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Veröffentlicht am 22.03.2026

Falsche Perlen

Das gute Leben
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Der Traum vom guten Leben führt Anni Hoffmann aus der deutschsprachigen Minderheit Rumäniens Mitte der 1960er-Jahre vom Banat nach Deutschland. Von ihrer Flucht und ihrem Ankommen im Wirtschaftswunderland, ...

Der Traum vom guten Leben führt Anni Hoffmann aus der deutschsprachigen Minderheit Rumäniens Mitte der 1960er-Jahre vom Banat nach Deutschland. Von ihrer Flucht und ihrem Ankommen im Wirtschaftswunderland, ihrer Rastlosigkeit, dauerhaften Verlorenheit, Einsamkeit, Erschöpfung und Sprachlosigkeit, ihren Enttäuschungen und den schwierigen Beziehungen zwischen vier Frauengenerationen ihrer Familie erzählt die 1990 in Nürnberg geborene Autorin Nadine Schneider, selbst Tochter rumäniendeutscher Eltern, in ihrem dritten Roman "Das gute Leben".

Zu spät
Viel weiß die Enkelin Christina nicht über Anni, als die Großmutter unerwartet mit 75 Jahren stirbt. Christina war bei ihr aufgewachsen, als ihre Mutter Helene in die USA ging, eine Flucht vor Anni nach einer lieblosen Kindheit. Christina, die in Berlin lebt und nach dem Studium im Marketing einer Firma begonnen hat, ist mit dem Erbe von Annis altem Häuschen nahe Nürnberg emotional überfordert. Sie macht sich Vorwürfe, weil sie so wenig über Anni weiß:

"Annis Tod war noch keine Möglichkeit für mich gewesen. […] Wir hatten noch Zeit, da war ich mir sicher, wir hatten Zeit, und ich würde sie fragen können […]" (S. 176)

Zeitlich und perspektivisch springend folgt der Roman in 62 kurzen Kapiteln mal Christina, die in der Ich-Form über einige Spätsommertage in Annis Haus und Garten kurz nach deren Tod und von ihren spärlichen Erinnerungen erzählt, mal dem Rückblick auf Annis Leben in personaler Erzählform.

Ein desillusionierender Start
Mit 22 Jahren, schwanger und ohne den Kindsvater floh Anni nach Nürnberg, dem älteren Bruder, Tante und Onkel nach, um ihrem Kind ein „Leben im Dreck“ (S. 30) zu ersparen. Annis Mutter, die über den Entbehrungen als verlassene, alleinerziehende Frau, deren Mann nach dem Krieg ein neues Leben in Österreich begonnen hatte, verbittert und hart geworden war, weigerte sich zeitlebens, ihr zu folgen. Sie gestattete Anni nur Besuche, nicht die Rückkehr.

Annis Start in Deutschland war mehrfach enttäuschend. Sie fand wenig Unterstützung bei der Familie, war vom Alltag als alleinerziehende Mutter in prekären Verhältnissen überfordert und fühlte sich dauerhaft fremd. Um zu überleben, legte sie sich einen Panzer zu, der nie wieder zerbrach. Die Energie der couragierten, nie um Worte verlegene junge Frau schien mit der Flucht aufgebraucht:

"Anni wird still in Deutschland." (S. 128)

Zur Ersatzheimat wurde ihr das Versandhaus Quelle, wo sie 35 Jahre hingebungsvoll schuftete, bis man ihren Arbeitsplatz kurz vor ihrem Renteneintritt abbaute. Längst hatte sie das Häuschen ihres Onkels geerbt und zog ihre Enkelin groß, die sie im Gegensatz zum eigenen Kind auf ihre schroffe Art liebte, trotzdem verwand sie diese Kränkung nie.

Unerfüllte Sehnsucht
Obwohl Annis Perlen im Gegensatz zu denen der von ihr verehrten Quelle-Chefin Grete Schickedanz unecht waren, erreichte sie viel. Ihre Sehnsucht nach dem guten Leben blieb trotzdem unerfüllt:

"Sie war mit dem Erreichen so beschäftigt, dass sie von dem, was sie erreicht hat, schon gar nichts mehr mitgekriegt hat." (S. 291)

Melancholie und Hoffnung
Anni ist eine sehr stimmige, jedoch mit ihrem verschlossenen, abweisenden Charakter und ihrem verletzenden Verhalten keine sympathische Romanfigur. Allerdings wuchs während der Lektüre mein Verständnis für sie genauso wie für die drei anderen Frauen, die in tragischer Weise Verhaltens- und Kommunikationsmuster wiederholen. Jede leidet unter dem Trauma des Verlassenwerdens, Annis Mutter vom Ehemann, Anni, Helene und Christina von ihren Müttern.

