Platzhalter für Profilbild

Buecherhexe

Lesejury Star
offline

Buecherhexe ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit Buecherhexe über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 16.05.2026

Ich liebe die Theufels

Klugscheißerchen und Vehlerteufelchen
0

Ich liebe die Theufels
Familie Theufel und das türkise Klugscheißerchen sind wieder da. Dieses Mal gibt es eine prisante Ferstärkung. Ihr seht, es ist hoch ansteggend schon beim durchbläddern des Buches.
Beim ...

Ich liebe die Theufels
Familie Theufel und das türkise Klugscheißerchen sind wieder da. Dieses Mal gibt es eine prisante Ferstärkung. Ihr seht, es ist hoch ansteggend schon beim durchbläddern des Buches.
Beim Lesen des Klappentextes musste ich an Ludwig Thomas berühmte Briefe von Josef Filser denken. Ich bin begeistert! Doch dann nahm das Buch eine andere Richtung. Bei Marc-Uwe Kling nicht anders zu erwarten. Ein Feuerwerk an Buchstabenverdreher entfaltet sich vor unseren Augen. Das Karussell der verbuchselten Wechstaben dreht sich im Buch, das Vehlerteufelchen bringt immer neue Bonmots her, während das arme Klugscheißerchen verliebt und außer Puste dem roten Teufel hinterherjagt. Wuckerzatte, Partoffelkuffer, Sraubentaft frisch aus dem Schühlkrank, Muhkilch und Limbeerhimonade, sind wieder einmal der Hit. wer würde da nicht zugreifen?
Die Idee, dass in jeder Schrundgule solch ein Vehlerdeufelchen wohnt, ist irgendwie selbstverständlich. Und ich muss sagen: hoffentlich nur einer pro Schule.
Dieses Buch ist eher zum Selbstlesen gedacht, als zum Vorlesen. Es müssten Kinder sein, die schon in der Lage sind, die verschiedenen Laute und Buchstaben in Wörtern zu erkennen. Sonst wären sie schnell überfordert und der Esprit des Vehlerteufelchens würde sie nicht erreichen.
Die Illustrationen von Astrid Henn unterstreichen den Text: so hat das Fehlerteufelchen (hoppla, jetzt habe ich es aus Servehen korrekt geschrieben) zum Beispiel einen Pferdehuf. Es ist direkt niedlich zu sehen, wie Vehlerteufelchen und Klugscheißerchen den Schülern auf den Schultern sitzen und ihnen falsche und richtige Antworten einzuflüstern versuchen. Es ist diese Visualisierung des Textes, die ich an guten Kinderbüchern so mag.
Tja, und wenn Erwachsene an diesen Büchern auch mögen, dann haben sie ihr Ziel erreicht.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 14.05.2026

Ein nicht gehaltenes Versprechen

Where We Belong
0

Das Buch hat stark begonnen. Weniger der Teil, der in der Gegenwart spielt, als mit der Ankunft Zofias in Berlin, die Schwierigkeiten beim Zurechtfinden in einem neuen Land, in neue Verhältnisse. Der ...

