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Veröffentlicht am 23.08.2025

Beeren pflücken slowed me down

Beeren pflücken
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Endlich habe ich „Beeren pflücken“ gelesen und dachte mir zunächst: „interessanter Buchtitel“. Auf den ersten Blick für mich nicht catchy, weil er in derselben Kategorie liegt wie „Pilze sammeln“, „Wäsche ...

Endlich habe ich „Beeren pflücken“ gelesen und dachte mir zunächst: „interessanter Buchtitel“. Auf den ersten Blick für mich nicht catchy, weil er in derselben Kategorie liegt wie „Pilze sammeln“, „Wäsche waschen“ oder „Spazieren gehen“. Vielleicht ist das aber genau der Trick: einen harmlosen, fast langweiligen Titel wählen, der gerade dadurch Aufmerksamkeit erzeugt.

Gott sei Dank geht es nicht darum, über drei­hundert Seiten lang Beeren zu sammeln, sondern um Verlust und darum, was dieser mit Menschen macht. Peters erzählt von einer indigenen Familie, deren Sommer von der Arbeit in den Blaubeerfeldern geprägt ist, und parallel von einem Mädchen, das in einem streng kontrollierten Zuhause groß wird.

Zwei Figuren stehen im Zentrum, zwei Lebenswelten, scheinbar weit voneinander entfernt. Beide tragen etwas aus ihrer Kindheit mit sich herum, das sie nie loswerden. Das Buch zeigt, wie sich so etwas einbrennt und wie es das Leben von innen heraus steuert. Früh wird klar, in welche Richtung das alles zeigt.

Das Tempo ist langsam. Wer einen Sog über Handlung sucht, wird enttäuscht werden. Wer Atmosphäre und innere Logik mag, kommt auf seine Kosten.

In der Geschichte wird viel über Verlust gesprochen, ohne es als Leid auszustellen. Es zeigt, dass Trauer nicht linear verläuft, sondern als Hintergrundrauschen bleibt. Ich hätte mir an ein paar Stellen mehr Reibung gewünscht, weniger Ausweichen ins Andeutende. Das ist Geschmackssache.

Fazit: Ich habe „Beeren pflücken“ gern gelesen. Aber die Art, wie die Geschichte erzählt ist, hat mein Lesen gebremst. Kein Buch, das man einfach weginhaliert, sondern eins, bei dem man automatisch langsamer wird. Mal spannend, mal anstrengend, aber am Ende lohnend.

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Veröffentlicht am 16.08.2025

Ein Roman über das Dazwischen

Super einsam
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Das Buch kam im letzten Moment. Ich war schon halb aus der Tür, Koffer in der Hand, Richtung Bahnhof, Richtung Meer, als das Rezensionsexemplar im Briefkasten lag. Super einsam von Anton Weil. Ich packte ...

Das Buch kam im letzten Moment. Ich war schon halb aus der Tür, Koffer in der Hand, Richtung Bahnhof, Richtung Meer, als das Rezensionsexemplar im Briefkasten lag. Super einsam von Anton Weil. Ich packte es ein, ohne Erwartungen. Im Zug fing ich an zu lesen und war direkt überrascht über diesen Zufall: Der Protagonist will nämlich genau dorthin. Weg. Raus. Irgendwohin, wo es leiser ist.

Es folgt kein klassischer Großstadtroman, sondern das literarische Protokoll einer Identitätskrise. Der Erzähler ist auf eine leise, eindringliche Art verloren. Nicht spektakulär, scheiternd, nicht destruktiv, sondern einfach schwebend im Ungefähren. Zwischen Herkunft und Zukunft, zwischen Rollen, die nicht mehr passen, und einem Selbstbild, das sich ständig verschiebt.

Weils Sprache ist direkt, klar, manchmal schnell schroff. Aber nie platt. Es gibt keine gestalteten Bilder, keine übertriebenen Metaphern. Stattdessen: ehrliche, dichte Sätze, in denen viel mehr drinsteckt, als auf den ersten Blick zu sehen ist. Oft merkt man erst im zweiten Absatz, wie präzise ein Gefühl getroffen wurde. Und das ist vielleicht das Beeindruckendste an diesem Buch: wie es innere Unruhe sichtbar macht, ohne sie zu erklären.

Die Handlung selbst ist eher ein Verlauf als ein Plot. Vieles bleibt offen, wird nur angerissen. Darin liegt die Kraft. In den Lücken. In dem, was nicht gesagt werden muss, weil es zwischen den Zeilen spürbar ist.

