Ein feministischer Blick in die nordische Mythologie
The Witch's Heart - Das VerhängnisEs gibt Bücher, bei denen man schon nach ein paar Kapiteln spürt, dass sie etwas zurückgeben, von dem man gar nicht wusste, dass es gefehlt hat. The Witch’s Heart war für mich genau so ein Buch. Statt ...
Es gibt Bücher, bei denen man schon nach ein paar Kapiteln spürt, dass sie etwas zurückgeben, von dem man gar nicht wusste, dass es gefehlt hat. The Witch’s Heart war für mich genau so ein Buch. Statt eines weiteren „großen Epos“ über nordische Götter bekommt man hier etwas viel Wertvolleres: die Geschichte einer Frau, die in den klassischen Sagen fast vollständig verschluckt wurde und die in diesem Roman endlich selbst erzählen darf.
Ich habe die nordische Mythologie schon immer spannend gefunden, aber so richtig verliebt habe ich mich erst durch die God of War-Spiele. Viele Figuren kannte ich daher bereits, allerdings vor allem aus der Perspektive, die man dort serviert bekommt: laut, heroisch, oft brutal. Dieses Buch hat mir zum ersten Mal gezeigt, wie derselbe Mythos aussehen kann, wenn man nicht den Blick der Götter übernimmt, sondern den einer Frau, die am Rand dieses gewaltigen Weltentwurfs steht. Es ist, als hätte jemand die Kamera gedreht und mir einen Raum gezeigt, den ich vorher gar nicht wahrgenommen habe.
Was mich besonders bewegt hat, waren Angrbodas Beziehungen zu ihren Kindern und später auch zu Gerda. Die Kapitel mit den Kindern wirken auf den ersten Blick ruhig und unspektakulär, aber gerade diese Einfachheit macht sie so stark. Hel, Fenrir und Jörmungandr sind in den alten Sagen riesige, weltbewegende Gestalten und hier sind sie zuerst einmal Kinder, die spielen, lernen, streiten und geliebt werden. Diese Menschlichkeit schafft einen emotionalen Kontrast, der mir richtig unter die Haut ging. Man spürt förmlich, wie Angrboda an ihnen wächst, wie sie über ihre eigenen Wunden hinauswächst, um ihnen einen sicheren Platz in einer Welt zu geben, die sie eigentlich nicht will.
Gerda wiederum fand ich unglaublich faszinierend, weil sie eine Art Gegenpol darstellt: eine Frau aus einer ganz anderen Welt, die trotzdem ihre eigenen Brüche und Sehnsüchte hat. Ihre Beziehung zu Angrboda ist vorsichtig, kompliziert und trotzdem warm. Ich mochte, wie unaufgeregt, aber tief die beiden miteinander umgehen, ohne diese übertriebene Dramatik, die man in vielen Fantasybüchern findet. Gerade Gerda zeigt, dass Verbundenheit nicht immer laut oder eindeutig sein muss, um wirklich etwas zu bedeuten. Sie bringt eine stille Wärme in die Geschichte, die ich nicht erwartet hatte.
Was mich am meisten beeindruckt hat, ist die Art, wie Genevieve Gornichec Angrboda schreibt. Sie ist keine makellose Heldin, keine überhöhte Kriegerin, sie ist eine Frau, die zu oft bestraft wurde und trotzdem nicht aufhört, sich ihr Leben zurückzuholen. Ihre Stärke zeigt sich nicht in großen Gesten, sondern darin, dass sie trotz allem weiterlebt, liebt und schützt. Gerade diese leise Beharrlichkeit wirkt auf mich feministischer als jede heroische Mythenszene.
Die zwischenmenschlichen Beziehungen, ob zu ihren Kindern, zu Gerda oder zu Skadi, sind widersprüchlich und dennoch authentisch. Sie zeigen verschiedene Facetten weiblicher Stärke und Solidarität, ohne daraus eine künstliche Botschaft zu machen. Das alles wirkt natürlich und ungezwungen.
Sprachlich ist der Roman angenehm ruhig, manchmal melancholisch, aber immer warm. Es fühlt sich an, als würde jemand eine alte Geschichte vorsichtig entstauben und ihr endlich den Platz geben, den sie verdient. Nicht im Schatten eines Gottes, sondern für sich selbst.
Am Ende habe ich The Witch’s Heart nicht als Fantasyroman zugeschlagen, sondern als Geschichte über Selbstbestimmung, Mutterschaft, Verlust und darüber, sich die eigene Deutungshoheit zurückzuerobern. Es ist ein sanfter Gegenentwurf zu dem, was wir aus den alten Mythen kennen und vielleicht gerade deshalb so kraftvoll.
Für mich ein ruhiges, berührendes und sehr weibliches Buch, das lange nachklingt.