Obwohl über dem ganzen Roman Melancholie hängt, schimmert am Ende Hoffnung durch: für Helene und Christina, die endlich wieder miteinander reden können, und für Christina, die einen Trieb von Annis rumänischem Weinstock für ihren Berliner Balkon mitnimmt.

Ein sehr gut geschriebener, ruhiger, klug durchdachter und nahezu männerfreier Roman, der Leerstellen nicht scheut, und den ich mit viel Freude gelesen habe.

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Veröffentlicht am 14.03.2026

Die fehlende Hälfte

Halber Stein
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Die 1977 in Hermannstadt geborene, im Banat aufgewachsene und 1985 nach Süddeutschland ausgewanderte Autorin Iris Wolff kehrt in ihren bisher fünf erfolgreichen und preisgekrönten Romanen immer wieder ...

Die 1977 in Hermannstadt geborene, im Banat aufgewachsene und 1985 nach Süddeutschland ausgewanderte Autorin Iris Wolff kehrt in ihren bisher fünf erfolgreichen und preisgekrönten Romanen immer wieder nach Siebenbürgen zurück. Auch ihr Debütroman "Halber Stein" von 2012 spielt in Michaelsberg, einem siebenbürgischen Dorf nahe Hermannstadt. Er erschien zunächst im Verlag Otto Müller, 2026 als blumengeschmückte Taschenbuchausgabe in Iris Wolffs aktuellem Verlag Klett-Cotta.

Uneingestandene Gefühle
Die Handlung spielt während weniger Tage im Spätsommer 2006, als die Ich-Erzählerin Friedesine, genannt Sine, 20 Jahre nach ihrer Auswanderung erstmals nach Siebenbürgen zurückkehrt. Bisher wollte sie ihren Vater Johann nie bei den Besuchen im alten Zuhause begleiten, sondern schaute wie ihre Mutter Hermine lieber nicht zurück. Nun gibt es einen traurigen Anlass für ihre erste Reise: Mit ihrer Großmutter Agneta ist das letzte in Siebenbürgen verbliebene Familienmitglied verstorben, es droht der endgültige Heimatverlust. Sine, die nach Beendigung ihres Studiums orientierungslos wieder bei ihren Eltern eingezogen ist, wird bei der Ankunft von ihren Gefühlen überwältigt:

"Ich sah über die Hügel, über die angrenzenden Dörfer und die hellen Karpaten, spürte die Sonne auf meinem Gesicht, die Grashalme an den Fußsohlen und wusste, dass ich alles vermisst und mir dieses Gefühl doch nie eingestanden hatte. […] Wieso fühlte sich plötzlich alles anders an?" (S. 37)

Erinnerungsorte
Während der Tage im noch immer überraschend vertrauten Haus der Großmutter besucht sie bekannte und neue Orte und begegnet ihrem Kinderfreund Julian Eminescu wieder, mit dem sich während gemeinsamer Ausflüge in die Umgebung mehr als nur die alte Vertrautheit einstellt. Er und viele andere erzählen ihr von Siebenbürgen, denn so wenig sie sich während der Jahre in Deutschland dafür interessierte, so viel möchte sie nun erfahren: über Agneta, die 850-jährige Geschichte der Siebenbürger Sachsen und nicht zuletzt über sich selbst. Sine erinnert sich an Kindheitserlebnisse, Gerüche, Geräusche, Gebäude und die unvergleichliche Landschaft, kommt einem Geheimnis Agnetas auf die Spur und findet Erinnerungsorte:

"Es ist, als wartete überall, wo ich hinkomme, eine Erinnerung." (S. 240)

Zum Symbol ihrer eigenen Unvollständigkeit wird ein kreidezeitliches Naturmonument, das Sine immer wieder besucht, der titelgebende „Halbe Stein“, der wie eine zur Hälfte abgerissene steinerne Brücke am Ufer des Silberbachs aus der Erde zu wachsen scheint:

"Der Stein ragte stolz und unbeirrt auf und spiegelte durch seine standhafte, fast trotzige Anwesenheit immer auch die andere, unsichtbare, vergangene Hälfte." (S. 303/304)

Doch was macht Sines eigene zweite Hälfte aus? Sind es die verdrängten Wurzeln und Erinnerungen? Lässt sich der gekappte Faden wieder aufnehmen und dadurch Orientierung für die Zukunft finden?

