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Veröffentlicht am 11.02.2020

Ein modernes "Herr der Fliegen"

Silberflut (1). Das Geheimnis von Ray's Rock
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Silberflut - Das Geheimnis von Ray´s Rock – Alex Falkner

Am Anfang dieser Geschichte steht eine Klassenfahrt auf eine Insel zwischen England und Irland. Nach einem geheimnisvollen Ereignis, später „Silberflut“ ...

Silberflut - Das Geheimnis von Ray´s Rock – Alex Falkner

Am Anfang dieser Geschichte steht eine Klassenfahrt auf eine Insel zwischen England und Irland. Nach einem geheimnisvollen Ereignis, später „Silberflut“ genannt, sind sämtliche Lehrer und die meisten Schüler verschwunden. Die verbliebenen sieben Kinder sind plötzlich auf sich allein gestellt. Damit nicht genug, denn auf der Insel geschehen noch mehr seltsame Dinge. Das Pflanzenwachstum ist scheinbar extrem beschleunigt. Auch etliche Tiere scheinen aus unerklärlicher Ursache größer zu sein. Außerdem sind die Kinder nicht allein auf der Insel. Ein Kampf auf Leben und Tod beginnt.
Die Insel ist toll und detailliert ausgearbeitet. In der Innenklappe des Buches gibt es dazu eine Karte. Auch im Textteil selbst sind immer wieder aussagekräftige schwarz-weiß-Skizzen eingearbeitet.

Erzählt wird die Geschichte aus unterschiedlichen Perspektiven. Es wechselt sich im relativ schnellen Wechsel Eddy mit Milla ab, die sich gegenseitig nicht ganz grün sind. Der Ton ist frech und rau. Immer wieder Thema ist dabei Millas schwieriger sozialer Hintergrund. Ein Grund, warum ich dazu tendieren würde, diesen Roman erst ab 12 Jahren zu empfehlen. Weitere Gründe dafür sind die recht umgangssprachliche teils Gossensprache der Jugendlichen aus oft schwierigen Elternhäusern und viele sehr ernste ausweglose Situationen, in die die Schüler geraten. Meinem 10jährigen war diese Mischung zu viel. Mir selbst hat die Geschichte aber gut gefallen.

Insgesamt ein spannendes Abenteuer für Kinder und Jugendliche, das mich wegen seines Settings und der Entwicklung der Jugendlichen doch immer wieder an den Klassiker „Herr der Fliegen“ erinnerte.
Das Geheimnis der Silberflut lüftet sich in diesem Band allerdings mitnichten, vielmehr endet dieser erste Teil mit einem fiesen Cliffhanger. Der zweite Teil erscheint erst im April. Hm, auch das hätte für mich nicht unbedingt sein müssen.
Trotzdem 4 Sterne

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Veröffentlicht am 31.01.2020

Witzig und spritzig

Hilfe, ich habe meinen Bruder im Internet getauscht!
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Hilfe, ich habe meinen Bruder im Internet getauscht! – Jo Simmons

Welches Kind mit Geschwistern kennt das nicht: der Bruder nervt. Jonny hat die perfekte Lösung gefunden, um seinen älteren Bruder Ted ...

Hilfe, ich habe meinen Bruder im Internet getauscht! – Jo Simmons

Welches Kind mit Geschwistern kennt das nicht: der Bruder nervt. Jonny hat die perfekte Lösung gefunden, um seinen älteren Bruder Ted loszuwerden. Er tauscht ihn im Internet. Leider vergisst er, ein wichtiges Häkchen zu setzen, nämlich das bei „menschlich“. Und so kommt es, dass die Tausch-Brüder allesamt ziemlich außergewöhnlich sind…

Sohnemann war begeistert und ich würde sagen, wer „Greg“ mag, wird auch an dieser Geschichte Gefallen finden. Sie ist spritzig und frech und wartet dennoch mit einigen wichtigen Botschaften auf. Der Text wird aufgelockert durch nicht zu kleine Schrift und etliche witzige schwarz-weiß Illustrationen.

Jonny wirkt authentisch, mit ihm können sich Kinder der Altersgruppe, etwa 10, gut identifizieren.

Eine Empfehlung von uns für dieses Buch. Damit kann man auch Lesemuffel ans Buch bringen!

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Veröffentlicht am 28.01.2020

Ein spannendes Abenteuer auf einer faszinierenden Inselwelt

Internat der bösen Tiere, Band 1 - Die Prüfung
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Internat der bösen Tiere - Die Prüfung - Gina Mayer

Ein wirklich tolles Cover, das einem sofort ins Auge fällt. Es ist vielschichtig und zeigt schon einiges aus dem Inhalt auf, was einem aber erst nach ...

Internat der bösen Tiere - Die Prüfung - Gina Mayer

Ein wirklich tolles Cover, das einem sofort ins Auge fällt. Es ist vielschichtig und zeigt schon einiges aus dem Inhalt auf, was einem aber erst nach der Lektüre so richtig bewusst wird.

Dies ist eine extrem spannende Abenteuergeschichte etwa ab zehn Jahren, mit richtig gefährlichen Tieren, ein Leopard, Haie, eine Tarantel, ein bösartiger Bär, Skorpione und viele mehr. Sie alle haben sich zusammengefunden auf sechs Inseln - im Internat der gefährlichen Tiere. Die allermeisten dieser bösen Tiere sind unserem Protagonisten Noel aber durchaus wohlgesonnen. Von der faszinierenden Inselwelt befindet sich eine ganz tolle Karte hinten im Buch.
Noels Leben vor dem Abenteuer ist eine Katastrophe. Er fühlt sich nirgendwo angenommen und gerät immerzu in Schwierigkeiten. Als er kurz davor ist von der Schule zu fliegen, findet er sich unversehens auf den Inseln wieder. Doch um bleiben zu dürfen muss er eine gefährliche Prüfung bestehen.

Dieses Buch hat mir ganz hervorragend gefallen. Noel ist sympathisch und authentisch dargestellt, man kann sich gut in ihn hineinversetzen. Besonders gut hat mir auch die Sprache gefallen. Sehr flüssig und spannend lesbar, dabei manchmal beinahe poetisch.
Gina Mayer entwirft eine faszinierende und detailreiche Inselwelt voller Gefahren, aber mit noch mehr Freunden.

Einziger Kritikpunkt: den Prolog hätte man sich sparen können. Eher verwirrend und abschreckend für das Lesealter. Vor allem weil es relativ lang dauert, bis man versteht, was es damit auf sich hat. Also, getrost überspringen und am Ende erst lesen!
Wir sind gespannt auf weitere Bände dieses Abenteuers, denn hinten im Buch befindet sich bereits die Leseprobe des zweiten Bandes!




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Veröffentlicht am 24.01.2020

Die Ausgestoßenen Istanbuls

Unerhörte Stimmen
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Elif Shafak - Unerhörte Stimmen

Ein spannendes Konzept und ein toller Schreibstil – was will man mehr!
Die soeben ermordete und in einer Mülltonne in Istanbul entsorgte Leila, erzählt aus ihrem Leben. ...

Elif Shafak - Unerhörte Stimmen

Ein spannendes Konzept und ein toller Schreibstil – was will man mehr!
Die soeben ermordete und in einer Mülltonne in Istanbul entsorgte Leila, erzählt aus ihrem Leben. Denn nach dem Tod eines Menschen kann das Gehirn noch gut zehn Minuten aktiv sein.
Ein wirklich ungewöhnlicher Anfang. Empathie stellt sich erst nach und nach ein, wenn man die Person Leila besser kennenlernt.

Sie erzählt davon, wie es zu ihrem viel zu frühen Tod kommen konnte. Sie erinnert sich an ihre Kindheit in einem kleinen Dorf in der Türkei, an den Missbrauch durch den Onkel und an die darauf folgende Vertuschung und daran, wie sie schließlich vom Vater verstoßen wurde. Kaum in Istanbul angekommen, landet sie schon in der Prostitution.

Nicht nur Leila, auch ihre fünf Freunde erheben ihre Stimmen und das hat durchaus etwas Anklagendes. Denn sie alle wurden auf verschiedene Art und Weise an den Rand der Gesellschaft gedrängt, ohne Hoffnung auf Rehabilitation. Alle fünf Schicksale werden dem Leser vorgestellt.
Nun wollen sie sich nicht damit abfinden, dass ihre Freundin in aller Eile auf dem Friedhof der Geächteten begraben wurde. Einmal wollen sie sich wehren gegen die Mächtigen und die Ungerechtigkeit. Und nun verändert der Roman auch seine Struktur. Nun erzählt nicht mehr Leila die Geschichten aus der Vergangenheit, nun befinden wir uns mit ihren Freunden inmitten eines waghalsigen Abenteuers. Das kann man mögen oder auch nicht. Ein klein wenig hanebüchen fand ich den Roman gegen Ende schon. Aber das sei der Autorin verziehen.

Elif Shafak hat selbst türkische Wurzeln, lebt aber schon lange nicht mehr dort. Sonst könnte sie auch nicht so schreiben wie sie es tut. Erfrischend modern und direkt prangert sie Missstände und Widersprüche der türkischen Kultur und Traditionen an. Ein falsches Ehrgefühl, das den Mord an Leila und sehr viel Leid zuvor überhaupt erst möglich gemacht hat. Vor allem aber tut sie das unglaublich eindringlich und fesselnd. Auch nach einem langen Arbeitstag kann man das Buch kaum weglegen, vor Spannung ob der Schicksale dieser armen Menschen. Diese sind manchmal kaum zu ertragen, unendlich traurig. Aber sprachlich immer top.

Es wird viel von Kultur und Bräuchen der Türkei vermittelt, allerdings immer die Seite der Opfer des Systems betrachtend. Elif Shafak verleiht durch Leila den Ausgestoßenen ihre Stimme.
Sehr empfehlenswert!

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Veröffentlicht am 24.01.2020

Existentiell

Die Wand
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Die Wand – Marlen Haushofer

Der Klappentext in aller Kürze: "Eine Frau wacht eines Morgens in einer Jagdhütte in den Bergen auf und findet sich eingeschlossen von einer unsichtbaren Wand, hinter der kein ...

Die Wand – Marlen Haushofer

Der Klappentext in aller Kürze: "Eine Frau wacht eines Morgens in einer Jagdhütte in den Bergen auf und findet sich eingeschlossen von einer unsichtbaren Wand, hinter der kein Leben mehr existiert..."
Damit beginnt ein spannendes Gedankenexperiment.

Diesen Roman kann man meiner Meinung nach nicht angemessen beurteilen, ohne sich mit der Biografie Marlen Haushofers auseinandergesetzt zu haben. Eine Frau, die sich in ihrem bürgerlichen Leben zutiefst eingeengt, gefangen fühlte, von Menschen missverstanden. Ihre schriftstellerische Tätigkeit konnte sie nur heimlich und nebenbei ausüben.
An unzähligen Stellen kommt die Verzweiflung der Autorin durch, gar eine Sehnsucht nach Einsamkeit. Und so fügt sich die namenlose Protagonistin sehr schnell in ihr Schicksal und verlegt sich darauf, eine Überlebensstrategie zu entwickeln. In weiten Teilen hat der Roman somit etwas von einer Robinsonade. Nur Berge, statt Insel.

"Vielleicht war die Wand auch nur der letzte verzweifelte Versuch eines gequälten Menschen, der ausbrechen musste, ausbrechen oder wahnsinnig werden." Seite 110

"Während des langen Rückwegs dachte ich über mein früheres Leben nach und fand es in jeder Hinsicht ungenügend. Ich hatte wenig erreicht von allem, was ich gewollt hatte, und alles, was ich erreicht hatte, hatte ich nicht mehr gewollt." Seite 61

Immer wieder klingt deutliche Gesellschaftskritik an, auch die Rolle der Frau und ihre damit einhergehende Unzufriedenheit, spricht sie immer wieder an, von daher wurde das Werk auch von der Frauenbewegung aufgegriffen. Generell liegen ihr Tiere näher als Menschen.

Dieses Buch ist geradezu gespickt von Lebensweisheiten, mit denen jeder schon einmal zu kämpfen hatte, die aber nur selten ausgesprochen werden. Auch wenn die Protagonistin versucht, sich mit Arbeit und der Sorge um ihre Tiere abzulenken, bleiben grundlegende Fragen nicht aus, wie die nach dem Sinn des Lebens etwa. Oder ob menschliche Gesellschaft erstrebenswert wäre…

Dieser Roman hat mich mit seiner stillen Eindringlichkeit sehr beeindruckt. Auch wenn dieses Konstrukt der Wand nicht zu erklären und schwer zu fassen ist, wenn man über die Hauptfigur den Kopf schüttelt, sie bemitleidet, gar an ihrem Verstand zweifeln mag. Von der ersten Seite an, glaubt man alles ganz deutlich vor sich zu sehen, ich hatte oft Gänsehaut vor Grusel angesichts der ausweglosen Situation.
Gerade wenn man an die Biografie der Autorin denkt, hat man immer wieder tiefes Verständnis für deren Nöte und Gedankengänge.

Zweifellos ein Buch, das man gelesen haben sollte. Ein wahrer Schatz im Bücherregal. Ein Buch, das seinen Leser so existentiell berührt, dass er es wohl nie mehr vergessen wird. Schade, dass Haushofer nicht mehr Zeit und Muse zum Schreiben fand. Zu allem Überfluss starb sie nämlich auch noch sehr früh mit kaum fünfzig Jahren.


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