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Veröffentlicht am 14.03.2026

Die fehlende Hälfte

Halber Stein
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Die 1977 in Hermannstadt geborene, im Banat aufgewachsene und 1985 nach Süddeutschland ausgewanderte Autorin Iris Wolff kehrt in ihren bisher fünf erfolgreichen und preisgekrönten Romanen immer wieder ...

Die 1977 in Hermannstadt geborene, im Banat aufgewachsene und 1985 nach Süddeutschland ausgewanderte Autorin Iris Wolff kehrt in ihren bisher fünf erfolgreichen und preisgekrönten Romanen immer wieder nach Siebenbürgen zurück. Auch ihr Debütroman "Halber Stein" von 2012 spielt in Michaelsberg, einem siebenbürgischen Dorf nahe Hermannstadt. Er erschien zunächst im Verlag Otto Müller, 2026 als blumengeschmückte Taschenbuchausgabe in Iris Wolffs aktuellem Verlag Klett-Cotta.

Uneingestandene Gefühle
Die Handlung spielt während weniger Tage im Spätsommer 2006, als die Ich-Erzählerin Friedesine, genannt Sine, 20 Jahre nach ihrer Auswanderung erstmals nach Siebenbürgen zurückkehrt. Bisher wollte sie ihren Vater Johann nie bei den Besuchen im alten Zuhause begleiten, sondern schaute wie ihre Mutter Hermine lieber nicht zurück. Nun gibt es einen traurigen Anlass für ihre erste Reise: Mit ihrer Großmutter Agneta ist das letzte in Siebenbürgen verbliebene Familienmitglied verstorben, es droht der endgültige Heimatverlust. Sine, die nach Beendigung ihres Studiums orientierungslos wieder bei ihren Eltern eingezogen ist, wird bei der Ankunft von ihren Gefühlen überwältigt:

"Ich sah über die Hügel, über die angrenzenden Dörfer und die hellen Karpaten, spürte die Sonne auf meinem Gesicht, die Grashalme an den Fußsohlen und wusste, dass ich alles vermisst und mir dieses Gefühl doch nie eingestanden hatte. […] Wieso fühlte sich plötzlich alles anders an?" (S. 37)

Erinnerungsorte
Während der Tage im noch immer überraschend vertrauten Haus der Großmutter besucht sie bekannte und neue Orte und begegnet ihrem Kinderfreund Julian Eminescu wieder, mit dem sich während gemeinsamer Ausflüge in die Umgebung mehr als nur die alte Vertrautheit einstellt. Er und viele andere erzählen ihr von Siebenbürgen, denn so wenig sie sich während der Jahre in Deutschland dafür interessierte, so viel möchte sie nun erfahren: über Agneta, die 850-jährige Geschichte der Siebenbürger Sachsen und nicht zuletzt über sich selbst. Sine erinnert sich an Kindheitserlebnisse, Gerüche, Geräusche, Gebäude und die unvergleichliche Landschaft, kommt einem Geheimnis Agnetas auf die Spur und findet Erinnerungsorte:

"Es ist, als wartete überall, wo ich hinkomme, eine Erinnerung." (S. 240)

Zum Symbol ihrer eigenen Unvollständigkeit wird ein kreidezeitliches Naturmonument, das Sine immer wieder besucht, der titelgebende „Halbe Stein“, der wie eine zur Hälfte abgerissene steinerne Brücke am Ufer des Silberbachs aus der Erde zu wachsen scheint:

"Der Stein ragte stolz und unbeirrt auf und spiegelte durch seine standhafte, fast trotzige Anwesenheit immer auch die andere, unsichtbare, vergangene Hälfte." (S. 303/304)

Doch was macht Sines eigene zweite Hälfte aus? Sind es die verdrängten Wurzeln und Erinnerungen? Lässt sich der gekappte Faden wieder aufnehmen und dadurch Orientierung für die Zukunft finden?

