Haus voller Schatten
In ihrem HausYael van der Wouden gelingt es mit „In ihrem Haus“ eine Geschichte zu erzählen, die sich leise in die Gedankenwelt der Lesenden einbrennt. Schon der Klappentext und die begeisterten Stimmen auf dem Buchumschlag ...
Yael van der Wouden gelingt es mit „In ihrem Haus“ eine Geschichte zu erzählen, die sich leise in die Gedankenwelt der Lesenden einbrennt. Schon der Klappentext und die begeisterten Stimmen auf dem Buchumschlag wecken hohe Erwartungen und das zurecht.
Das Buch ist in drei Teile gegliedert, die uns Schritt für Schritt näher an die Protagonistin Isabel heranführen. Isabel wirkt von Beginn an ungewöhnlich, spröde, jemand, der die Welt auf eine andere Weise wahrnimmt. Ob dies aus einer Eigenart, einer Veranlagung oder schlicht aus ihrer belastenden Vergangenheit herrührt, bleibt quasi offen. Das hat die Autorin sehr gut gezeichnet. Genau hieraus entsteht die subtile Spannung, die sich durch das gesamte Buch zieht.
Diese Spannung intensiviert sich, als Eva in Isabels Haus einzieht. Eva, die Freundin von Isabels Bruder, wirkt für Isabel von Anfang an wie eine Bedrohung. Misstrauen und Unbehagen prägen ihr Verhältnis. Besonders die verschwundenen Gegenstände im Haus, über die Isabel akribisch Buch führt, verstärken das Gefühl, dass etwas nicht stimmt. Als Lesende schwankt man zwischen Sympathie und Misstrauen. Teilweise hatte ich auch den Eindruck, einer unzuverlässigen Erzählerin zu folgen.
Der Roman lebt von dieser unterschwelligen Beklemmung.
Ständig scheint ein dramatischer Ausbruch in greifbarer Nähe und doch bleibt er aus. Stattdessen entfaltet sich eine bedrückende Wahrheit, die ihre Wurzeln in der Vergangenheit hat. Hier geht es um den Zweiten Weltkrieg, der Umgang mit jüdischen Mitmenschen und die Traumata jener Zeit. Diese Enthüllung trifft unerwartet, erschüttert und macht das Buch tiefgründig.
Auch wenn ich mir einen noch größeren Plot-Twist oder ein dramatischeres Finale gewünscht hätte, überzeugt „In ihrem Haus“ durch die Figuren und die tolle Sprache. Die leisen Töne sind es, die hier den Nachhall erzeugen und die die Autorin als starke Erzählerin ausweisen. Auch die kleinen „Nebenhandlungen“ sind toll zu lesen und die Entwicklung der beiden Figuren mitzuerleben.
Ein intensiver, spannungsvoll erzählter Roman über Misstrauen, die Schatten der Vergangenheit und Freundinnenschaft, das mich neugierig auf kommende Werke von Yael van der Wouden macht.