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Chrystally

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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 24.03.2026

Ein Kunstwerk über den Umgang mit dem Unbekannten

Obacht!
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Kerstin Hau erzählt eine Geschichte über den Umgang mit dem Unbekannten, kreativ illustriert von Stella Dreis. In einem Ort mit phantastischen Wesen liegt plötzlich ein riesiges, unbekanntes, schlafendes ...

Kerstin Hau erzählt eine Geschichte über den Umgang mit dem Unbekannten, kreativ illustriert von Stella Dreis. In einem Ort mit phantastischen Wesen liegt plötzlich ein riesiges, unbekanntes, schlafendes Tier im Weg, und erst nach mehreren vergeblichen Strategien der Bewohner, es zu umgehen, findet das Mienchen die Lösung: mit ihm zu reden.
In einer Zeit, in der so viele Themen die Gesellschaft spalten, war ich sehr neugierig auf das Buch. Die Geschichte fand ich dann auch toll – es geht um Angst, Problemlösekompetenz, Mut, Konformität, Kompromissbereitschaft, Ageism, Autorität und Macht und die Kraft Gewaltfreier Kommunikation, erzählt in einfachen Sätzen, Dialogen und vielen Ausrufen, die die Innenwelt der Figuren erlebbar macht. Die Illustrationen lassen eine fremde Welt lebendig werden (auch wenn sie der unseren sehr gleicht), mit vielfältigen Figuren – Tiere, Menschen, Phantasiewesen, ausdrucksvoll in unterschiedlichen Stilen gestaltet, mit einer eindrucksvollen Farbgebung in Graustufen und kraftvollen, effektvoll eingesetzten Akzenten in Orange. Das Buch ist hochwertig verarbeitet. Insgesamt war es eine Freude, im Buch zu blättern und es dann zu lesen! Auch unser Kind (fast 5) hat es nach dem ersten Vorlesen nochmal aus einem Stapel ausgesucht.
Schade fand ich, dass die Figuren sehr klein abgebildet sind – das ist sicher auch Absicht und zeigt den Kontrast zu dem großen Tier. Leider kommen ihre Eigenheiten und Vielfalt dadurch nicht ganz so gut zur Geltung; ich würde sie gerne leichter genauer betrachten können. Die vielen Ausrufe fand ich stellenweise etwas langatmig. Was mich allerdings mehr gestört hat, war die stereotype Rollenzuordnung der erwachsenen Figuren: Timpe-Pa, ein „alter weißer Mann“, trifft die Anordnungen; Timpe-Ma, die toupierte Hausfrau, jammert und ist hilflos. Ich hoffe, dass Kinder heutzutage schon weniger in diesem Klischeedenken aufwachsen, und finde es schade, dass dieses Buch es wieder aufgreift. Die Autoritätsthematik hätte auch mit nicht-genderklischeekonformen oder geschlechtslosen Wesen dargestellt werden können.
Insgesamt ist „Obacht“ ein kreatives Kinderbuch, dass schwere Themen leicht verpackt und auch für Erwachsene schön zum Vorlesen ist.

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Veröffentlicht am 24.03.2026

Paul schreibt seine eigene Geschichte

Paul bekommt kein Kätzchen
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Ach, Paul! Ein Kind wie jedes andere: fröhlich, neugierig, kreativ – und mit einem eigenen Kopf voller Ideen, die meist dem zuwiderlaufen, was sich die Erwachsenen vorstellen, in diesem Fall dem Erzähler ...

Ach, Paul! Ein Kind wie jedes andere: fröhlich, neugierig, kreativ – und mit einem eigenen Kopf voller Ideen, die meist dem zuwiderlaufen, was sich die Erwachsenen vorstellen, in diesem Fall dem Erzähler von Pauls Geschichte. Paul soll aufstehen, frühstücken und dann mit einem Karton zum Zoohandel gehen, um sein Kätzchen abzuholen. Aber Paul hat andere Pläne, und erklärt dem Erzähler auch geduldig, warum er es eben anders macht. Und der wiederum begleitet Paul, ebenso geduldig, wie ein wohlwollender Elternteil durch seine ganz eigene Geschichte – lässt ihn sich ausprobieren, unkonventionell sein, Spaß haben. Am Schluss stellt Paul - ohne Vorhaltungen! - fest, dass (ganz manchmal) die Erwachsenen doch auch Recht haben. Und der Erzähler, dass Kinder manchmal die interessanteren Geschichten schreiben.
Ich liebe Paul. Und sein „Kätzchen“. Und ich liebe den Erzähler, bei dessen Text ich immer Bernhard Hoeckers Stimme im Kopf hatte. Und ich liebe die Bilder – bunt, lebendig, ungezwungen, ausdrucksstarke Figuren. Und ich liebe die warme, herzliche, liebevolle Atmosphäre, die das Buch entstehen lässt. Ermutigend für Kinder, inspirierend für Eltern. Großartiges Buch!