Ein vielversprechendes Debüt
In diesem Debütroman zeigt Iris Wolff bereits vieles, was mich an ihren späteren Romanen "Die Unschärfe der Welt" (2020) und "Lichtungen" (2024) begeistert: Empathie für ihre Figuren und für Siebenbürgen, Wissen über dessen Geschichte, Kultur und Brauchtum und exzellente Natur- und Landschaftsbeschreibungen, alles in einem ruhigen Erzählfluss mit poetisch-stimmigen Bildern und einer wunderschön melodischen, sensiblen Sprache. Nur bei der Verwebung der Fakten über Siebenbürgen ist eine deutliche Weiterentwicklung spürbar. Werden sie in "Halber Stein" noch etwas zu offensichtlich belehrend in Gesprächen vermittelt, die mich immer wieder stolpern ließen, fließen sie in die späteren Bücher selbstverständlicher und eleganter ein. Noch mehr berührt haben mich deshalb Sines eigene Erinnerungen an ihre Kindheit, den schwierigen Start in Deutschland und die Trauer der Achtjährigen über den Verlust heimatlicher Geborgenheit, die Iris Wolff im gleichen Alter erlebte.

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Veröffentlicht am 10.02.2026

Zwischen allen Stühlen

Trag das Feuer weiter
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Die 1981 in Rabat geborene Leїla Slimani gehört spätestens seit ihrem Gewinn des Prix Goncourt 2016 für "Dann schlaf auch du" zu den erfolgreichsten Schriftstellerinnen Frankreichs. 2021 erschien in deutscher ...

Die 1981 in Rabat geborene Leїla Slimani gehört spätestens seit ihrem Gewinn des Prix Goncourt 2016 für "Dann schlaf auch du" zu den erfolgreichsten Schriftstellerinnen Frankreichs. 2021 erschien in deutscher Übersetzung mit "Das Land der Anderen" der erste Band ihrer zwischen Frankreich und Marokko angesiedelten, von der eigenen Familiengeschichte inspirierten Trilogie. Im Mittelpunkt stand die Elsässerin Mathilde, die den marokkanischen Offizier Amine Belhaj heiratete und ihm 1946 aus Liebe und Abenteuerlust in sein Heimatland folgte.

Bevor Leїla Slimani 2022 den zweiten Band, "Schaut, wie wir tanzen", über die nächste Generation veröffentlichte, beschrieb sie in ihrem autobiografischen Memoir "Der Duft der Blumen bei Nacht" ihre Qualen beim Schreiben:

"Ich sitze seit Stunden auf diesem Stuhl, und meine Figuren reden nicht mit mir. Nichts stellt sich ein. Weder ein Wort noch ein Bild, noch der Beginn einer Melodie, die mich dazu hinreißt, ein paar Sätze zu Papier zu bringen." (S. 11)

Noch stärker ausgeprägt ist die Schreibblockade ihrer Protagonistin Mia Daoud in der Rahmenhandlung des dritten Bandes, "Trag das Feuer weiter". Diese Enkelin von Mathilde und Amine lebt als Schriftstellerin in Paris und wird von einem Verlust des Geruchs- und Geschmackssinns mit totaler Erschöpfung gequält. Ein Neurologe diagnostiziert „brain fog“ infolge einer Corona-Infektion. Er empfiehlt ihr Marcel Proust als Vorbild, der in einer berühmten Szene aus "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" mit dem Eintauchen einer Madeleine in Tee seine Kindheit heraufbeschwört:

"Wenn ich Ihnen einen Rat geben darf, Mademoiselle: Finden Sie Ihre Madeleine." (S. 25)

Mias "Madeleine" ist eine Reise nach Meknès zur Domaine Belhaj ihrer verstorbenen Großeltern.

Zwei Welten
Mia und ihre jüngere Schwester Inès wachsen in Rabat bei wohlhabenden. liberalen Eltern in einer Blase auf: Der Freiheit zuhause steht die Unfreiheit einer patriarchalen Diktatur draußen gegenüber. Ihre Mutter Aïscha ist Gynäkologin, hat in Straßburg studiert und Mehdi Daoud, einen ehrgeizigen Banker und Aufsteiger geheiratet, der von einer neuen Mittelschicht träumt. Die Mädchen besuchen mit anderen sorgfältig Auserwählten das französische Gymnasium, im Volksmund „Fette-Knete-Gymnasium“ genannt, mit Lehrkräften aus Frankreich:

"Eine Enklave, in der eine auf ausländische Weise in einer ausländischen Sprache erzogene Elite sich selbst reproduzierte und, völlig losgelöst von dem Land, in dem sie lebte, ohne schlechtes Gewissen herrschen würde." (S. 139)

