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Veröffentlicht am 28.06.2021

Zeitzeugnis marokkanischer Geschichte

Das Land der Anderen
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Mathilde verliebt sich in den Marokkaner Amine Belhaj und folgt ihm nach Ende des Zweiten Weltkriegs in seine Heimat. Amines Vater hat einen Hof in der Nähe von Meknès bewirtschaftet und seinem Sohn hinterlassen. ...

Mathilde verliebt sich in den Marokkaner Amine Belhaj und folgt ihm nach Ende des Zweiten Weltkriegs in seine Heimat. Amines Vater hat einen Hof in der Nähe von Meknès bewirtschaftet und seinem Sohn hinterlassen. Entgegen gewisser Hoffnungen, die einem jugendlichen Freiheitsdrang entsprangen, erwartet Mathilde ein hartes, entbehrungsreiches Leben als Hausfrau und Mutter, während ihr Mann versucht, dem kargen Land Erträge abzuringen, um seine Familie zu ernähren.

Bei den wenigen Gelegenheiten, wo Mathilde für Besorgungen oder gesellschaftliche Verpflichtungen in der Stadt ist, erlebt sie den alltäglichen Rassismus der französischen Kolonialisten, deren Einstellung eine Misch-Ehe überdies nicht vorsieht. Auch das Frauenbild der Einheimischen sowie ein gewisses sich-nicht-verständlich-machen-Können gegenüber ihrem eigenen Ehemann ernüchtern die junge Frau.

Schnörkellos und bar jeglicher Schönfärberei schildert Slimani den Alltag, durch den ich Mathilde, Amine und ihre Familie begleite. Die landestypischen und historischen Gegebenheiten erscheinen mir fundiert und verleihen dem Buch eine gewisse Schwere, welche mich umfängt. Umso bewundernswerter Mathilde, die – abgesehen von einem kleinen Moment der Schwäche – sich in ihr Schicksal fügt, die Herausforderung annimmt und sich letztlich sogar ein klein wenig Eigenständigkeit verschaffen kann.

Grundlage des Romans bietet die Geschichte der Großeltern von Leïla Slimani. Dadurch ist dieser Roman auch ein Zeitzeugnis. Dieses Buch habe ich gerne gelesen. Es ist eine ernste Form der Unterhaltung, die mir auch ein Stück Weltgeschichte nahegebracht hat, welches mir so nicht bekannt war.


Dieses eBook habe ich im Rahmen des Angebots von PenguinRandomhouse-Testleser vorab lesen dürfen.


Leïla Slimani, Das Land der Anderen, Roman, eBook, Luchterhand Verlag, 17,99 €, 384 Seiten in der Print-Ausgabe, Erscheinungstermin 24.05.2021

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 28.06.2021

Neuanfänge

Wir für uns
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Durch Zufall begegnet die ungewollt schwangere Josie Kathi, welche um ihren kürzlich verstorbenen Mann trauert. Kathi hat bislang ein konservatives, „geordnetes“ Leben geführt, stark beeinflusst durch ...

Durch Zufall begegnet die ungewollt schwangere Josie Kathi, welche um ihren kürzlich verstorbenen Mann trauert. Kathi hat bislang ein konservatives, „geordnetes“ Leben geführt, stark beeinflusst durch die Haltung ihres Gatten sowie des gemeinsamen Sohnes Max. Josie hat sich bewusst für eine Beziehung mit einem verheirateten Mann mit vermeintlich viel Freiheit innerhalb klarer Grenzen entschieden. Doch nun, wo die Leben beider Frauen an einem möglichen neuen Anfang stehen, wissen beide nicht recht weiter, gelten die bisherigen „Regeln“ nicht mehr.

So gesehen der Stoff für eine potenziell vorhersehbare Geschichte. Ich werde angenehm überrascht, dass „Wir für uns“ nicht nach einem vermeintlich klassischen Muster angelegt wurde, sondern die Spielfläche ausgeweitet wird. Wenn auch Kathie und Josie sich gegenseitig inspirieren und stützen, knüpfen sie gemeinsam und unabhängig voneinander Kontakte, welche der Handlung eine Tiefe verleihen und den Ausgang des Buches verschleiern.

Barbara Kunrath bearbeitet in diesem Buch zwei recht unterschiedliche Themenbereiche, welche in der Realität problematisch sein könnten. Wie ich im Epilog erfahre, ist der Autorin eines dieser Themen ganz besonders wichtig, sie möchte in gewisser Weise aufklären. Ob dieser Rahmen dazu geeignet bzw. ihr dies gelungen ist, vermag ich nicht zu beurteilen.

Das Cover ist eher schlicht, jedoch kontrastreich gehalten und vermittelt einen Anflug von „heiler Welt“, so wie sie zwischen den Buchdeckeln letztlich gefunden werden kann.

Insgesamt hat mir dieses Buch einen angenehmen Lesegenuss geboten. In behaglicher Atmosphäre, ungeachtet gewisser Schwierigkeiten der Protagonisten, durfte ich an einer schönen, fiktiven Geschichte teilhaben sowie parallel einen intensiveren Blick auf zwei Themen werfen, mit denen ich mich zuvor bereits auseinandergesetzt habe, so dass ich das Buch „einfach“ als eine gute Unterhaltung empfinde.