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Veröffentlicht am 26.01.2026

Ein junger Protagonist macht noch kein Kinderbuch

Alexander
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Von Schirach ist für Erwachsene ein toller Autor, hier wagt er sich an ein Kinderbuch. Er beschreibt er Aufstieg und Fall eines Reiches und die Reise des jungen, nachdenklichen Alexander beim Versuch, ...

Von Schirach ist für Erwachsene ein toller Autor, hier wagt er sich an ein Kinderbuch. Er beschreibt er Aufstieg und Fall eines Reiches und die Reise des jungen, nachdenklichen Alexander beim Versuch, seine Stadt vor einem weiteren Krieg zu bewahren, indem er gerechte Gesetze findet. Dabei begegnet er verschiedenen, teils bekannten Figuren, von denen er etwas über die Regeln des guten Zusammenlebens lernt, über Ethik, Psychologie und Philosophie.
Die Geschichte entspricht altgriechischen Dramen und Sagen: die Figuren eigenwillig, prototypisch, leicht greifbar und meist sympathisch, die Handlung eine unverhüllte Heldenreise des jugendlichen Alexanders, der später „der Große“ werden wird.
Der Erzählstil ist größtenteils geprägt von einer entlarvenden Einfachheit, wie sie vor allem Kindern zueigen ist, wodurch die ethischen Grundsätze etwas plakativ, aber dafür eben sehr greifbar vermittelt werden. Manche Details ließen sich jedoch nicht in dieser Sprache bändigen, wodurch es hin und wieder zu abstrakten Exkursen kommt, die aus der Geschichte herausstechen. Erwachsene werden viele Motive wiedererkennen (Diogenes; der Schaumschläger mit den kleinen Händen, das Trolley-Problem…), je nach persönlicher Präferenz wird man sich darüber freuen oder sie als „schon bekannt“ überfliegen; jüngeren Lesende ermöglichen sie spannende erste Begegnungen. Der Erzählrhythmus schwankt zwischen der temporeichen Handlung um die Rettung der Stadt, die Spannung aufbaut, und den kontemplativ geschilderten Begegnungen, Beobachtungen und langen Dialogen. Diese Tempowechsel haben bei mir ein unharmonisches Gefühl wie im Stop-and-go-Verkehr erzeugt.
Die Altersempfehlung von 10 Jahren finde ich passend, für jüngere Kinder sind die Themen noch zu abstrakt und die vielen Dialoge daher vermutlich wenig fesselnd. Ältere Kinder sollten Leseerfahrung mitbringen – um „leichte“ Lektüre handelt es sich für sie sicher nicht, aber dafür eine umso bereicherndere.
Insgesamt ist „Alexander“ ein Buch, das jungen Lesenden erste Begegnungen mit Themen aus Recht, Ethik, Psychologie und Philosophie ermöglicht und sie dabei sicherlich herausfordert.

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Veröffentlicht am 26.08.2025

Nicht gereimt, sondern gedichtet

Arche Boa
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Ich habe dieses Buch bekommen, reingeblättert und hatte nach den ersten Zeilen den Drang, es laut vorzulesen, was ich dann auch ganz für mich getan habe. Was für eine leicht-fließende, fröhlich springende, ...