Ein vielversprechendes Debüt
In diesem Debütroman zeigt Iris Wolff bereits vieles, was mich an ihren späteren Romanen "Die Unschärfe der Welt" (2020) und "Lichtungen" (2024) begeistert: Empathie für ihre Figuren und für Siebenbürgen, Wissen über dessen Geschichte, Kultur und Brauchtum und exzellente Natur- und Landschaftsbeschreibungen, alles in einem ruhigen Erzählfluss mit poetisch-stimmigen Bildern und einer wunderschön melodischen, sensiblen Sprache. Nur bei der Verwebung der Fakten über Siebenbürgen ist eine deutliche Weiterentwicklung spürbar. Werden sie in "Halber Stein" noch etwas zu offensichtlich belehrend in Gesprächen vermittelt, die mich immer wieder stolpern ließen, fließen sie in die späteren Bücher selbstverständlicher und eleganter ein. Noch mehr berührt haben mich deshalb Sines eigene Erinnerungen an ihre Kindheit, den schwierigen Start in Deutschland und die Trauer der Achtjährigen über den Verlust heimatlicher Geborgenheit, die Iris Wolff im gleichen Alter erlebte.

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Veröffentlicht am 14.02.2026

Lange Schatten

Ich möchte zurückgehen in der Zeit
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Das überaus stimmige Cover der familienbiografischen Spurensuche "Ich möchte zurückgehen in der Zeit" von Judith Hermann stimmt hervorragend auf den Inhalt ein: Hinter der offenen Tür sieht man eine verschlossene, ...

Das überaus stimmige Cover der familienbiografischen Spurensuche "Ich möchte zurückgehen in der Zeit" von Judith Hermann stimmt hervorragend auf den Inhalt ein: Hinter der offenen Tür sieht man eine verschlossene, die Sicht in die Vergangenheit ist versperrt. Wie viele Türen mögen sich dahinter noch verbergen?

Die 1970 geborene Autorin begann mit etwa 50 Jahren, sich für die Kriegserlebnisse ihres Großvaters zu interessieren:

"Die SS-Vergangenheit meines Großvaters ist ein offenes Geheimnis, sie existiert und wird zugleich geleugnet." (S. 10)

Weder die 1990 verstorbene Großmutter, noch die im November 1945 geborene Mutter oder deren ältere Brüder haben, abgesehen von harmlosen Anekdoten, jemals über den 1904 geborenen Großvater gesprochen, der 1932 in die NSDAP eintrat und mit der Waffen-SS in der südostpolnischen Kleinstadt Radom stationiert war. Dort wurde im Frühjahr 1941 ein Ghetto für 33.000 Menschen errichtet, im August 1942 binnen zweier Tage mit äußerster Brutalität wieder aufgelöst und die Bewohnerinnen und Bewohner erschossen oder nach Treblinka bzw. Auschwitz deportierten. Ein Foto zeigt den Großvaters in SS-Uniform in Radom im Juli 1941, eine Beteiligung an den Verbrechen ist sehr wahrscheinlich.

Das große Schweigen
Nachdem die Mutter bei ihrer Weigerung, über ihren Vater zu reden, blieb, reiste Judith Hermann im Februar 2024 nach Radom und verbrachte einige Wochen in der eisigen, abweisenden Stadt, ohne mehr als den Ort zu finden, an dem das Foto aufgenommen wurde. Telefonate mit ihrer Mutter glichen immer mehr Verhören durch eine zunehmend empörte Tochter:

"Wie konnten die Geschwister, wie konnte meine Mutter darauf bestehen, diesen Vater nicht gekannt zu haben." (S. 19)

Von Radom fuhr Judith Hermann weiter nach Neapel zu ihrer als Archäologin tätigen Schwester und deren Familie. Zwar wich die Isolation und Schwermut von Radom einem lebhaften Familienleben in Süditalien, doch zeigte die Schwester keinerlei Interesse an ihren Nachforschungen und die Distanz blieb beidseitig:

"Ich wollte sagen, diesen Fund der Skelette nennt man einen geschlossenen Fund. Wir sehen davon aus, dass das Ereignis abgeschlossen gewesen, dass nichts mehr dazu gekommen ist. […]
Ich sagte, diese Sache mit unserem Großvater ist demzufolge kein geschlossener Fund.
Meine Schwester sagte, o.k. Ist kein geschlossener Fund." (S. 129)

Im kürzeren dritten Abschnitt geht es um das kurzzeitige Verschwinden der Schwiegereltern während einer Urlaubsreise, auch dies eine "beeindruckende Leerstelle, die bis heute Leerstelle geblieben ist; ein geschlossener, zugleich offener Fall“ (S. 148).

