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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 11.10.2021

Weltkonzerne und korrupte Regierungen

Wie schön wir waren
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Erinnert Ihr Euch an die Aktionen von Shell im Nigerdelta? Oder an Exxon Mobil, auch im Nigerdelta? Defekte veraltete Pipelines, kaputte nie erneuerte Bohrköpfe, Erdgase, die abgefackelt wurden und dadurch ...

Erinnert Ihr Euch an die Aktionen von Shell im Nigerdelta? Oder an Exxon Mobil, auch im Nigerdelta? Defekte veraltete Pipelines, kaputte nie erneuerte Bohrköpfe, Erdgase, die abgefackelt wurden und dadurch die Luft verpesteten, auf Jahrzehnte hinaus verseuchter Ackerboden, Massensterben der Fische im Fluss, unzählige Tote, Kinder und Erwachsene, weil sie verunreinigtes Grundwasser tranken und die Ernte ihrer Äcker vergiftet war. Dabei hatte Shell noch die Chuzpe, sich zu beschweren, wieso Shell zur Verantwortung gezogen wird, wenn die Umweltkatastrophe von einer Shell-Tochter in Nigeria verursacht wurde. Shell hat doch bitte schön eine blütenreine Weste.
Klingt bekannt? Genau diese Sachlage beschreibt Imbolo Mbue in ihrem wunderbaren, grausamen und zugleich wunderschönen Roman „Wie schön wir waren“.
Doch warum im fernen exotischen Afrika nach Umweltverschmutzung suchen? Wie war das in Rumänien, einem EU-Land, in Baia Mare, als ein australisch-rumänischer Konzern (der rumänische Anteil war verschwindend gering) das Auffangbecken mit Natrium-Cyanid Schlamm einer Goldmine durch fehlende Wartung bersten ließ? Der Damm zerbrach, das ganze Cyanid ergoss sich in die Flüsse, die dann in der Theiss alles Leben erstickten und dann in der Donau, in Ungarn, Serbien, Rumänien und Ukraine das große Fisch- und Pflanzensterben auslöste. Die Auswirkungen des Cyanids im Schwarzen Meer wurden nicht weiter untersucht, weil zu schwierig, aber da muss es auch welche gegeben haben.
Oder in den USA? Wir kennen alle den Film Erin Brockovich. Drei Jahrzehnte lang hat die Firma Pacific Gas and Electric in Hinkley (CA) bewusst ungefiltert hochgiftiges Chrom (VI) in den Boden sickern lassen und das Grundwasser verseucht. Menschenleben? Solange der Profit stimmt, unwichtig.
Das fiktive afrikanische Dorf Kosawa ist überall. Überall dort wo internationale Konzerne und korrupte Politiker eine unheilvolle Allianz eingehen, ob es in Rumänien, Indien, Bangladesch, afrikanische Länder oder China geschieht.
Was dieses Buch so einzigartig macht, ist der Schreibstil. Mbue lässt die Dorfbewohner zu Wort kommen, mit seinen Nöten, Problemen, Erinnerungen, Mutlosigkeit, Verzweiflung, Hoffnungen und Schmerzen. Der schier aussichtslose Kampf des David gegen Goliath wird aus der Sicht der Kinder von Kosawa geschildert, der Erwachsenen, der Großeltern. Dabei wissen die Großeltern, dass der Ölkonzern „Pexton“ nicht der erste war, der Unheil brachte. Vor langer Zeit kamen Häscher, fingen die Menschen ein, erschlugen die Greisen und die Säuglinge, und führten die Menschen im arbeitsfähigen Alter angekettet fort, woher sie niemals wiederkehrten. Dann kamen Europäer, zwangen die Dorfbevölkerung auf Kautschukplantagen bis zur totalen Erschöpfung zu arbeiten. Alle kommen zu Wort in diesem Buch. Eine zentrale Stelle nimmt Thula ein. Hochintelligent, hat sie die Chance die weiterführende Schule in einer Stadt in Afrika zu besuchen und dann erhält sie ein Stipendium um in New York (von den Kosowanern „Große Stadt“ genannt) zu studieren. Thula kehrt zurück und setzt den Kampf mutig gegen Pexton fort.
Sprachgewaltig und beeindruckend, lässt dieser Roman den Leser nicht mehr los. Manche Passagen, in denen sich die Bewohner dieses kleinen Dorfes versuchen das Leben und die Gedanken der Amerikaner vorzustellen und sich zu erklären, habe eine gewisse Naivität und Tragikomik, man muss trotz allem verhalten lächeln. So auch die unverständlichen Missionierungsversuche der Europäer, die von Anfang an zum Scheitern verurteilt sind: „…jemandem, der vor langer Zeit übers Wasser gelaufen war, ein Mann mit zwölf Freunden, die ihm überallhin folgten. Das Lied ergab überhaupt keinen Sinn….Während wir ihnen zuhörten, fragten wir uns, warum ihr Geist so verbittert und irrational war.“ (S. 268). Dieser lapidaren Definition des Christentums ist nichts mehr hinzuzufügen.