Ein Kapitel ist mir besonders geblieben: eine Kneipenszene, in der alles zusammenkommt: Einsamkeit, Nähe, Fremdheit, und dieser seltsame Trost, den man manchmal nur in der Anwesenheit anderer Körper findet. Selten wurde das so genau beschrieben, ohne es zu stilisieren oder zu romantisieren.

Super einsam erzählt nicht vom Finden, sondern vom Fragen. Nicht vom Aufbruch, sondern vom Dazwischen. Ein stiller, starker Roman über das Gefühl, sich selbst ständig zu entgleiten und trotzdem weiterzugehen.

Für alle, die Literatur mögen, die:

+von Identität erzählt, ohne sie zu definieren
+den Sound Berlins kennt oder kennenlernen will
+das Ungesagte Wichtige findet als die Pointe
+keine Helden braucht, um berührt zu sein

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Veröffentlicht am 16.08.2025

Drei Frauen, drei Wahrheiten

Three Women – Drei Frauen
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Dieses Buch hat mich wütend gemacht. Und traurig. Und ziemlich oft sprachlos. Drei Frauen ist keine Fiktion, auch wenn es sich liest wie ein Roman. Lisa Taddeo hat Maggie, Lina und Sloane über Jahre begleitet. ...

Dieses Buch hat mich wütend gemacht. Und traurig. Und ziemlich oft sprachlos. Drei Frauen ist keine Fiktion, auch wenn es sich liest wie ein Roman. Lisa Taddeo hat Maggie, Lina und Sloane über Jahre begleitet. Hat mit ihnen gesprochen, zugehört, nachgefragt, dokumentiert. Das Ergebnis: drei echte Geschichten über Lust, Scham, Macht und das, was Frauen begehren dürfen und was nicht.

Maggie hatte mit 17 eine Beziehung zu ihrem Lehrer. Heute nennt man das: Missbrauch. Lina lebt in einer leidenschaftslosen Ehe, also flüchtet sie in eine Affäre. Und Sloane? Lebt in einer offenen Ehe, aber irgendwie nur nach den Regeln ihres Mannes. Sie alle glauben anfangs, Kontrolle zu haben. Bis klar wird: sie hatten sie nie wirklich.

Taddeo schreibt das alles ohne Drama. Es gibt keine Moral, kein „So sollte es sein“. Nur drei Frauen, die sich selbst verlieren, suchen und neu zusammensetzen.

Ich fand es heftig. Aufwühlend. Aber brillant geschrieben. Wer sich mit weiblichem Begehren, Machtverhältnissen und gesellschaftlichen Erwartungen ernsthaft auseinandersetzen will, sollte das lesen.

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Veröffentlicht am 16.08.2025

Wenn ein Buch Jahre später wieder bei dir anklopft und sagt: „Na, Lust auf ein bisschen Existenzialismus?“

Sofies Welt
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Manche Bücher verschwinden nicht wirklich. Sie ziehen sich nur leise zurück. Nicht für immer, aber so auf die Kunst: Ich bin mal kurz weg, kläre du erst mal dein Leben. Sofies Welt von Jostein Gaarder ...

Manche Bücher verschwinden nicht wirklich. Sie ziehen sich nur leise zurück. Nicht für immer, aber so auf die Kunst: Ich bin mal kurz weg, kläre du erst mal dein Leben. Sofies Welt von Jostein Gaarder war für mich genau so ein Buch. Ich habe es das erste Mal als Teenie in die Hand genommen. Oder besser gesagt: Ich habe es mit in den Ägyptenurlaub geschleppt. Damals, mit 16 oder 17, dem vagen Gefühl von Fernweh im Bauch und einem sehr ernsten Plan, am Hotelpool philosophisch zu werden.

Gelesen habe ich tatsächlich nur ein paar Kapitel. Dann kam das Meer, die Sonne, das Leben dazwischen. Sofies Welt blieb zurück und wanderte später kommentarlos ins Regal.

Fast Forward: Ein paar Jahre taucht das Buch wieder auf. Ich ziehe es halb aus Neugier, halb aus Nostalgie aus dem Regal und finde darin mein altes Lesezeichen: ein kleines Plastiktütchen, das einmal eine Kette mit meinem Namen in Hieroglyphen enthielt. Ein Souvenir aus Luxor, das auf einmal wirkt wie ein kurzes ‘Hallo’ aus einem ganz anderen Leben.

Damals hatte ich noch lauter naive Fragen im Kopf, große Lebensgedanken, keine Ahnung von Kant, aber wild entschlossen, schlauer aus dem Urlaub zurückzukommen. Jetzt, Jahre später, lese ich es wirklich. Ganz. Und ganz anders.