Umso größer ist der Schock, als die lesbische Mia und Inès zum Studium nach Paris kommen, in das Land, dessen Kultur und Sprache sie beherrschen, das ihnen jedoch voller Klischees und Vorurteilen begegnet. Mia hat die Warnung ihres Vaters vor einer Rückkehr im Ohr, der nach einer Intrige entlassen, später verhaftet und erst 2011, acht Jahre nach seinem Tod, rehabilitiert wird:

"Die Sache mit den Wurzeln dient nur dazu, dich am Boden festzunageln. […] Entfache einen großen Brand und trag das Feuer weiter. […] Mein Schatz, verteidige deine Freiheit, geh keine Kompromisse ein, misstraue der Wärme deines Zuhauses." (S. 237)

Ein großartiger Abschluss
"Trag das Feuer weiter" führt alle Fäden der Familiengeschichte zusammen und beleuchtet multiperspektivisch die zentralen Themen Identität und Integration, Heimat und Fremde, Frauenrechte und Patriarchat, Freiheit und Diktatur, Rassismus und Einsamkeit. Die Figuren agieren vor dem zeitgeschichtlichen Hintergrund wie dem Fall der Berliner Mauer, dem 11. September 2001, dem Irakkrieg und großen Fußballereignissen, ohne dass ihr Handeln be- oder gar verurteilt wird.

Das Ende der Trilogie nach gut 1200 Seiten vor Augen, habe ich immer langsamer gelesen, so ungern wollte ich die Familie verlassen. Dank und Anerkennung dafür gebührt sowohl der großartigen Erzählerin Leїla Slimani, als auch ihrer langjährigen Übersetzerin Amelie Thoma, die in angenehm fließendem Deutsch auch dieses Mal wieder genau den richtigen Ton trifft.

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Veröffentlicht am 12.01.2026

Wütend und laut

Acht Jahreszeiten
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Sápmi ist das Land nördlich des Polarkreises, in dem seit Tausenden von Jahren das indigene Urvolk der Sámi lebt. Durch Grenzziehungen vergangener Jahrhunderte erstreckt sich Sápmi heute über vier Länder: ...

Sápmi ist das Land nördlich des Polarkreises, in dem seit Tausenden von Jahren das indigene Urvolk der Sámi lebt. Durch Grenzziehungen vergangener Jahrhunderte erstreckt sich Sápmi heute über vier Länder: Norwegen (ca. 40.000 – 65.000 Sámi), Schweden (ca. 20.000 – 40.000), Finnland (ca. 8.000 – 10.000) und Russland (ca. 2.000). Auch ohne blutige Kolonialkriege wurde die Bewegungsfreiheit der Urbevölkerung immer stärker eingeschränkt, ihre Kultur, Sprachen, Musik, Kleidung, Traditionen, Religion und Kunst zu Gunsten einer staatlichen Homogenisierung bekämpft, ihre Geschichte geleugnet, ihr Territorium besiedelt, ihre Schädel von Rassentheoretikern vermessen, ihr Stolz und Selbstbewusstsein zerstört. Obwohl heute wieder samisch gesprochen werden darf, Weiderechte für Rentiere festgeschrieben sind, samische Parlamente in Norwegen, Finnland und Schweden für gewisse Mitspracherechte sorgen und zumindest Norwegen das „Übereinkommen über eingeborene und in Stämmen lebende Völker in unabhängigen Ländern“ der Internationalen Arbeitsorganisation ratifiziert hat, bleibt das Zusammenleben von Minderheit und Mehrheitsbevölkerung problematisch.

Ein Sámi-Problem?
Die 1987 geborene samisch-norwegische Autorin Kathrine Nedrejord hat darüber einen Roman geschrieben, der auf Deutsch nach der samischen Jahreseinteilung "Acht Jahreszeiten" heißt, im norwegischen Original jedoch wesentlich provokanter "Sameproblemet".

