Profilbild von Archer

Archer

Lesejury Star
online

Archer ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit Archer über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 09.04.2019

Theater mit Dracula

Oscar Wilde & Mycroft Holmes - Folge 20
0

In London verschwinden immer wieder einflussreiche Bürger. Als ein Agent von Mycroft Holmes sich auf die Spur begibt, passiert etwas Schreckliches: Seine Leiche wird vor dem Haus von Holmes von einer Kutsche ...

In London verschwinden immer wieder einflussreiche Bürger. Als ein Agent von Mycroft Holmes sich auf die Spur begibt, passiert etwas Schreckliches: Seine Leiche wird vor dem Haus von Holmes von einer Kutsche geworfen, zusammen mit einem Drohbrief, sich nicht mehr einzumischen. Das kann Mycroft natürlich schlecht auf sich sitzenlassen. Er holt Wilde von der Küste zurück, wo der auf die Blutsauger gestoßen war. Der Dichter kommt mit einem Landsmann und Kollegen wieder in die Hauptstadt: Bram Stoker, der sich als außerordentlich nützlich erweist. Zusammen finden sie heraus, dass sich eine alte Kreatur in einem neuen Theater aufhält: niemand anders als Stokers geheimnisvoller Fremder, über den er überall auf dem Balkan gestolpert ist.

Es plätschert so dahin. Was das Ganze hier noch mit der Bedrohung durch den Zirkel der Sieben zu tun hat, weiß allein der Autor der Reihe allein. Die letzten Folgen scheinen nur noch dafür da zu sein, die Serie um der Serie Willen aufrecht zu erhalten. Wenn sich ein Hörer fragt, warum der Zirkel immer so lange stillhält, wenn gerade eine andere oder neue Bedrohung für England auftaucht - geschenkt. Frag weiter. Wahrscheinlich aus Fairnessgründen, mit zwei Mordsgegnern auf einmal sollen sich der arme Wilde und Konsorten wohl nicht rumschlagen müssen. (Ironie an/aus.) Wir treten auf der Stelle, es geht nicht voran, aber zumindest gab es nicht wieder übermäßige Logikpatzer. Dank der großartigen Sprecher ist es auch noch immer erträglich. Trotzdem wäre es doch mal eine coole Idee, ein richtiges, versöhnliches und finales Ende zu schaffen, das mit einem krassen Showdown überzeugt. 2,5/5 Punkten.

Veröffentlicht am 09.04.2019

Nur drei volle Mahlzeiten

Der Wal und das Ende der Welt
0

Weißt du, wie man überlebt? Indem man einfach weiteratmet. Nur ob das wirklich immer so einfach ist?
Joe (Jonas) Haak ist Analytiker in einer großen Bank mit Tradinganteil. Als ein von ihm geschriebenes ...

Weißt du, wie man überlebt? Indem man einfach weiteratmet. Nur ob das wirklich immer so einfach ist?
Joe (Jonas) Haak ist Analytiker in einer großen Bank mit Tradinganteil. Als ein von ihm geschriebenes Programm anscheinend für den Verlust von Millionen für seinen Arbeitgeber verantwortlich ist, setzt er sich in sein Auto und fährt solange, bis die Reifen schon fast nass sind. St. Piran kennt niemand und genauso gefällt den schrulligen Bewohnern das. Als plötzlich ein Fremder mitsamt einem Finnwal an den Strand gespült wird, ist ihnen sofort klar, dass sich alles ändern wird. Und dabei wissen sie noch gar nicht, dass dieser Fremde namens Joe ein Programm geschrieben hat, das das Ende der Welt vorausgesagt hat.

Ironmonger hat es irgendwie geschafft, ein neues Genre zu erfinden: die Wohlfühldystopie. Ja, es sind beunruhigende Ereignisse, die stattfinden, nachdem Joe wieder auf den Beinen ist, aber diese sehr gut recherchierten Dinge, die uns wahrscheinlich näher sind, als wir wahrhaben möchten, werden gleichzeitig auch durch eine Gemeinschaft - die aus St. Piran - getragen, die das Buch zu einer Art Kuschelapokalypse werden lässt. Dabei sind nicht einmal alle Leute sympathisch; auch in dem kleinen Dort gibt es das ein oder andere A... h, männlich oder weiblich. Aber das Gros der Leute hat sein Herz auf dem rechten Fleck, genauso wie Joe. Dass es dabei in der Mitte der Geschichte einen kleinen Durchhänger gibt, war zu erwarten, doch selbst der ist nicht schlimm. In Rückblenden erfährt man, wie es zu der Cosy Dystopie kommen konnte - diese Sachen fand ich gar nicht so abwegig, sie könnten jederzeit passieren. Wie es diversen Philosophen so schön in die Münder gelegt wird: Die Anarchie ist nur drei volle Mahlzeiten entfernt.
Aber nicht in St. Piran. Und schon gar nicht, wenn es Joe und sein Wal verhindern können.