Zu viele Leerstellen
"Ich möchte zurückgehen in der Zeit" war mein erstes Buch von Judith Hermann und formal wie sprachlich so gekonnt, wie ich es von dieser häufig ausgezeichneten Autorin erwartet habe. Inhaltlich war ich dagegen enttäuscht. Zwar können Leerstellen eine Geschichte durchaus interessant machen, wenn es aber nur Leerstellen gibt, bleibt wenig übrig. Ich hätte gerne mehr über die Motivation für ihre Recherche erfahren als den Hinweis auf die inzwischen wissenschaftlich belegte, hinlänglich bekannte Tatsache, „dass sich das Leben der Großeltern über die Eltern hinweg in den Lebenswegen der Enkel aufzeigt“ (S. 87). Auch die Beweggründe für die Neapelreise blieben unscharf. Schade außerdem, dass es Judith Hermann ausschließlich um eigene Befindlichkeiten geht und fast keine Auseinandersetzung stattfindet mit den Gründen für das mütterliche Verhalten, deren Loyalitätskonflikt, ihre Angst vor dem Schulderbe und dem diese Verdrängung begünstigenden politisch-gesellschaftlichen Klima nach dem Krieg. Wer darüber mehr erfahren möchte, dem empfehle ich "Am Beispiel meines Bruders" von Uwe Timm, der zwar nicht der Enkelgeneration angehört, aber bei der Recherche zur Kriegsgeschichte seines deutlich älteren Bruders nach dem Tod seiner Eltern genau diese Aspekte beleuchtet.

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Veröffentlicht am 10.02.2026

Zwischen allen Stühlen

Trag das Feuer weiter
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Die 1981 in Rabat geborene Leїla Slimani gehört spätestens seit ihrem Gewinn des Prix Goncourt 2016 für "Dann schlaf auch du" zu den erfolgreichsten Schriftstellerinnen Frankreichs. 2021 erschien in deutscher ...

Die 1981 in Rabat geborene Leїla Slimani gehört spätestens seit ihrem Gewinn des Prix Goncourt 2016 für "Dann schlaf auch du" zu den erfolgreichsten Schriftstellerinnen Frankreichs. 2021 erschien in deutscher Übersetzung mit "Das Land der Anderen" der erste Band ihrer zwischen Frankreich und Marokko angesiedelten, von der eigenen Familiengeschichte inspirierten Trilogie. Im Mittelpunkt stand die Elsässerin Mathilde, die den marokkanischen Offizier Amine Belhaj heiratete und ihm 1946 aus Liebe und Abenteuerlust in sein Heimatland folgte.

Bevor Leїla Slimani 2022 den zweiten Band, "Schaut, wie wir tanzen", über die nächste Generation veröffentlichte, beschrieb sie in ihrem autobiografischen Memoir "Der Duft der Blumen bei Nacht" ihre Qualen beim Schreiben:

"Ich sitze seit Stunden auf diesem Stuhl, und meine Figuren reden nicht mit mir. Nichts stellt sich ein. Weder ein Wort noch ein Bild, noch der Beginn einer Melodie, die mich dazu hinreißt, ein paar Sätze zu Papier zu bringen." (S. 11)

Noch stärker ausgeprägt ist die Schreibblockade ihrer Protagonistin Mia Daoud in der Rahmenhandlung des dritten Bandes, "Trag das Feuer weiter". Diese Enkelin von Mathilde und Amine lebt als Schriftstellerin in Paris und wird von einem Verlust des Geruchs- und Geschmackssinns mit totaler Erschöpfung gequält. Ein Neurologe diagnostiziert „brain fog“ infolge einer Corona-Infektion. Er empfiehlt ihr Marcel Proust als Vorbild, der in einer berühmten Szene aus "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" mit dem Eintauchen einer Madeleine in Tee seine Kindheit heraufbeschwört:

"Wenn ich Ihnen einen Rat geben darf, Mademoiselle: Finden Sie Ihre Madeleine." (S. 25)

Mias "Madeleine" ist eine Reise nach Meknès zur Domaine Belhaj ihrer verstorbenen Großeltern.