Das Buch hat stark begonnen. Weniger der Teil, der in der Gegenwart spielt, als mit der Ankunft Zofias in Berlin, die Schwierigkeiten beim Zurechtfinden in einem neuen Land, in neue Verhältnisse. Der Kampf mit der Sprache, mit den Behörden, mit dem Schulsystem. Ich frage mich, wie die vielen Flüchtlinge aus der Ukraine, Syrien, Afghanistan, Nordafrika sich da durchgeschlagen haben. Aber da sie in großen Massen kamen, wurde ihnen von Anfang an geholfen. Einzelne Familien aus anderen Ländern gehen da unter, sie müssen allein zurechtkommen. Das war sehr einleuchtend und einprägsam geschildert.
Doch leider flachte das Buch zusehends ab. Also, die Handlung setzt im November 2020 ein, als Europa, die ganze Welt eigentlich, fest im Griff von Corona war, und Wieczorek schafft es, diese polnische Familie zur Zeit des absoluten Reiseverbotes nach Berlin kommen zu lassen?
Dann geht Zofia regulär in die Schule? Es fand kein Präsenzunterricht mehr statt. Alles nur online. Homeschooling nennt sich das. Da muss aber Zofia allein in der Klasse gesessen haben.
Noch eine Ungereimtheit: Zofia und Jonas freunden sich an, das ist schön. Was ich nicht verstehe, ist, wieso Zofia nicht weiß, wer Nils ist. Mädchen in kleineren Klassen wissen immer, welche Jungs in den größeren Klassen sind, mit wem sie zusammenhängen, wer mit wem befreundet ist. Die Mädchen kennen sie nicht, aber die Jungs auf jeden Fall. Wieso lässt die Autorin Zofia nicht wissen, dass Nils und Jonas die besten Freunde sind?
Nächste Ungereimtheit: Der Schuldirektor macht solch ein Aufhebens um die besprühte Mauer, die abgelegen steht. Hat er wirklich mitten in der Corona Zeit keine anderen Sorgen? Doch halt, in dem Buch findet kein Corona statt. Also wird eine an einem einsamen Weg gelegene Mauer zum Politikum hochstilisiert. Und wären wirklich Laptops verschwunden, hätte der inkompetente Direktor die Polizei einschalten müssen. Geht nicht anders.
Nächster Meckerpunkt: Nessie. Wirklich? Klingt unseriös, kindisch. Nessie sagt man zur Not einem kleinen Mädchen oder der Schmusekatze. Keine 20jährige Frau, die auf sich hält, will so gerufen werden.
Dann komme ich mit der Zeit nicht zurecht. 2020 und dann 2025. OK, für ein Architekturstudium braucht man kein Abitur, Mittlere Reife tut es auch. Das können wir also gelten lassen.
Die zwei Jungs, die sie in der Kindheit so hinterlistig und heimtückisch verraten haben, tauchen wieder auf, sie entschuldigen sich und alles ist wieder gut. Wie schön. Innerhalb kürzester Zeit werden Nils und Nessie (Schmusekatze) zu Lovers als wäre nichts gewesen. Nur verrät Nils die junge Frau erneut, er traut sich nicht, seiner Mutter zu sagen, er liebt nun Nessie. Weil die Mutter ihn auf die Straße setzen würde und der Vater ihm die Finanzierung streicht. Hallo? Studentenwohnheime, Arbeit als Hiwi - macht er ja eh schon. Wo liegt das Problem? Zum Schluss ist eh alles Friede, Freude, Eierkuchen, Nessie verzeiht noch einmal alles, Nils bemalt das Café in dem Nessie jobbt, der Liebe steht nichts mehr im Weg und Nessie fühlt sich angekommen.
Sorry, keine Leseempfehlung von mir. Der Anfang war gut, aber dann ging die Story den Bach runter.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 14.05.2026

PAULA, halt den Rand!

Mit anderen Augen
0

Jenseits der fünfzig steht man als Frau eine harte Zeit durch. Nicht nur die Wechseljahre, die uns zu schaffen machen, nein, es ändert sich unsere Wahrnehmung, unser Körpergefühl, aber, noch wichtiger: ...

Jenseits der fünfzig steht man als Frau eine harte Zeit durch. Nicht nur die Wechseljahre, die uns zu schaffen machen, nein, es ändert sich unsere Wahrnehmung, unser Körpergefühl, aber, noch wichtiger: wie die Mitmenschen - hauptsächlich Männer und manchmal auch jüngere Frauen (was meckert die Alte?) - uns wahrnehmen, ändert sich auch.
Peu a peu werden wir unsichtbar. Nicht mal der frechste Bauarbeiter schickt uns noch einen müden Pfiff hinterher. Ab und zu und dann immer häufiger stehen aber junge Leute in der U-Bahn auf und bieten uns ihren Sitz an. Deprimierend!

