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Veröffentlicht am 24.06.2019

Lesenswerte Zeitgeschichte

Mehr als tausend Worte
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„Deutschland im Jahr 1938: In der Nacht vom 9. Auf den 10. November brennen die Synagogen. Tausende Juden werden verhaftet, misshandelt, getötet. Auch Alizas Vater, ein jüdischer Arzt, der in Berlin alles ...

„Deutschland im Jahr 1938: In der Nacht vom 9. Auf den 10. November brennen die Synagogen. Tausende Juden werden verhaftet, misshandelt, getötet. Auch Alizas Vater, ein jüdischer Arzt, der in Berlin alles daran setzt, die Verletzten zu versorgen, gerät zusehends in Bedrängnis. Als er von den Kindertransporten einer englischen Hilfsorganisation erfährt, sieht er darin die Chance, wenigstens seine Tochter in Sicherheit zu bringen. Zeitgleich erfährt Fabian, Alizas große Liebe, dass er zum Wehrdienst eingezogen werden soll. Beim Abschied überreicht er ihr ein Taschentuch, das mit dem Duft „Je Reviens“ besprüht ist, „Ich komme wieder“. Aber können die beiden wirklich auf ein Wiedersehen hoffen?“ – Zitat Klappentext

Ich darf Aliza und ihre Familie in dieser schwierigen, lebensbedrohenden Zeit des zweiten Weltkrieges begleiten. Authentisch, sachlich, ohne Effekthascherei führt die Autorin mir die Lebens-Realität einer jüdischen Familie vor Augen. Während die Rest-Familie Landau in Deutschland zurückbleiben muss, bricht Aliza noch gerade rechtzeitig mit dem Zug nach England und unweigerlich in ihr Erwachsenwerden auf. Aliza ist für mich die Hauptperson im Buch; immer wieder, allerdings mit nachlassender Frequenz erfahre ich Neues von der Familie Landau in Deutschland. So glücklich Alizas Flucht ist, wird – nicht zuletzt durch das Fortschreiten der Kriegshandlungen – das Leben in England kein einfaches Leben. Schließlich ist sie ungeachtet ihrer Einordnung als Flüchtling „der Feind“ und durch das Eingreifen Englands in die Kriegshandlungen verschlechtern sich auch in der englischen Bevölkerung die Lebensbedingungen.

Lilli Beck hat mit „Mehr als tausend Worte“ ein beeindruckendes Stück Zeitgeschichte zwischen zwei Buchdeckel gesteckt und sehr gut lesbar sowie nach-erlebbar zu Papier gebracht. Ich habe Aliza und ihre Familie sehr gern begleitet; ihr Schicksal geht mir sehr nahe. Die historischen Begebenheiten sind meines Wissens sehr nah an der damaligen Realität und solide recherchiert. Andererseits hat mir das Buch doch gewisse Lücken in der Kenntnis „meiner“ Vergangenheit aufgezeigt, was ich positiv sowie lehrreich finde.

Eigentlich ist dieses Werk ein Fünf-Sterne-Buch, aber mich persönlich hat die „Rosamunde-Pilcher-Episode“ gestört, welche im letzten Drittel mit einfließt und sicherlich für den weiteren Handlungsstrang in diesem Roman und somit in Alizas fiktivem Leben mit entscheidend war. So gibt es „nur“ vier Sternchen…

Dieses Buch ist auch optisch ein sehr schönes, elegantes Buch. Die Covergestaltung scheint schlicht, wirkt jedoch sehr hochwertig!


Lilli Beck, Mehr als tausend Worte, gebundene Ausgabe, Roman, Blanvalet Verlag, 20,00 €, 496 Seiten, Erscheinungstermin 25.03.2019

Veröffentlicht am 02.04.2019

Verwirrende Detektivgeschichte

Das Ende der Lügen
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Claire de Witt, selbsternannte beste Meisterdetektivin der Welt, entgeht knapp einem als Autounfall getarnten Mordanschlag. Anstatt ihre zahlreichen Blessuren verarzten zu lassen, stürzt sie sich auf zum ...

Claire de Witt, selbsternannte beste Meisterdetektivin der Welt, entgeht knapp einem als Autounfall getarnten Mordanschlag. Anstatt ihre zahlreichen Blessuren verarzten zu lassen, stürzt sie sich auf zum Teil äußerst unkonventionelle, gesetzwidrige Art in ihre Ermittlungen.

Schon als Kind begeistert sich de Witt, inspiriert durch die Comic-Heldin Cynthia Silverton, für die Detektivarbeit und löst zahlreiche Fälle gemeinsam mit ihren beiden Freundinnen. Als Leitfaden für Ermittlungen dient Claire der umstrittene Kriminalist Jaques Silette.

Im vorliegenden Buch löst Claire drei Fälle: 1986, 1999 sowie in der Gegenwart des Buches 2011.