Und dieses Mal bin ich drangeblieben.
„Sofies Welt“ ist mehr als ein Roman. Es ist ein Crashkurs in Philosophie, verkleidet als Coming-of-Age-Geschichte mit Mystery-Vibe. Die rätselhaften Briefe, die philosophischen Ausflüge, die immer größer werdenden Fragen, all das zieht einen auf eine sehr leise Art mit. Ganz ohne Drama. Dafür mit Kant. Und Sokrates. Und Gedanken über das Sein, die einem oft erst bei den einfachsten Tätigkeiten wie dem Abwaschen wirklich bewusst werden.

‘Sofies Welt’ will klug sein, aber es bemüht sich, dich nicht zu verlieren. Es ist kein staubtrockenes Uni-Skript, sondern eine Geschichte, die groß denkt, dich aber nie überfordert.

Ich habe es oft beiseitegelegt, einfach um das Gelesene sacken zu lassen. Immer wieder kam der Moment, in dem ich für einen Augenblick inne gehalten, um nachzuspüren und dabei fühlte ich mich plötzlich wieder wie das junge Mädchen, das ich damals war. Die gleichen Fragen, die ich als Teenager hatte, tauchten wieder auf, und gleichzeitig spürte ich, wie ich langsam ein anderes Verständnis für sie bekam. Es war wie ein Gespräch mit meinem früheren Ich - nur, dass ich dieses Mal nicht einfach weiterging, sondern wirklich in die Tiefe ging.

Vielleicht ist es ein Buch, das man zweimal lesen muss. Einmal, wenn man glaubt, alles wissen zu müssen und einmal, wenn man versteht, dass es okay ist, wenn man's nicht tut.

Fazit: Sofies Welt ist ein Buch wie ein Zeitkapsel-Geschenk von deinem früheren Ich an dein jetziges. Es ist philosophisch, aber nie belehrend und es ist genau das Richtige, wenn du Lust hast, dich auf die ganz großen Fragen einzulassen, ohne Erwartung auf perfekte Antworten.

Vielleicht ist das eigentliche Geschenk dieses Buches: Dass es dir zeigt, wie schön es sein kann, einfach nur zu fragen.

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Veröffentlicht am 16.08.2025

Gefühle ohne Filter

Nowhere Heart Land
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Dieses Buch fühlt sich an wie der Versuch, sich selbst zusammenzusetzen, ohne zu wissen, ob alle Teile noch da sind. Es geht um eine junge Frau, die irgendwo zwischen Schmerz, Wut, Unsicherheit und dem ...

Dieses Buch fühlt sich an wie der Versuch, sich selbst zusammenzusetzen, ohne zu wissen, ob alle Teile noch da sind. Es geht um eine junge Frau, die irgendwo zwischen Schmerz, Wut, Unsicherheit und dem Wunsch nach Kontrolle schwankt und sich dabei trotzdem irgendwie weiterbewegt. Kein dramatischer Roadtrip, kein "Ich finde mich selbst"-Kitsch, sondern eher ein Ich-halte-gerade-so-zusammen-was-noch-da-ist.

Rosa, Ende zwanzig, kehrt nach Jahren in London in ihre Heimatstadt in der deutschen Provinz zurück. Mit einem blauen Auge und einem Koffer voller ungeklärter Fragen landet sie im Haus ihrer dementen Großmutter. Dort wird sie von Erinnerungen an ihre Jugend in einem humanistischen Internat, den frühen Tod ihrer Mutter und zerbrochene Freundschaften heimgesucht.

Die Sprache ist direkt, roh, manchmal poetisch, aber nie gewollt. Was passiert, wird nicht durchgekaut, sondern angedeutet. Vieles bleibt zwischen den Zeilen, was genau richtig ist für diese Art Geschichte. Denn wer schon mal an einem Punkt war, an dem nichts mehr einfach zu sagen ist, weiß: Genau so fühlt es sich an.

Es geht nicht um eine große Story mit Knall. Es geht um Stimmung. Um ein Innenleben, das mehr Fragen stellt, als es beantwortet. Und genau das macht das Buch so gut. Kein Plot-Feuerwerk, sondern leise, echte Emotion. Kein “Lesson learned”-Moment, sondern Unsicherheit, die stehen bleibt.

Es überfordert nicht, aber es lullt dich auch nicht ein. Es ist ein kurzer, intensiver Trip durch den Kopf einer Figur, die nicht weiß, wie sie weitermachen soll und trotzdem irgendwie weitermacht.

Für wen ist das was? Für alle, die sich schon mal gleichzeitig leer und überfüllt gefühlt haben.

Fazit: Nowhere Heart Land ist kein Feel-Good-Roman. Es ist ein “Es tut noch weh, aber ich schreib trotzdem drüber”-Buch. Und genau das macht es lesenswert.

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