In diesem Buch wehrt sich die Frau dagegen. Sie beschließt, sichtbar zu bleiben und ihren Platz zu behaupten. Tilde überdenkt ihr Selbstwertgefühl und baut eine neue Beziehung zu sich selbst auf. Das Lesen hat mich dazu gebracht, auch über mich selbst nachzudenken, mein Ich zu hinterfragen.

Dies ist eines jener Bücher, das ohne Actionszenen, ohne heiße Liebesszenen auskommt. Filigrane Zwischentöne, allmähliche Entfaltung der Gedanken und der Charaktere zeugen von der großen Sensibilität der Autorin. Das Buch ist unaufdringlich aber spricht uns Frauen an der Grenze zur Unsichtbarkeit sehr an.

Männer jenseits der 50 haben es leichter. Sie drehen noch einmal richtig auf: nach der Scheidung muss eine Trophy-Wife á la Melania her, ein schnittiger Sportwagen, der Passat tut es nicht mehr. Die Männer laufen nun Marathon, lernen tauchen, surfen, beherrschen den Surf-Kite, machen den Segelschein und so weiter. Kosmetische Behandlungen, Haartransplantationen oder Toupet, Fettabsaugen, alles da. Und sie sind sichtbar.

Jane Taras Rezept gegen diese schreckliche Krankheit, die nur und ausschließlich Frauen befällt, ist, sich selbst zu behaupten, anderen Frauen zu helfen, wieder sichtbar zu werden oder sie aus toxischen Beziehungen zu befreien. Uneigennützige Hilfe, Meditieren, sich hinaus in die Gesellschaft wagen, bringen Tilda und ihren Mitstreiterinnen aus der Selbsthilfegruppe, die Sichtbarkeit zurück.

Ihr Exmann, Tom, hatte sie Zeit ihrer Ehe immer klein gemacht, ihre Pläne belächelt, nichts für Gut befunden, was sie tat. Obwohl ihre Firma die ganze Familie ernährt hat, als Tom arbeitslos war, Anerkennung fand sie nie. Nun hat Tom eine neue Geliebte und Tilda erkennt das gleiche Muster im Verhalten Toms, das er auch mit ihr an den Tag gelegt hat. Und genau wie Tilda am Anfang es getan hat, nimmt auch die neue Partnerin alles für bare Münze, was Tom sagt, macht sich klein, um ihn umso größer erscheinen zu lassen. Die Geschichte wiederholt sich.

Tilda hat nun ein anderes Standing im Leben, sie hat einen Freundeskreis, auf den sie vertrauen kann, sie zu unterstützen und ja, sie hat jetzt auch einen Geliebten, dem sie all ihre Probleme und Sorgen anvertrauen kann, der sich an ihrer teilweisen Unsichtbarkeit nicht stört. OK, vielleicht ist es hilfreich, dass Martin blind ist. Trotzdem ein erfolgreicher Geschäftsmann, Musiker und Wellen Surfer.
Am Ende wird alles gut. Tilda wird wieder komplett sichtbar, ihre Partnerschaft mit Martin vertieft sich, er scheint intuitiv zu erfassen, was sie gerade braucht. Gibt es solche Männer überhaupt?

Tilda gelingt es, PAULA in ihre Schranken zu weisen, Paula wird sie von nun an nicht mehr nur kritisch hinterfragen und herabsetzen, sondern sich konstruktiv an ihrem Leben beteiligen. Doch wer ist PAULA? PAULA ist das Akronym für “Programm Aller Unhinterfragt Langzeit-Automatismen”, Tildas innerer Miesepeter, ihr Schweinehund, der sie in die Depression hineinzieht. PAULA hat all ihre negativen Erfahrungen seit der Kindheit wie ein Supercomputer gespeichert und präsentiert sie Tilda, sobald eine neue negative Erfahrung naht. Und eben diese PAULA lernt nun Tilda im Zaum zu halten und zu reduzieren.
Ich wünschte, ich könnte das auch!

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 12.05.2026

Die Akzeptanz neurodivergenter Menschen in unserer Gesellschaft.