Zwei Welten
Mia und ihre jüngere Schwester Inès wachsen in Rabat bei wohlhabenden. liberalen Eltern in einer Blase auf: Der Freiheit zuhause steht die Unfreiheit einer patriarchalen Diktatur draußen gegenüber. Ihre Mutter Aïscha ist Gynäkologin, hat in Straßburg studiert und Mehdi Daoud, einen ehrgeizigen Banker und Aufsteiger geheiratet, der von einer neuen Mittelschicht träumt. Die Mädchen besuchen mit anderen sorgfältig Auserwählten das französische Gymnasium, im Volksmund „Fette-Knete-Gymnasium“ genannt, mit Lehrkräften aus Frankreich:

"Eine Enklave, in der eine auf ausländische Weise in einer ausländischen Sprache erzogene Elite sich selbst reproduzierte und, völlig losgelöst von dem Land, in dem sie lebte, ohne schlechtes Gewissen herrschen würde." (S. 139)

Umso größer ist der Schock, als die lesbische Mia und Inès zum Studium nach Paris kommen, in das Land, dessen Kultur und Sprache sie beherrschen, das ihnen jedoch voller Klischees und Vorurteilen begegnet. Mia hat die Warnung ihres Vaters vor einer Rückkehr im Ohr, der nach einer Intrige entlassen, später verhaftet und erst 2011, acht Jahre nach seinem Tod, rehabilitiert wird:

"Die Sache mit den Wurzeln dient nur dazu, dich am Boden festzunageln. […] Entfache einen großen Brand und trag das Feuer weiter. […] Mein Schatz, verteidige deine Freiheit, geh keine Kompromisse ein, misstraue der Wärme deines Zuhauses." (S. 237)

Ein großartiger Abschluss
"Trag das Feuer weiter" führt alle Fäden der Familiengeschichte zusammen und beleuchtet multiperspektivisch die zentralen Themen Identität und Integration, Heimat und Fremde, Frauenrechte und Patriarchat, Freiheit und Diktatur, Rassismus und Einsamkeit. Die Figuren agieren vor dem zeitgeschichtlichen Hintergrund wie dem Fall der Berliner Mauer, dem 11. September 2001, dem Irakkrieg und großen Fußballereignissen, ohne dass ihr Handeln be- oder gar verurteilt wird.

Das Ende der Trilogie nach gut 1200 Seiten vor Augen, habe ich immer langsamer gelesen, so ungern wollte ich die Familie verlassen. Dank und Anerkennung dafür gebührt sowohl der großartigen Erzählerin Leїla Slimani, als auch ihrer langjährigen Übersetzerin Amelie Thoma, die in angenehm fließendem Deutsch auch dieses Mal wieder genau den richtigen Ton trifft.

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Veröffentlicht am 12.01.2026

Wütend und laut

Acht Jahreszeiten
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Sápmi ist das Land nördlich des Polarkreises, in dem seit Tausenden von Jahren das indigene Urvolk der Sámi lebt. Durch Grenzziehungen vergangener Jahrhunderte erstreckt sich Sápmi heute über vier Länder: ...

Sápmi ist das Land nördlich des Polarkreises, in dem seit Tausenden von Jahren das indigene Urvolk der Sámi lebt. Durch Grenzziehungen vergangener Jahrhunderte erstreckt sich Sápmi heute über vier Länder: Norwegen (ca. 40.000 – 65.000 Sámi), Schweden (ca. 20.000 – 40.000), Finnland (ca. 8.000 – 10.000) und Russland (ca. 2.000). Auch ohne blutige Kolonialkriege wurde die Bewegungsfreiheit der Urbevölkerung immer stärker eingeschränkt, ihre Kultur, Sprachen, Musik, Kleidung, Traditionen, Religion und Kunst zu Gunsten einer staatlichen Homogenisierung bekämpft, ihre Geschichte geleugnet, ihr Territorium besiedelt, ihre Schädel von Rassentheoretikern vermessen, ihr Stolz und Selbstbewusstsein zerstört. Obwohl heute wieder samisch gesprochen werden darf, Weiderechte für Rentiere festgeschrieben sind, samische Parlamente in Norwegen, Finnland und Schweden für gewisse Mitspracherechte sorgen und zumindest Norwegen das „Übereinkommen über eingeborene und in Stämmen lebende Völker in unabhängigen Ländern“ der Internationalen Arbeitsorganisation ratifiziert hat, bleibt das Zusammenleben von Minderheit und Mehrheitsbevölkerung problematisch.