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Veröffentlicht am 29.09.2021

Zerrissene Familien

Wenn ich wiederkomme
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Diogenes legt uns ein schmerzhaftes Buch vor. In Osteuropa müssen viele Erwachsene ihre Kinder verlassen, entweder in der Obhut von Anverwandten oder ganz allein, und im westlichen Ausland Arbeit zu suchen. ...

Diogenes legt uns ein schmerzhaftes Buch vor. In Osteuropa müssen viele Erwachsene ihre Kinder verlassen, entweder in der Obhut von Anverwandten oder ganz allein, und im westlichen Ausland Arbeit zu suchen. Die Probleme die sich daraus ergeben sind das Thema dieses wunderschönen doch auch schmerzhaften Romans.
Es sind mannigfache Probleme. Im Heimatland bleiben die Kinder praktisch Waisen zurück, die paar Wochen die die Eltern im Jahr wieder zurückkehren sind viel zu wenig, um die Bindung Mutter-Kind oder Vater-Kind wieder herzustellen. Die Eltern entfremden sich von den Kindern. Schlechte schulische Leistungen, Verwahrlosung, Entwurzelung sind die Folgen auf Seiten der Kinder. Und die Eltern? Es sind hauptsächlich Frauen, die ihre Familie zurücklassen, von der materiellen Not und Arbeitslosigkeit oder zu geringer Verdienst, um die Familie durchzubringen, um in der Fremde Arbeit zu suchen. Untrainiert aber voll guten Willens, beginnen sie alte Menschen zu pflegen. Neben den körperlichen Gebrechen der Patienten, müssen sie auch mit Demenz, Alzheimer oder Krebs der Menschen die sie pflegen, fertig werden. Sie sind ungeschult, haben von häuslicher Pflege keine Ahnung, aber sie packen es an. Meistens arbeiten sie illegal, die Arbeitgeber weigern sich, diesen Frauen einen Vertrag zu geben, so können sie sich auch nicht wehren, wenn sie plötzlich entlassen werden, sei es, weil der alte Mensch stirbt, oder ins Krankenhaus kommt oder eine Äthiopierin die Pflege für weniger Geld macht. Dabei werden diese osteuropäischen Frauen ständig von Sorgen um die Familie daheim geplagt: ob die Kinder gut in der Schule zurechtkommen, ob es den Großeltern gelingt, die Kinder vor der Verwahrlosung zu bewahren, ob die Kinder nicht ins verbrecherische Milieu abrutschen, ob der Ehemann zu Hause Arbeit sucht oder das geschickte Geld versäuft, usw.
Marco Balzano hat sich dieser Problematik angenommen, er lässt sowohl die Kinder als auch die Mutter zu Wort kommen. Wir erleben mit Daniela, die in Italien alte Menschen pflegt oder als Kindermädchen arbeitet und mit ihren Kindern, Manuel und Angelica, die in Rumänien Schule, respektive Hochschule besuchen. Alle drei erzählen ihre Geschichten unaufgeregt, leise, wie ihr Leben. Sie bäumen sich nicht auf, sie wissen alle drei, die Mutter muss im Ausland arbeiten, damit die Kinder in Rumänien gute Schulen besuchen können, damit sie studieren können, obwohl es so schwer und schmerzhaft ist, ohne Mutter zu sein. Sie bringen alle auf ihre Art Opfer, unaufdringlich, bescheiden.
Und genau das ist es, was dieses Buch so ergreifend macht. Ohne Pathos und große Gefühle lautstark zu verkünden, lernen wir liebenswerte und liebevolle Menschen kennen, die exemplarisch für tausende Frauen aus den osteuropäischen Ländern stehen.