Sie wollen uns erzählen
0

Ich frage mich, wenn es Dr. Sheldon Cooper, den Gewinner des Nobelpreises aus “Big Bang Theory” nicht gegeben hätte, oder die “Rosie” Bücher von Graeme Simsion, wie weit unser heutiges Verständnis für ...

Ich frage mich, wenn es Dr. Sheldon Cooper, den Gewinner des Nobelpreises aus “Big Bang Theory” nicht gegeben hätte, oder die “Rosie” Bücher von Graeme Simsion, wie weit unser heutiges Verständnis für neuro divergente Menschen wäre? Früher nannte man sie lapidar Zappelphilipp und war der Meinung, diese Kinder brauchen nichts als Zucht, Disziplin und Ordnung und das wächst sich irgendwann aus. Tut es aber nicht. Wie Ann, die Mutter von Oz, in Birgit Bernbachers Buch “Sie wollen uns erzählen” voll unter Beweis stellt. Ihre ganze Kraft geht auf ihre Forschungsarbeit und ihren Sohn auf. Da bleibt nicht mehr viel übrig für “das bisschen Haushalt - sagt mein Mann". Oz ist auch anders, lässt sich nur in die Schublade “Zappelphilipp” stecken, weil er hochintelligent zwar, aber nicht sozial kommunizieren kann. Aber er hat ein sehr starkes Empathiegefühl und erkennt das Leiden seiner Mutter oder des kleinen Schulhasen.
Mutter und Sohn, beide mit ADHS, Mutter in der Kindheit als “energiegeladen” eingestuft, weil damals Begriffe wie ADHS oder Neuro Divergent unbekannt waren, der Sohn zwar diagnostiziert, aber mit der Diagnose allein ist es ja noch nicht getan, tut sich schwer in der Schule. Bei Themen, die ihn nicht interessieren, schweift er ab, das Kleinste Gemeinsame Vielfache bringt ihn zum Nachdenken und Tagträumen über kleine grüne Männchen. Die junge Lehrerin, unerfahren und hilflos, ist am Ende ihrer Weisheit mit diesem Kind. Ann und Oz haben wirklich nur sich selbst. Es gibt zwar einen Vater, Christian, der durch Abwesenheit immer häufiger glänzt. Er ist beruflich viel in Wien und kann nicht mal an den Wochenenden nach Salzburg nach Hause kommen. Und das in einem so großen weiten Land wie Österreich. Er entzieht sich dem Chaos daheim, sucht die Schuld zuerst anderswo, beim Klima, beim Wasser, bei seiner Frau. Sie ist zu sprunghaft, zu unordentlich, zu alles. Deswegen hat Oz Probleme in der Schule.
Die eine Szene im Buch, in der Ann und Oz mit dem Bus fahren, hat mich beeindruckt und mich an eine andere Szene erinnert: Mein Sohn hat bei Lehrern auch ständig angeeckt. Zwar nicht ADHS, aber mit einem sehr hohen IQ hat er sich im Unterricht langweilt und gestört. Sein Grundschullehrer weigerte sich, ihm und den anderen Kindern, die über dem Klassendurchschnitt lagen, zusätzliche Aufgaben und Übungen zu geben, das war ihm zu viel Arbeit und Mühe. Andere Lehrer an der gleichen Schule taten das durchaus und mit großem Erfolg. Egal, auf einer Busfahrt spielten mein Sohn und ich das Buchstabenspiel. Einer sagt laut A und sagt dann in Gedanken