Veröffentlicht am 07.04.2019

Wo ist die Zeitreise-App?

Das Herz der Zeit: Die unsichtbare Stadt
0

Lena hat bei einem Unfall ihre Eltern verloren, als sie klein war, und wächst bei ihrer Tante auf. Sie ist ein typischer, fünfzehnjähriger Teenager, glaubt sie. Bis sie eines Tages in der Hinterlassenschaft ...

Lena hat bei einem Unfall ihre Eltern verloren, als sie klein war, und wächst bei ihrer Tante auf. Sie ist ein typischer, fünfzehnjähriger Teenager, glaubt sie. Bis sie eines Tages in der Hinterlassenschaft ihrer Eltern eine seltsame Uhr findet, aus der sie nicht schlau wird. Sie scheint Jahreszahlen zu zeigen, keine Uhrzeiten. Als sie versucht, mit Hilfe ihrer besten Freundin Bobby herauszufinden, was es mit dieser Uhr auf sich hat, macht sie einen seltsamen Jungen auf sich aufmerksam, der sie nicht nur zu verfolgen scheint, sondern sie auch in eine Welt bringt, die sie nicht kennt. In der unsichtbaren Stadt leben Zeitreisende - und was hat es mit dem Unfall ihrer Eltern auf sich?

Es gibt so Bücher, die haben einen fesselnden Klappentext und eine Idee, die man unbedingt lesen möchte. Dazu gehört auch dieses hier. Anfangs kommt die Geschichte arg kindlich daher, sodass man eher das Gefühl hat, es mit 11jährigen, statt vollpubertierenden Teenagern zu tun zu haben. So zügig und auch durchaus unterhaltsam sich das Ganze liegt, kränkelt es doch auch arg an vielen logischen Einzelheiten. Auch ist das Verhalten der meisten Personen selten nachvollziehbar, ganz sicher nicht derjenigen aus der unsichtbaren Stadt. Das Lektorat/Korrektorat arbeitete recht schlampig, was schade für die Autorin ist und zumindest in der nächsten Auflage, falls es dazu kommt, erneuert werden sollte. Da ich nicht gänzlich abgeneigt bin, den nächsten Teil zu lesen, schon allein, weil ich wissen möchte, ob mehr und logischere Erklärungen kommen, gebe ich äußerst schwachbrüstige drei Sonntagspunkte für die Geschichte.

Veröffentlicht am 04.04.2019

Ermüdende Soap Opera

Das Verschwinden der Stephanie Mailer
0

1994, eine Kleinstadt im Stadt New York: Während eines Festivals sterben vier Menschen, brutal ermordet. Die Polizei tappt im Dunkeln und nur durch Zufall kommt man einem Verdächtigen auf die Spur.
2014: ...

1994, eine Kleinstadt im Stadt New York: Während eines Festivals sterben vier Menschen, brutal ermordet. Die Polizei tappt im Dunkeln und nur durch Zufall kommt man einem Verdächtigen auf die Spur.
2014: Jesse Rosenberg, einer der damals ermittelnden Beamten, möchte in den Ruhestand gehen, als ihn eine Journalistin anspricht. Ihr Name ist Stephanie Mailer und sie ist der Meinung, dass Rosenberg und sein damaliger Partner Derek Scott den Fall nicht gelöst haben und der wahre Mörder noch immer frei herumläuft. Das kann Jesse nicht auf sich beruhen lassen, ist er doch der "Hundertprozentige", weil er jeden Fall gelöst hat. Als er Nachforschungen anstellt, gesellt sich auch bald sein Ex-Partner dazu und als Stephanie verschwindet, wissen sie, dass die Journalistin recht hatte. Also rollen sie alles noch einmal von vorne auf und merken, da gibt es jemanden, der das nicht richtig cool findet.

