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Veröffentlicht am 19.10.2025

Wundervoller Roman

Die Briefeschreiberin
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„Die Briefeschreiberin“ von Virginia Evans, gelesen von Beate Himmelstoß 
und Thomas Loibl / Verlag: der Hörverlag
Was für eine berührende Geschichte, was für eine beeindruckende Frau, 
was für ein Schicksal!
Ich ...


„Die Briefeschreiberin“ von Virginia Evans, gelesen von Beate Himmelstoß 
und Thomas Loibl / Verlag: der Hörverlag
Was für eine berührende Geschichte, was für eine beeindruckende Frau, 
was für ein Schicksal!
Ich war fasziniert von diesem Hörbuch. Wunderbar finde ich die Briefe, die sich zuletzt zu einem ganzen Bild über das Leben von Sybil van Antwerp zusammensetzen.
Ein Leben mit Höhen und Tiefen, wie im echten Leben. Ich habe es sehr genossen, den beiden Sprechern zuzuhören. Die unaufgeregte Stimme von Beate Himmelstoß fand ich perfekt geeignet für die Hauptprotagonistin Sybil van Antwerp. Sybil ist 73 Jahre alt, ihr Augenlicht wird bald verblassen und ihre Liebe zum Briefeschreiben somit ein Ende finden. Doch solange es ihr möglich ist, schreibt Sybil!
An alle und jeden, in einer wunderschönen Handschrift. Die weiteren Protagonisten sind allesamt sehr unterschiedlich, aber auch sehr interessant: ihr ebenso adoptierter Bruder Felix, ihre Schwägerin, der freundliche Nachbar Theodore, ihr Verehrer Mick und viele weitere bereichern das Leben von Sybil und ziehen mich als Hörerin mitten hinein in ihr Leben. Alltägliches, schwierige Themen, Freude, Leid und auch Small Talk finden sich in ihren Briefen wieder.
Der Austausch mit den verschiedenen Menschen in ihrem Leben ist so real, teilweise tiefgründig, teilweise einfach nur ein schöner Kontakt.
Sybil hat in ihrem bewegten Leben schon viel erfahren: von einer herausragenden Juristin zur Assistentin eines Richters, von Ehefrau, Mutter, Freundin und Adoptivkind war alles dabei. Auch ein Schmerz, der in Worte nicht zu fassen ist und deshalb bis dato noch keinen Weg in ihre Briefe gefunden hat.
Wortgewandt, teilweise etwas harsch, jedoch immer offen und ehrlich schreibt Sybil wohlüberlegt ihre Briefe. Manche finden den Weg zum Adressaten, manche werden nie abgeschickt.
Ich habe mit Sybil gebangt, gehofft, ihr Leid und ihre Freude geteilt, ihren Schmerz und ihre Schuldgefühle gespürt und wäre ihr so gerne begegnet.
Einer älteren, intelligenten Dame, die auf ihre sture, aber trotzdem helfende Art sehr angesehen und beliebt ist. Ihre Stärke nach außen zeigt nicht ihr Innerstes. Ihre Art, sich zu entschuldigen, finde ich sehr weise, auch wenn teilweise viel Zeit vergeht. Aber so ist das Leben: Nicht immer kann man sofort vergeben oder verzeihen. Es braucht Zeit!
Die Autorin vereint in ihrem Buch Leichtigkeit, Einsamkeit, Tiefgang und Hoffnung.
Und sie zeigt auf, dass es nichts Konstantes gibt. Das Leben ist Veränderung, und diese Veränderung bringt oftmals Neues zum Vorschein, womit wir nicht gerechnet haben. Was wir nie zu hoffen gewagt hätten.
So geht es auch Sybil, als sie das Geschenk ihres Sohnes Bruce nach langer Zeit endlich einlöst und ihre DNA zur Auswertung einschickt. Was daraufhin ins Rollen kommt, war weder ihren Kindern noch Sybil bewusst.
Ach, was war das für ein wundervoller Roman! Ich habe Sybil sehr in mein Herz geschlossen. Ihre burschikose und doch warmherzige Art sagte mir sehr zu. Ich möchte auch nicht mehr verraten, ich kann nur sagen: Lest oder hört euch dieses Buch an.
Taucht ein in die Briefe, lasst euch mitreißen in das Leben von Sybil. Einer Frau, der man mit Hochachtung begegnen sollte.
Ich bin jedenfalls absolut begeistert. Was für ein Debüt!
Danke auch an Regina Rowlinson für die Übersetzung.

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Veröffentlicht am 14.10.2025

Wie eine ferne Melodie

Die Geschichte des Klangs
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„Die Geschichte des Klangs“ von Ben Shattuck, gelesen von Reinhard Kuhnert und Tessa Mittelstaedt 

Verlag: Hörbuch Hamburg

Es gibt Geschichten, die nicht laut erzählen müssen, um lange nachzuhallen, ...

„Die Geschichte des Klangs“ von Ben Shattuck, gelesen von Reinhard Kuhnert und Tessa Mittelstaedt 

Verlag: Hörbuch Hamburg

Es gibt Geschichten, die nicht laut erzählen müssen, um lange nachzuhallen, sie klingen leise, wie eine ferne Melodie, die man erst im Innersten hört.
Die Geschichte des Klangs von Ben Shattuck ist eine solche Geschichte.

Ben Shattuck erzählt von zwei jungen Männern, Lionel und David, die sich in einer Bar begegnen. Der Klang der Musik führt sie zusammen und daraus wächst eine leise Liebe, die ein Leben lang nachhallt.

Nach dem Krieg ziehen die beiden Männer durch die Landschaft, durch Wälder, über weiche Nadelbetten, unter einem Himmel, der ihre Liebe zu segnen scheint.
Mit einer alten Phonographenwalze nehmen sie Lieder auf, und zwischen den Klängen, zwischen den Atemzügen, in stillen Momenten schwingt ihre Liebe mit.
Doch wie ein Lied, das unvermittelt verklingt, reißt auch ihr Kontakt ab.
Jahrzehnte später, in den 1980er Jahren, findet Anni beim Entrümpeln ihres neu gekauften Hauses die alten Wachszylinder und mit ihnen erwacht die Liebe der beiden noch einmal leise zum Leben.
Ihre Entdeckung öffnet jedoch nicht nur die Vergangenheit, sondern auch die Frage nach ihrem eigenen Leben: Was wäre gewesen, hätte sie selbst anders geliebt, anders gelebt?
Ben Shattuck schreibt mit einer Zartheit, die wie ein Windhauch berührt. Seine Sprache ist poetisch, feinfühlig und warm. Sie lässt Raum für Nachklang und all das, was zwischen den Zeilen geschieht.
Ich habe diese Geschichte mit dem Herzen gehört. Reinhard Kuhnert und Tessa Mittelstaedt lesen mit einer unglaublichen Sanftheit. Ihre Stimmen tragen das ganze Gewicht der Erinnerung und zugleich die Leichtigkeit einer längst vergangenen Liebe.
Die Geschichte des Klangs ist kein lautes Buch, aber es berührt tief.
Und wenn das letzte Wort verhallt, bleibt etwas ganz Leises zurück, wie der Nachklang eines Tons, der noch lange im Herzen weiterklingt.

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Veröffentlicht am 11.10.2025

Schwere in der Leichtigkeit

Verehrung
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„Verehrung“ von Alice Urciuol / Verlag: nonsolo
Was für ein stimmiger Roman über das Erwachsenwerden. Über die Leichtigkeit der Jugend, über Liebe, Verführung und Verehrung. Über Begehren, Wahrnehmung ...

„Verehrung“ von Alice Urciuol / Verlag: nonsolo
Was für ein stimmiger Roman über das Erwachsenwerden. Über die Leichtigkeit der Jugend, über Liebe, Verführung und Verehrung. Über Begehren, Wahrnehmung und Selbstwahrnehmung, über das Loslösen von Erwartungen und das Gehen eigener Wege.
In der Provinz Pontinia südlich von Rom erschüttert der Tod der siebzehnjährigen Elena, die von ihrem Freund getötet wurde, eine ganze Gruppe von Jugendlichen.
Die Tat wirft lange Schatten, niemand hat sie kommen sehen und doch hätten alle es ahnen können. Die Schuldgefühle, welche der Tod ihrer Freundin hervorruft, zieht sich wie ein unsichtbarer Faden durch das Leben der FreundInnen.
Vanessa, Elenas beste Freundin, steht zwischen den patriarchalen Werten, die ihr Umfeld noch immer tief verinnerlicht hat, und dem Drang, ihr Leben selbstbestimmt zu führen.
Giorgio, der in Elena verliebt war und sie nicht beschützen konnte, trägt schwer daran und versucht nun, seine Schwester Vera vor allem zu bewahren; und mischt sich damit oft in Dinge ein, die ihn nichts angehen.
Christian, Elenas Ex-Freund, taumelt zwischen Teresa und Vera. Er schafft es nicht, aus den Fehlern seiner Vergangenheit zu lernen.
Und Diana, die mit einem großen Muttermal am Oberschenkel lebt, versteckt sich aus Scham - unsicher, ob sie jemals jemanden so nah an sich heranlassen darf.
Alice Urciuolo versteht es meisterhaft, die ungestüme Dynamik dieser jungen Menschen einzufangen.
Sie zeigt, wie eng Leichtigkeit und Unbeschwertheit mit Trauer und Schuld verwoben sein können; wie Begehren, Macht und Sehnsucht ineinanderfließen.
In den Dialogen, in den Gesten, in den schwülen Sommernächten zwischen Pontinia und den Stränden von Sabaudia liegt diese ganz besondere Hitze, die das Aufwachsen beschleunigt und doch alles zerbrechlich wirken lässt.
Es ist ein Roman, der die Leidenschaft der Heranwachsenden in all ihrer Schönheit, Unvernunft und Wildheit spürbar macht. Gleichzeitig zeichnet er das Bild einer Elterngeneration, die an ihren Erwartungen und überholten Werten festhält und von der sich die jungen ProtagonistInnen lösen, um ihr eigenes Leben zu leben.
Und so gelingt es Urciuolo, von Trauer und Schuld zu erzählen, aber auch von diesem unbändigen Hunger nach Freiheit: vom Schwimmen im Meer, vom Schmecken des Sommers, von der Lust, das eigene Leben trotz allem zu feiern und sich auszuprobieren. In vielerlei Hinsicht.

Ein Roman voller Schwere in der Leichtigkeit, voller Sommerhitze und voller Sehnsucht. Wunderschön, berührend, authentisch und eine große Leseempfehlung.

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Veröffentlicht am 07.10.2025

Wichtiges Thema!

Die Krähen
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„Die Krähen“ von Petra Dvořáková /
Verlag: Anthea

Was für ein Buch. Was für eine Welt. Was für ein Leid.

Selten hat mich eine Geschichte so erschüttert und sprachlos gemacht.

Petra Dvořáková führt ...

„Die Krähen“ von Petra Dvořáková /
Verlag: Anthea

Was für ein Buch. Was für eine Welt. Was für ein Leid.

Selten hat mich eine Geschichte so erschüttert und sprachlos gemacht.

Petra Dvořáková führt uns in eine Familie, die nach außen normal wirkt, zwei kleine Mädchen, bürgerliches Leben, ein scheinbar geordnetes Zuhause.

Doch hinter dieser Fassade lauert Lieblosigkeit und Gewalt.
Und es trifft immer Bára.

Bára ist nicht so brav und ordentlich wie ihre Schwester. Sie denkt anders, bewegt sich freier, malt mit Hingabe und lässt Farben sprechen, wo Worte versagen. In der Schule wird sie gelobt, bekommt gute Noten, doch auch das scheint die Mutter zu erzürnen.

Als der Kunstlehrer ihr Talent bemerkt und versucht, sie zu fördern, weckt das nur noch mehr Misstrauen und Wut zu Hause. Er ahnt, was hinter den Mauern geschieht, will helfen, will beschützen, doch gegen das Schweigen kommt er kaum an.

Der Schmerz, die Gewalt, das Schweigen, all das sickert in jede Seite dieses Buches. In Báras Zeichnungen und Aufsätzen spiegelt sich ihre Erlebnisse. Ein Aufsatz, ein Schrei nach Hilfe und doch folgt kein echtes Handeln.

Alle sehen, alle wissen und trotzdem bleibt Bára allein. Und es wird schlimmer!

Die Mutter lässt ihre Wut an ihr aus, der Vater „züchtigt“, wenn die Mutter es verlangt und wenn niemand hinsieht, überschreitet er andere Grenzen.

Nur die Krähen, stumme Zeugen auf den Ästen gegenüber, sehen alles. Sie verstehen nicht, aber sie sehen. So wie auch wir als LeserInnen sehen und uns fragen müssen, warum so oft nichts geschieht.