das Alphabet durch und der andere ruft dann irgendwann Stop! Mit dem Buchstaben mussten wir möglichst viele Wörter finden. Irgendwann wurde es langweilig und mein Kind schlug vor, nach jedem Wort ein “Bulette” zu setzen. Zwiebelbulette ging ganz gut. Bärenbulette, Ikeabulette gingen noch, aber bei Schubladenbuletten und Tulpenbuletten prusteten wir los und der Bus lachte mit. Ich will damit sagen, ich kenne dieses Gefühl nur zu gut: Mein Kind und ich gegen den Rest der Welt und ab und zu der tröstliche Gedanke, im Einklang zu sein. Zumindest mit dem Kind.
Am letzten Schultag geht Oz mit schweren Herzen und einem ominösen Brief im Schulranzen nach Hause. Er hat zwar die Noten zum Übertritt aufs Gymnasium, aber der Brief der Lehrerin an die Mutter wird alles zunichte machen. Er hat Glück im Unglück. Ann wurde benachrichtigt, ihre Mutter ist aus dem Krankenhaus ausgebüxt und ist unauffindbar. Ann packt Oz ins Auto und fährt los, ins Innergebirg in den Alpen, um nach der Mutter zu suchen. Anns Schwester, Nell, weigert sich zuerst, nach der Mutter zu suchen, kommt dann aber doch. Mit Hilfe eines Nachbarn finden sie die Mutter auf einer Wiese, aber die Mutter weigert sich, zurück ins Krankenhaus zu gehen. Es kommt zu Komplikationen, Nell sollte ursprünglich Oz in ein Feriencamp für ADHS-Kinder mitnehmen, doch sie weigert sich, das Kind im Camp abzugeben, nimmt ihn mit zu sich auf den Bauernhof, ohne das Wissen der Mutter. Dort aber vergisst Nelly, sich um das Kind zu kümmern. Müde, hungrig und allein auf sich gestellt, läuft Oz davon, mit seinem Rucksack und dem Handy seiner Tante. Bei strömenden Regen, der sich in kürzester Zeit zu einer nationalen Katastrophe ausweitet. Über einige Umwege wegen des Hochwassers und mit Hilfe guter Mitmenschen, einiger Busse und Bahnen, vieler Telefonate der Mutter mit diversen Bus- und Bahnhof Vorstehern, gelingt es Mutter und Sohn, zusammenzufinden. In einem Land, das im Begriff ist, in Chaos zu versinken, kann Ann die Fahrten ihres Sohnes vom Telefon aus steuern und das Kind sicher zu ihr bringen. Manchmal, für einen zehnjährigen Jungen, kann auch Österreich zu einem großen Land werden.
Birgit Birnbacher fängt in der Sprache die Gedankengänge und -sprünge ihrer Protagonisten richtig ein. Auf den ersten Blick wirr, aber wenn man sich darauf einlässt, merkt man, wie logisch sich doch alles aneinanderreiht. Mit viel Zartgefühl beschreibt sie die schwierigen Situationen von Mutter und Kind und wie sie gegen den Rest der Welt eine Einheit bilden. Die Mutter erkennt in Oz so viele Wesenszüge von sich, sie versteht ihn und bringt ihm all ihre bedingungslose Liebe entgegen.
Ein wichtiges Buch auf dem Weg der Akzeptanz neurodivergenter Menschen in unserer Gesellschaft.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 24.04.2026