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Veröffentlicht am 25.09.2021

Roaring Twenties in Berlin

Berlin Friedrichstraße: Novembersturm
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Der Erste Weltkrieg ist vorbei, die sozialen und politischen Unruhen, die in der Weimarer Republik münden werden, sind in Vorbereitung. Die dargestellten Personen wirken sympathisch und lebensecht. Sie ...

Der Erste Weltkrieg ist vorbei, die sozialen und politischen Unruhen, die in der Weimarer Republik münden werden, sind in Vorbereitung. Die dargestellten Personen wirken sympathisch und lebensecht. Sie trauern um die Gefallenen, freuen sich über die Kriegsheimkehrer. Langsam nimmt das Leben wieder seinen Gang. Hungersnot, Inflation, Arbeitslosigkeit prägen das Leben der Deutschen. Anhand von fünf Einzelschicksalen wird versucht die Entwicklung der deutschen Gesellschaft zu thematisieren. Die fünf Hauptgestalten schaffen es, trotz aller Widrigkeiten, sich nicht vom linken oder vom rechten Spektrum der Gesellschaft einfangen zu lassen, aber um sie herum radikalisiert sich das Leben zunehmend. Die politisch sehr wirren Zeiten, die vielen Streiks, Aufmärsche, Hitlers Putsch und die immer zügellosere Gewalt gegen Juden werden im Buch deutlich gemacht.
Und inmitten all dieser politischen und sozialen Unruhen lernen wir Ilse und ihren Bruder Johann, Luise und Ihren Ehemann Robert sowie Ella aus dem Hinterhof kennen. Damals gab es den Begriff nicht, aber heute wissen wir, Johann und Robert leiden unter posttraumatischen Störungen aus den Jahren im Krieg. Johann ist ohne einen Arm und mit einer steifen Hüfte aus dem Krieg zurückgekommen, Robert ist zwar äußerlich unversehrt, aber seine Wunden sind psychischer Natur. Ilse ist ein Freigeist, künstlerische begabt, bekennende Lesbe. Sie kennt die Bohème Berlins, verkehrt mit SängerInnen, SchriftstellerInnen, SchauspielerInnen. Vicky Baum, Marlene Dietrich, Kurt Tucholsky, Erich Kästner, The Comedian Harmonists, Hans Albers, Klaus und Erika Mann und viele andere gehören zu ihrem Bekanntenkreis. Dies zeigt auch, die Zwanziger Jahre in Berlin waren nicht nur geprägt von braunen Aufmärschen und Straßenschlachten. Die Kultur erreichte einen richtigen Höhenflug, bedeutende Maler, Schriftsteller, Musiker prägten dieses Jahrzehnt ebenso.
Das Buch endet mit dem Schicksalsjahr 1933, mit der großen Bücherverbrennung. Ab da beginnt eigentlich die große Gleichschaltung, andersdenkende werden mundtot gemacht, die Literatur verfällt dem Blut- und Bodenwahn, Malerei, Skulptur und Architektur verkommen ins Giganteske, heroische Posen und Heldenkitsch bestimmen das Bild.
Das Buch ist angenehm zu lesen, erstens wegen der spannenden Handlung, zweitens wegen der Zeitläufte, die uns näher gebracht werden und drittens (aber nicht letztens) wegen des fließenden und ansprechenden Schreibstils.
Ulrike Schweikerts Roman reiht sich in eine äußerst lesenswerte Reihe von Büchern, angefangen mit Erich Maria Remarques „Drei Kameraden“ bis Helene Sommerfelds „Das Leben ein Traum“ der jüngeren Literatur.

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Veröffentlicht am 18.09.2021

Eine Familie

Die letzten Romantiker
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Der Prolog beginnt in der Zukunft, eine Zukunft fernab von Star Wars Romantik. Auch in der Zukunft wird es Literaturlesungen geben, Studierende, die Fragen stellen, Häuser mit bequemen Betten, in die man ...