Dieses Buch macht das Atmen schwer. Es schmerzt, und gerade deshalb ist es so wichtig. Es zwingt uns hinzusehen, wo wir sonst vielleicht wegsähen, und zeigt, welche Folgen es hat, wenn Wegsehen zur Gewohnheit wird. Wer wegschaut und nicht handelt, trägt einen Teil der Schuld mit.

Petra Dvořáková schreibt mit einer Klarheit, die fast weh tut. Ohne Pathos, ohne Beschönigung, mit einer schonungslosen Genauigkeit, die einem unter die Haut geht.

Ein Bild von Ohnmacht, Schmerz und der Sehnsucht nach Liebe zeigt uns die Autorin mit diesem schmalen Buch und seinem gewaltigen Inhalt.

Die Krähen ist kein leichtes Buch. Aber ein notwendiges. Es bleibt, lange nachdem man die letzte Seite geschlossen hat; wie ein Echo, das mahnt, nicht zu schweigen, nicht fortzusehen, sondern zu handeln. Sofort!

Eine klare Leseempfehlung.

Ich habe dieses Buch mit schwerem Herzen und offenen Augen gelesen.



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Veröffentlicht am 28.09.2025

Nicht immer wird aus einer Zitrone Limonade …

Alles ganz schlimm
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„Alles ganz schlimm“ von Julia Pustet /
Verlag: Haymon

„Weißt du, ich habe auch Grenzen, von denen ich mir manchmal wünsche, dass man sie wahren würde.“ (Seite 165)

Ich habe mich mit diesem Roman schwergetan. ...

„Alles ganz schlimm“ von Julia Pustet /
Verlag: Haymon

„Weißt du, ich habe auch Grenzen, von denen ich mir manchmal wünsche, dass man sie wahren würde.“ (Seite 165)

Ich habe mich mit diesem Roman schwergetan. Die Themen sind ohne Zweifel wichtig und interessant: psychische Probleme, Gewalt, Prostitution, Einsamkeit, aber die Umsetzung war für mich nicht leicht zugänglich.

Susanne als Hauptfigur blieb mir fremd. Ihr Leben ist geprägt von Einsamkeit, Gewalt und Sex, sie wirkt unnahbar und nicht besonders sympathisch. Besonders irritierend fand ich, dass ihre Freundin Stella Susannes Text über ihre Vergangenheit stiehlt, ihn als eigenen veröffentlicht und sich dann auch noch in Susannes Familie hineinspielt. Sie beginnt eine Beziehung mit Jens, Susannes Bruder, und sitzt am Ende mit den Eltern beim Kaffee.

Die Veröffentlichung bescherte Stella Einladungen zu Fernsehshows und sie kündigte sogar an, eine Autobiografie mit dem Titel „ Alles ganz schlimm“ zu schreiben. Was für eine Farce!

Diese Entwicklung war für Susanne ein Schlag in den Magen, kaum nachvollziehbar. Die Freundschaft war bereits vorher zerbrochen, die mediale Aufmerksamkeit des gestohlenen Textes schrie nach Gerechtigkeit und doch war auch die Angst da, vor weiteren Brüchen und Isolation.

Hasstiraden im Netz, anonyme Hetze, Mobbing, Beleidigungen und Drohungen gegen S. sind keine Kritik, sondern ein Brechen der Persönlichkeit.

„Ein Meme über jemanden ist schnell gemacht und schnell vergessen. Außer für die Person, die darauf bloßgestellt wird.“ (Seite 196)

Was den Suizid von S. betrifft, sind Susanne die genaueren Umstände nicht bekannt. Das sie stirbt wollte niemand.

Der Schreibstil ist sehr anspruchsvoll: lange Kapitel, verschachtelte Sätze, viele Zeitsprünge. Dadurch kam bei mir kein richtiger Lesefluss auf, und ich habe immer wieder zum Prolog oder vorherigen Kapiteln zurückgeblättert, um den Zusammenhang zu verstehen.

Es ist definitiv kein Buch für zwischendurch, man muss konzentriert lesen. Trotzdem hat mich Susannes Tragik nicht so berührt, wie ich es mir bei diesen Themen gewünscht hätte.
Gesellschaftlich relevante Aspekte sind vorhanden, das sehe ich. Aber durch die fehlende Struktur und die fragmentarische Erzählweise blieb ich am Ende etwas ratlos zurück.

Ein ambitioniertes Werk mit schwierigen Themen, sprachlich und erzählerisch herausfordernd, das mich persönlich leider nicht fesseln konnte.

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