Dieses eBook habe ich im Rahmen einer jellybooks-Leseaktion vorab lesen dürfen.


Barbara Kunrath, Wir für uns, Roman, eBook, Fischer eBooks, 14,99 €, 400 Seiten in der Print-Ausgabe, Erscheinungstermin 28.07.2021

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 06.06.2021

Gelungener Mittsommernacht-Krimi mit Gefühl

Gefährliche Mittsommernacht
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„Gefährliche Mittsommernacht“ inszeniert sich als erster Fall einer vierteiligen Krimireihe mit der Journalistin Cilla Storm. Wie der Titel vermuten lässt, findet das Geschehen in Schweden, auf Bullholmen, ...

„Gefährliche Mittsommernacht“ inszeniert sich als erster Fall einer vierteiligen Krimireihe mit der Journalistin Cilla Storm. Wie der Titel vermuten lässt, findet das Geschehen in Schweden, auf Bullholmen, einer Schären-Insel, statt.

Gemäß der Buchbeschreibung klingt die Handlung zunächst vorhersehbar. Die Mittsommernacht ist Schauplatz eines Mordes. Eine frisch verlassene Frau sucht und findet einen Ort zum sich-selbst-Finden und Wunden-Lecken. Und genau dort geschieht nicht nur ein Mord, sondern ihr läuft ein vermeintlicher Traummann über den Weg.

Ich habe mich auf dieses Buch eingelassen und wurde mit einer gemütlichen, angenehmen Kriminalgeschichte mit sympathischen Protagonisten in schöner Umgebung belohnt. Der Autor hat seinen Plot zu einem kurzweiligen Lesevergnügen ausformuliert, wo auch der eine und / oder andere Überraschungswinkelzug mein Mit-Ermitteln auf falsche Fährten führt. Dieser Krimi kommt ohne überzogene Gewaltszenen, atemlose Spannung sowie Langeweile aus, was ihn für ein breites Publikum attraktiv machen könnte.

Meines Erachtens ist dies ein gelungenes Buch, welches auch aufgrund seiner angenehmen Seitenzahl als kleine Wochenendlektüre zum Wegträumen oder auch unterwegs in den Urlaub wunderbar geeignet ist.


Dieses eBook habe ich im Rahmen des Angebots von PenguinRandomhouse-Testleser vorab lesen dürfen.


Christoffer Holst, Gefährliche Mittsommernacht, Roman, eBook, Heyne Verlag, 9,99 €, 320 Seiten in der Print-Ausgabe, Erscheinungstermin 10.05.2021

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 04.05.2021

Fiktion trifft Realität im Nahen Osten

Jaffa Road
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„Eine Villa am Meer unter Palmen: Die Berliner Archäologin Nina reist nach Palermo, um das Erbe ihres verschollenen Großvaters Moritz anzutreten. Dort begegnet sie ihrer jüdischen Tante Joëlle - und einem ...

„Eine Villa am Meer unter Palmen: Die Berliner Archäologin Nina reist nach Palermo, um das Erbe ihres verschollenen Großvaters Moritz anzutreten. Dort begegnet sie ihrer jüdischen Tante Joëlle - und einem mysteriösen Mann, der behauptet, Moritz’ Sohn zu sein. Elias, ein Palästinenser aus Jaffa.
Haifa, 1948: Unter den Bäumen der Jaffa Road findet das jüdische Mädchen Joëlle ein neues Zuhause. Für das palästinensische Mädchen Amal werden die Orangenhaine ihres Vaters zur Erinnerung an eine verlorene Heimat. Beide ahnen noch nichts von dem Geheimnis, das sie verbindet, in einer außergewöhnlichen Lebensreise rund ums Mittelmeer.“ – Zitat Buchrücken

„Jaffa Road“ wird aus der Perspektive von Nina erzählt. Sie ist es, die versucht, die Fäden der Familiengeschichte ans Licht zu bringen und zusammen zu spinnen, um ein möglichst vollständiges Bild vom Leben ihres Großvaters entstehen zu lassen. Dies gestaltet sich zunächst nicht leicht, da Joëlle und Elias einander aus dem Weg zu gehen versuchen und nicht an einer Annäherung interessiert zu sein scheinen.

Es entfaltet sich nach und nach die außergewöhnliche Biografie von Moritz Reincke, welche mehrere Lebensgeschichten zu sein scheint. Unter verschiedenen Identitäten hat er seinen Lebensweg beschritten. An unterschiedlichsten Wirkungsstätten ist er mit Menschen zusammengekommen, welche – abgesehen von ihrer Zeit in Begleitung von Moritz –
aufgrund Herkunft, Kultur und Religion nichts gemein haben.