Der Prolog beginnt in der Zukunft, eine Zukunft fernab von Star Wars Romantik. Auch in der Zukunft wird es Literaturlesungen geben, Studierende, die Fragen stellen, Häuser mit bequemen Betten, in die man sich gerne zurückziehen kann. Ist das nicht beruhigend? Und dann beginnt der eigentliche Roman, voller Leben, voller Erwartungen. Schön.
Eine Familie mit vier Kindern, Renee, Caroline, Joe und die jüngste, Fiona. Als der Vater Anfang der 80’er Jahre stirbt, fällt die Mutter in eine jahrelange tiefe Depression, Zeit in der sie die Kinder allein lässt, selten aus ihrem Zimmer auftaucht, sich nur sporadisch um die Kinder kümmert. In dieser Zeit schließen sich die Kinder zusammen, helfen einander, retten sich aus bedrohlichen Situationen, lassen keinen Erwachsenen wissen, wie es um sie steht, weder in der Schule noch im Umkreis der Familie. Nach zwei oder drei Jahren taucht die Mutter wieder auf und beginnt am Leben der Familie aktiv teilzunehmen, doch die Kinder behandeln sie weiterhin, als ob sie noch krank wäre oder jederzeit rückfällig werden könnte. Keines der Kinder kommt mit seinen wahren Problemen zu ihr. Mutter muss geschont werden, ist ihre Devise. So konnten die Kinder nie den plötzlichen Tod des Vaters richtig verarbeiten, darüber hinwegkommen.
Joe stirbt jung, seine Schwester müssen erneut einen schweren Verlust hinnehmen und gleichzeitig die Umstände seines Todes vor der Mutter geheim halten, genauso wie sie ihr auch verschwiegen haben, was alles im Leben von Joe falsch lief. Eine Zeitlang entfremden sich die Schwestern, jede folgt ihre eigenen Ziele, findet Erfüllung auf ihre Art.
Letztendlich ist dies ein Buch über Liebe, Geschwisterliebe, Mutterliebe, Liebe zwischen Mann und Frau, Kinderliebe. Liebe in all ihren Facetten, perfekt, schwach, strahlend, unvollkommen (gibt es überhaupt diese Art von Liebe?).

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Veröffentlicht am 18.09.2021

Unglaublich! Hätte nie gedacht, dass Trauerreden auch spannend sein können.

Nichts als Gutes
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Also, was Stefan Slupetzky hier vorlegt ist schwer in Worte zu fassen. Es ist so schräg, dass es schon wieder gut ist, es ist spannend, ohne Verfolgungsszenen oder Spionage oder Kämpfe, es hat unerwartete ...

Also, was Stefan Slupetzky hier vorlegt ist schwer in Worte zu fassen. Es ist so schräg, dass es schon wieder gut ist, es ist spannend, ohne Verfolgungsszenen oder Spionage oder Kämpfe, es hat unerwartete Pointen, sowohl im Stil als auch im Gesagten. Trauerreden als literarische Gattung? Ungewohnt aber warum nicht?
Wie Slupetzky selbst gesteht: manche Grabreden schreibt er gemäß seinem Willen und seiner Intention, aber bei anderen gelingt es ihm nicht, er muss dem Redner die Freiheit der Rede gewähren. Sei es der Leiter eines Bestattungsunternehmens der ein sehr persönliches und schockierendes Geständnis während seiner Grabrede macht. Oder eine Witwe, die eine spießige erzkonservative Rede halten sollte, so die Intention des Autors, doch letzten Endes ist es eine ergreifende Schilderung eines leisen Lebens, einer langen Ehe, mit ihren Höhen und Tiefen: „ein Schicksal unter vielen, ohne Zögern angenommen, ohne Bitterkeit erlebt und ohne Widerwillen erfüllt.“ (S. 108).
Richtig lachen musste ich bei den Grabreden für Svein Eirikson, Padre Lorenzo, oder Bilfried Bem (genial die Aussage: „Und in aller Haffheit / Dunkt der Hurz“ (S. 148). Das Lachen verging mir aber bei der Grabrede für Noah Halwang oder für die jungen Menschen die während der Flucht auf dem Mittelmeer ertranken.
Der Autor ändert jedes Mal seinen Schreibstil, passt ihn der jeweiligen Rede an, mal ernst, mal ironisch, mal zu Herzen gehend.
Trauerreden als literarische Gattung? Wenn sie von Stefan Slupetzky verfasst werden, auf jeden Fall!

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