Ein Buch, das weh tut

Narbenmädchen
0

Jeder hat in der Familie oder im näheren Umkreis ein Kind, das sich schneidet, sich selbst verletzt. Es ist schlimm. Schlimm für die Jugendlichen, die diesen Schmerz zum Überleben brauchen, aber genauso ...

Jeder hat in der Familie oder im näheren Umkreis ein Kind, das sich schneidet, sich selbst verletzt. Es ist schlimm. Schlimm für die Jugendlichen, die diesen Schmerz zum Überleben brauchen, aber genauso schlimm für die Familienangehörigen, die dieses Verhalten nicht verstehen können. Dieses Buch ist wie ein Weckruf. Es rückt den Fokus auf einen lang totgeschwiegenen Brennpunkt im Leben unserer Kinder.
Lara, in diesem Buch, hat das Gefühl, dass die Eltern sie nicht verstehen, nicht verstehen wollen. Der Vater geht sofort auf Distanz, ist nie für seine Tochter da, scheut sich, ihr richtig zuzuhören, denn das würde bedeuten, sich zu involvieren, sich für seine Tochter einzusetzen. Lara versucht, ihm den Sachverhalt zu erklären, seine Reaktion: “Lara, wir reden da wann anders drüber, ja?” Mein Vater klingt kein bisschen betroffen, nur leicht genervt.” (S. 339).Also, der Vater erfährt, dass seine Tochter sexuell belästigt wurde vom Freund der Mutter und er nimmt das Gesagte nicht wahr, ist genervt. Dann fügt er hinzu: “Ich dachte nur, du lernst in der Kur vielleicht, dich nicht mehr so auf dieses eine Thema zu fixieren.” (S. 339) Und dann bricht er das Gespräch ab, weil er angeblich einen Termin hat. Noch einmal zum Verstehen: Der Vater erfährt, dass seine fünfzehnjährige Tochter sexuell belästigt wird und er tut das mit “dieses eine Thema” ab und gibt ihr faktisch die Schuld. Der Vater, der sie eigentlich beschützen sollte.
Die Mutter? Ich-bezogen bis zum Limit, ruft Lara an, nur um über sich selbst zu sprechen. In keinem der Mutter-Tochter Dialoge, ob telefonisch oder direkt, fällt ein Satz, in dem die Mutter nicht über sich spricht. “Ich” ist die Vokabel, die die Mutter am häufigsten verwendet. Außerdem lässt sie Lara nie zu Wort kommen. Vielleicht hat sie Angst, die Wahrheit zu erfahren. Denn die Mutter hat einen neuen Freund, der sich an Lara heranmacht. Und das kann die Mutter nicht vertragen. Der Freund sagt, Lara, mit ihren 15 Jahren, hätte sich an ihn rangemacht. Die Heldenmutter glaubt lieber dem Stecher, denn sonst müsste sie ihn rauswerfen und das will sie nicht. Lieber auf die Tochter verzichten, sie in eine geschlossene Abteilung der Psychiatrie einweisen und so das Problem, sprich ihre Tochter, loswerden.
Die einzige, die einigermaßen Verständnis für Lara aufbringt, ist ihre Tante. Leicht oberflächlich, leicht banal, aber immerhin. Und die einzige, die Lara keine Vorwürfe macht.
Das Personal in dieser Einrichtung, in der sich Lara derzeit befindet? Die gehen alle den Weg des geringsten Widerstandes. Vom Leiter, bis zur Psychologin und die anderen Betreuer. Lara ist verletzt, sie muss in die Notaufnahme, sie wird ohne Begleitung in ein Taxi gesetzt und sie muss allein in die Notaufnahme fahren. Was wäre passiert, wenn sie zum Bahnhof gefahren wäre und von dort, wer weiß wohin? Sie ist 15 Jahre alt. Kein Schaffner hätte sie aus einem Zug geworfen, weil sie ohne Fahrkarte fährt. Wann hätten die Betreuer gemerkt, dass sie nicht zurückgekehrt ist?
Was Lara Mut macht und ihr Auftrieb gibt, sind andere Jugendliche, mit denen sie sich austauschen kann. Der eine ist stark suizid gefährdet, der andere Drogen anhängig. Sie fangen sich gegenseitig auf, sprechen ehrlich über ihre Probleme, richten sich auf. Etwas, was mit Laras Eltern nicht geht. Und weder mit dem Kursleiter noch der Psychologin, oder den Betreuern. Lara und ihre neu gewonnenen Freunde beschließen auch eine Strategie, wie sie in Verbindung bleiben können, auch nachdem diese drei Wochen Kur vorbei sind.
Viele der Eltern, die im Buch agieren, benötigen eigentlich selbst Hilfe oder eine Kur in einer Kurklinik für verhaltensauffällige Eltern. Sie merken nicht, wie sie mit ihrem Verhalten den Kindern und Jugendlichen mehr Schaden zufügen, als ihnen zu helfen.
Das Buch endet mit ausführlichen Listen zu Hilfe- und Anlaufstellen, wo sich Kinder, Jugendliche und auch Eltern Hilfe holen können. Diese Listen sind unterteilt in Hilfestellen in Deutschland, in Österreich und in der Schweiz. Finde ich gut.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere