Viel Idylle, wenig Reibung
Mathilde und MarieAls die Studentin Marie aus Paris flieht, trifft sie im Zug auf die ältere, mütterliche Isländerin Jonina. Diese erkennt sofort, dass Marie traurig und einsam ist und lädt sie daher kurzerhand ein, sie ...
Als die Studentin Marie aus Paris flieht, trifft sie im Zug auf die ältere, mütterliche Isländerin Jonina. Diese erkennt sofort, dass Marie traurig und einsam ist und lädt sie daher kurzerhand ein, sie nach Redu, einem kleinen Bücherdorf in Belgien, zu begleiten, in dem sie einen von 13 Buchläden betreibt und seit vielen Jahren beheimatet ist. Vor Ort wird Marie verzaubert von der Stille des Ortes, der atemberaubenden Natur und dem liebevollen Dorfzusammenhalt und gewöhnt sich nach und nach an das entschleunigte Leben. Auf ihren Waldspaziergängen trifft sie regelmäßig auf die abweisende, mürrische Mathilde. Doch nach und nach bricht sie deren raue Schale und Mathilde kann sich nicht länger dem Dorfleben entziehen.
Dieser Roman war mir schon mehrfach begegnet und ich war deshalb wahnsinnig gespannt auf die Geschichte. Denn die Grundidee hat mich sofort abgeholt: ein ruhiges Dorf mitten in der Natur, Entschleunigung, ein bewusster Umgang mit dem eigenen Leben. Dieses Gefühl von Aufatmen, das ich vor allem aus dem Urlaub kenne, wurde stellenweise wirklich schön eingefangen. Auch die Landschaftsbeschreibungen, das Essen und einzelne kleine Gesten zwischen den Dorfbewohner/Innen hatten etwas sehr Warmes.
Leider hat mich jedoch der Schreibstil über weite Strecken verloren. Für meinen Geschmack ist er zu betulich und ausschweifend, teilweise wirkte alles doch sehr blumig, gewollt und fast belehrend. Inhaltlich fühlte sich vieles eher märchenhaft an, Entwicklungen passierten mir zu schnell und wichtige Entscheidungen wurden getroffen, ohne dass ich emotional richtig mitgenommen wurde.
Besonders mit der Hauptfigur Marie bin ich leider nicht wirklich warm geworden. Sie war mir durchweg zu glatt und zu beschwichtigend. Mir fehlten Ecken, Kanten und echte innere Konflikte, um mit ihr mitfühlen zu können. Andere Figuren haben mich deutlich mehr berührt, vor allem Mathilde mit ihrer raueren, ehrlicheren Art sowie Bäcker Thomas mit seinen stillen, klugen Momenten.
Nach einem zähen Start gab es in der Mitte einen Abschnitt, der mich wegen eines aufgekommenen Rätsels plötzlich gepackt hatte und ich die Geschichte regelrecht eingeatmet habe. Die Solidarität im Dorf, das füreinander Dasein, diese leise Menschlichkeit mochte ich wirklich sehr. Gleichzeitig blieb für mich allerdings vieles zu idealisiert und unrealistisch und die Spannung durch das Rätsel verlor sich sehr schnell wieder. Auch der insgesamt sehr negative Blick auf modernes Leben und Mediennutzung war mir zu einseitig. Achtsamkeit ja, aber diese romantisierte Abkehr von der Welt wirkte auf mich eher weltfremd als inspirierend.
Am Ende bleiben für mich schöne Bilder, ein paar berührende Szenen, aber auch das Gefühl, dass es der Geschichte an Tiefe fehlt und mir zu oft Botschaften mit der großen Keule vermittelt wurden. Mehrfach hatte ich daher Schwierigkeiten, das Buch wieder in die Hand zu nehmen und weiterzulesen.
Fazit: Eine sanfte Geschichte mit viel Atmosphäre und guten Ansätzen, die mich persönlich durch ihren betulichen Stil, die idealisierten Entwicklungen und die fehlende Figurentiefe leider nicht vollständig erreichen konnte.