Der Mörder von 94 ist nicht der Einzige, der das nicht richtig cool fand. Mir geht's genauso. Die einzig intelligente Person, die jemals in dem Buch auftauchte, war die titelgebende Lady, den Rest kann man in der Pfeife rauchen. Die ach-so-mega-begabten-schlauen-alles-durchschauenden Polizisten brauchen zwanzig Jahre für einen Fall, bei dem der Ansatz dem normal Krimi konsumierenden Leser bereits vor Seite 20 klar ist - immerhin kommt Jesse irgendwo um Seite 550 darauf. Sie - also die Ermittler - sind dabei nicht mal unsympathisch: Sie sind einfach nur prasselblöd und lassen sich von jedem Hergelaufenen auf der Nase rumtanzen. Das Buch liest sich, als hätte jemand eine Vorabendserie geschrieben. Alle Männer haben eine große Liebe, für die sie alles tun würden. Alle Frauen haben ein schweres Schicksal. Dabei agieren die meisten, als hätte jemand die Schauspieler von GZSZ auf die Seiten gebannt. Der "Kriminalfall" besteht aus Versatzstücken, die zwischen Agatha Christie und Arthur Miller hin- und hergeschoben wurden. Gäbe es keine Überschriften, in denen die erzählende Person erwähnt wird, wüsste man bei den einzelnen Erzählstimmen keinen Unterschied herauszufinden, und warum man auch innerhalb einzelner Sätze oder Abschnitte Perspektivwechsel einführen muss bleibt wohl auf ewig ein Geheimnis des Autors. Ich möchte nicht behaupten, dass ich hier völligen Schund gelesen habe. Literarisch wertvolle Ansätze konnte ich leider auch nicht erkennen.

Veröffentlicht am 31.03.2019

Tell The Wind And Fire

Golden Darkness. Stadt aus Licht & Schatten
0

In einer nahen Zukunft, in der es statt der technischen Revolution eine magische gegeben hat, werden die Menschen strikt danach eingeteilt, was sie sind und wo sie dementsprechend leben. Es gibt die Lichtgestalten ...

In einer nahen Zukunft, in der es statt der technischen Revolution eine magische gegeben hat, werden die Menschen strikt danach eingeteilt, was sie sind und wo sie dementsprechend leben. Es gibt die Lichtgestalten in ihren Lichtstädten, die "helle" Magie wirken, es gibt die dunklen Magier, die sich auch von Tod und Blut ernähren und die eingesperrt sind in die Dunkelstadtghettos. Lucy hat es vor zwei Jahren geschafft, in die Lichtstadt zu wechseln und dort ist sie sogar mit dem Sohn eines der grausamen Politikers zusammen, die dafür verantwortlich sind, dass die Dunkelstädte unterdrückt werden. Doch eines Tages deckt sie ein Geheimnis gerade des Vaters von Ethan, ihres Freundes, auf und nur kurze Zeit später reißt es sie in einen Strudel von Ereignissen, der nicht nur ihr Leben zu zerstören droht.

Wenn man bedenkt, dass ich eigentlich nach dem sechsten Kapitel gar keine Lust mehr hatte, dieses Buch zu lesen und dann meine Bewertung betrachtet, könnte man schon ins Grübeln kommen. Ich hielt es nämlich bis dahin für eine relativ originelle Idee, aber trotzdem für die ausgelutschte Dystopieumsetzung mit dem typischen Dreiecksverhältnis. Tatsächlich konnte mich die Autorin ab dann ernsthaft überraschen, wofür sie allein schon Bonuspunkte verdient hat. Nicht nur, dass sich nichts mehr so entwickelte wie erwartet, zeigt sie etwas auf, das sich die wenigsten Autoren überhaupt trauen. Dass nämlich nicht unbedingt immer diejenigen, die unterdrückt wurden und sich dann erheben, als die besseren Menschen erweisen. Sie geht knallhart über Leichen, nimmt keine Rücksicht auf die möglicherweise zarten Gemüter ihrer LeserInnen und denkt auch nicht daran, Antworten zu geben. Denn Tatsache ist: Es gibt keine wirklichen Antworten auf Dystopien und Happy Ends gehören normalerweise in Märchen. Da kann ich auch ganz gut drüber hinwegsehen, dass einige Protagonisten recht blass blieben; das Ende hat mich fast erschüttert. Lucy jedenfalls ist - mit all ihren Lügen, ihrem Lächeln und ihrer scheinbaren Stille - eine starke Persönlichkeit, die mich beeindruckt hat. Es gäbe Raum für einen zweiten Teil, aber mir wäre es wirklich lieber, wenn das so stehenbliebe, denn so scheint mir der knallharte Abschluss mehr Wucht zu haben. Nicht für Prinzessinnen geeignet, die Keira Cass für die Hardcore-Königin der Dystopien halten.