Im Mittelpunkt steht die Samin und Journalistin Marie Engmo, samisch Márjá, die wie die Autorin seit vielen Jahren in Frankreich lebt. Ihre ersten neun Lebensjahre verbrachte sie im mehrheitlich samischen Márkannjárga an der norwegisch-finnischen Grenze, bevor sie in Seifjord an der Westküste als einzige Sámi ihrer Klasse Spott und Hass erfuhr, dadurch wirklich Sámi wurde und gleichzeitig ihre Sprache verlor. Nach dem Abitur im Internat in Alta suchte sie im Studium Abstand in Oslo, fühlte sich dort jedoch zerrissener und fremder im eigenen Land denn je:

"Ich befand mich zu nah an der Finnmark und doch zu weit weg." (S. 70)       

Erst in Frankreich konnte Marie ihre schmerzhaften Erinnerungen verbannen, indem sie ihre Herkunft ausblendete und sich weigerte, über den Norden zu schreiben.

Zwei Ereignisse erschüttern die Verdrängung ihres samischen Traumas: Zuerst wird sie Mutter und begreift, dass „ich nicht weiß, wie man Mutter in einer anderen Sprache als der eigenen ist“ (S. 52). Vier Monate später stirbt ihre Áhkku, ihre Großmutter. Marie kehrt zur Beerdigung alleine nach Márkannjárga zurück. Sofort ist sie wieder „Teil des Familienorganismus“ (S. 62), den sie jahrelang gemieden hat, gute wie schmerzhafte Gefühle und Gedanken kehren zurück. Schlagartig begreift sie, dass sie zwar nicht über den Norden, wohl aber über ihre Áhkku schreiben kann. Erinnerungen an die eigene Kindheit und Jugend mischen sich mit Geschichten über die Frauen der Familie, insbesondere die Großmutter.

Neue indigene Frauenstimmen
Mit den Romanen der schwedisch-samischen Autorinnen Ann-Helén Laestadius ("Das Leuchten der Rentiere" und "Die Zeit im Sommerlicht") und Elin Anna Labba ("Das Echo der Sommer") sowie der kvenisch-norwegischen Autorin Ingeborg Arvola ("Der Aufbruch") gibt es inzwischen erfreulicherweise immer mehr vielbeachtete, teilweise preisgekrönte Texte aus indigener Perspektive. Alle rücken das Unrecht gegenüber der Urbevölkerung ins Bewusstsein der Mehrheitsbevölkerung, keine jedoch ist ähnlich wütend, bitter, laut und zerrissen wie Kathrine Nedrejord mit Maries Weigerung, „über historische Wunden [zu] sprechen, als handle es sich um neutrale Fakten“ (S. 165) und deren Wutausbrüchen in Großbuchstaben:

"WIR WOLLTEN EXISTIEREN, UND WIR WOLLTEN SÁMI SEIN.
EINS VON BEIDEN WAR ZU VIEL." (S. 165)

"Acht Jahreszeiten" ist ein fordernder Roman in wunderschöner Aufmachung, der zeitlich springt, aufrüttelt, sich auf das Schicksal anderer Minderheiten übertragen lässt und überhaupt nicht zum positiven Image des wunderbaren Reiselands Norwegen passt.

Glücklicherweise irrt Marie mit ihrer Vermutung, ihr Text würde, wie der Abschlussbericht der Wahrheits- und Versöhnungskommission zur Assimilierungspolitik der norwegischen Minderheiten von 2023, weitgehend unbeachtet bleiben. Immerhin hat Kathrine Nedrejord für diese politische Wutrede und das Plädoyer für Inklusion statt Homogenisierung unter anderem 2024 den renommierten Brageprisen erhalten.

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Veröffentlicht am 04.11.2025

Die Vergangenheit kehrt zurück

Düsteres Tal
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Vor fünf Jahren hat sich Clara Lofthus, die smarte norwegische Ex-Justizministerin und unerkannte Serienmörderin, aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Mit ihrem neuen Partner Axel und ihren 15-jährigen ...

Vor fünf Jahren hat sich Clara Lofthus, die smarte norwegische Ex-Justizministerin und unerkannte Serienmörderin, aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Mit ihrem neuen Partner Axel und ihren 15-jährigen Zwillingssöhnen lebt sie in Nairobi und leitet dort im Auftrag von UNICEF eine Schule.

Als der norwegische Entwicklungshilfeminister die Einrichtung besucht, kommt es zu einem brutalen Terroranschlag mit mehreren Toten. Geistesgegenwärtig und kaltblütig rettet Clara eine Gruppe von Kindern und feuert mit dem Maschinengewehr eines toten Terroristen auf die Angreifer. Schlagartig steht sie als Heldin wieder im Mittelpunkt des norwegischen Medieninteresses.

