekannter französischer Cousin. Auf unterschiedlichen Wegen kommen alle zu demselben Ergebnis und geraten in tödlichste Gefahr.

Ich mag diese Was-wäre-wenn-Szenarien sehr gern. Und hier hat sich jemand die Mühe gemacht, Gepflogenheiten der DDR zu recherchieren und immer wieder in seine schöne neue Welt einfließen zu lassen. Mir fiel es wahnsinnig leicht, in diese Geschichte einzutauchen; sie war spannend und rasant erzählt, aus mehreren Perspektiven, es gab jede Menge Action wie in einer Räuberklamotte. Natürlich war es manchmal ein bisschen ZU unwahrscheinlich, allein, wie es die Agentin in die DDR geschafft hat. Auch nahmen die Protagonisten abgeschlachtete Familienangehörige ein bisschen ZU oft hin, ohne mit der Wimper zu zucken. Und doch mochte ich diese Geschichte. Man stelle sich vor, Karl May hätte heute einen Roman geschrieben und seinen Old Shatterhand auf vier verschiedene Typen aufgeteilt sowie ein mega Szenario erschaffen - dann hat man eine ungefähre Vorstellung, was einen hier erwartet.

Eine wohlmeinende Warnung zum Schluss: Wer mit mehr als drei handelnden Personen in einer Geschichte überfordert ist, möge bitte nicht zu diesem Buch greifen.