Ein Sámi-Problem?
Die 1987 geborene samisch-norwegische Autorin Kathrine Nedrejord hat darüber einen Roman geschrieben, der auf Deutsch nach der samischen Jahreseinteilung "Acht Jahreszeiten" heißt, im norwegischen Original jedoch wesentlich provokanter "Sameproblemet".

Im Mittelpunkt steht die Samin und Journalistin Marie Engmo, samisch Márjá, die wie die Autorin seit vielen Jahren in Frankreich lebt. Ihre ersten neun Lebensjahre verbrachte sie im mehrheitlich samischen Márkannjárga an der norwegisch-finnischen Grenze, bevor sie in Seifjord an der Westküste als einzige Sámi ihrer Klasse Spott und Hass erfuhr, dadurch wirklich Sámi wurde und gleichzeitig ihre Sprache verlor. Nach dem Abitur im Internat in Alta suchte sie im Studium Abstand in Oslo, fühlte sich dort jedoch zerrissener und fremder im eigenen Land denn je:

"Ich befand mich zu nah an der Finnmark und doch zu weit weg." (S. 70)       

Erst in Frankreich konnte Marie ihre schmerzhaften Erinnerungen verbannen, indem sie ihre Herkunft ausblendete und sich weigerte, über den Norden zu schreiben.

Zwei Ereignisse erschüttern die Verdrängung ihres samischen Traumas: Zuerst wird sie Mutter und begreift, dass „ich nicht weiß, wie man Mutter in einer anderen Sprache als der eigenen ist“ (S. 52). Vier Monate später stirbt ihre Áhkku, ihre Großmutter. Marie kehrt zur Beerdigung alleine nach Márkannjárga zurück. Sofort ist sie wieder „Teil des Familienorganismus“ (S. 62), den sie jahrelang gemieden hat, gute wie schmerzhafte Gefühle und Gedanken kehren zurück. Schlagartig begreift sie, dass sie zwar nicht über den Norden, wohl aber über ihre Áhkku schreiben kann. Erinnerungen an die eigene Kindheit und Jugend mischen sich mit Geschichten über die Frauen der Familie, insbesondere die Großmutter.

Neue indigene Frauenstimmen
Mit den Romanen der schwedisch-samischen Autorinnen Ann-Helén Laestadius ("Das Leuchten der Rentiere" und "Die Zeit im Sommerlicht") und Elin Anna Labba ("Das Echo der Sommer") sowie der kvenisch-norwegischen Autorin Ingeborg Arvola ("Der Aufbruch") gibt es inzwischen erfreulicherweise immer mehr vielbeachtete, teilweise preisgekrönte Texte aus indigener Perspektive. Alle rücken das Unrecht gegenüber der Urbevölkerung ins Bewusstsein der Mehrheitsbevölkerung, keine jedoch ist ähnlich wütend, bitter, laut und zerrissen wie Kathrine Nedrejord mit Maries Weigerung, „über historische Wunden [zu] sprechen, als handle es sich um neutrale Fakten“ (S. 165) und deren Wutausbrüchen in Großbuchstaben:

"WIR WOLLTEN EXISTIEREN, UND WIR WOLLTEN SÁMI SEIN.
EINS VON BEIDEN WAR ZU VIEL." (S. 165)

"Acht Jahreszeiten" ist ein fordernder Roman in wunderschöner Aufmachung, der zeitlich springt, aufrüttelt, sich auf das Schicksal anderer Minderheiten übertragen lässt und überhaupt nicht zum positiven Image des wunderbaren Reiselands Norwegen passt.

Glücklicherweise irrt Marie mit ihrer Vermutung, ihr Text würde, wie der Abschlussbericht der Wahrheits- und Versöhnungskommission zur Assimilierungspolitik der norwegischen Minderheiten von 2023, weitgehend unbeachtet bleiben. Immerhin hat Kathrine Nedrejord für diese politische Wutrede und das Plädoyer für Inklusion statt Homogenisierung unter anderem 2024 den renommierten Brageprisen erhalten.

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