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Veröffentlicht am 02.06.2020

Ungewöhnliche Familienchronik

Belmonte
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„Als ihre Großmutter Franca überraschend stirbt, erbt Simona deren Elternhaus in den italienischen Marken, von dessen Existenz sie bis dahin nichts wusste. Die junge Landschaftsgärtnerin aus dem Allgäu, ...

„Als ihre Großmutter Franca überraschend stirbt, erbt Simona deren Elternhaus in den italienischen Marken, von dessen Existenz sie bis dahin nichts wusste. Die junge Landschaftsgärtnerin aus dem Allgäu, ein Gastarbeiterkind der dritten Generation, macht sich auf in das ferne Belmonte, ein verträumtes, mittelalterliches Dorf, in dem die Zeit stehen geblieben zu sein scheint. Dort findet sie Aufzeichnungen mit Francas Lebensbeichte und folgt, gegen alle Widerstände, den Spuren ihrer Vorfahren, bis sie am Ende eine erschreckende Wahrheit enthüllt.“ – Zitat Buchrücken

„Belmonte“ entführt mich in ein wildromantisches Italien, in dem ich mich sofort wohlfühle. Gerne begleite ich Simona auf ihrem Weg zurück zu sich selbst sowie in dem Bemühen, die Spuren ihrer geliebten Großmutter zu verfolgen. Die umfangreiche Verwandtschaft, das Dolce Vita und die vertraute Arbeit im Garten vermitteln Simona geschwind ein Gefühl der Zugehörigkeit, so dass sie dem Ort etwas zurückgeben möchte und dies tatkräftig umsetzt. Nicht nur dies sorgt für Spannungen zwischen ihr und ihrem Lebensgefährten daheim im Allgäu.

Die Familiengeschichte wird nach und nach parallel in mehreren Handlungssträngen ausgebreitet. Dadurch wird in mir eine gewisse Neugier erzeugt, welche mich voran streben lässt, um doch die Zusammenhänge endlich erfassen zu können. Was aufgrund von Titelbild und -gestaltung ein wenig anmutet wie eine leichte Urlaubsfrische, entpuppt sich als eine ungewöhnliche, schwierige bis stellenweise auch sehr dramatische Familienchronik.

Auch wenn ich eine ganze Weile beim Lesen gedacht habe, der Fortgang dieser deutsch-italienischen Familiensaga sei vorhersehbar, wurde ich doch wiederholt eines Besseren belehrt…


Antonia Riepp, Belmonte, Roman, broschierte Ausgabe, Piper Verlag, 15,00 €, 496 Seiten, Erscheinungstermin 02.06.2020

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 22.05.2020

Vergangen heißt nicht vergessen

Nordlicht - Die Spur des Mörders
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„Am Sockel des Idstedt-Löwen in Flensburg wird die Leiche des 73-jährigen Karl Bentien gefunden. Brutal zu Tode getreten und ausgeraubt. Ein zufälliges Opfer oder gezielter Mord? Der pensionierte Studienrat ...

„Am Sockel des Idstedt-Löwen in Flensburg wird die Leiche des 73-jährigen Karl Bentien gefunden. Brutal zu Tode getreten und ausgeraubt. Ein zufälliges Opfer oder gezielter Mord? Der pensionierte Studienrat gehörte der dänischen Minderheit an, Medien und Behörden sehen nach dem Mordfall bereits das friedliche Zusammenleben im Grenzland in Gefahr. Hauptkommissarin Vibeke Boisen und ihr Kollege Rasmus Nyborg von der dänischen Polizei stehen unter Druck und müssen rasche Ergebnisse liefern. Dann stoßen sie im Keller des Toten auf eine versteckte Kammer mit brisantem Inhalt …“ – Zitat Buchbeschreibung

Dies ist der zweite Fall für das Ermittlerteam rund um das Duo Boisen / Nyborg im dänisch-deutschen Grenzgebiet. Die Unkenntnis des ersten Falles / Bandes stellte für mich keinerlei Problem hinsichtlich des Verständnisses sowie Lesevergnügens dar. Schnell verzweigen sich die Ermittlungsstränge und reichen von Totschlag bis zu kaltblütigem Mord. Aber wer hätte denn wirklich ein Motiv, diesen älteren Herrn, der lediglich seinen eigenen Lebensweg rekonstruieren wollte, so brutal umzubringen?!?

Vibeke, stets kontrolliert und regelkonform, und Rasmus, der auch gerne „unkonventionell“ arbeitet, sind sich nicht immer über den zielführendsten Untersuchungsweg einig, so dass jeder auch „nebenbei“ eigene Ermittlungen anstrengt, was leider hier und dort „ins Auge geht“. Letztlich gibt es viele Protagonisten, die etwas zu verbergen suchen und insofern eine „Auswahl“ an potenziellen Tätern. Im dramatischen Finale laufen die Fäden doch schlüssig zusammen und die Anstrengungen aller Beteiligten münden in der vollständigen Aufklärung dieses Mordes.

Dieses Buch habe ich sehr gerne gelesen. Anette Hinrichs hat einen soliden Kriminalroman verfasst, der zwar ohne atemlose Spannung oder aufmerksamkeitsheischende Gewalt daherkommt, mich aber doch angenehm fesselt. Der Plot war gut und im Grunde ist es nicht "nur" ein Kriminalroman, sondern auch ein Zeitzeugnis der deutsch-dänischen Geschichte, die mir in dieser Tragweite nicht gegenwärtig war. Die Kombination hat mir in dieser Version richtig gut gefallen. Obwohl es sehr viele Personen und ihren Bezug zur Handlung kennenzulernen gab, blieb doch der rote Faden im Fokus. Für mich gab es kein platzfüllendes, unnötiges Geplänkel. Und geschickt eingefügt gibt es ein paar Cliffhanger, welche die Hoffnung auf einen dritten Fall nähren…

Schön und informativ finde ich Stadtplan und Fotos, welche im Einband abgedruckt sind und den detaillierten Beschreibungen der örtlichen Gegebenheiten des Buchschauplatzes noch mehr Leben einhauchen.


Anette Hinrichs, Nordlicht – Die Spur des Mörders, Kriminalroman, Taschenbuch, Blanvalet Taschenbuch Verlag, 10,00 €, 480 Seiten, Erscheinungstermin 13.04.2020

  • Cover
  • Erzählstil
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Veröffentlicht am 20.04.2020

Die Grenzen der Rechtsprechung

Wer Furcht sät
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„In London macht eine Bürgerwehr, der Club der Henker, Jagd auf böse Menschen - auf Pädophile, Mörder, Hassprediger - und erhängt sie. Mit diesen Fällen von Lynchjustiz beginnen für Detective Max Wolfe ...

„In London macht eine Bürgerwehr, der Club der Henker, Jagd auf böse Menschen - auf Pädophile, Mörder, Hassprediger - und erhängt sie. Mit diesen Fällen von Lynchjustiz beginnen für Detective Max Wolfe seine bisher schwierigsten Ermittlungen. Denn wie fängt man Mörder, die von der Öffentlichkeit als Helden gefeiert werden? Seine Spurensuche führt ihn tief unter die Stadt, in den Untergrund Londons mit seinen vielen stillgelegten Tunneln und Geisterbahnhöfen. Doch ehe Max den Club der Henker stellen kann, muss er am eigenen Leib erfahren, wie schmal der Grat zwischen Gut und Böse, Schuld und Unschuld ist ...“ – Zitat Buchbeschreibung

Der Albtraum eines jeden Ermittlers: online wird ein Video über die Hinrichtung eines Menschen verbreitet. Das Opfer: ein Täter.
Ungeachtet einer gewissen Zustimmung in den Medien und der Bevölkerung, ist Lynchjustiz schlichtweg Mord und die Ermittler setzen alles daran, dieser „Gerichtsbarkeit“ ein Ende zu setzen. Die Ermittlungen tauchen tief ein in die Geschichte Londons, ihre Hinrichtungsstätten und ihren wortwörtlichen Untergrund.

Die Handlung nimmt zielgerichtet ihren Verlauf. Es gibt ein, zwei Nebenschauplätze, deren Geschichte die Spannung herausnimmt. Die Hintergründe zur Historie Londons erscheinen mir solide recherchiert und der Plot bietet eine souveräne Grundlage für diesen guten Kriminalroman. Ich mag rechtschaffende Ermittlungsarbeit und wurde hier nicht enttäuscht. Es gibt keine Brutalität der Effekthascherei willen, die Schilderungen sind m. E. angemessen und passen in den Kontext.


Tony Parsons, Wer Furcht sät, Kriminalroman, flexibler Einband, Lübbe Verlag, 15,00 €, 321 Seiten, Erscheinungstermin 11.11.2016

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Veröffentlicht am 29.03.2020

Ungewöhnlicher Kriminalroman

Sommer bei Nacht
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Ein schöner Tag. Ein Flohmarkt. Ein Teddybär. Ein Kind verschwindet.

So sachlich ließe sich beschreiben, was den Albtraum aller Eltern sowie polizeilicher Ermittler darstellt. Das Ermittlerduo Ben Neven ...

Ein schöner Tag. Ein Flohmarkt. Ein Teddybär. Ein Kind verschwindet.

So sachlich ließe sich beschreiben, was den Albtraum aller Eltern sowie polizeilicher Ermittler darstellt. Das Ermittlerduo Ben Neven und Christian Sandner übernimmt den Fall und setzt alles daran, den fünfjährigen Jannis lebend zu finden. Schnell wird klar, dass der Junge tatsächlich entführt worden ist. Im Zuge der Ermittlungen eröffnet sich eine direkte Verbindung zu einem unaufgeklärten Fall in Österreich, so dass die Ermittlungen zusammengeführt werden.

Der Autor hat einen soliden Kriminalroman geschrieben, der sich jedoch aus der Masse „gängiger“ Krimis hervorhebt. Wagner widmet dem Fall mit der vielschichtigen Polizeiarbeit die gleiche Aufmerksamkeit wie z. B. dem Leben der Ermittler. Dadurch entsteht für mich keine traditionelle Spannungskurve, während deren Ansteigen ich einem Finale entgegenstrebe. Auch werden nicht alle losen Fäden verknüpft oder alle Fragen beantwortet.