Daniel Speck präsentiert mit „Jaffa Road“ die Fortsetzung seines Buches „Piccola Sicilia“, welches ich nicht gelesen habe, was jedoch dem Verständnis des Romans keinerlei Abbruch tut. Neben der Gegenwart in Palermo befinden sich die Hauptschauplätze im „Gelobten Land“ nach dem Ende des zweiten Weltkrieges. Aus unterschiedlichen Perspektiven erfahre ich, wie Juden und Araber unter unvorstellbaren Lebensbedingungen zwischen Flucht, Vertreibung und dem Wunsch nach Heimat in Unruhen bis hin zu Krieg und Terror gezwungen wurden.

Dieses Buch verbindet reale Weltgeschichte mit fiktiven, persönlichen Schicksalen zu einem lesenswerten, fesselnden, aber auch verstörenden Ganzen.

Das eher schlicht gestaltete Cover bietet eine gute Perspektive auf den Inhalt zwischen gepacktem Koffer, Familie, Wüstensand und Orangenhainen; eine Sicht, welche sich erst nach dem Lesen vollends erschließt. In Grundzügen war mir die Historie um Israel und Palästina bekannt. Durch dieses Buch, welches auf sorgfältige Recherchen im Umfeld von Zeitzeugen fußt, habe ich neue Erkenntnisse hinsichtlich der Lage im Nahen Osten gewonnen.


Daniel Speck, Jaffa Road, Roman, broschiert, Fischer Taschenbuch Verlag, 16,99 €, 672 Seiten, Erscheinungstermin 24.03.2021

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 03.04.2021

Weil nicht sein darf, was nicht sein kann

Der Verdacht
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„Violet ist ein Wunschkind, und Blythe möchte die liebevolle Mutter sein, die ihr selbst so sehr fehlte. Doch als man ihr das Neugeborene in den Arm legt, fühlt sich alles falsch an. Da ist nur Ablehnung, ...

„Violet ist ein Wunschkind, und Blythe möchte die liebevolle Mutter sein, die ihr selbst so sehr fehlte. Doch als man ihr das Neugeborene in den Arm legt, fühlt sich alles falsch an. Da ist nur Ablehnung, und je älter das Mädchen wird, desto mehr wächst die Angst vor Violet und ihrem feindseligen Verhalten, das sich Blythe nicht erklären kann. Alles nur Einbildung? Oder ist das Mädchen tatsächlich absichtsvoll böse? Fox, der seine Tochter von ganzem Herzen liebt, beobachtet seine Frau mit wachsendem Misstrauen. Bis eines Tages das größtmögliche Unglück über die Familie hereinbricht – und Blythe sich ihrer Wahrheit stellen muss.
Wenn man sein Kind bedingungslos lieben möchte, aber die Angst das überwältigendere Gefühl ist. »Der Verdacht« erzählt von schicksalhaften Familienbanden, von Obsession und der Zerbrechlichkeit von Glück – ein zutiefst aufwühlender Roman von großer Sogkraft, erschütternder Klarheit und stilistischer Brillanz.“ – Zitat Klappentext

Den vollständigen Klappentext habe ich hier vorangestellt, weil ich es als schwierig erachte, über dieses Buch zu sprechen, ohne zwangsläufig Inhalte zu verraten, was einen Lesegenuss schmälern könnte. Die Buchbeschreibung verrät schon recht viel.
Was sie nicht transportiert ist die großartige Umsetzung des thematisch schwierigen Plots. Der Autorin gelingt es, eine Spannungskurve zu zeichnen, welche mich in ihren Bann zieht, mir andererseits Entspannung gönnt, um mich im Finale „einfach stehen zu lassen“.

Die Handlung selbst bewegt sich auf drei Ebenen: Großmutter, Mutter und Blythe in der Gegenwart als Hauptprotagonistin. Die Herkunft eines Menschen macht ihn zu dem, was er ist. Insofern hilft mir die generationsüberschreitende Erzählung, die Gefühls- und Gedankenwelt sowie das Handeln von Blythe zu verstehen.

Könnte diese Geschichte Realität sein? Ich kann es nicht beurteilen. Dafür weiß ich zu wenig über Mutterschaft, wie sich ein Lebewesen entwickelt oder welche Faktoren für die Ausbildung eines Charakters greifen.

„Der Verdacht“ ist ein rundum gelungener Debüt-Roman, mit dem Ashley Audrain in das Thema „Mutterschaft“ eintaucht, welches in meiner Wahrnehmung im Außen oft rosarot geschildert wird, im Inneren jedoch auch eine große Schwere bergen kann, was eine Mutter keinesfalls abwertet. Dass es „das Böse“ an sich geben könnte, mag ich in dieser Form jedoch nicht glauben.

Eine begeisternde Lese-Erfahrung, welche klassische Denkmuster hinterfragt und Raum für Diskussion, auch in der Gesellschaft, bietet.

Das Cover, welches in der Grundform schlicht, durch das Rot auf Grau jedoch auch kontrastreich, erscheint, spielgelt in der Zartheit und Zerbrechlichkeit der Mohnblumen den Inhalt gut wider.


Dieses eBook habe ich im Rahmen des Angebots von PenguinRandomhouse-Testleser vorab lesen dürfen.


Ashley Audrain, Der Verdacht, Roman, eBook, Penguin Verlag, 17,99 €, 320 Seiten in der Print-Ausgabe, Erscheinungstermin 29.03.2021

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere