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Veröffentlicht am 11.08.2025

Wie weit kann man sich verändern, ohne sich zu verlieren?

Bestie
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Delia zieht in eine neue Stadt und entscheidet sich, ab jetzt Lilly genannt zu werden. Sie will einen klaren Schnitt, eine neue Version ihrer selbst erschaffen. Was zunächst nach Selbstermächtigung klingt, ...

Delia zieht in eine neue Stadt und entscheidet sich, ab jetzt Lilly genannt zu werden. Sie will einen klaren Schnitt, eine neue Version ihrer selbst erschaffen. Was zunächst nach Selbstermächtigung klingt, wirkt bald wie ein Zwang: jede Geste, jedes Wort wird überprüft, ob es zu dieser erfundenen Identität passt.

Anouk, ihre neue Mitbewohnerin, ist das Gegenteil. Sie ist eine erfolgreiche Influencerin, hat Kontrolle über jede Situation und wirkt nach außen kühl, unnahbar, berechnend. Doch hinter dieser Fassade liegen Brüche, die sie nicht zeigen will, weder ihrer Familie noch ihrem Freundeskreis.

Zwischen Lilly und Anouk entwickelt sich eine Freundschaft, die mehr ist als Sympathie oder geteilte Zeit. Sie ist ein stilles Kräftemessen, ein Wechselspiel aus Nähe und Distanz. ”Bestie” untersucht, wie viel man von sich preisgeben muss, um wirkliche Verbindung entstehen zu lassen. Und wie weit man bereit ist, sich selbst zu verändern, um dazuzugehören, ohne den eigenen Kern zu verlieren.

Joana June zeigt diese Dynamik ohne Übertreibung, dafür mit genauer Beobachtung. Die Figuren sind widersprüchlich, gleichzeitig greifbar und fern. Ihre Gespräche und Gesten tragen oft mehr Bedeutung, als sie oberflächlich vermuten lassen. Mich hat das an Freundschaften erinnert, in denen Anziehung und Misstrauen, Bewunderung und Abwehr nebeneinander existieren.

Dieses Buch inspiriert. Es setzt Gedanken in Bewegung, öffnet Türen zu neuen Ideen. Nach der letzten Seite wollte ich endlich mal wieder ins Theater gehen. Der Text hat einfach einen Impuls gesetzt. Lesen ist hier kein passiver Konsum, sondern innere Arbeit: Perspektiven verschieben sich, alte Haltungen geraten ins Wanken.

Der Stil ist fließend, bildreich, stellenweise bewusst theatralisch. Symbolhafte Elemente verleihen der Geschichte eine traumartige Schicht.

Für mich gehört ”Bestie” bisher zu den besten Büchern des Jahres. Ein vielschichtiger Roman über Freundschaft, Macht, Selbstinszenierung und die unsichtbaren Verhandlungen, die zwischen Menschen stattfinden.

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Veröffentlicht am 02.07.2025

Klingt wie ein Gag, liest sich wie ein Stich ins Herz

Shark Heart
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Buch: Typ wird zum Hai. Ich: Okay, ciao.

20 Seiten später: Okay, warte. Vielleicht bleib ich doch.

Ich war wirklich kurz davor, das abzubrechen. Dachte, das wird eins von diesen überkonstruierten, absurden ...

Buch: Typ wird zum Hai. Ich: Okay, ciao.

20 Seiten später: Okay, warte. Vielleicht bleib ich doch.

Ich war wirklich kurz davor, das abzubrechen. Dachte, das wird eins von diesen überkonstruierten, absurden Debüts, die „anders“ sein wollen, aber halt nix erzählen. Und dann hat’s mich einfach komplett reingezogen. Nicht, weil plötzlich viel passiert, sondern weil diese ganze absurde Ausgangslage sich plötzlich total logisch anfühlt. Emotional logisch.

Worum’s geht?

Lewis mutiert langsam zu einem weißen Hai, medizinisch bestätigt, nicht symbolisch. Wren, seine Partnerin, bleibt zurück und versucht, nicht durchzudrehen. Klingt absurd, ist aber richtig gut gemacht. Und das Beste: Die Geschichte nimmt das komplett ernst. Da wird nix ironisch gebrochen oder groß erklärt. Es ist einfach so.