Obschon die Fälle in einer Sommernacht aufgeklärt werden, habe ich das Gefühl, dass hier eine Geschichte begonnen, allerdings noch lange nicht beendet wurde.

Inwieweit dies nun ein „literarischer Kriminalroman“ ist, erschließt sich mir nicht. Wird dieser Aspekt erfüllt, da zu Beginn jedes Abschnittes scheinbar zusammenhanglose Aussagen, Zitate wiedergegeben werden? Oder ist es die ruhige Unaufgeregtheit mit der die Handlung fortschreitet?
Für mich ist es – abseits von jedweden Zuordnungsversuchen – ein gutes Buch, ein angenehmer und einnehmender Lesegenuss mit einer stimmigen Handlung.


Jan Costin Wagner, Sommer bei Nacht, gebundene Ausgabe, Galiani Berlin Verlag, 20,00 €, 320 Seiten, Erscheinungstermin 13.02.2020

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Veröffentlicht am 28.03.2020

Überlebenswille versus Verblendung

Vardo – Nach dem Sturm
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Vardø, eine nord-norwegische Insel Heiligabend 1617: Ein furchtbarer Sturm verwandelt die Bucht vor der Insel in ein tödliches Inferno, in welchem die Fischer des Dorfes allesamt ihr Leben lassen. Den ...

Vardø, eine nord-norwegische Insel Heiligabend 1617: Ein furchtbarer Sturm verwandelt die Bucht vor der Insel in ein tödliches Inferno, in welchem die Fischer des Dorfes allesamt ihr Leben lassen. Den trauernden Frauen des Dorfes bleibt nichts anderes zu tun, als baldmöglichst ihre Schockstarre und Trauer zu überwinden. Gefangen in Aberglauben und christlichen Regeln verharrt die Mehrheit der Frauen in ihren „üblichen“ Rollen. Zwei Frauen jedoch krempeln die Ärmel hoch und organisieren die anstehenden „Männerarbeiten“, damit sie überleben können und ihr Dorf eine Zukunft haben kann. Überlebenswille und Verstand überzeugen nach und nach auch die meisten, großen Zweifler, so dass die Erfolgsgeschichte einer „Insel von Frauen“ ihre Runde macht.

Dies ruft mächtige Männer auf den Plan. Frauen, die allein – lediglich von einem Pfarrer betreut – ihr Schicksal in die Hand genommen haben, stellen eine Ungeheuerlichkeit, Unmöglichkeit und mit Sicherheit Hexenwerk dar. Dies zu überprüfen, ruft einen raubeinigen, im christlichen Glauben gefestigten, schottischen Inspektor auf den Plan, welcher die Lage vor Ort einer kritischen Überprüfung unterziehen soll. Nicht zuletzt aufgrund seiner Erfahrungen in Hexenprozessen, findet Absalom Cornet bald „seine“ Hexen in Vardø, welche im Rahmen eines grausamen „Prozesses“ überführt und schließlich hingerichtet werden.

Das Buch nimmt mich schnell für sich ein, während ich miterleben muss, wie die Protagonistinnen versuchen, ihrem Leben ein Stück Normalität zurückzugeben, in der kargen nordnorwegischen Landschaft zu überleben und das Beste aus ihrem Schicksal zu machen. Sie kämpfen, sie arbeiten hart und können schließlich die Früchte ihrer Arbeit ernten und die existenziellen Sorgen hinter sich lassen. Was für großartige Frauen!

Umso mehr lehne ich mich gegen den Schotten auf, welcher auf der langen Anreise nach Vardø quasi im Vorbeigehen eine Ehefrau gefunden hat und nun die „Ordnung“ auf der Insel um jeden Preis wiederherstellen will. Und damit stehe ich nicht allein. Einige Frauen von Vardø sind nicht bereit, die erlangte Selbstbestimmtheit aufzugeben.

Basierend auf wahren, historischen Begebenheiten hat Kiran Millwood Hargrave einen großartigen, aber auch atmosphärisch dichten Roman geschrieben. Die Haupt-Protagonistin Maren wächst mir ans Herz, ich freue mich, dass sie mit Hilfe der resoluten Kirsten aus ihrem eigenen Schatten heraustreten kann und ungeachtet ihrer äußeren Stärke zart und verletzlich bleibt. Der Plot lässt mich gefesselt von Seite zu Seite voranstreben und trägt mich dem unvermeidlich nahenden Ende entgegen.

Ein Zeitzeugnis aus dem 17. Jahrhundert, wo Mann sich für die Krönung der Schöpfung hält, Frauen jegliche Fähigkeiten jenseits von Haushalt und Bett abgesprochen werden, gepaart mit vermeintlich christlicher, gefährlicher Verblendung.


Kiran Millwood Hargrave, Vardø – Nach dem Sturm, Roman, eBook, Diana Verlag, 15,99 €, 432 Seiten in der Print-Ausgabe, Erscheinungstermin 02.03.2020

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