Es gibt keine charmante Art, es zu beschreiben, aber mir hat dieses Buch überhaupt nicht gefallen. Teilweise habe ich mich richtig durch die Seiten gequält, war kurz davor, das Buch wegzulegen.

Am Anfang hatte ich den Eindruck, dieses Buch sei für Kinder oder Jugendliche geschrieben. Ähnlich wie die Detektiv-Geschichten meiner Jugend, nur erheblich verworrener. Sara Gran lässt ihre Protagonistin in den Zeiten hin und her springen, in gedanklichem Chaos ihrem Lieblings-Kriminalisten Silette huldigen und sich in Erinnerungen an souverän gelöste Fälle ergehen, die allesamt Namen tragen, die kindlichem Niveau entsprechen. Und dazu kommen dann noch die drei Fälle, welche im Rahmen des Buches ihrer Aufklärung zugeführt werden.

Lobenswert zu erwähnen ist, dass der Erzähl-Stil in dem Buch konsequent beibehalten wird. Im dritten Viertel der Geschichte gibt es sogar eine längere Sequenz mit fast kriminalistischer Ermittlungsarbeit, welche einen Hauch von Spannung erzeugen kann, mich beinahe versöhnt, bevor das Buch diesen Pfad leider wieder verlässt. Insofern vergebe ich großzügige drei von fünf möglichen Sternen..

„Das Ende der Lügen“ nennt sich selbst Kriminalroman; ist für mich allerhöchstens eine Detektivgeschichte. Die exorbitante Lobhudelei auf den Buchrücken ist für mich nicht nachvollziehbar; ein Vergleich mit Larssons großartiger Lisbeth Salander Lichtjahre danebengegriffen.

Veröffentlicht am 25.03.2019

Wiedergänger?

Erwachen - Das Böse der Seelen I
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1789 – Sean Burke ist Kopfgeldjäger und auf den Straßen Londons unterwegs. Er bedient sich weitreichender Kontakte in der Unterwelt. Aufgrund seiner zuverlässigen, zielgerichteten Arbeit wird er von Constable ...

1789 – Sean Burke ist Kopfgeldjäger und auf den Straßen Londons unterwegs. Er bedient sich weitreichender Kontakte in der Unterwelt. Aufgrund seiner zuverlässigen, zielgerichteten Arbeit wird er von Constable Mc Allister von der örtlichen Polizei gelegentlich zum Aufspüren von Tätern hinzugezogen. Als eine grausame, brutale Mordserie London in seinen Grundfesten erbeben lässt, wird Burke vorübergehend fest in die Ermittlungsarbeit integriert.

„Erwachen“ ist eine Mystery-Thriller-Reihe. Die Szenerie Londons in jener Zeit ist grau, düster, es gibt elendige Armut, Beschaffungskriminalität, hoffnungslose Gewalt, Aberglauben und jede Menge Arbeit für einen verdienten Kopfgeldjäger. Die aktuelle Mordserie sprengt jedoch alles, was Burke in seiner bisherigen Laufbahn gesehen hat. Auch Mc Allister ist angesichts der überbordenden Brutalität zum Teil überfordert.

Die Spuren der Tatorte lassen nur einen Schluss zu; kein Mensch kann diese Morde begangen haben; irgendetwas, was es definitiv nicht geben kann, scheint der Täter zu sein. Ein zuverlässiger Zeuge des ersten Mordes gibt Burke einen wichtigen Hinweis, dessen Verwertung jedoch zunächst im Dunklen bleibt. Eine erste Spur führt den Kopfgeldjäger in die Tiefen der Londoner Unterwelt, wo sich die Upper Class satanischen Zirkeln hingibt. Liegt hier der Schlüssel?

Der Autor hat eine sehr mysteriöse, brutale und spannende Geschichte ins Leben gerufen, die mich packt und in seinen Bann zieht. Die Szenerie lässt kaum Spielraum für Fantasie, die Brutalität wird bis ins kleinste, bluttriefende Detail beschrieben. Trotzdem bleibt die Handlung in sich stimmig, passt in den Plot. Die Spannung zieht im Laufe des Buches immer wieder an, um sich in einem furiosen Finale zu entladen.

Kritik: zu kurz.


Philip J. Kaiser, Erwachen – Das Böse der Seelen I, eBook, Mystery-Thriller, ePubli-Verlag, 3,49 €, 284 Seiten, Erscheinungstermin 12.11.2018

Veröffentlicht am 01.02.2019

Risse im Einheitsgrau

Agathe
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„Agathe“ lässt mich am Leben eines alternden, desillusionierten, namenlosen Psychiater teilhaben. Sein Ruhestand steht kurz bevor, er zählt die Sprechstunden, welche noch zu leisten sind. Er erfüllt vermeintlich ...