Wren ist keine klassische Protagonistin. Sie hat keinen Masterplan, sie fällt nicht in ein neues Leben rein, sie ist einfach... lost und sie driftet. Nicht auf diese selbstfindungs-esoterische Art, sondern einfach, weil sie nicht weiß, was sie sonst tun soll. Sie geht zur Arbeit, sie redet mit Menschen, sie ist irgendwie da, aber innerlich ist sie komplett raus. Ich fand das super realistisch. Keine große Heldinnenreise. Nur Leere. Und das Gefühl, dass nichts mehr stimmt, obwohl alles gleich aussieht.

Ich hab’s an einem Tag durchgelesen, saß dann da und war so: Was zur Hölle war das jetzt? Und warum hat’s mich so berührt?

Ich mochte, dass es keine Auflösung gibt. Keine Message, kein „und dann hat sie gelernt, loszulassen“. Es ist einfach eine traurige, absurde, sehr direkte Geschichte über Veränderung. Körperlich, emotional, alles gleichzeitig. Ich hab’s geliebt. Auch wenn ich immer noch nicht ganz weiß, warum.

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Veröffentlicht am 02.07.2025

Back im Skandi-Krimi-Game

Im Finsterwald
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Wie sehr ich das vermisst hab: ein richtig gut erzählter Kriminalroman aus Skandinavien, der nicht übertrieben laut sein muss, um spannend zu sein. Keine Schockmomente, keine Effekthascherei und keine ...

Wie sehr ich das vermisst hab: ein richtig gut erzählter Kriminalroman aus Skandinavien, der nicht übertrieben laut sein muss, um spannend zu sein. Keine Schockmomente, keine Effekthascherei und keine billigen Twists. Stattdessen: Atmosphäre und ein Plot, der mich still, aber bestimmt in seinen Bann gezogen hat.

“Im Finsterwald” spielt in Göteborg, 1926. Ja, das fühlt sich genau so an wie es klingt: kalt und leicht düster. Der Fall ist auf den ersten Blick unspektakulär. Ein Museumsbesuch, danach fehlt jemand. Keine Leiche, kein Skandal, aber ein Verdacht, der sich langsam in die Geschichte schleicht.

Der Kriminalfall entwickelt sich fast beiläufig. Ein Ermittler und eine Journalistin tasten sich durch die Geschichte, Stück für Stück, und du liest mit angehaltenem Atem, obwohl objektiv gar nichts Spektakuläres passiert. Aber innerlich? Yes - da brennt alles. Weil man nämlich denkt und auch spürt, dass hinter allem mehr steckt als die Figuren preisgeben.

Ich liebe diese Art Krimi, man konsumiert nicht bloß, sondern man wird Teil des Ganzen. Es ist wie ein Rätsel. Kein passives Gucken, sondern aktives Lesen. Ein bisschen wie ein Gesellschaftsporträt, ein bisschen wie ein Kammerstück, und extrem atmosphärisch aufgeladen.

Die Sprache ist auch ganz nach meinem Geschmack. Zurückhaltend, klar, elegant. Kein übertriebener Ton, keine krampfhaft originellen Formulierungen, sondern eine fast altmodische Ruhe, die aber nie langweilig wird. Die Übersetzung von Regine Elsässer macht das richtig gut, nie gestelzt, einfach stimmig.

Auch visuell hat das Buch Stil. Das Cover ist für mich fast schon Statement: schlicht, ein bisschen geheimnisvoll, sehr 1920er. Kein überladenes Thriller-Design. Altmodisch auf die beste Weise, mit einem Hauch Fin-de-Siècle-Mystery. Ich würde es auch einrahmen.

Fazit: Das Buch hat mich daran erinnert, was Kriminalliteratur eigentlich kann, wenn sie nicht auf Masse, sondern auf Klasse geht. ”Im Finsterwald” ist kein seichter Crime-Pager für zwischendurch. Es ist ein durchdachtes, feinsinnig geschriebenes Stück Literatur, das Spannung auf eine ganz andere Ebene hebt. Das macht einfach glücklich, weil es zeigt, dass man sich Zeit nehmen darf. Für Sprache, für Atmosphäre, für echte Tiefe.

Ich werde definitiv mehr von Marie Hermanson lesen und wenn du auch das Gefühl hast, das Genre sei dir in den letzten Jahren ein bisschen zu trashy geworden: Das hier ist dein Reset-Knopf.

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