Ich habe dieses Buch bekommen, reingeblättert und hatte nach den ersten Zeilen den Drang, es laut vorzulesen, was ich dann auch ganz für mich getan habe. Was für eine leicht-fließende, fröhlich springende, elegante und kreative Dichtkunst! Und immer wieder schöne Wortspielereien, wie die Biene, die in See sticht. Kein Vergleich mit anderen Kinderbüchern, in denen immer derselbe dröge ein-rein-, Maus-Haus-Quatsch gereimt wird.
Wir treffen auf zunächst zwölf charaktervolle Tiere, die während eines Wettbewerbs ihre menschengemachten Probleme beklagen, und während die geniale Gedichtform auf den ersten Blick die grausame Realität ein bisschen abmildert, werden dabei einige der drängendsten Umweltprobleme unserer Zeit sehr ungeschönt angesprochen. Dabei passt jeder Auftritt raffiniert zum jeweiligen Tier und wird von passender Musik dichterisch untermalt. Die Illustrationen sind zurückhaltend, aber extrem ausdrucksstark und greifen den Charakter und die Emotionen der Tiere ebenfalls gekonnt auf.
Auch unser vierjähriges Kind hat sich neugierig das ganze Buch von vorne bis hinten angehört, und das trotz der doch beachtlichen Länge.
Insgesamt ein herrlicher Reimgenuss für Jung und Alt und ein Buch, das man auch als Erwachsene immer wieder gerne vorliest.

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Veröffentlicht am 05.06.2025

Ein Buch wie ein ruhiger, tiefer Fluss

Flusslinien
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„Flusslinien“ von Katharina Hagena ist ein poetisches Buch über Erinnerungen.
Oma Margrit blickt auf ein ereignisreiches Leben zurück und setzt in ihrer Seniorenresidenz Stückchen für Stückchen in Gedanken ...

„Flusslinien“ von Katharina Hagena ist ein poetisches Buch über Erinnerungen.
Oma Margrit blickt auf ein ereignisreiches Leben zurück und setzt in ihrer Seniorenresidenz Stückchen für Stückchen in Gedanken ihre Familiengeschichte zusammen. Warum ihr dies gerade jetzt so wichtig erscheint, hat sich mir zugegeben nicht so recht erschlossen, und bisweilen bin ich durcheinandergekommen, was davon sie selbst und was ihre Mutter erlebt hat, aber beides tat der Intensität und Lebendigkeit der Erinnerungen keinen Abbruch, und wir begleiten in Margrits Erzählung ihre Mutter und deren Geliebten, einer starken, unkonventionellen Frau.
Luzie ist Margrits Enkelin, die nach einem sexuellen Übergriff damit kämpft, wie ihr näheres und weiteres Umfeld darauf reagiert hat. Ihr Fall, ihre Erlebnisse und ihre Reaktionen schienen mir einerseits etwas plakativ, andererseits sind es Erfahrungen, die leider viele Übergriffsopfer erleben, und jede Geschichte dieser Art schafft wichtiges Bewusstsein.
Arthur arbeitet im Seniorenheim, ist aber im Herzen ein Sprachenerfinder, und seine Gedanken zum Wesen von Worten, ihren Möglichkeiten und Grenzen, ihrer Gefahren und Verantwortungen haben mich sehr berührt. Er verarbeitet die zuletzt schwierige Beziehung zu seinem Zwillingsbruder.
Im Verlauf des Romans werden Schlüsselerlebnisse der genannten Personen stückweise aufgedeckt. Während dem, was die Protagonistinnen zwischen diesen Rückblicken erleben, durchlaufen sie jeweils eine psychische Entwicklung, die mir sehr schnell vorkam dafür, das bisweilen eigentlich wenig passierte.
Seine Eindrücklichkeit bezieht „Flusslinien“ jedoch weniger durch die Handlung als durch seine Sprache. Durch Hagenas Worte, durch unsentimentale und in ihrer Einfachheit poetische Natur- und Charakterschilderungen fühlt man sich selbst im Schilf an der Elbe stehen oder in den Reihen der Senioren beim Konzertnachmittag sitzen. Ein wiederkehrendes Thema, das dem Roman eine unkonventionelle Note gab, war die Perspektive des Atems, die Margrit als gelernte Stimmtherapeutin immer wieder einbringt und die die Leserin die Geschehnisse auf einer körperlichen Ebene „am Kopf vorbei“ miterleben lässt.
Insgesamt eine klare Leseempfehlung für Leser
innen, die auf Sprache mindestens ebenso viel Wert legen wie auf die Handlung, Hamburgliebhaber*innen und Menschen auf der Suche nach eigenwilligen, aber nicht überzeichneten Protagonisten.

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