„Agathe“ lässt mich am Leben eines alternden, desillusionierten, namenlosen Psychiater teilhaben. Sein Ruhestand steht kurz bevor, er zählt die Sprechstunden, welche noch zu leisten sind. Er erfüllt vermeintlich gängige Klischees, was ihn auf den ersten und zweiten Blick nicht ansatzweise sympathisch macht.

Entsprechend abweisend reagiert er, als seine Sprechstundenhilfe, Mme Surrugue, ihm die dringende Anfrage einer neuen Patientin, Agathe, übermittelt. Agathe lässt sich jedoch nicht abweisen und ergattert schließlich doch einen Termin. Irgendetwas an seiner neuen Patientin rührt den Psychiater an, so dass sich heimlich kleine Risse in der Fassade des Mannes bilden, um stellenweise aufzubrechen. Und plötzlich erscheint der Protagonist in neuem Licht…

Anne Cathrine Bomann legt mit ihrem anmutigen, kleinen, handlichen Buch eine lesenswerte Geschichte in meine Hände, welche behutsam ihre wahre Größe entfaltet. Sprachlich verliert sich die anfängliche Schwere und weicht – auch unter Einflechtung tragisch-komischer Begebenheiten – nach und nach einer zarten Leichtigkeit. Das Buch endet in einem wunderbar gewählten Moment. Dies eröffnet meiner Phantasie Spielraum. Das Gelesene wirkt in mir nach und begleitet mich eine Weile. Ein wunderbares Buch.

Anne Cathrine Boman, Agathe, gebundene Ausgabe, Romane & Erzählungen, hanserblau Verlag, 16,00 €, 160 Seiten, Erscheinungstermin 28.01.2019

Veröffentlicht am 26.01.2019

Generationenwechsel

Die Plotter
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„Die Plotter“ bringt mir die koreanische Unterwelt näher. Es gibt Hierarchien, Zuständigkeiten, Abläufe und Absprachen, die unbedingt einzuhalten und zu befolgen sind. Oberstes Gebot: Unauffälligkeit. ...

„Die Plotter“ bringt mir die koreanische Unterwelt näher. Es gibt Hierarchien, Zuständigkeiten, Abläufe und Absprachen, die unbedingt einzuhalten und zu befolgen sind. Oberstes Gebot: Unauffälligkeit. Das bedeutet: keine Zeugen, keine Spuren, keine Abweichung vom Plan.

Raeseng ist ein versierter Killer. Sein Plotter „Old Raccoon“ hat ihn als Kind bei sich aufgenommen und ausgebildet. Old Raccoon hat eine Leidenschaft für Bücher, so dass sich der Sitz seiner Organisation in einer alten Bibliothek in Seoul befindet. Seine Kontakte und Auftraggeber reichen bis in die höchsten politischen Ebenen. Doch seine Alleinherrschaft schwankt, eine neue Generation will den Markt übernehmen.

In diesen unruhigen Zeiten weicht Raeseng von der strikten Anweisung hinsichtlich eines Mord-Auftrages ab. Dies sorgt für Unruhe und der Ruf nach Wiedergutmachung wird laut. Und so wird Raeseng beides: potentielles Opfer und Täter.

Dieses Buch ist ein richtiger Eye Catcher! Eine blutbespritzte, weiße Chrysantheme auf schwarzem Grund, ein blutbefleckter Schnitt und eine blutige Titelseite. Dies alles lässt gewisse Erwartungen bezüglich des Inhalts entstehen.
Entgegen des Cover-Versprechens ist die Handlung zwar selbstredend brutal, aber die sprachliche Darstellung der Vorkommnisse überdeckt die Grausamkeit des Geschehens. Es wirkt alles so unschuldig, sauber, unblutig; fast schon sanft…

Insgesamt verwendet Un-Su Kim eine „andere“ Sprache, als ich sie von gängigen Schriftstellern dieses Genres kenne. Dies wird mutmaßlich in der kulturellen Herkunft begründet liegen. Diese Sprache übertüncht ein wenig auch die sehr einfachen, ärmlichen Verhältnisse, in denen Menschen in Korea zum Teil leben. Ein Bereich in den ich im Rahmen der biografischen Rückblicke auf Raesengs Leben ebenfalls Einblick erhalte.

Dieses Buch hat mir sehr gut gefallen und mich gut unterhalten. Ein klein wenig fehlt mir eine Spannungskurve, die mich von Seite zu Seite, von Kapitel zu Kapitel unwiderstehlich dem Ende entgegen lockt…

„Die Plotter“ ist für mich ein solider, brutaler Thriller ohne wild blutendes Gemetzel mit gemäßigter Spannung.


Un-Su Kim, Die Plotter, gebundene Ausgabe, Thriller, Europa Verlag, 24,00 €, 360 Seiten, Erscheinungstermin 30.11.2018