Das Comeback
Zurück in Oslo überschlagen sich die Ereignisse. Die Ministerpräsidentin beruft Clara erneut auf den Posten der Justizministerin, deren verhasste Mutter Agnes plant den Verkauf von Grundstücken auf dem familieneigenen Hof in Westnorwegen und eine fünf Jahre alte Frauenleiche wird in einem Salzfass in einer aufgegebenen Wurstfabrik gefunden.

Hier tritt der bekannte Talkshow-Moderator Erik Heier auf den Plan, dessen populäre Sendung aus Kostengründen weichen muss. Nachdem er in der letzten Sendung die charismatische, wortgewandte und schöne Vorzeige-Karrierefrau Clara zu Gast hatte, für die auch er eine große Faszination verspürt, plant er einen investigativen Podcast über cold cases, ungelöste Altfälle. Thema des ersten Projekts soll der Fall der Salzfass-Leiche sein, Sabiya Rana, einer jungen Kinderärztin pakistanischer Herkunft und Mutter dreier Kinder, die plötzlich des Dreifachmordes verdächtigt wurde und nach ihrer Entlassung spurlos verschwand. Erik Heier ahnt nicht, wie nahe er mit seinen Recherchen dem Mysterium Clara Lofthus kommt…

Psychothriller mit Sog und literarischen Qualitäten
"Düsteres Tal" ist der dritte Band der ungewöhnlichen Psychothriller-Trilogie der 1978 geborenen, 2013 mit dem Brageprisen ausgezeichneten norwegischen Lyrikerin, Belletristik- und Kinderbuchautorin Ruth Lillegraven. Ungewöhnlich ist das „normale“ Umfeld, in dem sich die skrupellose Protagonistin bewegt, ungewöhnlich die wunderbaren Naturbeschreibungen aus Westnorwegen und die detaillierten Beschreibungen politischer Prozesse, die Ruth Lillegraven aus ihrer langjährigen Arbeit im Verkehrsministerium kennt, aber auch die literarische Qualität. Aus all diesen Gründe habe ich, obwohl ich sonst kaum Thriller lese, jeden neuen Band dieser Trilogie dringend erwartet. Hervorragend gelingt es der Autorin, das Innenleben ihrer furchteinflößenden, ohne Hemmschwelle agierenden Heldin glaubhaft darzustellen, in deren Logik Problemlösung bedeutet, alles und jeden aus dem Weg zu räumen, der ihr in die Quere kommt:

"Es gibt keine Gerechtigkeit, aber manchmal kann man etwas tun, um das Gleichgewicht wiederherzustellen." (S. 78)

Menschlich wird die gnadenlose Protagonistin in ihrem idealistischen Einsatz für einen verbesserten Schutz für Kinder und mit ihrer Sehnsucht nach dem Hof ihrer Familie in ihrer westnorwegischen Heimat:

„Ich will nach Hause. Wenn ich mit der Politik fertig bin, kann es nur diesen Weg geben […].“ (S. 179)

Kein Whodunit und trotzdem unglaublich spannend
Wie bei den Vorgängerbänden "Tiefer Fjord" und "Dunkler Abgrund" beruht die Spannung auch bei "Düsteres Tal" nicht auf der Frage nach dem Täter oder der Täterin, sondern auf dem Wie und Warum sowie der sehr besonderen Erzählweise von Ruth Lillegraven. Die 78 kurzen Kapitel mit einem Prolog bzw. Epilog aus dem Podcast werden abwechselnd von Clara, Axel und Erik Heier erzählt, was Tempo wie Dramatik gleichermaßen steigert.

Eine rundum gelungene, wendungsreiche und perfekt konstruierte Psychothriller-Trilogie mit einem für mich ebenso überraschenden wie genialen Finale.

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Veröffentlicht am 08.10.2025

Wohin mit 20.000 Elefanten?

Das Geschenk
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2006 wurde der Braunbär Bruno in Deutschland zum Politikum. Die bayerische Staatsregierung erklärte ihn zum „Problembären“ und gab ihn unter großer medialer Anteilnahme zum Abschuss frei.

Von anderer ...

2006 wurde der Braunbär Bruno in Deutschland zum Politikum. Die bayerische Staatsregierung erklärte ihn zum „Problembären“ und gab ihn unter großer medialer Anteilnahme zum Abschuss frei.

Von anderer Tragweite sind die Schwierigkeiten von Bundeskanzler Hans Christian Winkler im Roman "Das Geschenk" der flämischen Autorin Gaea Schoeters, denn wie von Zauberhand tauchen in Berlin plötzlich 20.000 afrikanische Elefanten auf. Ein Anruf des botswanischen Präsidenten schafft Klarheit: Die Dickhäuter sind weder Terroranschlag noch Spionageangriff, sondern die Antwort auf das vom Bundestag mit deutlicher Mehrheit verabschiedete sogenannte „Elfenbeingesetz“, das die Bedingungen für den Import exotischer Jagdtrophäen beträchtlich verschärft. Das tierische Geschenk ist vergiftet:

"Ihr Europäer wollt uns vorschreiben, wie wir zu leben haben. Vielleicht solltet ihr einfach mal selbst versuchen, mit Megafauna zurechtzukommen. Deshalb habe ich mich dazu entschlossen, Deutschland zwanzigtausend Elefanten zu schenken." (S. 34)

Liquidieren oder einsperren ist keine Option:

"Jeder Elefant, dem auch nur ein einziger Stein in den Weg gelegt wird, wird sich verdoppeln. […] Alles für die Elefanten." (S. 35)

Die Rechtspopulisten im Nacken
Winklers Hoffnung, sein Image durch medienwirksame Krisenbewältigung aufzubessern und damit den rechtspopulistischen Konkurrenten Holger Fuchs bei den anstehenden Wahlen in Schach zu halten, zerplatzt wie eine Seifenblase. Stattdessen ergeht man sich im Krisenstab in Macht- und Ränkespielen und steht hilflos den 2000 Tonnen Elefantenfäkalien pro Tag gegenüber, für deren Treibhausgase die nötigen Emissionszertifikate im schlimmsten Fall für viel Geld von Botswana erworben werden müssen, kämpft mit der Beschaffung von Wasser und Futter, demonstrierenden Müllwerkern und Bauern, Massenkarambolagen, Verwüstungen und höchst invasiven Pflanzen. Die Öffentlichkeit schwankt zwischen gefühliger Euphorie für ein neugeborenes Elefantenbaby, hysterischer Ablehnung und Unterstützung für Holger Fuchs, der sich mit Hilfe der Elefanten zunehmend profiliert. In seiner Not und auf Anraten seiner Vorgängerin beruft Winkler eine Ministerin für Elefantenangelegenheiten und verlagert die Verantwortung auf die taffe schwäbische Parteigenossin Hannelore Hartmann:

"Männer bekommen meistens in stabilen Unternehmen oder Situationen Führungsposten, Frauen werden nur in Krisenzeiten solche Spitzenjobs angeboten." (S. 66)

Die neue Ministerin sprüht vor Tatendrang, stellt strenge Verhaltensregeln auf, ruft Elefantenquoten für die Bundesländer aus, lässt aus Exkrementen exklusiven Dünger für den Weltmarkt produzieren und radikalisiert sich auf ihre Weise - alles für die Elefanten!

Eine Politsatire mit realem Hintergrund
Als der botswanische Präsident Mokgweetsi Masisi am 2. April 2024 die Ankündigung machte, 20.000 Elefanten nach Deutschland zu schicken, hielten viele das für einen verspäteten Aprilscherz. Tatsächlich hatte die ebenso provokante wie absurde Ankündigung einen ernsten Hintergrund: die Überforderung seines Landes durch die zunehmende Elefantenpopulation und die postkoloniale Überheblichkeit des Westens. Gaea Schoeters, 1976 geborene Tochter eines belgischen Politikers, hat die Idee als Steilvorlage für ihren schmalen Roman Das Geschenk aufgegriffen und die Folgen von Tag 1 bis 435 äußerst fantasievoll ausgemalt. Herausgekommen ist eine klug komponierte Polit- und Gesellschaftssatire, bissig, zoologisch wie botanisch lehrreich, entlarvend und urkomisch, wobei mir das Lachen oftmals im Hals steckengeblieben ist.

Herausragend, aufrüttelnd und unbedingt lesenswert!

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